Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 19)

Unternehmen mit sozialem Geist

Diakonie Neuendettelsau wird 150 Jahre

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Ob Büro, Gärtnerei oder Krankenhaus - im Diakonischen Werk Neuendettelsau ist etwas von dem sozialen Geist zu spüren, in dem es vor 150 Jahren gegründet wurde, sagen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Bild: Auszubildende Doris Walk...
   

Als Wilhelm Löhe 1837 seine erste Pfarrstelle in Neuendettelsau erhielt, wollte er zunächst gar nicht dort bleiben. Zu eng und trostlos erschien ihm das "Nest", wie er es nannte. Nie hätte er damals wohl erwartet, dass er sein Leben lang an diesem Ort bleiben würde - bewegt von der Not der Schwachen und der Frage, wie er ihnen helfen könnte. Dem Leben zu dienen - unter diesem Vorsatz entstand 1854 die Diakonissenanstalt. Im Mai feiert die Diakonie Neuendettelsau ihr 150-jähriges Bestehen. Mit 5800 Mitarbeitern ist sie heute das größte evangelische Sozialwerk in Bayern. Übernahmen zunächst noch die Diakonissen die meiste Arbeit, so wohnen heute nur noch fünf Schwestern im Mutterhaus. "Jetzt müssen wir selbst die Vorbilder sein!", meint eine Mitarbeiterin. Das Sonntagsblatt fragte Beschäftigte verschiedener Abteilungen, was es für sie bedeutet, bei der Diakonie Neuendettelsau angestellt zu sein.

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...Schwester Ingrid Riedel bei der Aufnahme einer Patientin...
   

"Wie, du arbeitest nicht in der Pflege?" wird Doris Walk oft erstaunt gefragt, wenn sie erzählt, welche Ausbildung sie bei der Diakonie macht. Dass es in Neuendettelsau ein Baureferat gibt, ist vielen unbekannt. "Die Diakonie ist nicht mehr die rein soziale Einrichtung, die sie früher einmal war," erklärt die 22-Jährige, die in ihrem zweiten Lehrjahr als Bauzeichnerin steht. "Das ist ein Riesenkonzern. Da gibt es natürlich Bereiche, die nicht soviel mit dem Sozialen zu tun haben." Walk sieht in der Diakonie einen Arbeitgeber, der sich durch seinen sozialen Hintergrund von anderen unterscheidet. Das spürt sie auch in ihrem Büro: "Der Umgang ist hier nicht so ruppig. Wenn es mir nicht gut geht, fragt mich der Chef, was mit mir los ist. Ich weiß nicht, ob mir das woanders passieren würde." Dennoch dürfe man bei dem großen Unternehmen den wirtschaftlichen Aspekt nicht vergessen. "Das muss ja alles finanziert werden."

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...Diakonisse Barbara Flory in der Gärtnerei...
   

"Toll, wenn ein Werk dieser Art und Größe auf 150 Jahre zurückblicken kann," meint Irene Riedel. Die Krankenschwester hat sich vor über 20 Jahren bewusst für die Ausbildung am Krankenhaus der Diakonie beworben. Die menschliche Zuwendung, die sie damals bei den Diakonissen erlebt hat, will Riedel auch in ihrem Dienst spürbar werden lassen: "Ich möchte die Menschen, die mir täglich begegnen, als Got-tes Ebenbilder sehen." Sie seien nicht in erster Linie Patienten, sondern Gegenüber, von denen sie viel lernen könne. "Es ist wichtig, den anderen ernst zu nehmen," sagt die Krankenschwester. Sie ist froh, dass im Krankenhausalltag immer wieder Zeit bleibt für das persönliche Gespräch. Vor drei Jahren ist sie der Diakonischen Schwestern- und Brüderschaft beigetreten, einer geistlichen Gemeinschaft von Diakoninnen und Diakonen, die sich zu Seminaren, Freizeiten und gemeinsamem geistlichen Leben trifft. "Ich will das christliche Profil weitertragen und die Arbeit der Diakonissen unterstützen", meint Riedel. Aber auch unter Kolleginnen, die nicht der Gemeinschaft angehören, spürt sie einen besonderen Geist: In kurzen Begegnungen, in offener Aussprache und in der Art, wie Konflikte angegangen werden. "Annahme von Schwächen und Vergebung ist da auch ganz wichtig."

Für einen viel einschneidenderen Schritt hat sich Barbara Flory entschieden. Die 26-Jährige ist die jüngste Diakonisse in Neuendettelsau - die einzige unter 40. "Ich bin meiner Sehnsucht gefolgt", erzählt die gelernte Gärtnerin. "Hier bei den Diakonissen habe ich mich gleich daheim gefühlt." Der warme und herzliche Umgang und die Offenheit der viel älteren Diakonissen hat sie sehr beeindruckt. Jetzt arbeitet sie in der Gärtnerei der Diakonie. "Ich möchte den Glauben authentisch leben, ohne vorzuspielen, ohne zu missionieren", sagt die junge Frau. "Einfach leben und sich dabei von Gottes Willen leiten lassen." In der Praxis bewährt sich das für sie im ehrlichen, freundlichen Umgang mit Kunden und Kollegen: "Wenn ich meinem Lehrling etwas mitgebe, was er in seinem Leben gut brauchen kann. Oder wenn ich anbiete, Arbeit für die Floristinnen zu übernehmen, damit sie früher zur Familie kommen, dann sehe ich auch darin meinen diakonischen Auftrag."

