Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 15)

Die Kunst, neu anzufangen

Anderen vergeben befreit

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Versöhnen tut gut. Foto:kil.
   

"Wenn ich nicht mitspielen darf, dann mach ich dir alles kaputt", sagt Florian. "Wenn du das machst, bist du nie mehr mein Freund", droht Max. - Und schon passiert's: Krach, schepper. Heul!! "Blödian! Das verzeih ich dir nie", schreit Max. Manchmal ist "nie" eine kurze Angelegenheit, denn wenige Heulminuten später hilft der sehr zerknirschte Florian seinem Freund, das zerstörte Werk wieder neu aufzubauen. Max schaut noch sehr skeptisch. Auf dem Heimweg vom Kindergarten sind die beiden wieder ein Herz und eine Seele.

Vergeben kann schwer sein

Ach! Wenn es doch so einfach bliebe - die Sache mit Verzeihung und Versöhnung. Es geht in Beziehungen zu anderen Menschen nie ohne Verletzungen und Ungerechtigkeiten ab. Menschen werden gekränkt und enttäuscht. Weil dies nicht zu vermeiden ist, braucht jeder Mensch ein Mindestmaß an Nachsicht und die Fähigkeit verzeihen zu können. Das ist aber oft gar nicht so einfach. Sicher - eine blöde Bemerkung oder ein vergessener Geburtstag sind relativ leicht zu verzeihen. Schwieriger wird es dann schon bei handfesten Lügen, bei verweigerter Hilfe, Verrat oder Untreue.
Selbst, wenn die Person kommt und um Verzeihung bittet, kann es sehr schwer fallen, wirklich zu vergeben. "So einfach geht das nicht", sagte eine Frau, die von ihrem Partner massiv belogen und bloßgestellt wurde. "Das ist eine gesunde Haltung", meint Wunibald Müller, Theologe und Psychotherapeut. "Wenn eine Verletzung tief sitzt, ist es mit einem schlichten 'tut mir leid' nicht getan." Der andere müsse zu seiner Schuld stehen und wissen, was er da getan hat. "Wir merken es, wenn jemand seine Bitte um Verzeihung nicht ernst meint. Dann fällt uns das Vergeben schwer." In einem solchen Fall kann ein tieferes Gespräch nötig sein, vielleicht auch mehrere. Vergebung braucht Zeit.
"Ich will, dass er weiß, wie sehr er mich verletzt hat und womit", meint die Frau, die bereit ist, zu vergeben. "Aber ich merke, um wirklich zu vergeben, fehlt noch etwas." Gleichzeitig sehnt sie sich danach, die Sache abzuschließen und als erledigt zu betrachten. "Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der ich meine Verletzung regelrecht konserviert habe", erzählt sie. Es habe ihr geradezu gut getan, das schlechte Gewissen ihres Partners zu bemerken. Doch dann hat sie gespürt, "dass mich die ganze Geschichte blockiert". Als trete sie auf der Stelle.

