Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 42)

Zwischen Engagement und Lethargie

Vor welchen Herausforderungen die kirchliche Arbeit in der Ukraine steht

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Die evangelische Kirche in Odessa kann nicht genutzt werden, erst müsste sie für mehrere Millionen Euro renoviert werden. Die Kirchturmspitze wurde im 2. Weltkrieg weggeschossen, weil sich ein Kreuz darauf befand. Rechts ist das renovierte Haus der Kirche zu erkennen.
   

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen... Eine Woche in der Ukraine, um Menschen, kirchliche Arbeit und Projekte der Bayerischen Diakonie kennenzulernen - da gibt es wahrlich viel zu berichten. Das reicht von der Geschichte der Deutschstämmigen bis hin zu Begegnungen mit interessanten Menschen (siehe auch Seite 6). Davon werden Sie in dieser und den nächsten Ausgaben des Sonntagsblattes einiges lesen können.

Es ist nicht einfach, wirklich nicht. Gesellschaftliche Veränderungen, eine andere Mentalität, wenig Geld und oft erschwerende Umstände wie Strom- oder Wasserausfall - Mitarbeitende der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) müssen sich mit verschiedensten Problemen auseinandersetzen. Die junge Kirche wurde vor zehn Jahren mit Sitz in Odessa gegründet. Der Kommunismus - unter dem der evangelische Glaube wie auch die deutsche Sprache verboten war - hat deutliche Spuren hinterlassen.
Das erleben der Bischof der DELKU Edmund Ratz, Pfarrer Markus Huck und Schwester Doris Müller in ihrer täglichen Arbeit. "Unter dem Kommunismus haben die Leute bei Problemen gejammert und gewartet, dass der Staat etwas dagegen tut", sagt Ratz. "Dieses Verhaltensmuster sitzt bei manchen noch immer tief. Es fehlt an Eigeninitiative und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen."
Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Pfarrer Markus Huck weiß aus der Gemeindearbeit in Odessa zu berichten, dass es auch Menschen gibt, die sich engagieren und etwas erreichen wollen. "Nur leider haben sich einige nicht nur in der Gemeinde engagiert, sondern auch eine Ausreise nach Deutschland anvisiert - auf diese Weise haben etliche Gemeinden gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verloren." Inzwischen werden an Ausreisende höhere Anforderungen gestellt und die wirtschaftliche Situation in Deutschland hat sich verschlechtert, so dass wesentlich weniger Deutschstämmige ausreisen wollen.
"Das ist ein Aspekt der sich verändernden Arbeit in den Gemeinden", sagt Pfarrer Markus Huck. Und doch wandern Menschen aus ihrer Gemeinde ab, "weil nicht mehr so viel finanzielle Unterstützung aus der Bundesrepublik kommt, wie es lange Zeit der Fall war". Huck, der gebür-tige Bamberger, hatte besonders in den letzten Monaten oft mit Misstrauen und manchmal direkter Anfeindung zu kämpfen. "Es wird uns gelegentlich sogar unterstellt, dass da bestimmt viel mehr Geld aus Deutschland kommt, das wir aber für uns behalten." Nachvollziehbar, dass das die Arbeit manchmal schwer macht.
Aber Huck berichtet auch von ermutigenden Erfahrungen mit Personen wie zum Beispiel Sascha. Der Ukrainer spricht relativ gut deutsch und ist angestellt als Nachtwächter im Haus der Kirche, wo die DELKU in Odessa ihren Sitz hat. Sascha hält große Stücke auf den Geistlichen aus Deutschland und hält sich auch tagsüber oft im Haus der Kirche auf, um zu helfen, wo Hilfe nötig ist. Das Haus der Kirche ist die Zentrale schlechthin. Dort wohnen Bischof und Pfarrfamilie, das Gemeindeleben findet statt und auch eine kleine Sozialstation ist dort untergebracht. Außerdem laufen dort Veranstaltungen wie die Tagung der Synode, Seminare, Kurse und Konzerte.
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Für die eher orthodox geprägten Christen hat der Besuch des Gottesdienstes einen hohen Stellenwert. Zwischen 80 und 100 Prozent der Gemeindeglieder gehen sonntags in die Kirche. Dabei hat die Predigt für sie keinen so hohen Stellenwert wie das in bayerischen Gemeinden der Fall ist. Dafür sind liturgische Elemente und Rituale wie Kerzen anzünden den Menschen sehr wichtig. Unser Bild zeigt einen Gottesdienst im Haus der Kirche in Odessa. Fotos: kil
   

Die Arbeit lohnt sich

Gerade ging der dritte Block eines Diakonie-Seminars zu Ende. Darin bekamen meist ehrenamtliche Mitarbeiterinnen aus Gemeinden und sozialen Einrichtungen eine Einführung in die Sozialarbeit. "Wenn ich die Frauen erlebe und sehe, mit welchem Elan sie ihre Arbeit machen, dann weiß ich wieder, warum ich mich hier engagiere", sagt Schwester Doris. Die Diakonisse aus dem Mutterhaus Lemförde (Niedersachsen) bestätigt die Erfahrungen, die Huck schildert. "Manchmal ist die Arbeit hier sehr Kräfte zehrend", meint sie. Auch sie erlebt gelegentlich Misstrauen oder gar Neid. "Die Angst zu kurz zu kommen, ist bei nicht wenigen Menschen recht ausgeprägt."
Doch wer hinter die Kulissen schaut, versteht manches besser. Auch wenn Odessa auf den ersten Blick sehr europäisch und westlich wirkt - es ist nicht Deutschland. Es ist ganz anders. Ratz, Huck und Müller sind sich einig: Die Arbeit ist nicht einfach. "Aber sie lohnt sich."

