Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 45)

"Rechne nicht mehr mit einer großen Enthüllungswelle"

Sonntagsblatt-Interview mit Marianne Birthler, der Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Seit drei Jahren als Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR zuständig: Marianne Birthler. Die Grünen-Politikerin war in den 80-er Jahren in Ostberlin in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit tätig. Foto: güs
   

In der Öffentlichkeit ist es kaum im Blick: Insgesamt 12.000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Staatssicherheitsdienstes waren wäh-rend der DDR-Zeit im Westen aktiv - unter anderem in Parteien, Unternehmen und Kirchen. Zur Wende gab es rund 3.500 IM's im Westen. Über deren Aktivitäten, sprach Sonntagsblatt-Chefredakteur Günter Saalfrank in Berlin mit der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Marianne Birthler.

Sonntagsblatt: Weshalb trieb die Stasi diesen ungeheueren Aufwand im Westen?

Birthler: Für die Staatssicherheit war der Westen in mehrerer Hinsicht interessant. Zum einen galten die Prinzipien der Politik der SED auch für den Westen. Die Stasi als wichtigstes Dienstleistungsorgan der SED hat hier gearbeitet, um bestimmte politische Ziele zu verfolgen, zum Beispiel die internationale Anerkennung der DDR zu befördern. Zudem ging es auch gelegentlich darum, unmittelbar in Entwicklungen einzugreifen. Vor allem war die Stasi aktiv, um Rückwirkungen von Ereignissen im Westen auf die DDR und die DDR-Opposition frühzeitig zu erkennen und womöglich zu beeinflussen.

Referat für Kirchen

Sonntagsblatt: Was hat die Kirchen im Westen für die Stasi interessant gemacht?

Birthler: Im Osten bildeten die Kirchen den einzigen legalen öffentlichen Raum, der nicht staatlich kontrolliert war. Da sich die Kirche in Ost und West trotz organisatorischer Trennung immer als Einheit begriffen hat, war die Kirche im Westen schon aus diesem Grund interessant. Es gab bei der Stasi-Zentrale in Berlin ein eigenes Referat in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) - also der Auslandsspionage -, das mit Kirchen zu tun hatte. Dieses Referat beschäftigte sich auch mit der CDU und CSU sowie deren Stiftungen, mit der evangelische und katholische Kirche, dem Vatikan und jüdischen Organisationen. Der Stellenwert der Kirchen war relativ nachgeordnet.

Sonntagsblatt: Historiker sagen, es sei ein Puzzlespiel das IM-Netz in den West-Kirchen zu rekonstruieren. Wieso eigentlich?

Birthler: Der Hauptgrund ist, dass sich die Hauptverwaltung Aufklärung der Stasi, die für den Westen zuständig war, nach der Wende alleine aufgelöst hat. Dabei wurden viele Akten vernichtet. Dadurch gibt es hier im Vergleich zu anderen Bereichen wenig Belegmaterial.

Sonntagsblatt: Seit kurzem sind die so genannten Rosenholz-Dateien der Öffentlichkeit zugänglich. Rechnen Sie mit Enthüllungen im Blick auf die Stasi-Tätigkeit in den West-Kirchen?

Birthler: Manche rechnen mit einer großen Enthüllungswelle. Diese Erwartung teile ich nicht. Andererseits ist nicht davon auszugehen, dass alles bereits bekannt ist. Es wird hier und da sicherlich noch einmal Klarheit geben im Hinblick auf Zuträger - insbesondere, wenn es nicht um die letzten Jahre der DDR geht. Ich warne aber vor der Erwartung, dass die Geschichte der Bundesrepublik oder die der Kirche gänzlich neu zu schreiben ist.

Sonntagsblatt: Halten Sie es für möglich, dass es unter Bischöfen, Oberkirchenräten oder anderen Personen kirchenleitender Organe im Westen IM's der Stasi gab?

