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"Palästinenser sind nicht mehr unsere Partner"

Israelischer Tourismusminister Elon: Setzen bei Friedensprozess auf Jordanien

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Stand dem Sonntagsblatt Rede und Antwort: Tourismusminister Binyamin Elon.
   

Der Tourismus ist einer der Haupteinnahmequellen in Israel. Seit dem Palästinenseraufstand im September kommen deutlich weniger Besucher ins Land und in die palästinensischen Autonomiegebiete. Über die politische Lage im Nahen Osten und die Perspektiven für den Friedensprozess sprach Sonntagsblatt-Chefredakteur Günter Saalfrank in Jerusalem mit dem israelischen Tourismusminister Binyamin Elon.

 

Sonntagsblatt: Bei einer internationalen Konferenz in Israel haben Sie Christen aufgerufen, das Heilige Land zu besuchen. Welche Rolle spielen die Pilger für den Tourismus?

Elon: Grundsätzlich eine sehr wichtige. Besonders jetzt in einer schwierigen Zeit angesichts der Bedrohung durch den Terror. Die christlichen Pilger haben auf der Basis von Solidarität, religiösen Verbindungen und festem Glauben Israel nicht im Stich gelassen. Unser Land ist eine Attraktion für alle, die nach spiritueller Erfahrung suchen. Tourismus in Israel ist nicht bloß Tourismus. Es ist vielmehr eine spirituelle Erfahrung. Ich kenne keinen, der von einer Israel-Reise zurückkam und nicht sagte, dass sie ihn verändert hat.

Einschränkungen vorbei

Sonntagsblatt: Warum ist es manchmal schwierig, christliche Stätten in Palästina zu besuchen. Im Januar zum Beispiel dauerte es einigeTage, um eine Erlaubnis von der israelischen Militärbehörde zu bekommen.

Elon: Das war nicht in Ordnung. In einem Gespräch mit dem Verteidigungsminister habe ich erreicht, dass diese Regelung wieder zurückgenommen wurde. Jeder, der zur Geburtskirche nach Bethlehem oder nach Jericho möchte, kann dies tun. Manchmal allerdings gibt es Sicherheitsprobleme. Wenn wir zum Beispiel konkrete Hinweise auf Heckenschützen haben, müssen wir die Touristen warnen. Die palästinensische Behörde ist zwar für die Kontrolle über dieses Gebiet zuständig, aber sie kontrolliert es nicht wirklich. Und wir können nicht überall sein. Das gilt besonders für den Gaza-Streifen. Dort können wir keine Touristen schützen.

Sonntagsblatt: Die Menschen in Deutschland sind besorgt im Blick auf die Sicherheit in Israel. Sie sehen es als gefährliches Land mit Bombenattentaten an. Was sagen Sie zu dieser Besorgnis?

Elon: Zugegeben: Es gibt Probleme. Aber die Kluft zwischen dem alltäglichen Leben hier und dem Bild, das durch die Fernsehbilder zuhause entsteht, ist unglaublich. Das sind zwei verschiedene Welten. Über eine Million Besucher kamen letztes Jahr nach Israel. Kein einziger von ihnen wurde verwundet. Bei Verkehrsunfällen kommen mehr Menschen zu Schaden. Ziel des Terrors ist es, die israelische Bevölkerung in Schrecken zu versetzen. Zudem schreiben wir Sicherheit groß: So ist jedes Hotel und jedes Restaurant bewacht. Aber wir wollen den Touristen nicht das Gefühl vermitteln, eine Armeebasis zu besuchen. Die Städte hier sind voller Leben und internationaler Gäste.

Sonntagsblatt: Wenn die Spirale der Gewalt gestoppt werden könnte, würden mehr Christen das Heilige Land besuchen. Welche politischen Schritte kann Israel unternehmen, um diese Spirale anzuhalten?

Elon: Ich glaube, dass wir uns nach einem anderen Partner umschauen müssen. Die palästinensische Behörde ist ein Syndikat einiger Terrorgruppen. Sie hatten nie einen Staat und wissen auch nicht, wie sie sich als unabhängiger Staat zu verhalten haben. Wir haben gute Erfahrungen mit Jordanien gemacht - mit Höhen und Tiefen. Über strittige Punkte, wie gegenwärtig über den Sicherheitszaun, wird diskutiert. Es gab niemals Grenzprobleme oder Ähnliches.