Karin Ilgenfritz

Stichwort: Ukraine:
Die Ukraine ist nach Russland der zweit-größte europäische Staat. Rund 52 Millionen Menschen leben in dem Land am Schwarzen Meer. 1991 hat der junge Nationalstaat seine Unabhängigkeit erklärt. Seit jeher Grenzland gewesen - zwischen Ost und West, zwischen seßhafter und nomadischer Zivilisation, zwischen christlicher und islamischer Welt - hat es das Problem, auf keine ganzheitliche Nationalkultur zurückgreifen zu können. Andere Probleme sind auf die schlechte Wirtschaftspolitik zurückzuführen. Bei rund 100 Euro liegt der durchschnittliche Monatslohn. Die Arbeitslosigkeit ist nach offiziellen Zahlen zwar gering, nach inoffiziellen Schätzungen beträgt sie aber bis zu 40 Prozent. Deshalb können viele Menschen nur durch die Bewirtschaftung ihrer Gärten überleben. In Städten wie Odessa gehören Männer und Frauen, die Müllkontainer nach Essbarem durchsuchen, zum Stadtbild. kil

 

 


 

Die Frage nach dem höchsten Gebot

Einer der Schriftgelehrten fragte Jesus: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwor-tete ihm: Das höchste Gebot ist das: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften." Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Markus 12, 28-31



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Gott zu lieben, das bedeutet auch, sich Zeit für den Nächsten zu nehmen und ihm im Leben eine Freude zu bereiten. Foto: Wodicka
 

Wichtig ist sie, die Frage, die der Schriftgelehrte hier an Jesus stellt: "Welches ist das höchste Gebot von allen?" Wir würden diese zentrale Lebensfrage vermutlich in andere Worte kleiden: "Worauf kommt es in meinem Leben am meisten an? Welche Richtung soll ich auf meinem Lebensweg einschlagen und welches Ziel anstreben?" Denn einfach ist es ja nicht, inmitten der zahlreichen Angebote die Orientierung zu behalten.
Jesus gibt solche Orientierung mit dem Bekenntnis zu dem einen Gott. Dieses Bekenntnis mündet in das Liebesgebot zu diesem einen Gott. Ganz selbstverständlich fügt Jesus das Gebot der Nächstenliebe an. Wir kennen diese Zusammenstellung unter dem Begriff "Doppelgebot der Liebe." So wird jemandem, der seinen Weg sucht, ein Ziel vorgegeben: Die "Liebe" - Gott lieben, den Nächsten, die Nächste lieben und sich selbst lieben.
Die Liebe, ja das ist das wichtigste. Wir stimmen dem sofort zu, stellen aber genauso schnell fest, dass es so einfach gar nicht ist mit der Liebe. Wer kann schon von sich voller Überzeugung sagen: "Ich liebe Gott mit allem, was meine Person ausmacht, mit allen mir gegebenen Kräften und Fähigkeiten?" Nächstenliebe zu praktizieren - das ist auch nicht ganz so selbstverständlich. Wissen wir doch, spätestens seit der Geschichte vom Barmherzigen Samariter, dass wir uns nicht aussuchen können, wer unsere Nächste, unser Nächster ist. Und sich selbst zu lieben - täuschen wir uns nicht! Das ist keineswegs die Art zu lieben, die uns am leichtesten fällt. Viele Menschen tun sich sehr schwer damit. Ja, ein lohnendes Lebensziel ist das zweifelsohne, die Liebe in ihrer Gestalt als Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, aber... Bevor wir uns davon entmutigen lassen, dass wir es ja doch nicht schaffen, unser Leben so liebevoll zu gestalten, kann uns zweierlei helfen - zur Ermutigung.
Die erste Ermutigung: Die Liebe, die Jesus meint, können wir lernen, denn Liebe ist nach biblischer Auffassung weniger eine Sache des Gefühls, sondern hat zu tun mit dem, was ich will, wozu ich mich entschließe, wofür ich mich interessiere, wofür ich Zeit aufbringe. So bedeutet zum Beispiel Gott lieben auch, sich Zeit nehmen für ihn, Zeit zum Lesen und zum Hören, was von ihm geschrieben und gesagt ist. Zeit für Gottesdienst und Gebet. Dass Nächstenliebe voraussetzt, Zeit für einen Menschen zu haben, um zu erkennen, wo ich gebraucht werde - das versteht sich von selbst. Und Selbstliebe kann durchaus auch heißen: Ich gönne mir Zeit für mich selbst - ohne schlechtes Gewissen.
Die zweite und wichtigste Ermutigung: Der, der uns die Liebe als Ziel vorgibt, ist ja selbst die menschgewordene Liebe Gottes. In Jesus Christus zeigt sich die Liebe ungebrochen. Im Glauben an ihn haben wir Anteil an dieser Liebe, und alles, was bei uns doch nur so bruchstückhaft ist, wird durch ihn heil.

Hedwig Stünzendörfer, Pfarrerin in Eckenhaid

Wir beten: Gott des Lebens, schenk du uns Weisheit, dich zu suchen, Geduld für andere und Achtung vor uns selbst und mach uns stark durch deine Liebe, mit der du uns schon längst begegnet bist: In Jesus Christus. Amen.

Lied 401: Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht.

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