Birthler: Für möglich halte ich inzwischen alles. Eine solche Mitarbeit ist nicht auszuschließen. Die Hauptschiene der Beschaffung von Informationen über die West-Kirchen geschah aber im wesentlichen aus der DDR heraus: Die Stasi besorgte sich Informationen über die West-Kontakte einiger kirchenleitender Personen aus Ostdeutschland.

Sonntagsblatt: Politiker wie Altkanzler Helmut Kohl haben inzwischen gefordert, die "Elite" im Westen - unter anderem auch in den Kirchen - noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und auf eine mögliche Stasi-Mitarbeit zu überprüfen. Wie sinnvoll ist das?

Birthler: Mit Empfehlungen bin ich sehr zurückhaltend. Aber wenn es darum geht, der Öffentlichkeit gegenüber als "Vertrauensbeweis" die Überprüfung von Institutionen und öffentlich wirksamen Personen vorzunehmen, ist das auch im Westen sinnvoll. Die Stasi hat im Osten und Westen gearbeitet. Ihre Tätigkeit ist eine gesamtdeutsche Geschichte, allerdings in verschiedenen Größen-ordnungen: Während es in der DDR Ende 1989 174.000 inoffizielle Mitarbeiter gab, waren zum gleichen Zeitpunkt rund 3.500 Spione in der weit größeren Bundesrepublik aktiv.

Sonntagsblatt: Neun Stasi-Mitarbeiter, die im Westen im kirchlichen Bereiche operierten, sind inzwischen namentlich bekannt. Ist das die Spitze eines Eisberges?

Birthler: Ich kann nicht aus-schließen, dass weitere Inoffizielle Mitarbeiter bekannt werden. Aber es ist nicht damit zu rechnen, dass noch eine große Zahl von Stasi-Mitarbeitern entlarvt wird.

Sonntagsblatt: Im letzten Jahr kam eine Untersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu folgendem Ergebnis: Die Kirche in der Bundesrepublik und in West-Berlin war kein zentrales Thema für die Stasi. Wie sehen Sie das?

Birthler: Da diese Untersuchung im wesentlichen auf Forschungen in unseren Unterlagen beruht, kann ich das nur bestätigen.

Sonntagsblatt: Gab es also eine gezielte Unterwanderung der EKD und der kirchlichen Einrichtungen?

Birthler: Wo die Stasi tätig war, hat sie immer gezielt gearbeitet. Die Kirche war interessant, aber keinesfalls interessanter als Parteien, Stiftungen oder andere Institutionen.

Sonntagsblatt: Die Stasi schreibt sich zum Beispiel die "Abdankung" des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Otto Dibelius auf ihre Fahnen. Wird ihr Einfluss überschätzt?

Birthler: Da ist genau nachzuprüfen, ob die Stasi wirklich so mächtig war oder ob sie aus internen Gründen dies als eigenen Erfolg dargestellt hat. Nicht selten hat sie ihre Einflussmöglichkeiten übertrieben.
Evangelisches Sonntagsblatt
 
Ein Blick in das Stasi-Archiv in Berlin. Foto: güs
   

Sonntagsblatt: Wäre die Geschichte der EKD ohne die Stasi-Aktivitäten möglicherweise anders verlaufen?

Birthler: In den großen Linien nein.

Sonntagsblatt: Kritiker werfen der evangelischen Kirche vor, sie unternehme zu wenig, um die Stasi-Verstrickungen zu untersuchen. Tut sich die Kirche schwer mit schwarzen Schafen in eigenen Reihen?

Birthler: Im Osten beschäftigte sich die Kirche unterschiedlich intensiv mit diesem Thema. Manche unterzogen sich einer Pflichtübung, andere forschten sehr gewissenhaft - auch über die spezielle Frage hinaus, wer Inoffizieller Mitarbeiter war. Die Überprüfung auf Stasi-Tätigkeit darf nicht gleichgesetzt werden mit Aufarbeitung der IM-Aktivitäten. Dazu gehört mehr, zum Beispiel wie die Stasi Einfluss genommen hat oder mit welchen Themen sie sich beschäftigte. Die einseitige Fixierung auf die Frage, wer IM war, ärgert mich schon seit Jahren.

