Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 36)

Mit den "Stehaufmännchen" fing alles an

Friedel Häfner ist Mitbegründerin des Sozialpsychiatrischen Dienstes

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Vor fast 32 Jahren gab Friedel Häfner mit den Anstoß für die Gründung des Sozialpsychiatrischen Dienstes.

Etwas wehmütig ist Friedel Häfner schon ums Herz, wenn sie die vielen Aufnahmen in ihrem Fotoalbum betrachtet. Vor sechs Jahren, zu ihrem 80. Geburtstag, bekam sie das geschichtsträchtige Blätterwerk geschenkt. Mitarbeitende ihrer Kontaktgruppe haben die Fotos zusammengestellt und liebevoll mit Beschreibungen versehen. Die Bilder sind eine Art Rückblick über knapp 32 Jahre Hilfe für psychisch kranke Menschen. Friedel Häfner und Marianne Leipziger, der Ehefrau des damaligen Leiters der Stadtmission Nürnberg, ist es zu verdanken, dass dort 1980 der Sozialpsychiatrische Dienst ins Leben gerufen wurde.
Friedel Häfner kam 1947 als Sozialarbeiterin ans Klinikum Nord, wo sie auch für die Psychiatrie zuständig war. Es war ihre erste Begegnung mit dieser Form von Krankheit. "Da habe ich gemerkt, wie schwierig und trostlos deren Situation ist", erzählt die 86-Jährige. Der große Saal, die gestreiften Anstaltskleider, die Gitter vor den Fenstern und auch die Behandlungsmethoden wie Elektroschock haben sich in ihr Gedächtnis eingegraben.

Ins Pflegeheim abgeschoben


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Jede Woche treffen sich psychisch Kranke im Julius-Schieder-Haus in Nürnberg, um sich auszutauschen und ihre Krankheit besser in den Griff zu bekommen. Fotos: Kusch
   
"Keiner hat sich um diese Menschen richtig gekümmert", sagt sie. Und wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen wurden, schob man sie ins Bezirkskrankenhaus oder in Pflegeheime ab. "Das hat mir sehr zugesetzt", betont Friedel Häfner. Es gab zwar einen Besuchsdienst. "Aber keiner wagte sich auf die Psychiatrie", fügt sie hinzu. Gemeinsam mit Marianne Leipziger hat die Sozialarbeiterin dann einen Hilfsdienst organisiert, um psychisch kranke Menschen besser beraten, begleiten und betreuen zu können.
"Mit den Stehaufmännchen fing 1972 alles an", erzählt Friedel Häfner und lächelt, wenn sie daran zurückdenkt. Welcher Name könnte die Situation psychisch Kranker auch besser umschreiben? "An einem Tag geht es ihnen gut und sie fühlen sich überglücklich. Und am nächsten Tag versinken sie in tiefster Depression", erläutert sie die rasch wechselnde Welt der Gefühle. Gefehlt hat es nur an passenden Räumlichkeiten. Mit ein wenig Überredungskunst wurden die Damen bei der Stadtmission fündig. Alle 14 Tage durften sie sich in einem Zimmer, das sonst vom Seniorenclub genutzt wurde, treffen. "Wir haben etwa 15 Leute angeschrieben und sie zu einem Kaffeekränzchen eingeladen", so Häfner. Und: "Ich habe darum gekämpft, Patienten von der Klinik mitnehmen zu dürfen." Das war gar nicht so einfach. Schließlich durften diese die Psychiatrie nicht verlassen. "Wer soll für diese Leute haften", so wurde sie gefragt. Aus dem anfänglichen Kaffee-Plausch wurden regelmäßige Treffen mit thematischem Tiefgang. Bis heute betreut Friedel Häfner die Kontaktgruppe als Ehrenamtliche weiter. Zahlreiche Rückmeldungen, "hier fühlen wir uns wohl" oder "hier haben wir unsere Heimstatt gefunden", bestärken sie in dieser Arbeit.
Im Lauf der Jahrzehnte wurde der Kreis der Helfenden immer größer. Sogar Studierende der Psychologie interessierten sich und packten mit an. Mittlerweile gibt es neben den Hauptamtlichen mindestens 22 Ehrenamtliche, die sich um die psychisch Kranken kümmern - und das zum Teil seit über 25 Jahren. Mit welchen Problemen diese konfrontiert werden? "Da gibt es depressive, durch Selbstmord gefährdete oder von Wahnvorstellungen gepeinigte Menschen und damit eine große Bandbreite", sagt Friedel Häfner. Auf die Frage, ob durch ihre Arbeit schon einmal ein Selbstmord verhindert wurde, antwortet sie sehr vorsichtig: "Das ist ein großes Wort. Aber ich denke schon, dass wir das in unserer Gruppe geschafft
haben." In einer angenehmen und freundschaftlich geprägten Atmosphäre gelingt es eher, Probleme aufzuarbeiten, an denen der Einzelne zerbrechen würde, ist sie sicher.
Besorgt beobachtet die 86-Jährige jedoch, dass die Anzahl der psychisch Kranken in den vergangenen Jahren enorm gestiegen ist. "Heute kommen bei großen Treffen bis zu 120 Menschen. Unsere Weihnachtsfeier platzt inzwischen aus allen Nähten", verdeutlicht sie. Hintergrund sind ihrer Meinung nach die Anforderungen der Leistungsgesellschaft und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. "Wer arbeitslos ist, rutscht natürlich sehr viel leichter in eine Depression hinein", weiß Friedel Häfner zu berichten. Wenn Politiker derzeit fordern, so genannten "unwilligen Arbeitslosen" die Gelder zu streichen, sei das der falsche Weg: "Da muss man schon genau hinschauen, welche Hintergründe sich hinter der Arbeitslosigkeit verbergen!"

