Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 37)

Ball-Erfolge auf zwei Rädern

Michael Mertel ist Meister im Rollstuhl-Tennis

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Der 16-jährige Michael Mertel aus Oberasbach widmet sich seit acht Jahren intensivst dem Rollstuhl-Tennis. Dabei hat er bereits mit Boris Becker einige Ballwechsel gespielt.

Wer mit Michael Mertel einen Termin ausmachen will, braucht Geduld. "In dieser Woche geht gar nichts", sagt der 16-Jährige am Telefon. Wieder einmal ist er unterwegs - in Sachen Sport. Seit etwa acht Jahren spielt der Oberasbacher (Landkreis Fürth) mit Begeisterung Rollstuhltennis. Und das überaus erfolgreich: Bei den nationalen und internationalen deutschen Meisterschaften wurde er zum Beispiel in den letzten Jahren zum Vizemeister bei den Junioren gekürt.
Mittlerweile hat man Michael Mertel auch ins Juniorenteam des Deutschen Rollstuhl-Tennis-Verbandes berufen, so dass er schon einige Male im Dress der Bundesrepublik Deutschland gespielt hat. Zwei Einladungen zum World-Team-Cup, 2001 in der Schweiz und 2002 in Italien, folgten. Es handelt sich dabei um die Mannschafts-Weltmeisterschaften der Rollstuhl-Tennisspieler, die mit dem Davis Cup bei den so genannten "Fußgängern" vergleichbar sind. Als Fußgänger bezeichnen Rollstuhlsportler die Leute, die laufen können und Tennis spielen.

Ein sportlicher Stundenplan


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Auch seine Zukunftspläne hat er hoch gesteckt: Nach der Schulzeit, die er an einem Gymnasium in Stein bei Fürth absolviert, will er Rechtsanwalt oder Psychologe werden. Foto: Kusch
   
Michaels Stundenplan ist dicht gedrängt. Das zeigt ein Blick in den Kalender. Ende April fanden die bayerischen Meisterschaften in Büchlberg bei Passau statt. Vom 9. bis 11. Mai gingen in Düsseldorf die deutschen Meisterschaften über die Bühne. An Pfingsten reiste Michael Mertel zur Mannschafts-WM nach Polen. Und eine Woche darauf waren die internationalen bayerischen Meisterschaften in Wendelstein angesagt. Meist begleitete ihn bei diesen Fahrten sein Vater, aber auch seine Mutter, Karin Mertel, hat schon auf etlichen Zuschauertribünen mit ihrem Sohn mitgefiebert.

Seit 13 Jahren im Rollstuhl

Michael Mertel kam mit spina bifida (offenem Rücken) und einem Hydrocephalus zur Welt. Hydrocephalus heißt - wörtlich übersetzt - Wasserkopf. Dieser Begriff ist als Krankheitsbeschreibung auch in der Bevölkerung bekannt. Obwohl der 16-Jährige seit nunmehr 13 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, scheint er nicht darunter zu leiden. Sein Gesicht strahlt Fröhlichkeit aus, seine Sätze sind von tiefem Ernst und einer Leichtigkeit des Seins geprägt: "Ich würde mich nicht als einen Behinderten bezeichnen. Anstatt zu gehen, fahre ich eben durch die Welt", sagt er. Wenn Freunde und Bekannte davon sprechen, wie schlimm das doch sei mit seiner Krankheit, entgegnet der Jugendliche: "Es gibt Menschen, die ein größeres Schicksal erleiden müssen als ich." Auch aus einem eingeschränktem Leben könne man etwas Sinnvolles machen. Schlimm sei, dass manche Rollstuhlfahrer in ihrer Mutlosigkeit verharren, anstatt die Möglichkeiten zu nutzen, die sie trotz ihrer Behinderung hätten, meint Michael Mertel - und es klingt wie eine Ermutigung zum Leben. Natürlich hat sich auch der 16-Jährige immer wieder gefragt, wieso gerade er von diesem Schicksalsschlag getroffen wurde. "Aber, es hat alles seinen Sinn im Leben", erklärt er. "Vielleicht hat Gott es ja so gewollt." Jedenfalls glaubt der Jugendliche an die Macht des Schicksals - "und auch das Schicksal wird von Gott bestimmt", fügt Michael nachdenklich hinzu. Er kann jedenfalls auch eine positive Seite an seiner Krankheit entdecken: "Ich habe bisher nur nette Menschen kennen gelernt. Arrogante Zeitgenossen unterhalten sich doch mit einem Rolli erst gar nicht", unterstreicht er.
Wer Michael Mertel beim Tennisspielen beobachtet, bewundert die Schnelligkeit und Reaktionszeit, mit der er auf dem Platz agiert. Flink dreht er seinen Rollstuhl, dass die rote Asche nur so staubt. Er holt mit der rechten Hand aus und bringt den Gegner mit einem gezielten Aufschlag sofort ins Schwitzen. Rückhand, Volley oder Slice sind für den Oberasbacher kein Problem. Für die Mobilität auf dem Platz sorgt ein eigens angefertigter Rollstuhl, der zum Großteil aus Carbon besteht. Die Räder sind schräg gestellt, dadurch ist er leicht und wendig. Damit der Spieler beim Aufschlag nicht nach hinten kippt, stützt eine Längsachse mit zwei kleinen Rädchen den Rollstuhl ab. Entwickelt wurde das aktuelle Modell von dem österreichischen Weltklasse-Spieler Martin Legner. Michael Mertels Sportgerät mit dem schönen Namen "Quickie Match Point" hat etwa 3.700 Euro gekostet. Ermöglicht wurde der Kauf vor allem durch private Spender und zahlreiche Sponsoren.

