Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 7)

Religionsfreiheit mit Tücken

Eine lutherische Gemeinde im neuen Russland

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Die lutherische Gemeinde in Omsk
   

Stürmisch pfeift der trockene Januarwind um das moderne evan-gelisch-lutherische Gotteshaus am Ufer des breiten Irtysch. Der träge Fluss ist schon seit Mitte November letzten Jahres zugefroren. Mutige Autofahrer nutzen die natürliche Brücke aus Eis, um schneller ans andere Ufer zu gelangen. Zum sonntäglichen Gottesdienst hingegen machen sich in diesen Tagen immer weniger Besucher auf den Weg zu der roten Backsteinkirche.

Beißender Frost

Vereiste Gehsteige und beißender Frost im zweistelligen Minusbereich zwingen viele alte Gemeindemitglieder in die geistige Hungerzeit. Doch mit Petrus Launen wissen sowohl die alten Lutheraner als auch ihr deutscher Bischof für den Ural, Sibirien und den Fernen Osten, Volker Sailer, gut zu leben. Irdische Probleme ganz anderer Art haben es weit mehr in sich.
Da ist zum Beispiel die Registrierung der landesweit wiederbelebten Gemeinden, für die ihre Kirchenvor-steher starke Nerven benötigen. Davon kann auch der 1997 von der Hannoverschen Landeskirche entsandte und in Russland ordinierte Bischof ein Lied singen. Schon viermal hat das vom Ural bis zum Pazifik zuständige evangelisch-lutherische Oberhaupt seine Omsker Gemeinde neu registrieren müssen.

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Volker Sailer ist seit 1997 als evangelisch-lutherischer Bischof in Sibirien tätig.
   

Ständig denken sich die Behörden neue Gesetze aus, die eine erneute Eintragung erforderlich machen. "Der Staat verschärft die Religionsgesetze zugunsten der Orthodoxen Kirche. Alle anderen Glaubensgemeinschaften dagegen werden an die Wand gedrückt oder gar als Sekten bezeichnet", klagt der 60-jährige Geistliche aus Württemberg.
Das Wichtigste aber ist, dass die Kirche lebt. Zwar haben 70 Jahre der kommunistischen Verfolgung ihren Tribut gefordert. Gänzlich untergegangen ist die lutherische Gemeinschaft in der flächenmäßig größten Eparchie der Welt aber nicht. Von den rund 700 offiziell registrierten Mitgliedern in der westsibirischen Industriemetropole ist allerdings weit über die Hälfte längst nach Deutschland ausgewandert. Verblieben sind rund 100 aktive Kirchgänger, die große Mehrheit davon ältere Frauen.
Wer sich zum Bleiben entschieden hat, dem bietet das 1993 von der Bundesrepublik und der Hannoverschen Landeskirche errichtete "Christuskirchen- und Begegnungszentrum" ein neues, geistiges Zuhause. Seither teilt sich die Gemeinde zwar wieder ein Dach, nicht aber eine gemeinsame Sprache. "Es gibt nur einen ganz schmalen Generationsausschnitt, der Russisch und Deutsch so gut beherrscht, dass er ohne Schwierigkeiten von der einen in die andere Sprache wechseln kann", beobachtet der Bischof.
Trotz des geistlichen Neuanfangs in Sibirien schielten viele Lutheraner weiter nach den "Fleischtöpfen an der Wolga", kritisiert Sailer den allzu idealisierten Blick zurück zur alten Heimat. Das hindere seine Gemeinde, etwas Neues hier und jetzt aufzubauen. "Wir dürfen die junge Generation nicht mehr auf die alte Zeit verpflichten."
Das haben viele Glaubensbrüder eingesehen - und sind deshalb gleich in die neue alte Heimat ausgewandert. Die große Ausreisewelle der Neunziger Jahre hat auch der hiesigen Gemeinde zugesetzt. "Seit ich hier bin, haben wir schon acht Mal unseren Chor gegründet. Kaum läuft er wieder, wandern erneut zwei Sänger aus, die die Stimmen tragen, und die Arbeit beginnt von vorn." Dafür ziehen viele Umsiedler aus den zentralasiatischen Nachbarrepubliken nach, so dass sich die Abwanderung zumindest teilweise ausgleicht. Manche entlegene Gemeinde stirbt dagegen ganz aus.
"Viele Menschen verschweigen, dass sie die Koffer packen", weiß Sailer aus Erfahrung. "Oftmals ist die Großmutter die treibende Kraft in einer Großfamilie und nimmt rund zwei Dutzend Angehörige mit nach Deutschland. Daran kann eine ganze Gemeinde hängen."