Finanzierung nicht gesichert

Beim Thema Geld hält die 86-Jährige inne. "Im Moment wird ja überall gestrichen", sagt sie - auch beim Sozialpsychiatrischen Dienst. Bereits Ende 2002 sind die Krankenkassen vollkommen aus der Finanzierung ausgestiegen. Seitdem fehlen knapp 18 Prozent der Gesamtkosten. Diese Summe, rund 65.000 Euro und damit das Gehalt für eine ganze Stelle, wurde heuer noch vom Bezirk Mittelfranken übernommen, "ab 2004 dürfte das nicht mehr der Fall sein", erklärt Gabriele Koszanowski, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Nürnberg. Friedel Häfner ärgert sich darüber, dass der Hilfsmotor, den sie vor knapp 32 Jahren angeworfen hat, nun so jäh ins Stottern kommen könnte. Der Bezirk Mittelfranken will nur noch Hausbesuche des Sozialpsychiatrischen Dienstes mit Geldern fördern. Doch dies sei ein Irrweg, meint die 86-Jährige: "Wenn man die Leute nur noch zu Hause begleitet, kommen sie nicht heraus aus ihrer Depression und Zurück-gezogenheit." Durch die Begegnungen in der Gruppe gelänge es ihnen dagegen, Selbstständigkeit zu lernen und ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. "Da entstehen positive Kontakte, die sonst fehlen", unterstreicht Häfner. Viele der Gruppenmitglieder helfen sich zum Beispiel gegenseitig beim Einkauf, gehen zum Wandern oder Tanzen. Trotz finanzieller Schwierigkeiten wirft Friedel Häfner freilich nicht das Handtuch hin. "Bei dieser Arbeit gibt man nicht nur, man erhält auch unwahrscheinlich viel zurück", sagt sie. Ihr Freundeskreis ist gewachsen, die Dankbarkeit groß. Die Fotos in ihrem Album rücken das anschaulich ins Bild.

Günter Kusch

 

 

 


 

Anderen Menschen Gehör schenken und verstanden werden

Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.