Sonntagsblatt: Warum?

Birthler: Weil das Thema Stasi mehr bedeutet als der Verrat durch Inoffizielle Mitarbeiter. Um ein augenfälliges Beispiel zu nennen: Mindestens so interessant wie die IM-Problematik ist die Frage, was die Stasi alles vergeblich versucht hat. Wenn Menschen gesagt haben: Mit mir nicht. Also das Thema Zivilcourage.

Kein Schlussstrich

Sonntagsblatt: Verdrängen West-Kirchen die Stasi-Thematik?

Birthler: Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Allerdings auch nicht dafür, dass das Thema mit übermäßigem Fleiß angegangen wird.

Sonntagsblatt: Es gibt immer wieder Stimmen, die fordern, die Stasi-Akten zu schließen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Was sagen Sie dazu?

Birthler: Diese Schlussstrich-Forderung ist völlig unrealistisch. Soll Menschen etwa verboten werden, über das Thema nachzudenken, oder der Stoff aus Lehrplänen gestrichen werden? All das ist in einer Demokratie undenkbar. Die Akten bleiben weiter offen. Dafür gibt es nach wie vor politische und gesellschaftlich Mehrheiten.

Sonntagsblatt: Rein juristisch können die ehemaligen DDR-Spione im Westen nicht mehr belangt werden, weil die Verjährungsfrist greift. Welchen Sinn machen noch Nachforschungen?

Birthler: Der strafrechtliche Maßstab kann nicht allein gelten. Im Osten dürfte es sonst nie eine Überprüfung auf IM-Tätigkeit gegeben haben, denn die war strafrechtlich nie relevant. Trotzdem war sie wichtig und wertvoll mit Blick auf die Frage nach der Wahrheit, der Transparenz und der Zumutbarkeit der Beschäftigung ehemaliger IM's in wichtigen politischen oder öffentlichen Funktionen.

Stichwort: Rosenholz-Dateien
1990 hatte der amerikanische Geheimdienst CIA die geheimste Datei der DDR-Spionageabteilung Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) in einer "Operation Rosenholz" in seinen Besitz gebracht. Die Dateien enthalten rund 350.000 elektronisch gespeicherte Karteikarten über Personen - auch über ihre Stasi-Mitarbeit - und Vorgänge. Nach jahrelangem Tauziehen gab der CIA das brisante Material zurück. Die erste CD-Rom mit Datensätzen erhielt das Bundeskanzleramt im Frühjahr 2000. Bis 2002 folgten schrittweise die weiteren Datenträger. Seit kurzem sind die insgesamt 380 CD-Roms der so genannten Rosenholz-Dateien der Öffentlichkeit zugänglich. güs

 

 


 

Mit Gott das Fürchten verlernen

Die ihr den Herrn fürchtet, hoffet auf den Herrn! Er ist ihre Hilfe und Schild. Der Herr denkt an uns und segnet uns; er segnet das Haus Israel, er segnet das Haus Aaron. Er segnet, die den Herrn fürchten, die Kleinen und die Großen.

