Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 38)

Die Sowjetzeit hat ihre Spuren hinterlassen

Vor welchen Herausforderungen die lutherische Gemeinden im Baltikum stehen

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In baltischen Metropolen - wie hier in der estnischen Hauptstadt Tallinn - prägen Gotteshäuser noch das Gesicht der Städte. Doch nur noch ein Teil der Bevölkerung gehört einer Kirche an. Fotos: Saalfrank

Wer heute die evangelisch-lutherische Kirche in der litauischen Hauptstadt Vilnius betritt, erlebt ein schmuckes Gotteshaus. Auf den ersten Blick ist nichts mehr davon zu spüren, dass das Sakralgebäude Jahrzehnte lang zweckentfremdet war. Von den sowjetischen Machthabern enteignet diente es im Erdgeschoss als Werkstatt für Restauratoren und im ersten Stock als Basketballhalle. Eine Schautafel erinnert mit Bildern an diese Vergangenheit und zeigt, in welch ruinösem Zustand die Kirche nach der Wende Anfang der 90er Jahre zurückgegeben wurde.
Die Sowjetzeit hat im Baltikum ihre Spuren hinterlassen. Vor dem zweiten Weltkrieg gehörten in Litauen zehn Prozent der Bevölkerung der evangelisch-lutherischen Kirche an. Heute sind es nicht einmal mehr ein Prozent. In den 54 lutherischen Gemeinden des Landes, das ab Mai nächsten Jahres zur Europäischen Union gehört, leben 30.000 evangelische Christen. In der Hauptstadt Vilnius gehören heute 600 Menschen zur lutherischen Gemeinde, die Ende der 80er Jahre wieder gegründet wurde. Pfarrer Mindaugas Sabutis freut sich darüber, dass die Gemeinde wächst: Ihr schließen sich pro Jahr 20 bis 30 Menschen an. Die lutherischen Christen müssen erst ihren Platz in der Gesellschaft finden. "50 Jahre lebten wir zurückgezogen im Untergrund, jetzt müssen wir offensiv werden und dialogfähig sein", meint Sabutis und fügt hinzu: "Das ist nicht einfach".

Schwierige Finanzierung


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Erlebt ihre Gemeinde als große Familie: Organistin Vita Kalnciema.
   
Kopfzerbrechen bereitet den Gemeinden in Litauen und den anderen baltischen Staaten Lettland und Estland noch etwas anderes: Wie sollen sie die Arbeit, die Mitarbeitenden und den Unterhalt der Gebäude finanzieren? Zuwendungen vom Staat gibt es keine. Jede Gemeinde hat sich vielmehr selbst zu tragen. In Vilnius bekamen die Lutheraner nach der Wende Häuser im Stadtzentrum zurück, die sie vermietet haben. Die Mieteinnahmen fließen in die Gemeindearbeit und die Renovierung von Gebäuden.
Apropos Geld: Seit Jahren wartet die evangelisch-lutherische Kirche in Lettland auf zugesagte Mittel des Lutherischen Weltbundes (LWB) für die Luther-Akademie in Riga. Weil die Lettischen Lutheraner den Zugang von Frauen zum Pfarramt ablehnen - nach Ansicht von Erzbischof Janis Vanags "kann man die Frauenordination nicht vertreten ohne Teile der Bibel für ungültig zu erklären" - wurden die Mittel für die 1997 gegründete theologische Ausbildungsstätte der lettischen Kirche vom LWB auf Eis gelegt. Unterstützung für die Ausbildung von Pfarrern, Religionslehrern, Kirchenmusikern und Laien gab es dagegen von der amerikanischen Missouri-Synode.
Die 120 Theologiestudenten der Luther-Akademie, die vom emeritierten Erlanger Theologieprofessor Reinhard Slenczka geleitet wird, müssen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Tagsüber gehen sie zur Arbeit, abends studieren sie an der Akademie in der lettischen Hauptstadt. Am Wochenende sind sie meistens in Gemeinden unterwegs. Denn für die über 300 lettischen Kirchengemeinden gibt es nur knapp über 100 Pfarrer. Deshalb sind die angehenden Theologen Slenczka zufolge gern gesehene Prediger.
Die meisten Gottesdienste werden mit Beichte und Abendmahl gefeiert. "Buße und Sündenvergebung haben in vielen Kirchengemeinden einen festen Ort", erzählt der frühere Erlanger Professor, der im Ruhestand die neue Aufgabe im Baltikum übernommen hat. Die Absolution werde oft mit Handauflegung vor dem Abendmahl erteilt: "Eine ernste Atmosphäre." In den Gottesdiensten finden sich Menschen aller Altersstufen. Beispiel Jesus-Kirche in Riga: Von den 800 Gemeindegliedern kommen jeden Sonntag 400, unter ihnen auch viele Kinder. Die 20 Gruppen der Sonntagsschule treffen sich in den verschiedenen Ecken des Gotteshaus. Die jüngsten Kinder sind zwei, die ältesten 16 Jahre. Organistin Vita Kalnciema spricht von einer "sehr lebendigen Gemeinde, die wie eine große Familie ist". Für musikalischen Schwung sorgen der Jugend-, Gemeinde- und Posaunenchor.

Aufschwung nach der Wende

Einen großen Aufschwung erlebten lutherische Gemeinden in Estland, dem nördlichsten der drei baltischen Staaten, nach der Wende. "1990 war ein Rekordjahr", erzählt Pfarrer Thomas Paul von der Johannesgemeinde in der estnischen Hauptstadt Tallinn. "Da habe ich 988 Menschen getauft und mehr als 800 Konfirmandinnen und Konfirmanden begleitet." Zuvor sei das ganz anders gewesen: "Von 1960 bis 1985 wurden während der Sowjetzeit in ganz Estland weniger als 500 Kinder getauft."