Markus 7, 31-35



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Es tut gut, Menschen zu haben, mit denen man reden kann und die einen verstehen. Foto: Wodicka
 

Nicht hören zu können ist eine empfindliche Einschränkung unserer Lebensmöglichkeiten. Gerade dort, wo Andere sich angeregt unterhalten und fröhlich sind, fühlen sich Schwerhörige ausgeschlossen. Nur Bruchstücke kann ein Betroffener aus dem nervenden Geräuschbrei im Ohr herausfiltern. Oft muss er über die Lücken hinweg "schauspielern" und so tun als ob er auch "mitreden" könne. Oder aber er fühlt sich unsicher, weil er nicht weiß, ob die Anderen vielleicht gar über ihn reden und lachen.
Ich erinnere mich gut an meine Hilflosigkeit nach einem Hörsturz. Vieles hörte ich gar nicht mehr; bestimmte Töne taten mir regelrecht weh. Wie einen Durchbruch in die Freiheit erlebte ich jenen Tag, als ich lernte, den Tinnitus zu "überhören". Die überreizten Sinne konnten wieder Ruhe empfinden; der Schlaf war wieder ungestört.
Es ist gut nachvollziehbar, wie heilsam es ist, in solcher Hilflosigkeit verstanden, ja angerührt zu werden. Gott sei Dank ist es heute kein Ausnahmefall, dass Schwerhörigen und Sprachbehinderten geholfen werden kann.
Aber es gibt auch eine andere Sprachlosigkeit: Menschen verstummen, werden sprachlos und verschließen sich in sich selbst. Diese Taubheit gegenüber den Empfindungen des Anderen kann leider auch völlig Gesunde erfassen. Wie ein unsichtbares Gefängnis kann sich dies über die Beziehungen von Menschen stülpen; macht sie zu Gefangenen ihrer eigenen Hilflosigkeit.
Mit jenem Mann, den Jesus damals verstehend und heilend berührte, ergeht bis heute noch seine Einladung an uns: "Hefata - tu dich auf! Bleib nicht in deiner Hilflosigkeit stecken. Mache dich auf - bringe deine Hilflosigkeit zum Ausdruck! Veränderung ist möglich." Relativ spät, aber immerhin haben das die Pioniere der Diakonie begriffen und in die Tat umgesetzt: Aus zuerst bescheidenen Formen der Zuwendung sind fachkundige Einrichtungen und Hilfsmittel geworden - angefangen vom klassischen Hörge-rät über Computerprogramme zur Sprachförderung bis hin zu verschiedensten Beratungsstellen. Und auch unsere Gemeinden selbst haben Räume für Hilfesuchende geöffnet - ich meine dies im doppelten Wortsinn: Räume der Begegnung (zum Beispiel für Selbsthilfegruppen) und Räume der Annahme - der heilsamen Berührung: Man muss sich nicht schämen, zum Beispiel in einem Segnungsgottesdienst, Hauskreis oder einer Thomasmesse seinen Worten oder Tränen freien Lauf zu lassen. So führen Christen Menschen hinein in die heilende Begegnung mit ihrem Herrn.
Es ist immer wieder ein Wunder, wenn sich dabei ein "Ohr" oder ein "Mund" auftut; wenn lange Angestautes in Worte gefasst und verarbeitet wird. Der entscheidende Satz ist: "Und sie brachten zu ihm ..." Damit fängt alles an. Bekommt unser Alltag mit Jesus Berührung? Und hat unsere Gemeinde Raum für solche Begegnungen?

Pfarrer Rainer Kroninger, Amberg

Wir beten: Gott, du gutes, wirksames Wort - so oft flüchten wir uns ins Geplapper, flüchten vor uns selbst, vor unseren Fragen und Zweifeln. Öffne die verborgenen Winkel unserer Seele und bringe das in uns Verschlossene zur Sprache. Mache uns hör- und sprachfähig. Amen.

Lied 649: Herr, gib du uns Augen, die den Nachbarn sehn

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