Nie vergeben blockiert

Auch das ist eine typische Empfindung: "Wenn ich spüre, dass ich nicht vergeben kann, merke ich mit der Zeit, dass mich etwas blockiert", sagt Wunibald Müller, Leiter des Recollectiohauses in Münsterschwarzach, eine Einrichtung für ausgebrannte Geistliche und kirchliche Mitarbeiter. "Und es gibt in uns auch eine Seite, dass wir etwas wieder gut machen wollen." Dieser Gedanke der Sühne, der Versöhnung gehört zur Vergebung. "Wer diese Regung in sich übergeht, weiter schmollt und nicht verzeihen will, steht sich selbst im Weg", so Müller. Unzufriedenheit und Verbitterung können die Folge sein.
"Andererseits kann Vergebung auch nicht mit aller Gewalt durchgezogen werden." Manchmal geht es nicht. Noch nicht. "Manche Verletzung braucht lange bis sie verarbeitet werden kann", betont Müller. Zum Beispiel bei Opfern von sexuellem Missbrauch dürfe niemand erwarten, dass sie schnell vergeben. "Gefühle wie Ärger, Hass, Neid und Zorn müssen zugelassen und der Schmerz erst einmal durchlebt werden." Erst dann sei an Vergebung zu denken. Und selbst dann kann es sein, dass jemand noch nicht vergeben kann. "Verzeihung kann nicht erzwungen werden, sonst ist es nicht echt."
Mancher tut sich leichter einem Mitmenschen zu vergeben, anderen fällt es sehr schwer. Das liegt vor allem auch an der Einstellung zur eigenen Person. "Wer sich selbst gegenüber barmherzig ist, kann auch anderen eher vergeben", sagt Wunibald Müller. Das innere Gleichgewicht hängt eng mit der Fähigkeit zur Vergebung zusammen. In seiner Arbeit erlebt Müller immer wieder Menschen, die es nie erlebt haben, dass sie angenommen werden, wie sie sind. "Da hilft es auch nicht viel zu sagen, dass Gott sie liebt", sagt der Theologe und Psychotherapeut. "Wenn sie dagegen in der Therapie erlebt haben, dass sie angenommen sind, dann können sie es auch auf Gott übertragen." Auch das Gottesbild spielt eine wichtige Rolle, ob jemand verzeihen kann oder es ihm schwer fällt. "Wenn ich einen liebenden und gnädigen Gott vor Augen habe, der mich liebt mit all meinen Schwächen und mir meine Fehler vergibt, bin ich doch viel eher bereit, auch anderen gegenüber barmherzig zu sein." Wer sich selbst nicht vergeben kann, kann auch anderen nicht vergeben. "Oder anders gesagt: meine eigene Unerlöstheit kann mich hindern", sagt Müller.

Es gibt kein "Rezept"

Vergebung und Verzeihung hat viele Facetten. Es gibt kein Patentrezept, wie es funktioniert. Manchmal ist es getan mit einem "Entschuldige bitte, das wollte ich nicht" und der Antwort: "Ist wieder in Ordnung". In vielen Fällen ist es jedoch vielschichtiger. Einmal ist es notwendig mit dem Menschen darüber zu reden, der einen verletzt hat. "Aber es gibt auch Fälle, wo es fehl am Platz ist, auf die betreffende Person zuzugehen und zu sagen, dass man ihr verziehen hat", sagt Wunibald Müller. "Zum Beispiel wenn ein Erwachsener Verletzungen aus seiner Kindheit aufarbeitet." Eltern erziehen ihre Kinder in der Regel nach bestem Wissen und Gewissen und werden doch - oft unbewusst - an ihnen schuldig. "Sie wären vor den Kopf gestoßen, wenn ihr Kind plötzlich käme und ihnen verkündet, es vergibt ihnen." In einem solchen Fall läuft der Prozess der Vergebung in einem selbst ab. Das Gespräch mit einem vertrauten Menschen kann dabei hilfreich sein.
Die belogene Frau übrigens hat ihrem Partner vergeben. Seitdem geht es ihr viel besser. "Es ist, als ob ein Knoten geplatzt ist", berichtet sie. "Total erleichtert" ist sie seit der Zeit. Vergessen wird sie die Sache so schnell allerdings nicht. Und ob das Verhältnis zu ihm jemals wieder so unbeschwert wird wie vorher, ist ungewiss. Da haben es Max und Florian doch noch etwas einfacher.

Karin Ilgenfritz

Buchtipps zum Thema:

  • Wunibald Müller, Wenn du ein Herz hast, kannst du gerettet werden, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 1998, 64 Seiten, 5,40 Euro; W. Müller, Gönne dich dir selbst, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2003, 100 Seiten, 8,90 Euro.
  • Finsterbusch/Müller (Hrsg), Das kann ich dir nie verzeihen!?, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, 13,90 Euro.
  • Psychologie heute, Ausgabe 8/2002, Weinheim, 5,10 Euro.
  • Martin Grabe, Lebenskunst Vergebung, Francke, Marburg 2004, 167 Seiten, 12,95 Euro.
  • Johann C. Arnold, Vergebung leben - Freiheit erfahren, Edition Anker, Stuttgart 2002, 154 Seiten, 9,90 Euro.

