Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 23)

Wo hakt’s in der Ökumene?

Interview mit Theologieprofessor Gunther Wenz

Er gilt als Fachmann für das theologische Gespräch zwischen evangelischer und römisch-katholischer Kirche: der Münchner Theologieprofessor Gunther Wenz. Er ist unter anderem Mitglied der Internationalen Kommission des lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Einheitsrates. Im Gespräch mit Sonntagsblatt-Chefredakteur erklärte der Ökumene-Experten, wo es im Gespräch zwischen den Kirchen hakt.

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Renate Bethge wuchs in Berlin auf, immer in der Nähe der Großeltern Bonhoeffer. Foto: Verlag
   

Sonntagsblatt: Evangelische und katholische Christen leiden darunter, dass es in der Ökumene scheinbar nicht voran geht. Gibt es eine Eiszeit in der Ökumene?

Wenz: Von einer Eiszeit zu reden, scheint mir übertrieben zu sein. Aber es ist eine Zeit, wo die Konfessionen eher um ihr eigenes Profil bemüht sind denn um wechselseitige Annäherung aufeinander zu.

Sonntagsblatt: Es werden immer wieder deutliche Fortschritte angemahnt. Was sagen Sie denen, die auf eine schnelle Verständigung drängen?

Wenz: Kurzfristige Erfolge erwarte ich derzeit nicht. In bestimmten Bereichen aber ist Bwegung möglich, etwa bei der Zulassung nichtkatholischer Partner einer konfessionsverschiedenen Ehe zum Abend-mahl. Es gibt hier Ermessensspielräume. Denn wenn schwerwiegende Gründe vorliegen, sind nach katholischer Lehre Ausnahmen von der offiziellen Regelung denkbar.

Wichtige Fortschritte erzielt

Sonntagsblatt: Fast jeder dritte in Deutschland gehört keiner Kirche mehr an. Gerade bei den Konfessionslosen entsteht der Eindruck, die Kirchen sind uneins und getrennt.

Wenz: Bei einiger Stagnation, die es gegenwärtig gibt, ist im Rückblick festzustellen, dass das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Ökumene war. Bei der Frage, ob die gegenseitigen Lehrverurteilungen aus dem Mittelalter noch kirchentrennend sind, gab es wichtige Fortschritte. Heuer jährt sich zum fünften Mal die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Insgesamt hat sich die ökumenische Atmosphäre doch erheblich verbessert - auf offizieller Ebene, aber mehr noch auf der Ebene der Kirchengemeinden. Der jetzige Stau wirkt sich hoffentlich nicht allzu negativ auf die Atmosphäre an der Basis aus.

Sonntagsblatt: Wie erklären Sie sich die gegenwärtige Stagnation?

Wenz: Zum einen müssen die Kirchen darum bemüht sein, ihr je eigenes Profil zu bewahren, um ihre Integrations- und Bindungskraft nicht einzubüßen. Zum anderen gibt es nach wie vor ungelöste Sachdifferenzen wie zum Beispiel die Frage des kirchlichen Amtes.

Sonntagsblatt: Warum steht denn diese Frage so im Zentrum des ökumenischen Dialogs?

Wenz: Weil sie für die Verfassung einer Kirche von grundlegender Bedeutung ist. Und auch für andere Fragen ist sie entscheidend.

Sonntagsblatt: Ein Beispiel?

Wenz: Etwa die authentische Auslegung der Heiligen Schrift. Nach römisch-katholischem Verständnis kommt die Kompetenz dafür allein dem Lehramt der Kirche zu. Die evangelische Kirche dagegen sagt, dass der Kerninhalt des biblischen Zeugnisses so klar ist, dass es zur Erklärung keiner Autorität von außen bedarf. Die Heilige Schrift legt sich selbst aus. Sie gibt ihren Sinn buchstäblich von sich aus und für jedermann zu erkennen.

Sonntagsblatt: Die katholische Kirche verweist immer wieder auf so genannte apostolische Sukzession, die lückenlose Kette von Amtsträgern seit der Einsetzung der ersten Apostel. Und die protestantischen Kirchen?

Wenz: Auch die evangelischen Kirchen sind gewiss, in der apostolischen Sukzession zu stehen: Nachfolge in der Apostellehre gehört zum Kirchesein der Kirche. Nach katholischer Auffassung ist die Handauflegung bei Weihe von Bischöfen ein wirksames Zeichen für das Charisma vermittelt, die Identität des christlichen Glaubens durch die Zeiten zu gewährleisten. Was das genau heißt, ist zu diskutieren. Ein bischöfliches oder päpstliches Lehrmonopol kommt evangelischerseits nicht in Frage.

Sonntagsblatt: Die letzten Verlautbarungen aus Rom bezeichnen die evangelischen Kirche nicht als Kirche im vollgültigen Sinne. Dürfen sich Protestanten als Christen zweiter Klasse abstempeln lassen?

Wenz: Die evangelische Kirche soll hier Selbstbewusstein zeigen. Dazu gehört der klare Hinweis, dass nach evangelischem Verständnis über das Kirchesein der Kirche nicht in Rom entschieden wird.

