Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 43)

Rückkehr der "verlorenen Kinder"

Rund 80.000 Menschen treten jährlich in die Kirche ein

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Klar - das Bild ist gestellt. Aber sinngemäß sollte die Kirche, oder besser gesagt Pfarrerinnen und Pfarrer, Menschen mit offenen Armen empfangen, die sich wieder oder ganz neu der Kirche zuwenden. Foto: kil
   

Nein, einen roten Teppich erwartet niemand. Auch keinen ausgiebigen Empfang und kein großes Hallo. Aber ein freundliches "Herzlich willkommen" würden sich die Menschen schon wünschen, die wieder oder ganz neu ihren Weg zur Kirche finden. Und das sind nicht wenige. Rund 80.000 Menschen finden jährlich den Weg in eine der beiden großen Kirchen in Deutschland. Dabei hat die evangelische Kirche mehr Zulauf als die katholische. Im Jahr 2000 sind weit über 60.000 Erwachsene (das sind in der Statistik alle über 14-Jährigen) in die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eingetreten. Zum Teil wirbt die Kirche mit Aktionen um neue Mitglieder, zum Teil aber kommen sie von selbst. Doris Michel-Schmidt ist so eine, die erst austrat und später von selbst wieder kam. "Ausgetreten bin ich, weil ich im Zuge meines Psychologie-Studium zu dem Schluss kam: Gott gibt es nicht, er ist ein Konstrukt des Menschen."

Nie ganz losgelassen

Doch ganz losgelassen hatte die Frau aus Merenberg (Hessen) das Thema Glaube und Kirche nie. Gemerkt hat sie das zum Beispiel auf der Beerdigung einer Freundin, die ebenfalls aus der Kirche ausgetreten war. "Da hätte ich gern einen Pfarrer gehabt und ein Gebet gesprochen." Letztlich hat ihr Mann dazu beigetragen, dass sie sich der Kirche wieder zugewandt hat. "Er ist da sehr engagiert und verwurzelt." Die beiden hatten viele Gespräche über den Glauben. "Er hat mich nie gedrängt - klugerweise", sagt Doris Michel-Schmidt. Nach sieben Jahren ist sie schließlich wieder eingetreten, "aber noch mit großer Skepsis". Ihre Überzeugung: "Der Weg zur Kirche fängt mit dem Wiedereintritt erst an."
Das Thema rund um die Rückkehr zur Kirche hat sie so beschäftigt, dass sie sich fragte, ob es noch mehr "verlorene Söhne und Töchter" gibt. Sie machte sich auf die Suche und fand mehrere Rückkehrer. Diese befragte sie nach ihren Beweggründen und Erfahrungen. Die Antworten hielt sie in einem Buch zum Thema Wiedereintritt fest. "Die meisten, die wieder zur Kirche zurückkehren, sind zwischen 25 und 40 Jahre alt", sagt die Autorin. Eine große Rolle spiele dabei oft die Geburt eines Kindes. "Eltern möchten ihr Kind dann doch gern taufen lassen." Das sei aber längst nicht der einzige Grund. Eine 33-jährige Mutter begründete ihren Wiedereintritt: "Werte wie Gerechtigkeit und Bescheidenheit haben für mich seit der Geburt meines Sohnes eine ganz neue Bedeutung bekommen. Und für diese Werte steht die Kirche." Weitere Gründe seien die Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach Sinn. "Manche erfolgreiche Menschen fragen sich, ob denn das - Ansehen und Geld - alles ist", berichtet Doris Michel-Schmidt.
"Insgesamt gehen die Beweggründe weit darüber hinaus als dass jemand eine Patenschaft übernehmen oder eine kirchliche Trauung möchte." Viele Menschen hätten eine große Sehnsucht danach, auf ihre Lebensfragen eine Antwort zu bekommen. "Da ist es denkbar schlecht, wenn die evangelische Kirche es offenbar als ihr größtes Verdienst verkaufen will, keine Antworten zu haben", sagt sie in Anspielung auf eine Plakat-Aktion der EKD, wo es hieß: "Lassen Sie uns gemeinsam Antworten finden." Michel-Schmidt ist überzeugt: "Genau das ist doch die Stärke der Kirche, dass sie Antworten hat."
Enttäuscht zeigt sich die 43-jährige Journalistin über den Umgang der Kirche mit ihren "verlorenen Söhnen und Töchtern". Zwar berichteten die meisten ihrer Gesprächspartner, dass der Pfarrer freundlich und nicht mit erhobenem Zeigefinger auf den Wunsch wieder einzutreten reagiert hätten. Aber das sei es in der Regel auch gewesen. Kaum einer sei danach vom Pfarrer mal besucht worden oder von einem Gemeindeglied angesprochen worden. "Ich höre oft von Pfarrern, dass Wiedereingetretene in Ruhe gelassen werden wollen. Aber das stimmt nicht." Sicher, keiner wolle erdrückt und vereinnahmt werden, "aber sie wollen wahrgenommen werden". Und da schließt sich Michel-Schmidt mit ein.

