Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 41)

Auch Momo konnte immer gut zuhören

Das größte deutschsprachige Internet-Seelsorge-Forum: Kummernetz

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Jugendliche und Erwachsene können ihre Sorgen auch in der Grafikgalerie mitteilen, Fotos: Privat
   

"Kennst Du das Gefühl, Dich einsam zu fühlen, auch wenn Du umgeben bist von lauter Menschen? Niemand versteht Dich, alleine und ohne Hilfe gefangen in einer kranken Seele? Obschon Du tapfer lächelst, weißt Du genau, dass es eine Lüge ist. Tief in Dir drin, weint und blutet Dein Herz, weil es den Schmerz nicht mehr ertragen kann. Es sind stumme Tränen, welche Du weinst, niemand kann sie sehen, weil niemand sie sehen will. Sie verschließen die Augen, halten sich die Ohren zu. Die Wunden sind tief, rauben Dir den Schlaf...."

Sorge von der Seele schreiben

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Vorgestellt wurde es beim Kirchentag in Berlin.
   

Diese traurigen Sätze stammen von einem jungen Mädchen. Unterschrieben sind sie mit dem Pseu-donym "e0wyn(chen)". Keiner, der dies liest, weiß, welch ein Mensch sich dahinter verbirgt. Eines jedoch ist klar: Hier geht es um eine Lebensgeschichte, die von großer Frustration und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Hier, im Internet, im Kummernetz für Teens, kann sich die Jugendliche ihre Sorgen von der Seele schreiben. Und was hinzu kommt: Sie erhält Rat, Ermutigungund Trost. Eine Jugendliche namens "Biest" schreibt zurück: "Ich kann Dich gut verstehen. Mir ging es genauso. Aber ich weiß auch, dass Du es schaffen wirst. Ich glaube an Dich! Du wirst es allen zeigen!! Ich hab Dich ganz doll lieb! Dein Biest!"
Die Nachfrage nach Trost im Internet ist groß. Und Angebote, sich einfach einmal auszusprechen, gibt es zur Genüge. Allerdings sollte man diese schon genau prüfen, um nicht irgendwelchen Schwindlern in die Hände zu fallen, die es nur aufs Abkassieren abgesehen haben.
Eine bewährte Adresse ist seit langem "www.kummernetz.de". Aufgebaut hat es der Würzburger Diakon Uwe Holschuh Ende 1996 als private Initiative - mit einer einfachen Homepage und einer Email-Adresse. Heute teilen sich 52 ehrenamtliche Mitarbeitende die vielfältigen Aufgaben unter der Trägerschaft des gemeinnützigen Vereins "Kummernetz e.V.". Auf diese Weise entwickelte sich das Hilfsangebot zu einer umfassenden Kommunikations- und Beratungsplattform für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen. Im Jahr 2002 wurde die Startseite mehr als 850.000 Mal aufgerufen. Täglich nutzen rund 1.280 BesucherInnen das Angebot, das für Ratsuchende niederschwellig, einfach und mit einem hohen Grad an Anonymität zu erreichen ist.
Das Angebot von "Kummernetz" beruht auf drei Säulen: Die Internet-Surfer helfen sich gegenseitig in so genannten Chats (Gesprächsrunden). Hilfesuchende werden durch geschulte, ehrenamtliche Begleiter beraten. Und es gibt spezielle Informationsseiten mit Impulsen, um sich quasi selbst zu "therapieren". In den stark genutzten Foren können Erwachsene, Jugendliche und Kinder per Email in diskreter Weise mit derzeit 32 BegleiterInnen ihren Kummer besprechen. Die Seelsorge-Teams setzen sich aus Theologen, Psychologen und Ehrenamtlichen unterschiedlichster Berufsgruppen zusammen. Das Besondere: Die Helfer werden mit Foto und einer kurzen Lebensbeschreibung vorgestellt. So kann sich jeder, der nach Trost sucht, zuerst ein Bild von seinem Email- oder Chat-Partner machen. Wer seine Sorgen nicht sprachlich ausdrücken kann, darf bei "Kummernetz" übrigens auch Zeichnungen anfertigen. Das Einstellen dieser Werke in die Kummer-Galerie ermöglicht ebenfalls den Austausch mit andeen Internet-Nutzern. 2001 wurden zum Beispiel 478 Bilder ausgestellt, im Jahr darauf waren es bereits 669 Bilder, die zur Diskussion anregen sollten.

