Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 3)

Depression hat viele Gesichter

Die psychische Erkrankung ist in 80 Prozent der Fälle heilbar

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Mehr Frauen (24 Prozent) als Männer (15 Prozent) neigen zu Depressionen.
   

"Alles ist grau, anstrengend und überflüssig. Alles. Das Leben macht mich müde. Ich möchte mir die Decke über den Kopf ziehen und nichts mehr sehen und hören", schildert ein Mann seinen Gemütszustand. "Das Leben ist so zäh und ich frage mich, was das alles überhaupt soll. Ich habe das alles so satt und bin des Lebens müde." Mit solchen Gedanken und Gefühlen ist dieser Mann nicht allein: In Deutschland sterben mehr Menschen pro Jahr durch Selbstmord (rund 11.000) als durch Verkehrsunfälle (rund 7.000), Drogen (rund 1.800), Mord (rund 900) und Aids (rund 900) zusammen. Erschreckend. Fast jeder fünfte Deutsche hat mindestens einmal im Leben mit Depressionen zu kämpfen. Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen.

Gute Heilungschancen

Es gibt auch eine positive Nachricht: 80 Prozent der depressiven Erkrankungen können erfolgreich behandelt werden und damit kann ein Großteil der Selbstmorde und -versuche verhindert werden. Nur müssen die Betroffenen sich die Hilfe auch holen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Weniger als die Hälfte der erkrankten Menschen erhalten fachliche Hilfe. "Der erste Schritt, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist der schwerste", so Günter Niklewski und Rose Riecke-Niklewski in ihrem Buch "Depressionen überwinden". Viele Menschen brauchen dabei Unterstützung.
Doch vorher noch ein Wort zur Depression. Die psychische Erkrankung hat verschiedene Ursachen und Symptome, hat viele Gesichter. Eine Depression ist mehr als vorübergehend schlechte Laune, mehr als Niedergeschlagenheit und Traurigkeit und mehr als ein kurzer Durchhänger. Depressionen beeinträchtigen den gesamten Alltag und sind nicht durch Willenskraft und gute Vorsätze zu beeinflussen. Sie sind nicht zu verwechseln mit einem Stimmungstief. Tage, an denen einem nichts passt, an denen es keinen Grund zur Freude gibt und negative Gefühle überwiegen, kennt jeder Mensch. Solche Tiefs sind vorübergehend und in den Griff zu bekommen. Eine typische Depression dagegen dauert ohne Behandlung durchschnittlich sechs bis zwölf Monate. Eine lang andauernde Depression dauert unbehandelt mehrere Jahre. Außerdem ist ohne Behandlung das Risiko von wiederkehrenden depressiven Episoden höher. "Die Sterblichkeitsrate durch Selbsttötung bei einer unbehandelten schweren Depression beträgt zehn bis fünfzehn Prozent", so die Autoren Niklewski. Das zeigt, wie wichtig es ist, sich von professioneller Seite helfen zu lassen.
Das wesentliche Symptom einer Depression ist die niedergedrückte Stimmung. Depressive Menschen erleben und empfinden alles wie durch eine dunkle Brille. Diese Stimmung kann ganz plötzlich auftreten. "Als sei ein Schalter in meinem Kopf umgelegt worden", berichtet einer. Manche Menschen berichten, sie haben etwas Trauriges erlebt und sind aus dieser traurigen Verstimmung nicht mehr herausgekommen. Andere wieder können sich gar nicht erinnern, sich jemals anders als niedergeschlagen gefühlt zu haben. Zur Depression gehören oft Gedanken wie "Ich kann nichts", "Ich bin doch nichts wert" oder auch Angstgefühle. Manche Menschen leiden unter extremer Antriebslosigkeit, jede Bewegung ist ihnen zu viel. Wieder andere erleben gerade das Gegenteil: Sie fühlen sich wie unter Strom und sind von dauerhafter Unruhe gequält. So könnte die Liste fortgesetzt werden.
Daneben gibt es auch körperliche Symptome einer Depression. Zum Beispiel vergeht manchen Erkrankten regelrecht der Appetit, sie bekommen keinen Bissen hinunter und es kann zu drastischem Gewichtsverlust kommen. Auch Schlaflosigkeit und Einschlafprobleme treten häufig auf. Und nicht zuletzt verlieren depressive Menschen die Lust an der Sexualität.

Viele Erklärungsansätze

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Allerdings nehmen sich mehr Männer als Frauen das Leben. Laut Statistik brachten sich im Jahr 2001 in Deutschland über 8.100 Männer und knapp 3.000 Frauen um. Bei den Frauen fällt auf, dass jeder zweite Selbstmord von einer über 60-Jährigen unternommen wurde. Fotos: Wodicka
   