Wunsch an die Kirche

Inzwischen hält die Autorin Vorträge zu diesem Thema. Dabei stellt sie fest, "dass Kerngemeindeglieder oft sehr verunsichert sind und nicht recht wissen, wie sie mit neuen Gesichtern umgehen sollen." Ihr Rat: Unverbindlich auf die Leute zugehen, "einfach mal freundlich ansprechen". Doch ihrer Ansicht nach ist es in erster Linie Aufgabe des Pfarrers, "Neue" willkommen zu heißen, sie zu besuchen.
"Ich würde mir wünschen, dass Geistliche in ihrer Ausbildung mehr lernen, auf Menschen zuzugehen." Denn Glaube werde in erster Linie durch Personen vermittelt. "Das beste Beispiel ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn: Der Vater freut sich und nimmt den Sohn schlicht in die Arme. Keine Vorwürfe. Keine Fragen", schildert Doris Michel-Schmidt ihre Idealvorstellung. Nein, einen roten Teppich braucht es wirklich nicht. Aber ausgebreitete Arme wären schön.

Karin Ilgenfritz

Buchhinweis:
Doris Michel-Schmidt, Mein Weg zurück in die Kirche, Echter-Verlag, Würzburg 2003

Wie werde ich Kirchenmitglied?
Bei manchen Menschen scheitert der Wiedereintritt schon daran, dass sie gar nicht genau wissen, wie das eigentlich geht. Dabei ist es gar nicht so schwer und wie Politikerin Renate Schmidt - eine der prominentesten "Rückkehrerinnen" - einmal gesagt hat: "Es tut gar nicht weh." Der Eintritt setzt die Taufe voraus. Wer noch nicht getauft ist, kann das nachholen - vorausgesetzt er gehört keiner anderen Kirche an. Grundsätzlich ist der Eintritt in jedem Pfarramt möglich. In einigen Großstädten wurden eigens Wiedereintrittsstellen eingerichtet, die den Schritt schnell und unbürokratisch ermöglichen. Ein Gespräch mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin über die Gründe des Wiedereintritts ist erwünscht, aber nicht Bedingung. Mit einer schriftlichen Eintrittserklärung und der Bestätigung des Geistlichen ist man wieder "drin". Der Wiedereintritt kann dokumentiert werden in einem Gottesdienst, in dem der Rückkehrer erstmals wieder zum Abendmahl geht. Kil

 

 


 

Jesus eröffnet dem Leben neue Chancen

Und es kamen etliche zu ihm, die brachten einen Gichtbrüchigen, von vieren getragen. Und da sie nicht zu zu ihm kommen konnten vor dem Volk, deckten sie das Dach auf und ließen das Bett hernieder, darin der Gichtbrüchige lag. Da aber Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Es waren aber etliche Schriftgelehrte, die saßen da und gedachten in ihrem Herzen: Wie redet dieser solche Gotteslästerung? Wer kann Sünden vergeben denn allein Gott? Und Jesus erkannte in seinem Geist, dass sie so dachten, und sprach: Was denkt ihr so in eurem Herzen? Welches ist leichter, zu dem Gichtbrüchigen zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder: Stehe auf, nimm dein Bett und wandle? Und er sprach zu ihm: Ich sage dir, stehe auf, nimm dein Bett und gehe heim! Und alsbald stand er auf, nahm sein Bett und ging hinaus vor allen, also dass sie sich entsetzten und priesen Gott und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

