Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.

Thierse ruft Politiker zu "biblischer Gelassenheit" auf

Sonntagsblatt-Interview mit dem Bundestagspräsidenten, dem zweiten Mann im Staat

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Stand dem Sonntagsblatt Rede und Antwort: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Foto: Saalfrank
   

Seit fünf Jahren ist Wolfgang Thierse der zweite Mann im Staat. Im Herbst 1998 wurde der Kulturwissenschaftler zum Bundestagspräsidenten gewählt. 2002 bestätigte ihn das Parlament in diesem Amt. Der engagierte Katholik gehört dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken an. Mit dem 60-jährigen SPD-Politiker sprachen in Berlin die Chefredakteure Günter Saalfrank (Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern) und Reinhard Heubner (Kasseler Sonntagsblatt).

 

Sonntagsblatt: Der Parlamentarismus ist offensichtlich in der Krise: Die Beteiligung an Wahlen sinkt, Menschen wenden sich enttäuscht ab von Parteien. Was kann Ihrer Meinung nach getan werden, damit vor allem junge Leute wieder Zugang zur Politik finden?

Thierse: Man sollte mit dem ständigen Gerede von der Krise des Parlamentarismus aufhören. Denn so sehr ist er nicht in der Krise. Es gibt allerdings einen dramatisch abnehmenden Respekt vor den Institutionen unserer Demokratie. Das hat auch damit zu tun, dass Menschen angesichts notwendiger massiver Veränderungen in der Gesellschaft ein Grundgefühl von Angst haben, ob sie etwa dabei unter die Räder kommen. Als politisch Verantwortliche müssen wir die Veränderungen noch viel besser erklären, um die schmerzlichen Maßnahmen durchzusetzen.

Unterschiedliche Personen

Sonntagsblatt: Das Bild mancher Abgeordneter ist allerdings keine gute Visitenkarte. Oft erscheinen sie in unseren Wahlkreisen wie hofierte Fürsten. Macht Politik zu eitel?

Thierse: Ich hoffe nicht. Abgeordnete sind so unterschiedlich wie Menschen sonst auch: Da gibt es neben eitlen und eingebildeten Personen ebenso fleißige und engagierte. Kein Abgeordneter kann sich wirklich leisten, so etwas wie ein fauler Fürst zu sein. Dann wählen ihn die Wähler nicht mehr.

Sonntagsblatt: Der Reichstag hier ist ein Symbol deutscher Geschichte. Auch die dunklen Kapitel kommen hier vor, zum Beispiel, wenn im Januar an die Befreiung des KZ Auschwitz gedacht wird. Wie geht es Ihnen da, wenn Sie im Plenum Menschen wie den umstrittenen CDU-Politiker Martin Hohmann sehen?

Thierse: Als Parlamentspräsident gehört es nicht zu meinen Aufgaben, Urteile über einzelne Personen öffentlich abzugeben. Alle Politiker haben die Pflicht, antisemitischen Vorurteilen entgegenzutreten. Es gehört zu den Grundfesten unserer Demokratie nach 1945, dass wir Gefährdungen wie Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus wehren, die Deutschland schon einmal erlebte. Das muss auch fast 60 Jahre nach dem Krieg eine bleibende Aufgabe sein. Darin sind sich alle demokratischen Parteien einig.

Sonntagsblatt:Viele Menschen in unserem Land denken so wie Herr Hohmann "Deutschland zuerst den Deutschen!". Was ist daran so falsch?

Thierse: Dass wir Deutsche ein legitimes Eigeninteresse haben, ist unbestritten. Das sollte man niemanden übel nehmen. Nur: In unserem Grundgesetz steht nicht "Die Würde des Deutschen ist unantastbar", sondern "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Dieses verpflichtet uns, alle Menschen gleichermaßen in ihrer Menschenwürde zu respektieren - unabhängig von ihrer sozialen Stellung, ihrer weltanschaulich-religiösen Überzeugungen, und ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Dieses friedliche Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Überzeugung und Zugehörigkeit ist in unserem Land immer wieder neu zu lernen.

