Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Ohne Vergangenheit hat Leben kaum Zukunft

Der Sonntag "Reminiszere" ruft zur Erinnerung auf

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Ein Fotoalbum regt geradezu an, in Erinnerungen zu schwelgen. Allerdings macht es viel aus, wie die Bilder entstanden sind. Fotos: kil/Wodicka
   

"Weißt du noch, wie wir auf dieser Freizeit damals die lange Wanderung gemacht haben?"
"Klar, da hatten mich alle geneckt, weil ich diese seltsame Frisur hatte. Und dann hat mich Christian in den See geworfen - damit die Frisur besser aussieht."
"Das war doch das Jahr vorher."
"Nein, ich bin mir sicher, dass war in dem Jahr mit der langen Wanderung."
"Und ich bin mir sicher, dass das nicht der Fall ist. Ich hole mal mein Fotoalbum, dann werden wir gleich sehen, ob deine lustige Frisur und die lange Wanderung im selben Jahr waren..."
Ein paar Freunde sitzen zusammen und schwelgen in Erinnerungen. An dem Beispiel wird deutlich, dass Erinnerungen sehr subjektiv sind. Einer kann davon überzeugt sein, dass etwas genauso war. Ein anderer ist sich ebenso sicher, dass das Gegenteil der Fall ist.

In Erinnerung bleiben

Erinnerungen sind etwas ganz Wesentliches für unser Leben. Dazu gibt es auch einige Literatur. So hat zum Beispiel die Zeitschrift "Psychologie Heute" diesem Thema eine Ausgabe gewidmet. Der Benediktinermönch Basilius Doppelfeld hat ein Büchlein herausgebracht mit dem schlichten Titel "Erinnern".
Erinnerungen bestimmen mit, wer wir sind. "Weiß ein Mensch nicht, wer er gestern war, wird er Probleme haben, sich im Heute zurechtzufinden", so ist in "Psychologie Heute" zu lesen. Einmal ist es für jeden Menschen von Bedeutung, sich an die eigene Vergangenheit zu erinnern. Aber ebenso wichtig ist es, bei anderen Menschen in Erinnerung zu bleiben. "Es gehört zu den Urängsten des Menschen, dass er vergessen wird", schreibt Doppelfeld. In der Geschichte, besonders in totalitären Systemen,wurden immer wieder Menschen totgeschwiegen und aus der Erinnerung verbannt. "Sich an jemanden erinnern,lässt diesen Menschen aufleben und macht ihn lebendig."
Manchmal allerdings können Erinnerungen tückisch sein: Es ist typisch für sie, dass sie sich ständig verändern. Nicht selten haben verschiedene Menschen ein und dasselbe Ereignis - wie im obigen Beispiel - unterschiedlich abgespeichert. Denn wie wir uns an etwas erinnern, hängt davon ab, in welcher Situation, an welchem Punkt unserer Lebensgeschichte wir uns gerade befinden. Danach richtet sich der Blickwinkel, unter dem wir zurück schauen. Gleichzeitig beeinflussen Erinnerungen unser Leben, Erleben und unsere Erfahrungen. Unser Selbstbild und unsere Selbstwahrnehmung wird von unseren Erinnerungen geformt.
Untersuchungen haben gezeigt, dass uns unterschiedliche Zeitabschnitte verschieden gut im Gedächtnis bleiben: Wird ein Mensch nach den Erinnerungen seiner gesamten Vergangenheit befragt, so erinnert er sich besonders gut an Ereignisse, die erst vor relativ kurzer Zeit stattgefunden haben. Je länger ein Erlebnis her ist, desto schlechter ist die Erinnerung. Das gilt allerdings nicht für die Erinnerungen an die Zeit zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr. An diese Ereignisse kann sich laut Forschung jeder Mensch gut erinnern. Das liegt unter anderem daran, dass diese Zeit der Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter ist. Die oft einzigartigen Erlebnisse in dieser Zeit spielen für uns eine wichtige Rolle.
Eine Hilfe, um Erinnerungen aufzufrischen sind Fotos oder Videos. Besonders gern werden damit Familienfeste oder Urlaube festgehalten. Nutzlos sind allerdings die Bilder, die nach "japanischer Art" entstanden sind: Hinfahren, aussteigen, knipsen und weiter zum nächsten Highlight. Auf diese Weise speichern wir nur, die Erfahrung bleibt auf der Strecke. Zu solchen Fotos fehlen die Geschichten, und damit verliert sich die Fähigkeit, mit der Vergangenheit umgehen zu können. Wir werden geradezu geschichtslos.
"Ohne Erinnerungsfähigkeit geht das Gefühl für die Identität und zugleich für die Gemeinschaft verloren", haben Wissenschaftler herausgefunden. Weil Erinnerungen immer nur bruchstückhaft und subjektiv sind, brauchen wir andere Menschen, die sie ergänzen und korrigieren können. Durch gemeinsames Erinnern werden wir Teil voneinander. Kaum etwas verbindet Menschen so stark miteinander, wie das Band einer gemeinsamen Vergangenheit.
"Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann", besagt eine alte Weisheit. Nicht selten hört man jemanden sagen: "Wenigstens habe ich die Erinnerung, die kann mir niemand mehr nehmen." Das sagt zum Beispiel ein Mann, dessen Frau gestorben ist. Als er über die Zeit des ersten großen Schmerzes hinweg ist, erzählt er von gemeinsamen Urlauben, von den Kindern und was sie alles gemeinsam durchgestanden hatten. Er macht die Erfahrung, dass viele negative Ereignisse in seiner Erinnerung kaum mehr vorkommen. "Vielmehr werde ich immer dankbarer, desto mehr ich mich erinnere." Sicher, bestimmte einschneidende Erlebnisse sind ihm noch klar vor Augen. Doch das Positive überwiegt.
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Gott gedenken