Gespräch auf Augenhöhe

Sonntagsblatt: Wie kann es denn zu einem Gespräch auf Augenhöhe kommen, wenn die eine Kirche zu anderen sagt, dass sie nicht Kirche im eigentlichen Sinne ist?

Wenz: Dass das ökumenische Gespräch als ein Dialog unter Gleichen geführt werden muss, sagt das zweite Vatikanische Konzil (1962 - 64) selbst. Es geht nicht um Übewrlegenheits- oder Unterlegenheitsgefühle, sondern um Sachfragen unterschiedlichen kirchlichen Selbst-verständnisses.

Sonntagsblatt: Gerade in der Frage des Abendmahls hakt es immer wieder. Was macht es denn für die katholische Kirche so schwierig, die gegenseitige Einladung zum Abend-mahl auszusprechen?

Wenz: Der ökumenische Dialog ist weit fortgeschritten. Kirchentrennende Gegensätze sind hier eigentlich nicht mehr vorhanden. Sogar die schwierige Messopferfrage kann, wie ich denke, einvernehmlich gelöst werden. Wo hakt es? In der Amtsthematik! Nach katholischer Lehre ist in der evangelischen Kirche wegen eines Mangels oder Fehlens des Weihesakramentes die Vollgetsalt des eucharistischen Maysteriums, wie es heit, nicht erhalten geblieben. Das sehen wir Evangelische mit guten Gründen anders.

Sonntagsblatt: Wie steht es mit der Zulassung oder Ablehnung beim Abendmahl?

Wenz: Die katholische Kirche gestattet die Zulassung eines Nicht-Katholiken zur Messe offiziell nur in wenigen Ausnahmefällen. Die Teilnahme am evaneglischen Abendmahl verbietet sie prinzipiell. Nach Auffassung der evangelischen Kirche hingegen muss der Ausschluss eines getauften Christen vom Abendmahl eigens begründet werden. Exkommunikation eines Getauften ist die Ausnahme, nicht die Regel. Fortsetzung auf Seite 5

Sonntagsblatt: Wann können Christen in Deutschland mit offizieller Erlaubnis ihrer Kirchen gemeinsam zum Abendmahl gehen?

Wenz: Das Abendmahl ist nicht nur Zeichen bereits gegebener kirchlicher Einheit, sondern auch ein Mittel, um diese zu erwirken. Es kann ein Zeichen wachsender Kirchengemeinschaft sein. Abendmahls- und Kirchengemeinschaft lassen sich nicht trennen, aber unterscheiden. Die sichtbaren Grenzen unserer christlichen Denominationen sind nicht deckungsgleich mit den Grenzen der Abendmahlsgemeinschaft.

Kein Abtrag für Pfingstgeist

Sonntagsblatt: Stichwort Gottesdienst. Von evangelischer Seite kam der Vorschlag, den Pfingstmontag ökumenisch zu begehen. Aus katholischer Sicht kam dies in nicht in Frage. Warum?

Wenz: Das frage ich mich auch. Von der katholischen Seite hätte erwartet werden können, hier eine Möglichkeit zu einem ökumenischen Gottesdienst zu eröffnen. Das hätte dem Pfingstgeist keinen Abtrag getan.

Sonntagsblatt: Die jüngsten Gottesdienstvorschriften aus Rom werden von manchen als abgrenzend, wenig offen und ohne ökumenischen Geist beurteilt. Wie sehen Sie das?

Wenz: Diese Vorschriften liegen auf einer Linie mit anderen Verlautbarungen und bringen nichts gravierend Neues. Bei der Gestaltung der Liturgie sollen zwei Extreme vermieden werden: Einmal eine liturgische Spielwiese und zum anderen eine liturgische Starre. Soweit kann ich zustimmen.

Sonntagsblatt: Wenn es in den Gesprächen über Lehrfragen nicht voran geht, kann es dann nicht dazu kommen, dass durch die Basis Fakten geschaffen werden?

Wenz: Das ist eine schwerwiegende Frage. Beispiel Abendmahl: Die evangelische Kirche hat ihrem Selbstverständnis nach kein Recht, einen Katholiken vom evangelischen Abendmahl abzuweisen, allein weil er ein Katholik und ihm die Teilnahme von Seiten seiner Kirchenleitung verboten ist. Deshalb ist es keine Provokation, wenn bestimmte Bewegungen an der Basis auf evangelischer Seite anders beurteilt werden wie auf offizieller katholischer Seite.

Sonntagsblatt: Besteht nicht die Gefahr, dass es auf Dauer zur Ökumene auf zwei Ebenen kommt: Die Ökumene der Kirchenleitungen und Lehrgespräche sowie die Ökumene an der Basis?

Wenz: Mit dieser Gefahr imuss gerechnet werden, um ihr zu wehren: Theologie, Kirchenleitungen und Gemeinden sind aufeiander angewiesen. Theologie ist zwar nur ein Dienst am Leib Christi, aber einam unverzichtbarer. Ohne beständige Lehre droht alles konfus zu werden, nicht zuletzt im Verhältnis der Kirchen zueinander. Theologie kann die Einheit der Kirche nicht herstellen, aber ohne Theologie wird die Einheit der Kirche zwangsläufig verfehlt.