 

 


 

An Ostern wird neues Leben geschenkt

Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen. Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

Psalm 118, 17. 22-24



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Der an Ostern gesungene und gebetete Psalm 118 spricht von einem Wunder. Es ist wie bei einer Geburt: Das Wunder des Lebens - zart und überwältigend. Man kann es nicht für sich behalten. Foto: Wodicka Foto: Wodicka
 

Als Kinder haben wir oft Fangen gespielt. Alle Mitspieler hatten zwei Leben. Das war ein herrliches Gefühl, nicht gleich beim ersten Schlag erledigt zu sein. Es gab ja noch ein zweites Leben. Was Kinder spielerisch entdecken, entspricht einer Ursehnsucht der Menschen: Sie hoffen auf eine neue Lebenschance und möchten am liebsten unsterblich sein.
An Ostern wird ein neues Leben eingeläutet: "Ich werde nicht sterben, sondern leben." Für den Psalmdichter war es eine Erwartung, durch Christus ist sie erfüllt: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben." (Johannes 14, 19) Ein ewiges, unvergängliches Leben kommt zum Vorschein und sprengt alle bisherigen Grenzen und Vorstellungen. Was dieses Leben wert ist, sehen wir an Jesus selbst. Nach menschlichem Ermessen ist er viel zu früh gestorben. Er hat nur eine begrenzte Zeit öffentlich wirken können, bis man mit ihm kurzen Prozess gemacht hat. Er hätte allen Grund gehabt, sein Schicksal zu beklagen: "Leider muss ich sterben, und ihr tut mir leid, dass ihr in dieser bösen Welt alleine zurückbleibt." Stattdessen beschwört er das Leben und lässt eine Zuversicht aufleuchten: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben." Sein Todesurteil zeichnet sich ab, und trotzdem kann Jesus so sprechen. Damit vermittelt er eine befreiende Einsicht, die an Ostern voll zum Durchbruch kommt.
Über Nacht verwandelt sich der Tod in Leben. Wie ist das möglich? Umgekehrt ist es uns vertraut: Über Nacht kann das Leben im Tod enden. Aber seit Ostern hat der Tod nicht mehr das letzte Wort, sondern er muss sich dem Leben unterordnen. Jetzt gilt: Der Schatten ist ein Teil des Lichtes, der Tod ist ein Teil des Lebens. All die krampfhaften Versuche, den Schatten zu übertünchen und das Negative aus dem Leben zu tilgen, so dass am Ende eine durch und durch positive Welt übrigbleibt, sind zum Scheitern verurteilt. Christus hat es anders vorgelebt: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Sein Weg ans Kreuz ist kein Irrweg sondern ein Heilsweg. So hat er seinen Jüngern den Weg ins Leben gewiesen.
Dietrich Bonhoeffer steht leuchtend vor Augen. In der Nachfolge Jesu hat er am eigenen Leib erfahren, dass der Glaube eine Lebenskraft ist, die selbst dem Tod standhält. In seinen letzten überlieferten Worten hat er es so zum Ausdruck gebracht: "Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens." Wer so sprechen kann, gibt selbst mit seinem Sterben ein Lebenszeugnis.
"Lasst uns das Leben leise wieder lernen", sagte die jüdische Schriftstellerin Nelly Sachs nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs in ihrem Gedicht "Chor der Geretteten". Das Leben leise wieder lernen: Nicht die großen Sprüche, die leisen Töne sind echte Lebenszeichen. Man muss sorgfältig tasten, um in einer Welt des Todes den Puls des Lebens zu spüren.
Der an Ostern gesungene und gebetete Psalm 118 spricht von einem Wunder. Es ist wie bei einer Geburt: Das Wunder des Lebens - zart und überwältigend. Man kann es nicht für sich behalten. Alle sollen sich mitfreuen: Ostern - das Fest der neuen Geburt, das Fest der Freude über das zweite Leben. "Wir werden nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen."

Martin Bogdahn,
Oberkirchenrat i.R., München

Wir beten: Jesus Christus, du hast Licht und Leben in die Nacht der Welt und des Todes gebracht. Du kennst meine Ängste und Sorgen. Gib mir Kraft zum Durchhalten. …ffne meine Augen für deine Wunder, dass ich das Leben leise wieder lerne. Lass mich fröhlich in dir sein. Amen.

Lied 115: Jesus lebt

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