Sonntagsblatt: Was heißt das für den Friedensprozess?

Elon: Um Frieden zu erreichen, müssen wir meines Erachtens zurückkehren zur Situation, die bis 1988 bestand, wo die Bürger von Judäa und Samaria jordanische Staatsbürger waren. Es war ein großer Fehler, auf die palästinensische Behörde als Partner zu setzen. Und es zeigte sich als falscher Weg, einen unabhängigen Staat zu schaffen. Das ist ein Monster ohne Infrastruktur, das den Frieden nur zerstört. Der Partner für uns ist Jordanien.

Sonntagsblatt: Nach Ansicht von politischen Beobachtern aber ist das Nebeneinander zweier Staaten - Israel und Palästina - der einzige Weg für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten.

Elon: Das sehe ich nicht so. Ich sage Ja zum friedlichen Nebeneinander von Israelis und Arabern sowie von Israelis und Palästinensern. Aber ich bin dagegen, einen Staat zu schaffen, der keine Infrastruktur und kein zusammenhängendes Gebiet hat: Zwischen Gaza und Judäa und Samaria gibt es keine Verbindung. Die Aussichten auf nationales Wachstum sind zudem gering. Das würde nur Lager von Sklaven schaffen, die sich selbst einen Staat nennen. Diesem würde niemand wirkliche Unabhängigkeit geben - weder in Israel noch in den USA. Niemand würde ihm trauen, eine eigene Armee zu haben. Die einzige Chance für ein friedliches Nebeneinander ist es, zwei wirkliche Staaten zu haben: Jordanien und Israel.

Sonntagsblatt: Würde denn Jordanien bei einem solchen Weg mitmachen?

Elon: Ich habe gute Kontakte zu hochrangigen Vertretern Jordaniens und ich denke, die Antwort wäre positiv. Aber sie werden keinen politischen Selbstmord begehen. Sie lasten uns an, dass wir - zusammen mit den Europäern - diesen Weg durch die Aufwertung von Jassir Arafat als Verhandlungspartner verbaut haben. Die Jordanier werden sich zurückhalten, wenn es Widerstände von Seiten der Palästinenser gibt. Die Jordanier müssen sehen, dass die Amerikaner und wir es ernst meinen und Jordanien zum alleinigen Vertreter palästinensischer Interessen erklären. Sie müssen spüren, dass wir ihr Land wirtschaftlich aufwerten und das politische Wesen der palästinensischen Behörde zerstören. Erst wenn ihnen das deutlich wird, werden die Jordanier das Risiko eingehen und sich an einer regionalen Friedenslösung beteiligen.

Sonntagsblatt: Ausländische Regierungen und die Vereinten Nationen haben Israel aufgerufen, die Bauarbeiten an der Mauer zu stoppen. Verschärft nicht dieses Bauwerk die Probleme und schafft neue Konflikte?

Elon: Ich persönlich war gegen den Bau des Zaunes. Auch meine Partei war dagegen. Wir haben bereits einen Zaun an der Grenze zu Jordanien und brauchen keinen weiteren. Aber meine Meinung wurde nicht akzeptiert. Ich muss nun die Entscheidung der Regierung rechtfertigen: Sie geschah für den Frieden und nicht, um politische Fakten zu schaffen, die nicht mehr umkehrbar sind. Es handelt sich nicht um gewaltsam angeeignetes Gebiet, sondern um ein Territorium, über das es einen Disput gibt. Es stellt auch kein besetztes Gebiet dar, weil wir kein fremdes Land besetzt haben. Es gehörte nicht zu Jordanien. König Abdallah hatte Judäa und Samaria 1948 besetzt. Auf einem Land, über das es einen Disput gibt, haben wir die Befugnis, einen Zaun zu bauen, um unsere Bürger zu schützen. Es ist keine dauerhafte Grenze, sondern eine, die wieder rückgängig gemacht werden kann.

Wurzel der Probleme

Sonntagsblatt: Kritiker sagen, der Bau der Mauer ist ein Kurieren an Symptomen. Es geht nicht an die Wurzel des Problems.

Elon: Dem stimme ich zu. Wir als Israeli haben die Infrastruktur des Terrors zu entwurzeln. Unter den Verbrechern leiden soviele unschuldige Palästinenser, Araber und Juden.

Sonntagsblatt: Wie ist ihre persönliche Vision für die Menschen im Nahen Osten, für Juden und Palästinenser?