Hinwendung zum Glauben

Nach der Wende gab es Paul zufolge eine Hinwendung zum christlichen Glauben und zur Kirche. "Ohne diese Boomjahre wäre die estnische Kirche arm dran", betont der promovierte Theologe und Professor für Neues Testament. Die Gemeinden würden heute noch von diesem Aufschwung profitieren: "Die Eltern der Kinder, die wir heute taufen, stammen meist aus den Jahrgängen nach der Wende."
In Estland gibt es - wie auch in den anderen baltischen Staaten - ein Stadt-Land-Gefälle. Da junge Leute oft in die Stadt ziehen, fehlt der Nachwuchs in den kleinen Gemeinden auf dem Land. Ein Viertel von ihnen hat weniger als 50 Mitglieder. Zudem ist es für Geistliche schwer, oft drei bis fünf Gemeinden zu betreuen. "Manchmal fährt ein Pfarrer 20 bis 30 Kilometer, um von einer Kirche zur anderen zu kommen", beschreibt Paul die Lage.
Die Repräsentanten der Lutheraner Estlands - die Schätzungen schwanken zwischen 12 und 30 Prozent an der Gesamtbevölkerung - sitzen mit Vertretern anderer Kirchen an einem runden Tisch zusammen. Auf der Tagesordnung stehen keine theologischen Fragen, sondern prak-tische Anliegen, wie etwa gemeinsame Verkündigungssendungen im Radio. "Die Zusammenarbeit im Kirchenrat klappt gut", berichtet Paul. Es gebe keine Spannungen zwischen den unterschiedlichen Gruppen - von Pfingstlern bis zu Orthodoxen. "Für alle gibt es genug Ungetaufte, um die sie sich kümmern können", meint der lutherische Theologe scherzhaft.

Günter Saalfrank

 

 

 


 

Das Danken wieder neu lernen

Es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Lukas 17, 11-19



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Orte, die nachdenklich werden lassen: Unser Foto zeigt einen Altar am See Genezareth.
 

In meiner Kinderbibel gehörte diese Geschichte zu denen, wo alles klar war: Es gibt den Guten und die Schlechten, den Helden und die Bösen, den Vorbildlichen und die Versager. Schema schwarz-weiß eben.
In meiner Jugendzeit hat mich ein Lied von Manfred Siebald über diese Geschichte nachdenklich gemacht. "Wie oft hab ich schon den Aussatz meines Lebens ihm gebracht, mein Versagen, meine Angst und Traurigkeit. Und genauso oft hat er mich immer wieder rein gemacht, von den Dingen, die mich quälten, mich befreit. Zehn, nein hundertmal hat er mit seiner Hilfe mich bedacht, und wie oft hab ich meinen Dank ihm zurück gebracht?" Gott dem Zehnten an Dank geben? Wie oft kommen wir dazu?
In der Geschichte der zehn Aussätzigen vergessen neun Geheilte ihren Dank. "Stürzten sich ins volle Leben", heißt es im Siebald-Lied, "holten was sie konnten nach". Freilich, möglichst schnell wollen sie da wieder weitermachen, wo ihr Leben durch die schlimme Krankheit jäh unterbrochen wurde, dort wieder anknüpfen, nachholen, im Idealfall so, als wäre nichts gewesen.
Einer - eigentlich der Fremde, von dem man es am wenigsten erwartet hätte - will nicht wieder einfach anknüpfen, sondern weiß sein Leben an einem Wendepunkt. Ein neues Leben ist ihm geschenkt, er will nicht einfach so weitermachen wie bisher. Und dieses neue Leben stellt er auf eine neue Basis: Er dankt und gibt Gott die Ehre!
Krankheit und Leid, ein "Aussatz", nicht mehr dazu zu gehören, können Wendepunkte im Leben sein. Aber es müssen nicht nur die krisenhaften Lebenssituationen sein, die uns über unser Leben nachdenklich werden lassen: vielleicht ein Naturerlebnis, ein Sonnenuntergang oder ein klarer Wintermorgen, vielleicht eine Begegnung, die ermutigt oder einfach nur ansteckende Lebensfreude ist, wie das Lachen eines Kindes, vielleicht ist es die geschenkte Ruhe an einem Sonntag oder an einem Urlaubstag, vielleicht ist es eine besondere Station auf dem Lebensweg, Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Ruhestand oder ein runder Geburtstag, oder vielleicht ist es das tägliche Gebet beim Abendläuten. Es geht darum, dass wir diese Chancen nicht außer Acht lassen, über unser Leben immer wieder neu nachzudenken - am besten mit Gott!
Der zehnte Geheilte unserer Geschichte jedenfalls hat seine Chance wahrgenommen. An diesem Wendepunkt seines Lebens - sein Leben wird heil - beginnt er mit Dank, Ehre und Vertrauen. Das ist die neue Grundlage seines Lebens.
So geht es mir bei dieser Geschichte nicht mehr darum, andere Menschen in die "Schubladen schwarz/weiß" einzuordnen, sondern in meinem Leben zu entdecken, wo ich Gott danken und ihm die Ehre geben möchte. Gelegenheiten zum Entdecken gibt es viele, und Anlässe zum Danken noch viel mehr. Und so darf ich zuversichtlich meinen Lebensweg gehen und gestalten, denn er steht unter dem Wort Jesu: "Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen."

Dekan Christoph Seyler, Oettingen

Wir beten: Danken will ich Dir mein Gott und loben Deinen Namen, denn mein Leben siehst Du an und ohne Grenzen Dein Erbarmen. So lass in diesem Dank mich gehn und auf dem Weg des Lebens sehn, dass Du mich führest. Amen.

Lied 333: Danket dem Herrn!

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