In der Öffentlichkeit ist es kaum im Blick: Insgesamt 12.000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Staatssicherheitsdienstes waren wäh-rend der DDR-Zeit im Westen aktiv - unter anderem in Parteien, Unternehmen und Kirchen. Zur Wende gab es rund 3.500 IM's im Westen. Über deren Aktivitäten, sprach Sonntagsblatt-Chefredakteur Günter Saalfrank in Berlin mit der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Marianne Birthler.
Sonntagsblatt: Weshalb trieb die Stasi diesen ungeheueren Aufwand im Westen?
Birthler: Für die Staatssicherheit war der Westen in mehrerer Hinsicht interessant. Zum einen galten die Prinzipien der Politik der SED auch für den Westen. Die Stasi als wichtigstes Dienstleistungsorgan der SED hat hier gearbeitet, um bestimmte politische Ziele zu verfolgen, zum Beispiel die internationale Anerkennung der DDR zu befördern. Zudem ging es auch gelegentlich darum, unmittelbar in Entwicklungen einzugreifen. Vor allem war die Stasi aktiv, um Rückwirkungen von Ereignissen im Westen auf die DDR und die DDR-Opposition frühzeitig zu erkennen und womöglich zu beeinflussen.
Referat für Kirchen
Sonntagsblatt: Was hat die Kirchen im Westen für die Stasi interessant gemacht?
Birthler: Im Osten bildeten die Kirchen den einzigen legalen öffentlichen Raum, der nicht staatlich kontrolliert war. Da sich die Kirche in Ost und West trotz organisatorischer Trennung immer als Einheit begriffen hat, war die Kirche im Westen schon aus diesem Grund interessant. Es gab bei der Stasi-Zentrale in Berlin ein eigenes Referat in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) - also der Auslandsspionage -, das mit Kirchen zu tun hatte. Dieses Referat beschäftigte sich auch mit der CDU und CSU sowie deren Stiftungen, mit der evangelische und katholische Kirche, dem Vatikan und jüdischen Organisationen. Der Stellenwert der Kirchen war relativ nachgeordnet.
Sonntagsblatt: Historiker sagen, es sei ein Puzzlespiel das IM-Netz in den West-Kirchen zu rekonstruieren. Wieso eigentlich?
Birthler: Der Hauptgrund ist, dass sich die Hauptverwaltung Aufklärung der Stasi, die für den Westen zuständig war, nach der Wende alleine aufgelöst hat. Dabei wurden viele Akten vernichtet. Dadurch gibt es hier im Vergleich zu anderen Bereichen wenig Belegmaterial.
Sonntagsblatt: Seit kurzem sind die so genannten Rosenholz-Dateien der Öffentlichkeit zugänglich. Rechnen Sie mit Enthüllungen im Blick auf die Stasi-Tätigkeit in den West-Kirchen?
Birthler: Manche rechnen mit einer großen Enthüllungswelle. Diese Erwartung teile ich nicht. Andererseits ist nicht davon auszugehen, dass alles bereits bekannt ist. Es wird hier und da sicherlich noch einmal Klarheit geben im Hinblick auf Zuträger - insbesondere, wenn es nicht um die letzten Jahre der DDR geht. Ich warne aber vor der Erwartung, dass die Geschichte der Bundesrepublik oder die der Kirche gänzlich neu zu schreiben ist.
Sonntagsblatt: Halten Sie es für möglich, dass es unter Bischöfen, Oberkirchenräten oder anderen Personen kirchenleitender Organe im Westen IM's der Stasi gab?
Birthler: Für möglich halte ich inzwischen alles. Eine solche Mitarbeit ist nicht auszuschließen. Die Hauptschiene der Beschaffung von Informationen über die West-Kirchen geschah aber im wesentlichen aus der DDR heraus: Die Stasi besorgte sich Informationen über die West-Kontakte einiger kirchenleitender Personen aus Ostdeutschland.
Sonntagsblatt: Politiker wie Altkanzler Helmut Kohl haben inzwischen gefordert, die "Elite" im Westen - unter anderem auch in den Kirchen - noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und auf eine mögliche Stasi-Mitarbeit zu überprüfen. Wie sinnvoll ist das?
Birthler: Mit Empfehlungen bin ich sehr zurückhaltend. Aber wenn es darum geht, der Öffentlichkeit gegenüber als "Vertrauensbeweis" die Überprüfung von Institutionen und öffentlich wirksamen Personen vorzunehmen, ist das auch im Westen sinnvoll. Die Stasi hat im Osten und Westen gearbeitet. Ihre Tätigkeit ist eine gesamtdeutsche Geschichte, allerdings in verschiedenen Größen-ordnungen: Während es in der DDR Ende 1989 174.000 inoffizielle Mitarbeiter gab, waren zum gleichen Zeitpunkt rund 3.500 Spione in der weit größeren Bundesrepublik aktiv.
Sonntagsblatt: Neun Stasi-Mitarbeiter, die im Westen im kirchlichen Bereiche operierten, sind inzwischen namentlich bekannt. Ist das die Spitze eines Eisberges?
