Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 21)

Dem Tod ins Gesicht sehen

Patientenverfügungen sichern Selbstbestimmung

Evangelisches Sonntagsblatt
 
In dauerhaftes Koma zu fallen - davor fürchten sich viele. Die Patientenverfügung soll erreichen, auch dann noch dem Patientenwillen gerecht zu werden. Foto: epd.
   

Nach seinem schweren Motorradunfall ist Markus nicht mehr aufgewacht. Nein, tot ist er nicht. Nur zu Bewusstsein ist er nicht gekommen. Nicht mehr? Noch nicht? Die Ärzte schütteln den Kopf. Es kann Monate, vielleicht Jahre dauern, bis er wieder zu sich kommt. Wenn überhaupt. Und dann? "So dahinzuvegetieren - da wäre ich doch lieber tot!" meint Sven, ein Bekannter von Markus. Sven spricht nur aus, was viele Gesunde denken. Hilflos und nur noch von Apparaten abhängig zu sein ist eine Vorstellung, die vielen Menschen - Jungen wie Alten - Angst macht. Sterben lassen - wäre das nicht das Beste für den jungen Mann? Aber wäre das auch sein Wille? Sagen kann er es nicht mehr.

Wachkoma-Patienten

Wie Markus geht es jährlich in Deutschland vielen Menschen. Durch Unfall oder Krankheit fallen sie ins Koma, werden zu Pflegefällen. Was früher nicht denkbar gewesen wäre, ist der modernen Medizin möglich: Ohne das Bewusstsein wieder zu erlangen, können die Patienten am Leben erhalten werden, manchmal jahrelang. Auch der normale Sterbeprozess kann so medizinisch verlangsamt werden. Für die einen ist es die Pflicht, Leben zu erhalten, für die anderen eine unnötige Verlängerung von Leiden.
Patienten, die nicht mehr ansprechbar sind, trotzdem nach ihrem Willen zu behandeln - das soll durch Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten gewährleistet werden. In den Vereinigten Staaten schon längst Standard, wird diese Willensäußerung über den allerletzten Abschnitt des Lebens seit den Neunzigerjahren auch in Deutschland verstärkt propagiert - nicht zuletzt von den Kirchen. Sie befürworten die Patientenverfügung, die Menschen dazu bringt, sich frühzeitig mit ihrem eigenen Tod auseinanderzusetzen und nach der eigenen Würde im Sterben zu fragen. Außerdem nehme der Mensch mit diesen Vorkehrungen die Verantwortung für das eigene Leben wahr. Eine aktive Sterbehilfe wird aber grundsätzlich abgelehnt.
Doch was ist das eigentlich genau, eine Patientenverfügung? Eine Person trifft hier Entscheidungen über Behandlung und Maßnahmen im letzte Stadium ihres Lebens, für den Fall, dass sie es später nicht mehr selbst äußern kann. Oftmals ist die Patientenverfügung verbunden mit einer Vorsorgevollmacht, die einen vertrauten Menschen zum Vertreter bestimmt. Im Ernstfall fällt er die Entscheidungen im Sinne der Patientenverfügung und vertritt die Interessen des Patienten gegenüber Ärzten und Gesetzgeber. Viele Organisationen bieten dazu Hilfsmittel an: Zu viele, denn es gibt einen ganzen Dschungel von Patientenverfügungen: Ärztekammern, Hospizvereine bis hin zur Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben - sie fordert offen die aktive Sterbehilfe - haben Vorlagen entworfen, die mehr oder weniger von einander abweichen. Das Internet ist voll davon, sogar in einer Tankstelle lagen schon Vordrucke aus.
Auch die Kirchen beteiligen sich an dem Angebot. Schon 1992 hat die bayerische Landeskirche einen Entwurf veröffentlicht. Er ging in die "Christliche Patientenverfügung" ein, die der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz 1999 herausgaben.
Woran kann man sich bei dem Dickicht an Patientenverfügungen halten? "Manche sind von schlechter Qualität," erklärt Traugott Roser, Seelsorger einer Münchner Palliativstation. "Sie weisen Widersprüche auf und werden dann nicht ernst genommen." Auch das 1999 herausgegebene Formular der christlichen Verfügung zeigt für Roser Mängel. "In ihr ist nur der Sterbeprozess angesprochen. Aber das, wovor die Menschen die größte Angst haben, nämlich in dauerhaftes Koma zu fallen, das bleibt ausgespart", kritisiert der Pfarrer. "Die Leute meinen, mit einer Patientenverfügung alles geklärt zu haben. Wir dürfen sie darin nicht täuschen." Zudem gebe die ökumenische Fassung kaum eine Möglichkeit, das Wesen und die Werte der Person darzustellen. "Die Verfasser gehen davon aus, dass der Unterzeichner sich dem Wertekanon der christlichen Kirche anschließt. Aber das kann ganz unterschiedlich aussehen."
Roser ist einer der Autoren der Handreichung zur christlichen Patientenverfügung "Meine Zeit steht in deinen Händen", die die Bayerische Landeskirche 2001 heraus gegeben hat. Darin wird auf ein eigenes Formular verzichtet. Die Handreichung empfiehlt lediglich, den Vorschlag des bayerischen Justizministeriums zu verwenden, aus der Broschüre "Vorsorge für Unfall, Krankheit und Alter", an der Hospizmitarbeiter mitgewirkt haben.

