Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 46 )

Briefe erröten nicht

Kummer, Krisen und Konflikte in der Evangelischen Briefseelsorge

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Es kann gut tun, das, was einen belastet aufzuschreiben und jemandem zu schicken, der einen nicht kennt. Schreiben, ab in den Briefkasten und warten, was als Antwort kommt. Foto: Wodicka
   

Angesichts von E-Mail, Fax, SMS und natürlich Telefon und Handy gehören sie mehr und mehr zu einer aussterbenden Spezies: die Briefeschreiber. Aber es gibt sie noch und viele Menschen schauen ganz beglückt in den Briefkasten, wenn ein persönlich geschriebener Brief drin liegt. "Briefe sind Kontakt zur Außenwelt", sagt Renate Nebas, ehemalige Religionspädagogin und seit sechs Jahren Leiterin der Evangelischen Briefseelsorge mit Sitz in München. Nur - wenn sie in den Briefkasten schaut, weiß sie, dass der Inhalt der Briefe alles andere als angenehm ist. Da schreibt eine Frau voller Enttäuschung vom Seitensprung ihres Mannes, manche offenbaren sich erst nach der Trennung, andere entdecken eine andere Geschlechtsrolle und wissen weder ein noch aus. "Briefe werden nicht rot", sagt dazu Renate Nebas und macht klar, das kein Thema zum Tabu erklärt wird.

Viel psychische Probleme

An erster Stelle steht nach einer statistischen Auswertung demnach das Schreiben über psychologische Probleme. Hier äußern sich Menschen über ihre Depressionen oder ihrem mangelnden Selbstwertgefühl: "Warum finde ich keinen Partner fürs Leben?" lautet hier eine häufig gestellte Frage. Besondere Lebenssituationen stehen an zweiter Stelle. Ein junger Mann schrieb voller Verachtung von seiner Familie, die mit seinem Schwulsein nicht zu Recht kam. "Als Menschen können sie mich verstehen - aber als Christen lehnen sie mich ab", macht er seinen Kummer Luft. Jetzt ist Renate Nebas nicht nur als psychologisch geschulte Fachkraft gefordert, auch als Christin wird sie immer wieder angefragt. "Viele erhoffen sich Weisung und Orientierung" berichtet sie von Briefen, die meist von Kirchenfernen geschrieben werden. Ratschläge allerdings wird sie nicht erteilen. "Ich will solange begleiten, bis es den Briefeschreibern wieder gut geht", sagt sie schlicht.
Damit verwirklicht sie genau das, was der Gründer der Evangelischen Briefseelsorge wollte: Eine briefliche Beantwortung eines sachlichen oder persönlichen Anliegens. Kirchenrat Professor Werner Jentsch arbeitete am Evangelischen Erwachsenenkatechismus mit, der 1975 erstmals erschienen ist. Zusammen mit dem damaligen Landesbischof Johannes Hanselmann gab er so genannte Katechismusbriefe ("Glaube konkret") heraus und forderte am Ende zum Schreiben heraus. Die persönlichen Probleme der Briefeschreiber wurden jedoch immer häufiger, die Themenbereiche Kummer, Krisen und Konflikte hatten Konjunktur. Die Folge: 1976 schlug die Geburtsstunde der Evangelischen Briefseelsorge.

Spiegelbild der Gesellschaft
Evangelisches Sonntagsblatt
 
Spricht hilfesuchenden Menschen Trost mit Briefen zu: Renate Nebas verantwortet seit sechs Jahren die Evangelische Briefseelsorge in Bayern. Foto: Krüger
   