Kummerangebot am Anfang
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Das Internet-Seelsorge-Angebot namens "Kummernetz" hat der Würzburger Diakon Uwe Holschuh gegründet.
   

Erste Ansätze, mit einem Kummer-Angebot ins Netz zu gehen, ergaben sich schon 1993. "Ich steckte damals mitten in der Ausbildung zum Pastoralreferenten in einer städtischen Kirchengemeinde," erinnert Uwe Holschuh. Obwohl er viele Menschen persönlich kennenlernte, "richtig helfen konnte ich in dieser Zeit nicht", fügt er hinzu. So hatte er sich Seelsorge nicht vorgestellt. Deshalb suchte er nach an-deren Möglichkeiten, um mit Menschen in Not intensiv und nachhaltig Kontakt aufnehmen zu können.
"Momo Kummerkasten Online", so nannte er sein erstes Angebot im Internet. Vorbild war das gleichnamige Mädchen aus dem Michael Ende-Film: Momo, die immer gut zuhören konnte. Die Idee des Selbsthilfenetzes war geboren - und damit der Beginn einer Menge Arbeit. "Schon im Sommer 1998 kam es wegen der zeitlichen Überlastung zur Krisenstimmung in meiner Familie", erzählt Uwe Holschuh. Er bewältigte die Nachfragen nach Hilfe nicht mehr alleine. Ein Team ehrenamtlicher Helfer musste her. Zum Glück waren unter denen, die sich im Gästebuch eingetragen hatten, einige dabei, die mit einstiegen.

Berater dringend gesucht

Das Problem ist damals wie heute das Gleiche: "Wir brauchen momentan weniger Ratsuchende, sondern mehr Berater", so bringt es Uwe Holschuh auf den Punkt. Und diese Mitarbeiter sollen natürlich auch geschult werden. Im Bistum Würzburg, wo der Diakon mittlerweile eine dreiviertel Stelle als Internet-Seelsorger innehat, funktioniert das bereits ganz gut. Den Neuanfängern werden Paten an die Seite gestellt, die die ersten Schritte der Beratung begleiten. Zudem müssen sie bestimmte Texte und Bücher durcharbeiten sowie vierteljährlich an einer Supervision teilnehmen.
Neben einer fundierten Ausbildung soll in Zukunft die Öffentlichkeitsarbeit verbessert werden, betont Holschuh. Auch die Finanzierung soll eine breitere Basis erhalten.
Der 37-Jährige denkt an eine Fundraising-Strategie, um an Spenden zu kommen. Schön wäre es, wenn bestehende Internet-Seelsorge-Angebote der Kirchen mit dem Kummernetz verknüpft würden und Mitarbeitende zur Verfügung gestellt würden. Denn: Wo sonst erreicht Kirche so viele Jugendliche? "Sie gehen mit diesem Medium ganz selbstverständlich um. Und: Über das Internet gelingt es den jungen Menschen oft, dem Leben wieder mehr Tiefe zu geben," so Uwe Holschuh.

Günter Kusch

Webseiten: www.kummernetz.de

 

 


 

Beharrlichkeit in Glaubensdingen

Siehe, eine kanaanäische Frau kam und schrie: "Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt." Jesus antwortete und sprach: "Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel." Sie aber fiel vor ihm nieder und sprach: "Herr, hilf mir!" Da sprach Jesus: "Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde." Die Frau sprach: "Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen." Da antwortete Jesus: "Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!" Und ihre Tochter wurde gesund in derselben Stunde.