Teilhabe statt Fürsorge

Das Jahr 2003 wurde vom Rat der Europäischen Union zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen erklärt. Ziel ist, die Teilhabe, Gleichstellung und Selbstbestimmung von behinderten Menschen zu fördern. Sie wollen nicht mehr ausgrenzende Fürsorge, sondern uneingeschränkte Teilhabe; nicht mehr abwertendes Mitleid, sondern völlige Gleichstellung; nicht mehr wohlmeinende Bevormundung, sondern das Recht auf Selbstbestimmung.

Auch vom Fußball begeistert

Michael Mertel ist auf diesem Weg der Selbstbestimmung schon weit gekommen. Er lässt sich von seinem Schicksal nicht unterkriegen, sondern macht das Beste daraus. Dass er dem Tennis so leidenschaftlich frönt, hätte keiner gedacht. Seine Mutter suchte damals einen Sport für ihn und wurde durch eine Freundin fündig. "Es hat mir von Anfang an gefallen", sagt Michael Mertel. Wenn er laufen könnte, wäre er wohl Fußballer geworden.
Und seine Zukunftspläne? Nach der Schulzeit am Gymnasium in Stein bei Fürth will er Rechtsanwalt oder Psychologe werden. Und in Sachen Sport? "Mein größter Wunsch wäre, in zehn oder 14 Jahren bei den Parolympics mitzumischen", schmunzelt der 16-Jährige. Auch die Mannschafts-Weltmeisterschaften 2004 in Neuseeland würden ihn reizen. Zuzutrauen wäre es ihm. Willensstärke und Sportsgeist besitzt er zur Genüge. Die Frage ist nur, ob die Tage in seinem Terminkalender ausreichen werden?

Günter Kusch

 

 

 


 

Wer ist mein Nächster?

Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst,will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Lukas 10, 29-37



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Manchmal sind es nur kleine Handgriffe, mit denen wirksam geholfen wird. Hier packt ein Mann an, um einer Frau den Kinderwagen die Treppen hochzutragen.
 

Eine einfache Frage. Die Antwort ist eine Geschichte. Der Fragende begreift schnell, denn die Geschichte ist eindeutig. Wer ist mein Nächster? Eine Person, die ich besonders gerne mag? Jemand, der mir auch schon einmal geholfen hat? Einer, von dem ich erwarten kann, dass er sich erkenntlich zeigt?
Wenn ich die Geschichte richtig verstanden habe, dann muss die Antwort hier lauten: Nein! Mein Nächster ist der, der mir als nächstes begegnet. Mein Nächster ist der Mitmensch, dessen Weg sich mit meinem kreuzt, wann auch immer und wo auch immer. Auf der Straße nach Jerusalem genauso wie auf dem Weg zur Arbeit, im Urlaub, auf dem Parkplatz oder beim Einkaufen. Mein Nächster - diese Bezeichnung beschränkt sich nicht auf Familienangehörige und Freunde. Hier werden die Grenzen von Nachbarschaft und Bekanntschaft überschritten, ja sogar die Grenzen zwischen Völkern, Rassen und Nationen gelten nicht, wenn es darum geht, wer mir der Nächste und wem ich der Nächste sein kann.
Ist das vorstellbar: Mein Arbeitskollege schaut mich schief an seit ich im Betrieb angefangen habe. Ich mache ihm nichts recht, er schwärzt mich grundlos beim Chef an, er enthält mir wichtige Informationen vor. Kurzum: Er macht mir das Leben zur Hölle, ich bekomme deswegen keinen Fuß auf den Boden. Eines Tages passiert ein Unglück. Der Kollege bleibt mit seiner Hand in der Maschine hängen. Ich bemerke die Gefahr. Blitzschnell muss ich entscheiden: Zeit für Rache oder Zeit für Hilfe. In dieser Sekunde entscheidet sich, wer heute und jetzt mein Nächster ist. Der Kollege gehört nicht zur Kirchengemeinde, zu der ich gehöre, er ist womöglich nicht einmal Christ, er hat eine andere Nationalität und - was am schwersten wiegt - er ist auch mein Rivale. Das alles kann, ja das alles will ich nicht bedenken in diesem kurzen Moment meiner Entscheidung. Es geht um etwas Grundsätzliches: Will ich helfen oder rächen? Daran entscheidet sich, wer mein Nächster ist und ob ich zum Nächsten werde.
Es geht nicht darum, wen ich als meinen Nächsten definiere und wen ich dabei ausschließe. Es geht darum, wem ich durch mein Verhalten zum Nächsten werde.
Die Episode zwischen Jesus und dem fragenden Pharisäer endet mit einem Befehl. Ich halte das für den entscheidenten Moment der Geschichte. "Geh und mach's genauso!" Es genügt nicht, zu wissen, wer mein Nächster ist und wem ich zum Nächsten werden kann. Entscheident ist die Tat. Mein Wahrnehmen, meine Hilfe, mein Zuhören, meine Hinwendung, mein guter Rat für den, der mir über den Weg läuft macht mich zum Nächsten. Wer das ist, was ihm geschehen ist und ob ich überhaupt der kompetenteste Helfer bin, spielt in diesem Moment keine Rolle. Nur das eine: Geh und mach's genauso! Genauso wie der Samariter.

Pfarrer Jochen Pickel, Wildenholz

Wir beten: Herr, wer wird der Nächste sein, dem ich begegne? Lass mich aufmerksam sein, dass ich nicht vorübergehe, wo ich stehen bleiben muss. Lass mich wachsam sein, dass ich nicht stehenbleibe, wo ich weiter gehen müsste. Ich bin gespannt, wer mir als nächstes begegnet und wem ich zum Nächsten werden darf. Hilf du mir, Herr, der Nächste zu sein. Amen.

Lied 419:Hilf, Herr meines Lebens.

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