Markus 2, 1-12



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Wie oft müssen körperlich und geistig Behinderte erfahren, dass ihnen Zugänge verwehrt bleiben. In solchen Fällen sind Mitmenschen nötig, die den Zugang zur Gesellschaft offen halten. Foto: Wodicka
 

Im Kindergottesdienst gehörte die Erzählung von der Heilung des Gelähmten zu meinen absoluten Lieblingsgeschichten. Vor allem die vier Freunde waren es, die mich faszinierten. Zusammen mit dem gelähmten Gefährten machen sie sich auf den Weg. Doch vor dem Haus, in dem Jesus lehrt, geht es nicht weiter. Die Menge verstopft den Eingang. Da fackeln die Vier nicht lange. Kurzerhand klettern sie nach oben und brechen das verkrustete Dach auf. Der Freund auf der Bahre ist ihnen die Mühe wert.
Am Ende hat ihr Einsatz Erfolg. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind mittriumphierte an der Stelle, an der der Gelähmte sein Bett nimmt und nach Hause geht - im Schlepptau seine vier Träger. Die Menge, die ihnen zuvor den Weg versperrt hat, gibt ihnen staunend und sprachlos den Weg frei. Herzerfrischend zupackend und unerschrocken suchten die vier Freunde nach einem Weg, ihrem Gefährten zu helfen. Hindernisse und Schwierigkeiten konnten sie nicht entmutigen. Sie blieben hartnäckig auf der Suche nach Hilfe. Auf diese Weise ermöglichten sie ihrem Freund, eine zweite Chance für sein Leben zu nutzen. Mit dieser Einstellung gehören die vier Träger zu den Vorbildern im Glauben. Sie geben mit ihrem Verhalten auch heute noch Impulse: Das Jahr 2003 ist zum "Europäischen Jahr für Menschen mit Behinderungen" erklärt worden. Wie oft müssen körperlich und geistig Behinderte erfahren, dass ihnen Zugänge verwehrt bleiben, dass sie fortgeschickt und abgewiesen werden! In solchen Fällen sind Mitmenschen nötig, die verkrustete Strukturen und festgefahrene Denkmuster aufbrechen, die den Zugang zur Gesellschaft offen halten und solche Menschen mitten hinein nehmen. Manche Widerstände sind dabei zu überwinden, doch mit etwas Phantasie ist viel zu bewegen.
Einen weiteren Impuls setzen die Vier im Hinblick auf den immer mehr um sich greifenden Virus der Resignation, der auch in kirchlichen Kreisen sein Unwesen treibt. Finanznöte bringen viele dazu, den Aufgaben der Zukunft den Rücken zu kehren, sich vor Herausforderungen zu scheuen. Sicher müssen wir uns von liebgewordenen Gewohnheiten auch im kirchlichen Bereich verabschieden. Doch wenn viele weiterhin unerschrocken zupacken, lässt sich manches tragen.
Und ein Letztes: Viele können mit dem christlichen Glauben nichts mehr anfangen. Sie bleiben - bildlich gesprochen - vor den Kirchentüren stehen und sehen entweder keinen Anlass, sich um Einlass zu bemühen, oder finden aus eigener Kraft keinen Zugang. Da sind Menschen hilfreich, die ihnen die Botschaft des christlichen Glaubens nahe bringen und sie ihnen vorleben. Wenn dabei herkömmliche Wege erfolglos bleiben, dann können auch einmal ungewohnte Routen zur Quelle des Glaubens führen. Die vier Freunde des Gelähmten machen sich ans Werk: ohne Murren, ohne Angst, mit großer Gelassenheit. Sie wissen: Der Aufwand lohnt sich. Denn die Begegnung mit Jesus Christus eröffnet dem Leben neue Chancen.

Pfarrer Christoph Schieder, Geslau

Wir beten: Herr Jesus Christus, manchmal möchte ich verzagen und sehe keinen Weg mehr. Öffne meine Augen für deine Liebe und stärke mein Herz mit deinem Geist, dass ich nicht verzweifle sondern mutig und voller Zuversicht zu leben wage. Amen.

Lied 432: Gott gab uns Atem.

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