Sonntagsblatt: Die Diskussion um die Vergangenheit nervt manche Bürgerinnen und Bürger. Warum sind die Themen "Judentum" und "Israel" für viele immer noch Reizthemen?

Thierse: Es gehört zu den falschen Klischees, zu behaupten, man dürfe in Deutschland die Politik des Staates Israel nicht kritisieren weil man damit sofort unter Antisemitismusverdacht gerate. Das stimmt nicht. Als Deutsche sollten wir nicht die besserwisserische Art von Kritik, sondern eine solidarische Kritik üben, denn wir gehören mit zu den Ursachen dieses Staates und seiner Probleme. Schließlich hat der deutsche Antisemitismus diesen Staat mit erzeugt. Zum Umgang mit der Vergangenheit gilt: Als Deutsche müssen wir im Bewusstsein halten, dass unsere Geschichte basiert auf dem Zusammenbruch eines verbrecherischen Regimes, dessen wichtigstes Verbrechen die Verfolgung der europäischen Juden war. Hier gilt es, nichts zu übertreiben, nichts zu beschönigen, nichts zu verdrehen.

Sonntagsblatt: Europa ist geprägt durch seine christlich-jüdische Tradition. Halten Sie es für notwendig, dieses Erbe in die EU-Verfassung aufzunehmen, etwa durch den Got-tesbezug wie bei uns im Grundgesetz?

Thierse: Ich bin entschieden dafür, den Gottesbezug in die EU-Verfassung aufzunehmen. Allerdings ist dieser Versuch am Widerstand lai-zistischer Staaten wie Frankreich und Belgien gescheitert. Ich halte es für vernünftig, dass sich Europa zu seinen geschichtlichen moralischen Wurzeln bekennt, die seine gegenwärtige Identität wesentlich mit ausmachen. Es macht keinen Sinn sich nur auf die Tradition der Aufklärung und des Humanismus zu beziehen und einfach zu vergessen, dass dieser Kontinent über 2000 Jahre durch die christliche Religion geprägt worden ist.

Sonntagsblatt: Sehen Sie noch eine Chance, den Gottesbezug in die EU-Verfassung einzubringen?

Thierse: Ich halte es für sinnvoll, diesen Versuch bis zum Schluss zu machen, aber nicht fanatisch zu übertreiben. Denn dieser europäische Verfassungsentwurf ist ein großer Fortschritt, den sollte man nicht scheitern lassen.

Keine falsche Toleranz

Sonntagsblatt: In islamischen Ländern werden Christen oft verfolgt, christliche Symbole sind verboten. Ist man in Deutschland, wo zwei Drittel der Bevölkerung Christen sind, zu tolerant gegenüber anderen Religionen, besonders im Blick auf deren religiöse Symbole?

Thierse: Die Toleranz in unserem Land sollten wir nicht davon abhängig machen, wie tolerant es in anderen Ländern zugeht. Der Respekt vor anderen Menschen und ihren Überzeugungen folgt aus der Geschöpflichkeit und Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Für das Gespräch zwischen Christentum und Islam ist wichtig, nicht nur Toleranz selber vorzuleben, sondern auch Toleranz von der islamischen Welt einzufordern. In den meisten islamisch geprägten Staaten gibt es keine religiöse Toleranz, keine Trennung von Kirche und Staat und auch keine deutliche Unterscheidung von Religion und Politik. Diese Errungenschaften der europäischen Geschichte sind der islamischen Welt "abzufordern", um eines friedlichen Zusammenlebens der Religionen und der Kulturen auf der ganzen Welt willen. Sonntagblatt:Was halten Sie von einemVerbot des Kopftuches für muslimische Lehrerinnen wie in Bayern und in Württemberg geplant?