Psalm 115, 11-13



Evangelisches Sonntagsblatt
 
Foto: Wodicka
 

Wie viele Menschen, kleine und große, fürchten sich vor etwas: Ein achtjähriges Mädchen vor dem Krieg, weil man da, wie es selbst erklärt, aus der Heimat flüchten und alles zurück lassen muss. Eine alte Dame vor dem Tod des geliebten Ehepartners, ohne den sie dann alleine auf der Welt bleiben würde. Eine Mutter von zwei Kindern fürchtet einen Schicksalsschlag, der die Familie ereilen könnte.
Ebenso sehr fürchten wir uns aber auch häufig vor anderen Menschen: Ein Zehnjähriger vor einem Mitschüler, der ihn regelmäßig auf dem Schulweg um Geld erpresst. Ein Angestellter vor dem schlechtgelaunten Chef, der seine privaten Probleme an den Mitarbeitern auslässt. Eine Jugendliche vor dem Zorn der Mutter, weil sie wieder unpünktlich nach Hause kommt.
Anders verhält es sich bei der erwachsenen Tochter. Sie fürchtet sich nicht vor anderen Menschen, sondern vor Gott. Anders als ihr im vierten Gebot aufgetragen, kann sie Vater und Mutter nicht ehren. Sie verwehrt ihnen die liebevolle Pflege und Zuwendung im Alter. Zu stark und nachhaltig sind bei ihr die seelischen Verletzungen aus der Kindheit und Jugend, viele Wunden sind noch nicht verheilt. Immer wieder betet sie, die inzwischen selbst Mutter ist, um eine heile Beziehung. Doch sie will nicht gelingen und so lebt sie mit einem schlechten Gewissen gegenüber ihren greisen Eltern - und gegenüber Gott. Sie fürchtet seine Enttäuschung und seinen Zorn über ihr Verhalten. Sie fürchtet sich vor seiner Strafe.
Doch dann begegnen ihr die Worte des Psalms. Sie soll sich nicht vor Gott fürchten, sondern auf ihn hoffen, steht hier geschrieben. Er denkt an sie, beschützt sie und steht ihr helfend zur Seite. Er segnet sie. Der Frau fällt ein Stein vom Herzen! Sie wird für ihr Tun und Lassen nicht verurteilt, sondern es wird ihr Hilfe versprochen, im Segen Gottes erhält sie eine Zusage auf das Gelingen ihres Lebens. Voller Dankbarkeit nimmt sie das befreiende Psalmwort auf. Hoffnung macht sich in ihr breit und lässt das lähmende schlechte Gewissen Stück für Stück in den Hintergrund treten.
Unter dem Segen Gottes kann ihre Beziehung zu den Eltern ins Reine kommen, mit seiner Hilfe wird sie den Weg zu ihnen finden. Diese Ermunterung gibt ihr neue Kraft und lässt sie optimistisch in die Zukunft blicken. Vielleicht verläuft bereits das nächste Telefongespräch mit ihrer Mutter weniger angespannt, vielleicht trifft sie einen freundlicheren Ton und übt sich in mehr Nachsicht mit der alten Dame.
Von welch großer Bedeutung vielen Christen ein ganz persönlicher Zuspruch Gottes ist, zeigt der verstärkte Besuch von Segnungsgottesdiensten. Hier suchen Menschen Kraft für ihr Leben. Sie erfahren die Nähe und Begleitung Gottes ganz unmittelbar durch Handauflegen und einen individuellen Segensspruch. Bei dieser direkten Segenshandlung wird Gott für sie auf sehr sinnliche Weise spürbar und erlebbar. In einer Zeit großer Verunsicherung sehnen sich viele nach einer verbindlichen Beziehung zu Gott, der sie vertrauen können.
Gott kennt unsere Hilflosigkeit und unsere Befürchtungen. Er möchte uns durch seine bedingungslosen Zusagen dazu ermuntern, nicht aus Furcht vor ihm recht zu handeln, sondern aus eigenem Antrieb. Aus Liebe und Verantwortung sollen wir für andere Gutes tun und Böses unterlassen. Dafür sagt er uns seinen Schutz und seine Hilfe zu, die wir so dringend von ihm erbitten. Denn wir spüren täglich, dass wir trotz unseres guten Willens und größter Anstrengung unsere Lebensaufgaben nicht alleine schaffen können. Wir hoffen auf den Herrn und bitten um seinen Segen!

Stefanie Finzel, Bayreuth, Mitglied der Landessynode

Wir beten: Großer Gott, wir danken dir für deine Zusage, an uns zu denken, uns zu beschützen und uns immer hilfreich zur Seite zu stehen. Dadurch nimmst du uns die Furcht vor Dingen, Menschen und auch vor uns selbst. Dein Segen ermutigt uns, gibt uns Selbstvertrauen und Zuversicht. Danke für deine bedingungslose Liebe. Amen.

Lied 171: Bewahre uns, Gott.

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2003 ROTABENE! Medienhaus