Birthler: Ich kann nicht aus-schließen, dass weitere Inoffizielle Mitarbeiter bekannt werden. Aber es ist nicht damit zu rechnen, dass noch eine große Zahl von Stasi-Mitarbeitern entlarvt wird.
Sonntagsblatt: Im letzten Jahr kam eine Untersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu folgendem Ergebnis: Die Kirche in der Bundesrepublik und in West-Berlin war kein zentrales Thema für die Stasi. Wie sehen Sie das?
Birthler: Da diese Untersuchung im wesentlichen auf Forschungen in unseren Unterlagen beruht, kann ich das nur bestätigen.
Sonntagsblatt: Gab es also eine gezielte Unterwanderung der EKD und der kirchlichen Einrichtungen?
Birthler: Wo die Stasi tätig war, hat sie immer gezielt gearbeitet. Die Kirche war interessant, aber keinesfalls interessanter als Parteien, Stiftungen oder andere Institutionen.
Sonntagsblatt: Die Stasi schreibt sich zum Beispiel die "Abdankung" des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Otto Dibelius auf ihre Fahnen. Wird ihr Einfluss überschätzt?
Birthler: Da ist genau nachzuprüfen, ob die Stasi wirklich so mächtig war oder ob sie aus internen Gründen dies als eigenen Erfolg dargestellt hat. Nicht selten hat sie ihre Einflussmöglichkeiten übertrieben.
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Ein Blick in das Stasi-Archiv in Berlin. Foto: güs
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Sonntagsblatt: Wäre die Geschichte der EKD ohne die Stasi-Aktivitäten möglicherweise anders verlaufen?
Birthler: In den großen Linien nein.
Sonntagsblatt: Kritiker werfen der evangelischen Kirche vor, sie unternehme zu wenig, um die Stasi-Verstrickungen zu untersuchen. Tut sich die Kirche schwer mit schwarzen Schafen in eigenen Reihen?
Birthler: Im Osten beschäftigte sich die Kirche unterschiedlich intensiv mit diesem Thema. Manche unterzogen sich einer Pflichtübung, andere forschten sehr gewissenhaft - auch über die spezielle Frage hinaus, wer Inoffizieller Mitarbeiter war. Die Überprüfung auf Stasi-Tätigkeit darf nicht gleichgesetzt werden mit Aufarbeitung der IM-Aktivitäten. Dazu gehört mehr, zum Beispiel wie die Stasi Einfluss genommen hat oder mit welchen Themen sie sich beschäftigte. Die einseitige Fixierung auf die Frage, wer IM war, ärgert mich schon seit Jahren.
Sonntagsblatt: Warum?
Birthler: Weil das Thema Stasi mehr bedeutet als der Verrat durch Inoffizielle Mitarbeiter. Um ein augenfälliges Beispiel zu nennen: Mindestens so interessant wie die IM-Problematik ist die Frage, was die Stasi alles vergeblich versucht hat. Wenn Menschen gesagt haben: Mit mir nicht. Also das Thema Zivilcourage.
Kein Schlussstrich
Sonntagsblatt: Verdrängen West-Kirchen die Stasi-Thematik?
Birthler: Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Allerdings auch nicht dafür, dass das Thema mit übermäßigem Fleiß angegangen wird.
Sonntagsblatt: Es gibt immer wieder Stimmen, die fordern, die Stasi-Akten zu schließen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Was sagen Sie dazu?
Birthler: Diese Schlussstrich-Forderung ist völlig unrealistisch. Soll Menschen etwa verboten werden, über das Thema nachzudenken, oder der Stoff aus Lehrplänen gestrichen werden? All das ist in einer Demokratie undenkbar. Die Akten bleiben weiter offen. Dafür gibt es nach wie vor politische und gesellschaftlich Mehrheiten.
Sonntagsblatt: Rein juristisch können die ehemaligen DDR-Spione im Westen nicht mehr belangt werden, weil die Verjährungsfrist greift. Welchen Sinn machen noch Nachforschungen?
Birthler: Der strafrechtliche Maßstab kann nicht allein gelten. Im Osten dürfte es sonst nie eine Überprüfung auf IM-Tätigkeit gegeben haben, denn die war strafrechtlich nie relevant. Trotzdem war sie wichtig und wertvoll mit Blick auf die Frage nach der Wahrheit, der Transparenz und der Zumutbarkeit der Beschäftigung ehemaliger IM's in wichtigen politischen oder öffentlichen Funktionen.
Stichwort: Rosenholz-Dateien
1990 hatte der amerikanische Geheimdienst CIA die geheimste Datei der DDR-Spionageabteilung Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) in einer "Operation Rosenholz" in seinen Besitz gebracht. Die Dateien enthalten rund 350.000 elektronisch gespeicherte Karteikarten über Personen - auch über ihre Stasi-Mitarbeit - und Vorgänge. Nach jahrelangem Tauziehen gab der CIA das brisante Material zurück. Die erste CD-Rom mit Datensätzen erhielt das Bundeskanzleramt im Frühjahr 2000. Bis 2002 folgten schrittweise die weiteren Datenträger. Seit kurzem sind die insgesamt 380 CD-Roms der so genannten Rosenholz-Dateien der Öffentlichkeit zugänglich. güs