Thierse: Es scheint ein gewisser Widerspruch zu sein, wenn das Verfassungsgericht vor einigen Jahren gesagt hat, es bedarf eines Gesetzes, um ein Kreuz in einer Schulklasse zu erlauben. Und es nun heißt, ein Gesetz ist nötig, um ein Kopftuch zu verbieten. Das ist für einen Nichtjuristen nicht leicht zu verstehen. Bei Beamten gibt es eine besondere Neutralitäts- und Treuepflicht gegenüber den Grundprinzipien der staatlichen Ordnung. Insofern verstehe ich, dass es eine Reihe von Ländern gibt, die der Aufforderung des Verfassungsgerichts Folge leisten und jetzt eine gesetzliche Regelung erarbeiten. Ich bin neugierig darauf, wie das Verfassungsgericht dann reagieren wird, wenn diese gesetzlichen Regelungen wohl wieder in Karlsruhe landen werden.

Kultur des Diskurses

Sonntagsblatt: Sie haben sich einmal als evangelischer Katholik bezeichnet. Was schätzen Sie an der evangelischen Kirche?

Thierse: Das bezeichnet zunächst eine biografische Prägung. Als katholischer Christ in der DDR war die evangelische Kirche auch deshalb wichtig, weil sie viele Konflikte ausgetragen hat, die auch meine Konflikte waren: Die Konflikte der christlichen Existenz in einem kirchenfeindlichen Staat. Bei der evangelischen Kirche gefällt mir, dass sie durch eine Kultur der individuellen ethischen Verantwortung geprägt ist. Eine Kultur des Diskurses unter Christen, die den gleichen Glauben haben, aber in vielen Fragen unterschiedlicher Meinung sind, obwohl sie sich gleichermaßen auf die Bibel berufen. Das ist wichtig für eine moderne, für eine offene Kirche, die immer beides miteinander verbinden muss: Überzeugungstreue und die Vielfalt von konkreten Lebensentwürfen und konkreten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entscheidungen.

Sonntagsblatt: Besonders in den neuen Bundesländern hat die atheistische Vergangenheit massive Spuren hinterlassen. Die meisten Menschen gehören nicht einer Kirche an. Müssen die Kirchen die Mission im eigenen Land wieder entdecken?

Thierse: Es gehört zum Wesen von Kirche, dass sie nicht bei sich bleiben will. Das bedeutet immer mehr als nur soziale Verantwortung und Nächstenliebe. Es meint auch die Weitergabe der frohen Botschaft, von der Christen überzeugt sind, dass sie den Menschen hilft und zu ihrem Heil beiträgt: Als Botschaft der Befreiung zu einem guten und sinnvollen Leben. Weil das Wort Mission ein bisschen in Verruf gekommen ist, spreche ich lieber von der ansteckenden, einladenden Weitergabe der eigenen Hoffnung. Ich wünsche mir, dass dies die Kirche und die Christenmenschen wieder mehr tun.

Hoffung weitergeben

Sonntagsblatt: Das heißt, die Entwicklung, dass die Zahl der Christen in unserem Land zurückgeht, nicht einfach als Gott gegeben hinzunehmen?

Thierse: Die Kirchen im Westen Deutschlands werden sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass sie keine Volkskirche mehr darstellen. Sie sind auf dem Weg, Minderheitenkirchen zu werden. Dabei kommt es darauf an, sich nicht einzuigeln, sondern sich offen zu halten und einladend zu sein - also nicht mit Angst und Sorgenfalten auf die Entwicklung zu reagieren, sondern mit der ansteckende Weitergabe der eigenen Hoffnung.

Sonntagsblatt: Deutschland steht vor riesigen Herausforderungen oder vor großen Reformen. Christen mahnen Gerechtigkeit an. Wo muss das vor allem deutlich werden?