Psalm 104, 1+24 und 27+28



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Foto: Wodicka
 

Schade, dass wir ihren Namen nicht kennen. Sonst könnten wir nach dieser kanaanäischen Frau eine Kirche benennen. Denn die Erinnerung an sie, die Nichtjüdin aus der Gegend der Hafenstädte Tyrus und Sidon, sollte nicht verblassen, sondern unter uns wach bleiben. Weil sie ein Beispiel ge-geben hat für Mut und Unerschrockenheit; weil sie gezeigt hat, wie Grenzen überwunden und aufgelöst werden können; weil sie an die Grenzenlosigkeit von Gottes Zuwendung geglaubt hat und so zum Vorbild werden kann. Jesu Verhalten in dieser Geschichte befremdet: Die unbekannte heidnische Frau schreit die Not ihres Herzens heraus, aber er bleibt abweisend und schroff. Er hilft nicht. Seine Sendung, so sagt er, gilt nur "den verlorenen Schafen vom Hause Israel", also allein den Juden, wenigstens zunächst. Mit anderen Worten: Gott hat seine Prioritäten, die auch wir anerkennen lernen müssen. So hart das klingt: Wir haben kein Anrecht auf Gottes Erbarmen, auf Gottes Vergebung, auf Gottes Hilfe. Es ist wirklich Gottes freies und ungeschuldetes Erbarmen, wenn er sich uns zuwendet. Die kanaanäische Frau hat dies verstanden, aber sie lässt nicht locker: "Ja, Herr, aber..." Einen großen Glauben nennt Jesus diese Antwort. Eine Antwort freilich, die unter Anfechtungen und Schmerzen geboren wird. Ein Glaube, der gelernt sein will. Viele meinen, glauben heiße, über Gott und über Jesus Bescheid zu wissen. Hier heißt es, dies sei der große Glaube: Sich an Gott zu hängen in Angst und Verzweiflung, aber mit einer unerschütterlichen Hoffnung; dies sei der große Glaube: Unter dem oft schroffen und harten Nein unseres Lebens das große Ja Gottes herauszuhören - wie jene fremde Frau mit dem befremdlichen Benehmen. Martin Luther hat die kanaanäische Frau einmal "Fürstin von Anhalt" genannt, weil sie sich Jesus in den Weg gestellt und ihm Hilfe abverlangt, das heißt ihn zur Erfüllung ihrer Bitte angehalten hat. Diese Benennung gefällt mir; denn sie erinnert an den Mut und die Unerschrockenheit dieser Frau, die sich durch Grenzen und Traditionen nicht hat beirren lassen; sie erinnert an ihren Glauben, der sich in Geduld und Hoffnung bewährte und mit Gottes grenzenloser Liebe rechnete. Diese Erinnerung ist nötig - für uns und unsere Kirche. So sollen wir es wie diese fremde, namenlose, heidnische Frau machen, wie diese Frau mit dem großen Glauben: Sie lässt sich nicht erschrecken oder erbittern. Sie lässt sich Gottes Wort einfach gesagt sein, auch wenn es hart ist und ihr widerspricht. Sie will dennoch etwas bei Gott erreichen, nicht einfach für sich, sondern für die anderen. Ein großer Glaube!

Ludwig Markert, Diakoniepräsident, Nürnberg

Wir beten: Wir bitten dich, Herr, dass wir lautstark für andere um Hilfe rufen und nach Kräften selbst helfen; dass wir nicht irre werden, wenn sich unsere Hoffnungen auf dich nicht so bald erfüllen; dass wir offener werden für alles, was zwar ungewohnt sein mag, aber trotzdem christlich ist. Herr, lass unseren Glauben an dich wachsen Tag für Tag. Amen.

Lied 365: Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir.

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