Elon: Meine Vision ist die der Bibel, wie sie sich bei den Propheten Jesaja (Kapitel 2) und Micha (Kapitel 4) findet: Alle Nationen werden zum Tempelberg kommen. Vom Zion werden Heil und Frieden ausgehen. Wirklicher Friede wird kommen, wenn ein spiritueller Funke auf die Menschen überspringt, die gegeneinander kämpfen. Bis es aber soweit ist, geht es darum, Blutvergießen zu verhindern. Dazu ist kein idealer Friede nötig. Es genügt schon der "kalte Frieden" wie er mit Jordanien oder Ägypten besteht.

 

Appell: Christen besucht das Heilige Land!

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Hofft wie viele seiner Kollegen in Israel und Palästina wieder auf bessere Zeiten: Reiseleiter Gideon Frank. Fotos: güs
   

Es sind zunächst nackte Zahlen. Nach dem Palästinenseraufstand im September 2000 gab es einen massiven Einbruch im Tourismus in Israel. Kamen im Jahr 2000 noch 2,4 Millionen Besucher ins Land, waren es ein Jahr später ganze 860.000. 2003 stieg die Zahl der Touristen wieder leicht auf 1,063 Millionen an. Für heuer werden zwischen 1,3 und 1,5 Millionen Gäste aus dem Ausland erwartet.
Hinter der reinen Statistik verbirgt sich jedoch mehr. Weil der Tourismus für Israel die Schlüsselindustrie ist, hat der Rückgang weitreichende Folgen. "An jedem Arbeitsplatz im Hotel hängen indirekt 2,8 weitere Arbeitsplätze", unterstrich Tourismusminister Binyamin Elon bei einer internationalen Konferenz in Jerusalem. Reiseleiter, Taxifahrer, Bäcker und viele andere lebten von den Gästen, die ins Land kommen.
Elon rief besonders die Christen auf, das Heilige Land zu besuchen - "das Land der Bibel". Gott habe Israel kein Öl geschenkt, sondern den Geburtsort der Bibel. Mehr Besucher kurbeln dem Minister zufolge auch die Wirtschaft wieder an: 100.000 zusätzliche internationale Touristen schafften 4.500 neue Jobs.
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Wie leergefegt ist der Platz vor der Geburtskirche in Bethlehem.
   
Dass die Gäste ausbleiben, spüren vor allem auch die Palästinenser. "Die Christen in Bethlehem und Beit Jala leiden stark unter der Krise", erklärte der israelische Minister. Viele von ihnen arbeiteten im Tourismus. Beispiel Bethlehem: In der Geburtsstadt Jesu leben - so der lutherische Pfarrer Midri Raheb - 70 Prozent der Bevölkerung von den internationalen Gästen. Bleiben sie fern, zerstöre das die Lebensgrundlage der Menschen. Wie dramatisch der Rückgang bei den Besuchern ist, verdeutlichen Zahlen der Touristenpolizei: Kamen bis zum September 2000 täglich 5.000 bis 7.000 Gäste zur Geburtskirche, sind es jetzt zwischen 100 und 150. In Bethlehem haben deshalb viele Geschäfte und Hotels geschlossen. In den wenigen Souveniershops, die noch offen sind, herrscht gähnende Leere.
Pfarrer Midri Raheb erinnerte gegenüber dem Sonntagsblatt an die besondere Verantwortung der Christen für die Glaubensgeschwister in Palästina. Es gehe darum, sie in der bedrängten Lage nicht alleine zu lassen. "Anderen beizustehen, ist christliche Tradition." Und das in der Region, die die Wiege des Christentums bildet: "Der christliche Glaube hat hier in Palästina seinen Ursprung". Raheb freut sich über Besucher aus dem Ausland, die ein Zeichen der Solidarität setzen. Fast jede Woche kämen Gäste aus Italien, Spanien und Amerika - Deutsche hingegen würden sich rar machen. Dafür findet der Theologe kräftige Worte: "Es ist eine Schande, zumal sich die Deutschen manchmal für die Mutigsten halten." Die Amerikaner zum Beispiel hätten keine Sicherheitsbedenken. Nach Ansicht Rahebs braucht es politische Fortschritte, damit sich die Lage bessert: "Ohne Frieden wird es keinen Tourismus geben." Überlebensspritzen würden da nicht weiterhelfen.

Günter Saalfrank
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