Thierse: Gerechtigkeit heißt nicht, niemandem Schmerzen bereiten zu dürfen und Veränderungen zu verhindern, nur weil sie unbequem und mit Einbußen verbunden sind. Es muss bei der Verteilung von Lasten und Chancen sehr gerecht zugehen. Sowohl die Alten wie die Jungen müssen gleichermaßen an den Veränderungen beteiligt werden, um die Sozialsysteme zukunftsfähig zu machen. Die Last der Verteuerung der Systeme darf nicht allein den jetzt Arbeitenden übertragen werden. Andererseits darf nicht nur von den Alten verlangt werden, dass sie Renteneinbußen hinnehmen. An den nötigen Veränderungen müssen die verschiedenen Teile dieser Gesellschaft teilnehmen, auch die besonders Reichen, von denen kaum einer spricht. Manche von ihnen weigern sich, ihre Steuern zu zahlen, und gehen lieber ins Ausland. Daran zu erinnern, dass wir als Bürger nicht nur egoistische Wirtschaftsbürger zu sein haben, sondern solidarische Gesellschaftsbürger, ist eine ständige Aufgabe - auch von Kirche.

Sozialer Friede wichtig

Sonntagsblatt:Was bedeutet für Sie persönlich das Bibelwort "Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Menschen Verderben?"

Thierse: Es ist eines der wichtigsten Verpflichtungen, dass Gerechtigkeit nicht nur eine lässtige Pflicht ist, sondern sie zum Frieden eines Volkes beiträgt. Eine Gemeinschaft - wie die eines Volkes - lebt nicht gut, wenn es auf der einen Seite viele Arme und auf der anderen Seite viele Reiche gibt. Der soziale Frieden und die Anstrengungen, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, sind ein Erfolgsrezept in der Bundesrepublik gewesen. Das meint soziale Marktwirtschaft. Ich sehe allzuviele Leute damit befasst, das Soziale an der Marktwirtschaft beiseite zu schieben. Das finde ich beunruhigend.

Sonntagsblatt: Welches Bibelwort würden Sie den Abgeordneten manchmal gerne zurufen?

Thierse: Es ist das Gleichnis von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln im Himmel. Diesen Abschnitt aus der Bergpredigt würde ich gerne immer wieder vorlesen - als eine Einladung, sich nicht selber zu überschätzen, zu überfordern und zu wichtig zu nehmen. Die Wirkung dieser Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung von Politikern ist auf der einen Seite Verzweiflung und auf der anderen Seite Zynismus. Diesen Gefährdungen sind Politiker ausgesetzt. Deshalb die Einladung zu einer wunderbaren, biblisch begründeten Gelassenheit. Sie sagt Politikern: Guter Wille und Leidenschaft ja, aber glaubt nicht, dass ihr allmächtig seid.

Bundestag: Keine Showbühne

Sonntagsblatt: Thomas Gottschalk soll nach einer verloren gegangenen TV-Wette hier im Bundestag reden. Befürchten Sie, dass der Bundestag zur Showbühne wird?

Thierse: Der Bundestag ist keine Showbühne. Talk-Shows finden im Fernsehen statt, im Bundestag ist es ernst. Um hier reden zu können, müssen Menschen durch Wahlen legitimiert sein. Im Fernsehen kann jeder auftreten und quatschen, wenn er nur witzig und unterhaltend ist. Wenn Herr Gottschalk im Bundestag reden will, soll er für eine unserer demokratischen Parteien kandidieren und die Chance nutzen sich wählen zu lassen. Ein bisschen mehr Respekt vor dem Bundestag als höchster Institution unserer Demokratie wünsche ich mir schon.

Sonntagsblatt: Stars kommen und gehen, Ruhm vergeht. Am kommenden Sonntag, Ewigkeitssonntag, heißt es "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen". Relativiert das Manches?

Thierse: Dass einigermaßen kluge Menschen ihre Endlichkeit und Erbarmungslosigkeit nicht vergessen, das hoffe ich fest.
Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2003 ROTABENE! Medienhaus