Druck auf Kirchen wächst

Sonntagsblatt: Wie sehen Sie die weitere ökumenische Entwicklung in Deutschland?

Wenz: Zur ökumenischen Verständigung von Protestanten, Katholiken, Orthodoxen und anderen Christen gibt es keine Alternative. Sie ist vom Wesen der Kirche her, aber auch angesichts der gesellschaftlichen Situation in Deutschland dringend geboten. Der religiöse Markt, wenn man so sagen darf, nötigt zu einer christlichen Gemeinschaft, die konfessionelle Profile und ökumenische Aufgeschlossenheit miteinander zu verbinden weiß. Christen aller Konfessionen dürfen nicht müde werden, sich um beides zu bemühen. Christliche Gemeinschaft vereint verschiedene Traditionen und Gruppen, deren Verschiedenheit keinesfalls aufhört, aber ihren trennenden Charakter verliert.

 

 


 

Gott als persönliches Gegenüber

Welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Römer 11, 33.36



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Die christliche Lehre von der Dreieinigkeit versucht, die spannungsvollen Pole in Gott miteinander zu verbinden: Gott als persönliches Gegenüber, das liebevoll auf uns eingeht wie Mutter und Tochter. Foto: Wodicka
 

Umfragen zufolge soll es eine große Anzahl von Menschen geben, die Gott für eine unpersönliche Kraft halten und mit einem persönlichen Gegenüber nichts anfangen können. Ich halte dies nicht für einen Fortschritt des religiösen Bewusstseins. Schließlich hängt unsere abendländische Auffassung von der Würde jeder einzelnen Person aufs engste mit dem Glauben an den persönlichen Gott zusammen. Gott hat jeden einzelnen von uns als einmalige Persönlichkeit geschaffen. Er spricht uns an und erwartet unsere Antwort. In diesem lebendigen Gegenüber werden wir zu eigenständigen Persönlichkeiten. Stellt man sich Gott lediglich als unpersönliche Kraft vor, dann wären folgerichtig auch wir Menschen nur ein Zusammentreffen von verschiedenen Kräften ohne Individualität. Die soziale Folge wäre die Austauschbarkeit und Beliebigkeit der Menschen.
Nun könnte die Kritik am personalen Gottesverständnis damit zusammenhängen, dass in der Erziehung Gott missbraucht wurde, um Kindern Gehorsam beizubringen: "Pass nur auf, Gott sieht alles!" Recht verstanden wendet sich die christliche Lehre gerade gegen ein einliniges, starres Gottesbild - sei es das vom großen Aufpasser oder das von einer unpersönlichen Energie.
"Nichts ist so klein - Gott ist noch kleiner; nichts ist so groß - Gott ist noch größer; nichts ist so kurz - Gott ist noch kürzer; nichts ist so lang - Gott ist noch länger; nichts ist so breit - Gott ist noch breiter; nichts ist so schmal - Gott ist noch schmäler; und so fortan ist ein unaussprechliches Wesen über und außer allem, das man nennen oder denken kann" (Luther, Vom Abendmahl Christi). Dieses Zitat Luthers zeigt, dass wir Gott nicht in unsere Vorstellungen einzwängen können. Gott ist lebendig, dynamisch; er hat viele Weisen zu handeln und sich zu zeigen. Gerade die christliche Lehre von der Dreieinigkeit versucht, die spannungsvollen Pole in Gott miteinander zu verbinden: Gott als persönliches Gegenüber, das liebevoll auf uns eingeht (Vater, Sohn) und Gott als Kraft, die alles Leben schafft und durchdringt, die in uns eingeht und uns bewegt (Heiliger Geist).
Als der König Salomo den Tempel einweihte, redete er im Gebet Gott so an: "Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen" (1. König 8, 27). Und dieser große Gott trägt zugleich ein menschliches Gesicht: Jesus Christus sagt von sich: "Wer mich sieht, der sieht den Vater". Und er will in uns wohnen: "Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?" (1. Korinther 3, 16).
So ist der dreieinige Gott ein lebendiger, dynamischer Gott: Als Vater steht er über uns, um unser Leben zu erhalten und zu schützen. Als Sohn tritt er für uns ein und gewinnt uns durch seine liebevolle Zuwendung. Als Heiliger Geist wohnt er in uns und erneuert unser Denken, Wollen und Handeln - oft nur in ganz kleinen Schritten und mit Rückschlägen. Der dreieinige Gott geht mit uns unseren Weg und ist jederzeit ansprechbar für uns.

Pfarrer Dr. Manfred Kießig, Selbitz

Wir beten: Heiliger Gott, du hast uns geschaffen, du begegnest uns in Jesus Christus, du rufst uns durch den Heiligen Geist. Wir beten dich an und bekennen: In dir ist alles Heil beschlossen. Dir, dem Vater, und dem Sohn und dem Heiligen Geist sei Lob und Ehre in Ewigkeit. Amen.

Lied 139: Gelobet sei der Herr

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