Über mangelnde Arbeit braucht sich die 72-Jährige bis heute keine Gedanken machen. Rund 30 Briefe pro Woche erreichen sie. Übers Jahr verteilt sind das immerhin 2.400 Briefe von über 400 Briefeschreibern. "Die Probleme, die sie schildern", sagt Renate Nebas, "zeichnen ein Spiegelbild unserer Gesellschaft." Neben den bereits geschilderten psychologischen Problemen erzählen 20 Prozent von Seitensprüngen und Entfremdung in der Ehe. Es folgen Briefe über Krisen innerhalb der Familie oder Menschen wenden sich aus irgendwelchen sozialen Nöten an die Evangelische Briefseelsorge.
Am Ende der Skala stehen bezeichnenderweise mit 4,6 Prozent Anfragen über den Glauben. Das Gros der Briefeschreiber ist weiblich und zwischen 31 und 45 Jahren alt, weiß Renate Nebas. Und: "Eine Gruppe, die in der Kirche kaum vorkommt." Wie geht sie denn vor, wenn sie einen Brief von einem noch unbekannten Ratsuchenden erhält? "Ich versuche zu sammeln und zu sortieren", sagt sie mit ruhiger und bedächtiger Stimme. Sie lese zwischen den Zeilen und überlege wie das festgefahrene Lebensmuster verändert werden könnte. "Ein Brief ist wie ein Schnittmuster aus einer Modezeitschrift", sagt sie. "Da muss ich auch eine Linie finden, um weiter zu kommen.
Nicht jeden Brief beantwortet sie persönlich. Ein Team von 30 Frauen und Männern steht ihr zur Seite. Sie sind Theologen, Pädagogen, Psychotherapeuten, Krankenschwestern, ehemalige Berater oder Kinderbuchautoren, wohnen quer durch Deutschland, sind unterschiedlich alt und arbeiten alle ohne Ausnahme ehrenamtlich. Das gilt im übrigen auch für Renate Nebas. Was sie eint, ist viel Lebenserfahrung und Engagement. Das brauchen sie auch, um Briefe zu beantworten wie die von der Frau, die mit den Schuldgefühlen über einen Schwangerschaftsabbruch nicht umgehen kann oder von einer anderen, die nach einem kindlichen Missbrauch mit der Sexualität in der Ehe nicht zurechtkommt.
Renate Nebas überlegt sich genau, wer "das passende Gegenüber" sein könnte, hängt doch davon ab, ob ein Dialog glückt und den Briefeschreibern geholfen werden kann. Vielen Schreibern tut es einfach gut, den Kummer, die Sorgen von der Seele zu schreiben, weiß Frau Nebas. "Papier ist bekanntlich geduldig", sagt sie und lächelt. Diese Geduld wird manchmal arg strapaziert, wenn einer "auf 52 Seiten ausbreitet, warum es in seiner Ehe nicht klappt."

Zügige Antwort

Rund sechs Stunden dauert im Schnitt ein zweiseitiger Antwortbrief. Nebas und ihre Kollegen studieren Fachliteratur, überlegen sich lange und gut, was und wie sie schreiben. Denn der Empfänger hat alles schwarz auf weiß stehen. "Nach höchstens elf Tagen soll der Antwortbrief fertig sein", skizziert Nebas die Richtlinien der Korrespondenz. Viele warten meist ungeduldig auf eine hilfreiche Antwort der Evangelischen Briefseelsorge. Anders als beim Gespräch halte ich den Brief in den Händen, er ist ganz persönlich gehalten und ich kann ihn immer wieder lesen, erläutert Renate Nebas die Vorteile. Ein Brief hat aber auch Grenzen, sagt sie. So vergeht oft viel Zeit, er kann missverständlich klingen, ich kann nichts mehr "zurechtrücken" und letztlich kann er auch "entdeckt" werden. Das alles hindert viele Menschen nicht, sich weiterhin mit allem, was sie bedrückt, an das Team der Evangelischen Briefseelsorge zu wenden.

Reinhard Krüger

Wohin mit dem Brief?
An: Evangelische Briefseelsorge,
Renate Nebas,
Postfach 600306
81203 München.

Auch eine Email-Adresse gibt es: ev-briefseelsorge-muc@gmx.de.

 


 

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen

Herr, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden...

Psalm 90



Evangelisches Sonntagsblatt
 
An den Gräbern und Gefallenendenkmälern wird uns bewusst: Meine Zeit wird auch einmal zu Ende sein, selbst wenn ich nicht gerne daran denke.
 