Präzise Aussagen wichtig

Für Jürgen Bickhardt, Internist und Kardiologe (Erding), der an der Broschüre mitgewirkt hat, ist eine präzise medizinische Formulierung sehr wichtig. "Eine Patientenverfügung ist nur sinnvoll, wenn sie der Arzt als Anwender ernst nimmt." Deshalb sei in der Broschüre das Ziel festgeschrieben worden: Statt das Leben künstlich zu erhalten sollen Schmerzen gelindert werden. Zwei Maßnahmen können konkret abgelehnt werden: Die Wiederbelebung und die künstliche Ernährung. "Davor haben viele Angst", so Bickhardt, "dazu sollte man Stellung nehmen."
Bei der Willenserklärung darf es nicht allein bei der medizinischen Formulierung bleiben: Es ist auch Platz für eigene Wertvorstellungen. Denn nicht jeder Fall lässt sich genau vorhersehen. Da ist es wichtig zu erfahren: Wer ist der Mensch? Was glaubt er? Je mehr Individuelles in die Patientenverfügung einfließt, desto besser kann auf den Einzelnen eingegangen werden. Bis vor drei Jahren war Bickhardt noch im Erdinger Kreiskrankenhaus tätig. Dort hat er erlebt, wie wenig Patienten eine Verfügung bei sich hatten und wie schwierig es für Arzt und Angehörige war, den Patientenwillen herauszufinden. Deshalb empfiehlt der Mediziner, eine schriftliche Äußerung über die allerletzte Phase des Lebens zu verfassen. Damit Menschen auch über diesen Abschnitt noch selbst bestimmen können und Angehörige wie Ärzte nicht vor vielen Fragen stehen. Wie bei Markus, der nach seinem schweren Unfall nichts mehr sagen konnte.

Anne Lüters

 

 


 

Dem Glauben einen Raum geben

Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der ein rechter Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet werdet. Dann könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist und die Liebe Christi erkennen, die doch alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwänglich mehr tun kann als alles, was wir bitten oder verstehn nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Epheser 3,14-21



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Ein Blick in die Rothenburger Jakobskirche. Foto: Noack
 

Sind Sie schon einmal in Nürnberg in der Lorenzkirche gewesen? Oder im Ulmer Münster oder im Regensburger Dom? Immer wieder bin ich überwältigt von der unermesslichen Weite eines solchen Kirchenraumes. Riesige Pfeiler wachsen aus dem Boden heraus und halten in schwindelnder Höhe ein Deckengewölbe, das von unten aussieht wie die Zweige und das Blätterdach eines riesigen Baumes oder wie das Himmelsgewölbe selbst.
Ganz automatisch bleibe ich erst einmal stehen und staune. Dann suche ich mir einen Platz, wo ich die Stille und den Raum auf mich wirken lassen kann. Der Straßenlärm und die Hektik, die draußen herrscht, dringen kaum noch an mein Ohr. Die Füße erholen sich. Langsam werde ich auch innerlich ruhiger. Ich atme tief durch und lasse den Blick schweifen.
Manche Bilder und Figuren streife ich nur kurz, bei anderen verweilen meine Augen länger. Doch das meiste, was in so einer großen Kirche zu sehen ist, werde ich nicht einmal wahrnehmen. Es gibt da einfach zu vieles, und nicht alles ist jetzt für mich bestimmt. Es genügt, wenn mir ein oder zwei Bilder hängen bleiben. Bilder, die mir heute Mut machen oder vielleicht auch manches in Frage stellen. Oft ist es zum Beispiel ein Kreuz, vor dem ich stehenbleibe. In Christus kommen mir all die Menschen nahe, die Unrecht und Gewalt erleiden, die Leid tragen und Schmerzen erdulden. Und doch weiß ich mich zugleich von ihm auch gehalten und gestärkt. Manchmal, wenn ich nach Jahren ein Bild wiedersehe, das mich besonders angesprochen hat, dann stelle ich überrascht fest, dass es mich heute kaum berührt. Ich merke: Mein Glaube hat sich im Lauf des Lebens verändert. Manches, was mich als junges Mädchen umtrieb, lässt mich heute kalt. Und anderes berührt mich stärker, weil es nun mit meinen Erfahrungen zu tun hat. Jede Kirche erzählt wohl auch etwas vom Wandel unseres Glaubens.
Das dritte Kapitel des Epheserbriefes erinnert mich an die unendlich vielen Schätze einer mittelalterlichen Kathedrale, die zu entdecken ein ganzes Leben kaum ausreicht. Auch wer bei diesem Bibelabschnitt versucht, alles auf einmal zu erfassen, hat am Ende womöglich gar nichts begriffen. Lieber sollte er erst einmal die Größe dieses Glaubensgebäudes einfach auf sich wirken lassen wie einen mächtigen Kirchenraum. Und dann das eine oder andere, was ihm heute wichtig erscheint, genauer betrachten und im Herzen bewegen. Und alles andere getrost vergessen.
Denn Gott füllt unsere leeren Hände und stellt unsere Füße auf weiten Raum. So können wir aus seiner Fülle schöpfen, was wir zum Leben brauchen und aufatmen und danken. Dazu helfe uns Gott! Amen!

Pfarrerin Ulrike Brödel, Mönchsdeggingen

Wir beten: Himmlischer Vater, hab Dank für die unterschiedlichen Möglichkeiten, dir zu begegnen. Wir bitten dich: Schaffe in unserem Herzen Raum für deine Liebe, vertreibe alle Bitterkeit, alles kleinliche Sorgen, alle Furcht und erfülle uns mit deinem Geist. Amen!

Lied 331: Großer Gott, wir loben dich.

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