Erinnerungensind wichtig für unser Leben. Auch wichtig für unser Glaubensleben. Nicht umsonst gibt es einen Sonntag mit dem Namen "Reminiszere". Reminiszere (auch reminiscere) kommt aus dem Lateinischen und heißt "gedenken, erinnern". Der 2. Fastensonntag ist nach den lateinischen Anfangsworten des Introitus Psalm 25, 6 benannt: "Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit...".
Einem Menschen kann man kaum etwas Tröstlicheres sagen als: "Ich vergesse dich nicht, ich denke gern an dich". So ist es auch im Glauben. Der Sonntag Reminiszere, aber auch jeder andere Gottesdienst und besonders jede Abendmahlsfeier eignen sich gut, an Gott zu denken. "Ihn zu feiern, sich seiner Taten zu erinnern und gewiss sein, dass er uns nicht vergisst (Psalm 27, 10)", so der Benediktinermönch Basilius Doppelfeld. Die Erinnerung an das, was wir bereits mit Gott erlebt haben, fördert das Vertrauen in Gott und stärkt den Glauben.

Karin Ilgenfritz

Lesetipps: "Psychologie Heute", Ausgabe März 2000; Basilius Doppelfeld, Erinnern, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 1998, 80 Seiten, 5,40 Euro

 


 

Gottes Quelle der Liebe versiegt nie

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Römer 5, 1 - 5



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Foto: Wodicka
 

Gleich bei der ersten Zeile dieses Bibeltextes denke ich an Martin Luther. Ich denke an den Film, der in den letzten Wochen und Monaten in den Kinos lief und der mir richtig Lust auf meinen lutherischen Glauben gemacht hat. Die Befreiung, die Luther erlebt hat, kann ich gut nachvollziehen: Ich bin gerecht vor Gott - einfach nur weil ich an ihn glaube. Weil ich glaube, dass Jesus als Mensch gelebt hat, dass er gestorben und auferstanden ist. Und weil ich glaube, dass das alles etwas mit mir zu tun hat: Durch Jesu Leben, Sterben und Auferstehen haben wir als Christen den Zugang zur Gnade Gottes. So wie es Paulus hier an die Römer schreibt. Mit "wir" meint er sich ebenso wie die Römer und alle anderen Christen.
Sich der Herrlichkeit Gottes rühmen? Ja sicher, das geht in Ordnung. Ist ja wirklich prima, dass der christliche Glaube im Grunde so einfach funktioniert. Dann aber kommt es: Sich der Bedrängnisse rühmen? Froh sein, dass es Probleme gibt? Dass ich mich bedrängt fühle? Da wird's schon schwieriger.
Andererseits: Jeder Mensch hat in seinem Leben immer wieder Probleme. Ein Leben ohne Bedrängnis gibt es nicht. Letztlich beschreibt Paulus hier ganz grob den positiven Umgang mit Problemen: Wer Schwierigkeiten akzeptiert und sich damit auseinandersetzt braucht Geduld. Geduld mit sich und möglicherweise auch mit anderen, die in seine Probleme mitverwickelt sind. Mit dem Aufbringen von Geduld ist er schon wieder ein Stück weiter und setzt sich aktiv mit den Schwierigkeiten auseinander. Hoffnung kommt dann meistens ganz von allein. Ohne Hoffnung wird ein Mensch lebensunfähig. Sie keimt selbst dann auf, wenn es wenig Hoffnung gibt. "Hoffnung lässt nicht zuschanden werden", schreibt Paulus. Auch wenn die Hoffnung noch so unrealistisch sein mag. Wer hofft, sieht einen Grund und ein Ziel in seinem Leben. Gott ist mit mir, er liebt mich. Dass das in meinem Leben spürbar wird - diese Hoffnung bleibt immer. Paulus verwendet eine schöne Metapher: "Die Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen." Beim Wort gießen denke ich daran, dass es langsam Frühling wird. Die Gärten werden bald wieder bunt und die Frühlingsblumen werden gegossen. Wasser ist ihre Lebensgrundlage. Wasser ist auch unsere Lebensgrundlage - was unseren Körper betrifft. Unsere Seele braucht etwas anderes. Sie blüht auf, wenn Gott seine Liebe in unsere Herzen gießt. Sie will uns erquicken und erfrischen. Weil wir sie haben, können wir wachsen.
Wachsen im Glauben, aber auch im Handeln. Die Liebe Gottes ist eine erfrischende Quelle in Wüstenzeiten: Sie erfrischt uns und gibt uns Kraft, sie an andere Menschen weiterzugeben. Damit niemand in Zeiten der Dürre und Trostlosigkeit ohne Hoffnung leben muss. Diese Quelle versiegt nie. Gott selbst ist das Wasser des Lebens. Eine Zusage, die wir uns immer vor Augen halten können.

Karin Ilgenfritz, Schweinsdorf

Wir beten: Gnädiger Gott, von deiner Liebe leben wir. Sie ist wie eine erfrischende Quelle, die uns immer wieder neu aufleben lässt. Lass uns deinen Frieden erfahren, damit er wirksam wird in unserem Leben und Handeln. Stärke durch deinen Geist unsere Gewissheit und unsere Hoffnung. Amen.

Lied 171: Bewahre uns Gott

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