Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 12)

Auf dem Weg zum Altar nicht ins Stolpern kommen

Meine erste Predigt - Eine Vikarin aus Staffelstein berichtet von ihren Erfahrungen

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Vorher und nachher: Auch heute noch verspürt die Vikarin Barbara Pühl eine gewisse Aufregung vor der Predigt.
   

Meine erste Predigt, beziehungsweise den ersten Gottesdienst hielt ich während des Studiums im Rahmen meines vierwöchigen Gemeindepraktikums in der kleinen oberfränkischen Gemeinde Wirbenz. Der vorgegebene Predigttext war Markus 1, 32-39 - ein Text, in dem von Jesus berichtet wird, dass er sich nach mehreren Heilungen an einen einsamen Ort zurückzieht.
Obwohl ich mich ausführlich vorbereitet hatte, ließ sich das Herzklopfen nicht abstellen, als es soweit war. Zwar hatte ich als Mitarbeiterin der evangelischen Jugend schon öfter bei öffentlichen Veranstaltungen und auch bei Gottesdiensten vor Leuten gestanden, doch dies war etwas anderes. Ich stellte die größten Befürchtungen an: Was, wenn ich auf dem Weg zum Altar oder zur Kanzel stolpern würde? Was, wenn mir die Stimme wegbliebe? Was, wenn ich einen Zusammenbruch erlitt?
Regelrecht mit schlotternden Knien wartete ich in der Bank auf meinen großen Auftritt, während die Glocken läuteten und die Orgel das Eingangsstück spielte. Doch dann merkte ich, dass der Kirchenvorsteher, der neben mir saß und an diesem Tag erstmals die Lesung machen sollte, noch viel aufgeregter war als ich. Und so komisch es klingen mag, diese Feststellung gab mir Kraft, denn ich dachte, jetzt muss ich mich zusammenreißen und ruhig bleiben, sonst stolpert vielleicht er über die Treppe.

Vorher tief durchatmen

Ich kann nun zwar nicht behaupten, dass ich ab diesem Moment völlig entspannt gewesen wäre, doch der Gedanke half mir. So verlief der erste Teil des Gottesdienstes ohne peinliche Zwischenfälle - nur beim Introitus zitterte die Stimme deutlich hörbar.
Und dann war es soweit, die Predigt stand an. Als die Gemeinde noch sang, machte ich mich auf den Weg zur Kanzel. Vor der Treppe, von der Gemeinde ungesehen, blieb ich noch einmal kurz stehen, atmete tief durch und stieg dann hinauf. Das erste Mal. Oben angekommen schlug ich mit zitternden Händen die Mappe auf - zum Glück konnte die Gemeinde meine zappeligen Beine nicht sehen - und wartete die letzten Worte des Wochenliedes ab: ...wiewohl tödliche Wunden, sind kommen von der Sünden.
Oh ja, wiewohl tödliche Wunden mir wohl von den vielleicht 60 Augen zugefügt werden würden, wenn jetzt alles schief ging? Was die Leute wohl dachten? Eine Frau auf der Kanzel? Ich weiß nicht, ob hier vor mir schon eine gestanden hatte.
Doch nein, sie blickten mich gespannt und neugierig an. Vielleicht war da sogar etwas Wohlwollen. Vielleicht wussten sie ja, dass ich das zum ersten Mal machte. Und wenn nicht, dann deutete ich es eben als Wohlwollen. Ich suchte den Blick meines Mentors. Da saß er, bestärkend nickte er mir noch einmal zu. Also los.
"Liebe Gemeinde" so begann ich. Bestimmt zehnmal hatte ich die Predigt vorher geübt - so konnte ich sie fast auswendig. Daher traute ich mich immer wieder, meinen Blick in die Gemeinde zu richten. Ich sah immerhin niemanden schlafen. Aber ob es an der Predigt lag? Oder nur am Neulingsbonus? Schwer festzustellen. Das ein oder andere interessierte Gesicht begegnete mir. Zu diesen Leuten suchte ich Blickkontakt. Nach wenigen Minuten wurde ich ruhiger. Und so schaffte ich es sogar, mich wirklich auf das zu konzentrieren, was ich den Menschen mitgeben wollte.
Als ich nach etwa zwölf Minuten mit dem Amen schloss, war ich nicht nur erleichtert, sondern sogar ein bisschen stolz. Ich war nicht zusammengebrochen, die Stimme hatte nicht versagt, alles war nach Plan verlaufen. Und irgendwie schienen die Leute auch etwas mitbekommen zu haben, zumindest erweckten sie diesen Eindruck.
Der Rest des Gottesdienstes verlief ebenso reibungslos. Und als ich am Ende die Leute an der Tür verabschiedete, bekam ich von einigen ein "danke schön" oder "gut haben Sie das gemacht" zu hören. Das freute mich natürlich sehr.