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...und Diakon Hans-Jürgen Zwick beim pädagogischen Spiel mit Melanie (links). Fotos: Lüters
   
Auch Hans-Jürgen Zwick gehört zur diakonischen Schwestern- und Brüderschaft. Der Diakon arbeitet seit fast 20 Jahren im Friedenshort, einem Heim für Jugendliche mit höherem Hilfebedarf - mehrfachbehinderte Kinder. Der menschenwürdige Umgang beginnt für ihn schon im Sprachgebrauch: "Die Kinder sind in erster Linie Menschen, Bilder Gottes, die Behinderung kommt erst später." Möglichst viel Selbstbestimmung ist ihm dabei ein großes Ziel. "Es ist eine riesige Erfahrung", schildert er, "einem Kind zu zeigen:'Jetzt bestimmst du!'" Zwick schätzt die Diakonie als Arbeitgeber, dem Spiritualität wichtig ist.

Als Wohnbereichsleiter legt er auf christliche Rituale in den Gruppen großen Wert: "Das Gebet und der wöchentliche Gottesdienst gehören einfach dazu!"

Anne Lüters

 

 


 

Singen kann heilende Kreise ziehen

"Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!"

Psalm 98,1



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Wenn die Menschen das Singen verlernen, wenn ihnen Muse und Musik abhanden kommen, dann verlieren sie den Zugang zu ihrer eigenen Seele und damit zu Gott. Foto: Wodicka
 

Ganz spontan ist mir zu diesem bekannten Psalmvers die Gründungslegende des Klosters auf der Insel Reichenau im Bodensee eingefallen. Im Jahr 724 gründete dort der Wanderbischof Pirmin ein Benediktinerkloster. Der Legende nach soll er durch seinen Gesang, durch seine neuen Lieder und Weisen, die Schlangen, Dämonen und bösen Geister vertrieben haben. Dadurch machte er die Insel Reichenau und die Gegend um den Bodensee erst bewohnbar. Das Kloster entwickelte sich daraufhin zu einem bedeutenden geistigen Zentrum. Immer mehr Mönche zog es auf die Insel, Dörfer und Städte wurden um den ganzen See herum gegründet, Gärten und Weinberge angelegt. Aus der Klosterschule gingen hervorragende Theologen, Politiker, Wissenschaftler, Maler und Musiker hervor. All das bewirkte der Gesang des Heiligen Pirmin, der als einsamer Wanderer auf die Insel kam und dort durch sein Singen den Drachenkampf aufnahm. Seine Lieder und Weisen verbannten das Böse, nahmen die Angst vor dem Ungeheuerlichen, stifteten Sinn und göttliche Harmonie. Die Insel wurde zum Brennpunkt, um den herum sich Natur und Kultur, Farbe und Form, gelingendes Leben vielgestaltig und bunt entfalten konnte.

So weit, so gut! Wie aber könnte diese Geschichte, ich nenne sie jetzt die Geschichte von der Schlangeninsel, weitergehen? Wie müsste man sie bis in unsere Gegenwart hinein weitererzählen? Was würde geschehen, wenn die Menschen den heilenden Gesang vergessen würden, wenn ihnen keine neuen Lieder mehr einfielen?
Nun, die Schlangen kämen zurück, wenn auch ganz anders als man es erwarten würde - nicht als zischende Fabelwesen oder grässliche Drachen und Seeungeheuer. Sie kämen zurück und würden unser Leben und die Welt vergiften!
Was aber geschieht, wenn die Menschen das Singen verlieren, wenn ihnen Muse und Musik abhanden kommt? Dann, so denke ich, verlieren die Menschen den Zugang zu ihrer eigenen Seele und damit auch den Zugang zu Gott. Sie werden sich selbst und Gott gegenüber fremd. Und auch die Welt, in der solche Menschen leben, würde zur sinnentleerten, monotonen Ruinenlandschaft und Wüste verkommen.

Ganz am Schluss der Geschichte von der Schlangeninsel wandert ein kleiner Junge ziellos durch die graue, von den Menschen zerstörte Schöpfung. In einer Klosterruine findet er einen scheinbar verdorrten, uralten Rosenstock, dessen Knospen in einer lauen Frühlingsnacht langsam erblühen. Er beginnt zu singen. Er kann gar nicht anders. Staunend und singend steht er vor dem Wunder der Rose. Er singt und singt, Lieder und Weisen, alte und neue zugleich.
Ob es ihm gelingen wird, die Schlangen wieder zu vertreiben? Ob sich wieder wie bei einem Mandala, wie bei einer Rosette in einer gotischen Kathedrale, aus einem Zentrum heraus ein großer farbiger Kosmos entfalten kann? Denn Singen kann Kreise ziehen, die meist weiter reichen als man es meint und für möglich hält. Übrigens wurde im März dieses Jahres die Geschichte von der Schlangeninsel als Oratorium für Chor, Solisten, Orchester und Orgel mit der Kantorei Naila und den Hofer Symphonikern in der Stadtkirche Naila uraufgeführt.

Michael Lippert, Dekanatskantor und Komponist in Naila

Gebet: Herr, gib uns Zeit zur Muße und Musik, zum Singen und Spielen, damit wir das Wunder der Schöpfung erkennen können. Lass uns staunen und nicht stumm bleiben, denn du tust Wunder.

Lied 6130: O heilger Geist.

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