Es gibt zahlreiche Modelle, die beschreiben und erklären wollen, wie eine Depression entsteht. Sowohl psychische als auch biologische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Manche Depression beruht unter anderem auf einer Stoffwechselstörung. In so einem Fall muss mit Medikamenten behandelt werden. Außerdem gibt es verschiedene psychologische Ansätze. Zum Teil unterscheiden sie sich sehr von einander, doch schreiben sie alle der lebensgeschichtlichen Vergangenheit eine wichtige Rolle bei der Entstehung einer Depression zu.
Dem Psychologen C. G. Jung wird folgender Satz zugeschrieben: "Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat."
Es wäre also gänzlich falsch, diese psychische Erkrankung herunterzuspielen oder zu ignorieren. Wer meint, er oder ein Angehöriger leidet an einer Depression, sollte sich unbedingt Hilfe holen. Erster Ansprechpartner können der Hausarzt sein, eine psychosoziale Beratungsstelle, ein Psychotherapeut oder auch die Telefonseelsorge (0800/1110111). Die übliche Behandlungsart ist eine Psychotherapie, die von medikamentöser Behandlung begleitet werden kann. Es gibt verschiedenste Arten der Psychotherapie. Welche geeignet ist, entscheiden Betroffene zusammen mit dem Arzt, Psychologen oder Therapeuten.
Ein erfolgreicher Immobilienmakler litt an einer schweren Depression. In der Phase der Besserung wurde ihm bewusst, dass er sein Leben nicht so weiterführen möchte, wie vorher. Er wollte weniger arbeiten, um mehr Zeit für sich, seine Familie und Freunde zu haben. Die Depression hatte ihm einiges verraten. Mit Hilfe einer Psychotherapie hat er die Veränderungen geschafft.

Karin Ilgenfritz

Buchtipp: Depressionen überwinden, Stiftung Warentest, Berlin 2003, 272 Seiten, 19,95 Euro; Die Autoren Dr. med. Dr. phil. Günter Niklewski und Dr. phil. Rose Riecke-Niklewski praktizieren in Nürnberg.

 

 


 

In der schöpferischen Liebe leben

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Römer 12, 9-16



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Einen Menschen in der Liebe zu sehen, das heißt, das Gute an ihm zu entdecken. Es bedeutet aber auch, das Böse an ihm zu verwerfen. Foto: Wodicka
 

Diese Worte aus dem Römerbrief sind keine komplizierte Theologie. Sie sind klar und verständlich, für unseren Alltag geschrieben. Wie leicht fällt es uns, ihnen zuzustimmen. Ja, so soll unsere Gemeinschaft sein: Aufrichtig, herzlich, selbst den Feinden Gutes wünschend, Anteil nehmend in guten wie in schlechten Zeiten, von Demut und Einmütigkeit geprägt. Kurz gesagt: Voll von aufrichtiger Liebe in Gedanken, Worten und Werken.

Doch wenn ich mein Leben anschaue, trage ich oft selbst dazu bei, dass es nicht liebevoll zugeht: Ein gar nicht freundlicher Gedanke an einen Arbeitskollegen, der mir beruflich Unrecht getan hat. Oder ich denke wenn ich etwas "Wichtiges" zu tun habe: "Warum weinen die Kinder denn jetzt schon wieder - ich habe jetzt wirklich keine Zeit!" Ich könnte viele Beispiele nennen. So gern wir es auch wollen, in der Liebe zu leben fällt uns heute genauso schwer wie den Christen in Rom, denen diese Ermahnungen vor 2000 Jahren galten. Und es fällt uns so schwer wie Paulus selbst, der hier mahnt. Er sagt von sich selbst: "Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich."

Trotzdem schreibt Paulus diese Ermahnungen. Er weiß: Es lohnt, diese Ziele klar zu benennen. Denn jeder Schritt auf dem Weg zu ihnen bewirkt für uns und die Menschen in unserer Umgebung Gutes. Aber Paulus weiß auch: Es wird immer eine Spannung geben zwischen unserem Leben und diesem großen Anspruch. Es gibt sie in uns selbst und genauso bei den Menschen mit denen wir zusammenleben.

Wie können wir in dieser Spannung leben? Der Text gibt Hilfestellung, so heißt es im ersten Vers: Die Liebe sei "ohne Falsch". Es ist die Auforderung zur Ehrlichkeit gegen mich selbst. Es tut gut, das, was mir zu schaffen macht, ans Licht zu holen. Wenn wir unsere Schwäche und Lieblosigkeit ehrlich ansehen, dann können wir sie Gott hinhalten. Gott hat mehr Liebe zu uns als wir selbst. Er wird uns immer wieder in seine Arme schließen, uns trösten und aufrichten. Durch seine Liebe gestärkt können wir uns wieder auf den Weg machen, selbst zu lieben.

Den zweiten Teil des Verses kann man als Anleitung lesen, die Menschen in unserer Nähe zu sehen: "Hasst das Böse, haltet fest am Guten". Ich wachte heute morgen neben meiner 4-jährigen Tochter auf. Als ich die Augen aufmachte, streichelte Sie mir über das Gesicht und sagte einfach: "Papa, du bist so gut". Was war das für ein wunderbarer Start in den Tag. Da war jemand, der mich liebte, der das Gute in mir gesehen hat - obwohl ich heute noch gar nichts dafür getan hatte. Etwas in mir hat sich in diesem Moment verändert.

Einen Menschen in der Liebe zu sehen, das heißt, das Gute an ihm zu entdecken oder wo es nicht sichtbar ist, es zu glauben. Es heißt auch, das Böse an ihm zu verwerfen. Das Böse, das er tut, darf meine Gedanken über diesen Menschen nicht länger bestimmen. Eine solche Liebe, die das Beste erwartet, hat die Kraft Menschen zu verändern. Sie ist eine schöpferische Liebe. Sie sieht schon das Gute, das durch sie erst entstehen wird. Es ist die Liebe Gottes zu seinen Menschen, an der wir teilhaben.

Christian Schwarz,
Prädikant in München

Wir beten: Gott unser Vater, Du hast Deinen Sohn in die Welt gesandt, um uns Deine Liebe zu zeigen.
Lass diese Liebe in unserem Leben wirksam werden. Hilf uns, dass wir uns selbst und unsere Nächsten in deinem Licht sehen. Amen.

Lied 73: Auf, Seele, auf.

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