Mit der Gemeinde im Dialog

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Doch sobald sie hinter der Kanzel steht, zeigt der Blick in die Gemeinde, dass alle gespannt der Predigt folgen. Fotos: privat
   
Inzwischen bin ich seit einem halben Jahr Vikarin in Bad Staffelstein. Alle drei bis vier Wochen halte ich hier Gottesdienst, und auch wenn es mir viel Freude macht, gehört die Aufregung nach wie vor dazu. Am schwierigsten ist es für mich jedoch dann, wenn die Leute absolut regungslos im Gottesdienst sitzen und an ihren Gesichtern nicht zu erkennen ist, ob sie müde, mit den Gedanken woanders oder gelangweilt sind. Dies löst bei mir Unsicherheit aus.
Um dem entgegenzuwirken habe ich begonnen, der Gemeinde beispielsweise bei der Predigt auch ab und zu Fragen zu stellen, sozusagen in einen monologischen Dialog mit ihr zu treten. Dadurch erhalte ich zumindest von einigen ein Schmunzeln, Nicken oder Kopfschütteln. Und so weiß ich, dass sie wenigstens zuhören.

Barbara Pühl, Vikarin in Staffelstein

 

 


 

Im Glauben Tiefen überwinden

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit auch wir trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.

2. Korinther 1, 3-5



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Paulus beschreibt Gott als den Urheber allen Trostes. Und dieser Trost wird uns durch Jesus Christus zuteil. Foto: Wodicka
 

Da haben wir ihn also wieder vor uns, diesen Realismus der biblischen Botschaft. Hier ist die Rede von Trübsal, die uns quält, und von Leiden, das über uns kommt. Das Evangelium von Jesus Christus ist keine moderne Erfolgsgeschichte, die allen nur einfach Gutes und Wohlergehen verheißt. In unserem Leben machen wir immer wieder Erfahrungen von Freud und Leid, auch als Christen. Wer im Christentum eine Anleitung für sorgloses Leben oder eine Gebrauchsanweisung für die eigene Karriere sucht, der wird enttäuscht. Existentielle Anfechtungen und Glaubenskrisen sind nicht ausgeschlossen.
Immer wieder stoßen wir auf Glaubenszeugnisse, in denen Menschen ihr Schicksal Gott anvertrauen in der Hoffnung auf Hilfe und Trost. Denken wir nur an die Klagepsalmen. Auch Jesus Christus wird ständig mit Leidenserfahrungen konfrontiert, mit denen sich die Menschen an ihn wenden. Ob es Kranke, Blinde, Besessene sind: Christus wird laufend vor die ganz weltliche Allgegenwart des Leidens gestellt, das nach Trost schreit. Doch nicht nur das: Christus leidet selbst. Sein Leiden in der Passionszeit ist ein Leiden in und mit der Schöpfung. Er ist kein ferner Gott, der nur an den himmlischen Schalthebeln der Macht sitzt und die Menschen wie Marionetten hin und her bewegt. Nein: er steht selbst in der Spirale von Missgunst, Neid und Hass, Verleumdung, Verfolgung und Gewalt, und das bis zum bitteren Tod. Ihm widerfährt Leid, wie es das menschliche Leben kennzeichnet und kennt.
Nun setzt der Sonntag "Lätare" (Freue dich!) inmitten der Passionszeit ein Vorzeichen der Hoffnung und der Osterfreude. Der Apostel Paulus verbindet in diesem Abschnitt Leiden und Freude, Gotteslob und menschliche Trübsal. Es sind feierliche Worte, mit denen Paulus Gott charakterisiert. Er ist "der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes" (V. 3). Gott der Vater erscheint hier als die große Hoffnung unseres Lebens. Hier werden wir nun tatsächlich auf den Kern unseres Glaubens angesprochen. Wenn wir uns auf Menschen allein verlassen, dann sind wir oft verlassen. Diese Erfahrung machen wir regelmäßig. Hier werden wir auf den Gott verwiesen, dem wir alle unsere Trübsal anvertrauen dürfen und für dessen Trost wir offen sein sollen.
"Alles Gute kommt von oben" - sagt ein altes Sprichwort. Hier ist etwas davon zu spüren, wenn der Apostel Gott als den Urheber allen Trostes beschreibt. Und dieser Trost wird uns durch Jesus Christus zuteil. Da ist eine Hoffnungsspur auf die Osterbotschaft hin. Als Christen wissen wir, dass das Leiden Jesu, welches in verschiedenster Form in unserem Leben auch über uns kommt, nicht das letzte Wort behält. Der Blick auf den auferstandenen Christus, von dem wir selber reichlich getröstet werden, ist wie eine starke, mächtige Brücke, die uns über so manches tiefe Tal hinüberführt, das wir ohne sie kaum überwinden könnten.
Und dann taucht hier noch ein Hinweis auf, der eine Art Auftrag ist. Unsere Tröstung ist nämlich kein Selbstzweck. Es geht auch darum, dass auch wir Trost weitergeben können, wie wir ihn erfahren. Das Weitererzählen unserer tröstenden Glaubenserfahrungen, aber auch diakonisches Handeln der Kirche und der Christen sind eine solche Weitergabe des Trostes.

Pfarrer z. A. Dr. Jürgen Henkel
Evang. Akademie Siebenbürgen

Wir beten: Herr, unser Gott, lass uns das Licht Deiner Liebe immer wieder neu scheinen, damit es unser Leben auch in schweren Stunden erhellt. Und lass uns selbst immer wieder neu zu Lichtträgern werden, die dieses Licht anderen weitergeben. Amen.

Lied 620: Christ ist der Weg.

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