Was uns allen blüht, ist der Tod, so sagt man. Wenn Novembernebel aufsteigen, die Bäume kahl werden, erste Fröste kommen, dann überfällt uns mehr als sonst der Gedanke an den Tod. An den Gräbern und Gefallenendenkmä-lern wird uns bewusst: Meine Zeit wird einmal zu Ende sein, auch wenn ich nicht gerne daran denke. Der Mensch ist wie Gras, das am Morgen blüht und des Abends welkt und verdorrt. So hat es Gott eingerichtet.
Aber oft verläuft das Leben ganz anders und konfrontiert uns mit einem unzeitigen, sinnlosen und gewalttätigen Tod: O. war tot, als man ihn morgens im Zimmer fand. A. hatte Krebs. J. kam auf regennasser Fahrbahn von der Straße ab. D. wurde auf dem Heimweg ins Dorf von einer Landmine zerfetzt. Wie können wir aus dieser Vielfalt des Sterbens schlau oder gar klug werden? Immer mehr Menschen verdrängen den Tod, machen ihn zu einem Tabu, über das zu Lebzeiten nicht geredet werden soll. Gleichzeitig schwappt in den Medien eine Flut von Berichten und Bildern über uns hinweg. Täglich schauen wir dem Tod von Millionen von Menschen ins Gesicht. Die Trauer des Sterbens wird überspielt mit Distanz und Sprachlosigkeit.
Der 90. Psalm spricht da eine andere Sprache. Wo der Tod uns die Sprache verschlägt, macht er uns klug und gibt uns die Würde der Worte zurück, die uns auch im und durch das Sterben tragen. Sie sind eine Speise für die Seele, die auch dann noch satt macht, wenn der Körper sich schon aller Nahrung verweigert. Eine Zuflucht nennt der Psalm Gott, der uns nahe bleibt, wenn alles andere geht und vergeht, wenn der Tod uns aufschreckt und wir unendliches Leid und Vergänglichkeit erfahren. "Herr, du bist unsere Zuflucht für und für". Wie ein Verdurstender aus einer Quelle trinkt, können wir aus dieser Zuversicht schöpfen. Die Erfahrung von Werden und Vergehen, an der wir Menschen leiden, geht nicht ins Leere. Sie führt uns an einen Ort, an dem wir Halt und Zuflucht finden. Ich denke an die alte Frau, die nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist. Kurz vor ihrem Tod, als alle Kinder und Enkelkinder sich im Zimmer um ihr Bett versammelt hatten, tat sie plötzlich ihren Mund auf. Sie sprach mit klarer Stimme das Abendgebet, das sie von Kind an begleitet hat: "Jesu Christ, der Tag wird scheiden, und ich hör die Glocken läuten. Ihre abendlichen Klänge tönen sanft ins Weltgedränge. Stille wird es in der Ferne, Wanderer kehr zur Heimat gerne. Aus des Tages Sorg und Mühn wollen wir auch heimwärts fliehn. Heim zu dir, du Hirt der Seelen, lass den Weg uns nicht verfehlen. Gib zum großen Feierabend uns dein Wort noch mild und labend".
Mit diesen Worten hat sie allen Anwesenden eine eindrückliche Predigt von der Bereitung zum Sterben gehalten. Klug nennt sie der 90. Psalm, weil sie sich vor Gott ihrer eigenen Grenze bewusst wird und sich zu ihm hin flüchtet. Ich bin nicht unendlich. Umso kostbarer ist das Leben, das ich bekommen habe.
So bringt uns der Psalm nach dem Bedenken von Leben und Tod, von Zeit und Ewigkeit, wieder zurück ins Leben, zu dem, was wir täglich zu tun haben. "Der Herr unser Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns". Das ist die Bitte eines klug gewordenen Menschen. Was wird sich ändern im Leben bei dem, der durch die Schule des 90. Psalms gegangen ist? Er wird sorgfältiger umgehen mit der Zeit, wahrhaftiger und ehrlicher mit sich selbst und seinen Mitmenschen. Er wird den Augenblick auskosten, dankbar bleiben für das, was ihm mit anderen Menschen geschenkt war, auch wenn sie ihm nun genommen sind. Und: mit allen Fragen und Zweifeln wird er im Gebet seine Zuflucht suchen bei Gott im Wissen: Der Tod ist nicht das Letzte. Uns blüht das Leben, das Leben ganz bei Gott.

Anette Reese, Pfarrerin in Mönchsroth

Wir beten: Ewiger Gott, gewähre uns Zuflucht, wenn uns die Gedanken an die Vergänglichkeit überfallen. Halte uns fest, wenn der Tod in unser Leben einbricht. Sei du uns freundlich und schenke uns neuen Lebensmut durch unsern Herrn Jesus Christus. Amen.

Lied 530: Wer weiß, wie nahe.

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2003 ROTABENE! Medienhaus