Eine Reiseleiterin vom KGB

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Das mit deutscher Hilfe errichtete "Christuskirchen- und Begegnungszentrum". Fotos: Stefan Bruder
   
Die ersten Kontakte nach Osten knüpfte Sailer noch zu Sowjetzeiten. 1988 unternahm der damals in Großbettlingen, am Fuß der Schwäbischen Alb, tätige Pastor mit einer deutschen Reisegruppe des Missionsbundes "Licht im Osten" eine Fahrt jenseits des Eisernen Vorhangs. Das Reiseziel war - aus Sicht der Partei - ein Besuch in der Höhle des Löwen, nämlich eine Erkundigungsfahrt zu den weit verstreuten östlichen Gemeinden. "Wir waren die erste Reisegruppe aus dem Westen, die sie besuchte, ganz offiziell und ohne Vorwand, eine Wirtschafts- oder Kulturdelegation zu sein", erinnert er sich. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten mutige Einzelpersonen lediglich ihre Taschen mit christlicher Literatur gefüllt und sich so auf ihre heikle Mission zu den isolierten Glaubensbrüdern aufgemacht. Jetzt erteilte der Kreml den Deutschen seinen politischen Segen - und schickte eine Offizierin des KGB als "Reiseleitung".
Mit Gorbatschows Tauwetterpolitik durften sich zu diesem Zeitpunkt bereits in allen Sowjetrepubliken wieder offiziell Gemeinden bilden. "Das war die Zeit des Aufbruchs. Damals war vieles machbar, was heute nicht mehr möglich ist", konstatiert der Bischof nachdenklich. "Die Zeit der kommunistischen Unterdrückung und der Christenverfolgung ist vorbei. Jetzt hat der Streit um die Vorherrschaft der Religionen begonnen, den in Russland die Orthodoxe Kirche für sich entschieden hat", stellt Sailer die Ironie der Geschichte fest. Denn auch die Orthodoxe Kirche hatte, wie andere Glaubensgemeinschaften, unter den staatlichen Repressionen gelitten. Offiziell anerkannt werden heutzutage darüber hinaus nur noch der Islam und das Judentum.

Stefan Bruder

 

 


 

Das Wort Gottes ist Licht auf dem Weg

"Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege."

Psalm 119, 105



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Das Wort Gottes ist Licht auf dem Weg - gerade in schwerer Zeit. In Jesus bekam dieses Wort "Hand und Fuß". Foto: Wodicka
 

Erst kürzlich erinnerte eine ältere Dame in der Bibelstunde an ihren Konfirmationsspruch, der sie von Jugend an begleitet hat. Gerührt erzählte sie von der Kraft dieses Wortes, die sie in schwerer Zeit spürte. Hell leuchteten ihre Augen, als sie vom Grundton der Zuversicht sprach, der damit durch ihr Leben klingt. So wurde dieser Frau ein biblisches Wort zum Wort Gottes im Leben - zum Licht auf dem Weg.
Ich denke an Martin Luther, dem nach langen inneren und äußeren Kämpfen bei der Lektüre des Römerbriefes ein Licht aufging. Es war das Licht der Erkenntnis, dass Gott den Menschen nicht wegen seiner vermeintlich guten Werke, sondern allein aus Gnade durch den Glauben annimmt. Der Reformator sagte später von dieser Erfahrung mit dem Wort Gottes: "Jetzt fühlte ich mich neu geborgen, die Türen waren aufgegangen und ich war ins Paradies eingetreten."
Viele Menschen kennen Worte, die sie prägen und begleiten, die ihnen Orientierung sind und auch Korrektur. Es sind Worte, die sich in der Bibel finden, oder auch Worte, die von der Bibel her im Geiste Jesu Christi weitergegeben werden - in der Predigt, im seelsorgerlichen Gespräch, bei der Begegnung auf der Straße von Freund zu Freund. Worte im Geiste Jesu Christi gesprochen, nehmen den anderen Menschen in seiner Situation wahr, sind ehrlich und echt, erfüllt von der Liebe Gottes zum Menschen - Wort Gottes heute, durch das Menschen spüren: Gott ist da!
"Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege." - Der Psalmbeter preist die Bedeutung der Gebote Gottes für ein gelingendes Leben. Durch Jesus Christus wissen wir, dass vor allem Gebot die Liebe Gottes zu den Menschen steht, die selbst vor dem Tod nicht Halt macht. Mit der Liebe Gottes als Vorzeichen werden die Gebote zu wohltuenden Wegweisern im Labyrinth einer immer komplizierter werdenden Welt, zu hellen Lichtern in dunkler Zeit. Jesus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: "Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung." Und diese Liebe beinhaltet ganz wesentlich die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden - im Bereich der Familie, in Gemeinde und Kirche, in der Gemeinschaft der Völker und Religionen.
Das Wort Gottes ist Licht auf dem Weg - gerade in schwerer Zeit. In Jesus wurde das ewige Wort Gottes Mensch - fassbar, sichtbar, spürbar - bekam das Wort "Hand und Fuß". Der Liedermacher Horst Bracks beschreibt sehr trefflich, wie ein Leben im Licht der Liebe Jesu Christi aussehen kann: "Erfrischt euch, beschenkt euch mit Worten und Gesten und öffnet die Arme zum Halten und Trösten. Nach Zeiten des Schweigens ‚Ich liebe dich' sagen, und Gott als Quelle der Liebe erfahren!" - Licht auf dem Weg.
Hans-Martin Lechner
Dekan in Bad Berneck

Wir beten: "Gott, ich suche Halt und Hilfe: Gib mir ein Wort, das mich trifft, und mach mich offen für dich. Amen." (EG 674, 2)

Lied 198, 1-2: Herr, dein Wort, die edle Gabe.

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