Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 35)

"Ohne Gott geht gar nichts - auch nicht im Fußball"

Fußball ist keine Religion, aber viele Fußballer sind religiös

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Uli Hoeneß bei der Autogrammstunde beim Tag der Offenen Tür des FC Bayern München

Seit vier Wochen haben die Fußballstadien ihre Tore wieder geöffnet. Der Fußball in Deutschland fasziniert die Massen. Jedes Wochenende strömen Hunderttausende in die Stadien. Es gibt die einen, die lieben den Fußball, ihren Verein, den Stadionbesuch. Es gibt aber auch die anderen: Die ärgern sich über den Kommerz "Bundes-liga" und belächeln die "Verrückten" mit ihren vielen bunten Schals und ihrer Grölerei. Tatsache aber ist, dass Fußball die Massen begeistert und für viele Anhänger fast eine Religion ist. Ganz neu ist dieses Phänomen nicht - manche Ältere können sich bestimmt noch an 1954 erinnern, als der unerwartete Gewinn der Weltmeisterschaft einer ganzen, arg gebeutelten Nation wieder Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen einflößte. Auch einige Jüngere, die damals noch gar nicht geboren waren, sind ergriffen von den damaligen Bildern, wenn sie über den Bildschirm flimmern. Der Fernsehsender 3SAT hatte in einer Sendung über religiöse Strömungen gar Borussia Dortmund als Beispiel dafür aufgenommen - Fußball, eine Religion?

Begeisterte Erlebnisse


Evangelisches Sonntagsblatt
 
Zé Roberto, freundlicher und beliebter Mittelfeldstar der Mannschaft, mit einem seiner kleinen Fans, für die er sich viel Zeit nimmt. Fotos: mn
   
Bei einem Stadionbesuch kann man vieles von dem erleben, was in einer religiösen Gemeinschaft zählt: Gemeinschaft, chorähnliche Gesänge, gemeinsam erlebte Freude und Trauer. Da fallen sich jubelnd wildfremde Menschen in die Arme bei dem Gewinn eines Titels, oder es trösten sich weinende Männer gegenseitig beim Abstieg ihres Vereines.
"Die Atmosphäre in den Stadien nach den Endspielen der Champions-League 1999 und 2001 des FC Bayern München ist mir bis heute noch gut in Erinnerung", sagt ein Fan. "In Worte kann ich das kaum fassen." 1999 hatten die Bayern das gewonnen geglaubte Spiel in der Nachspielzeit noch verloren. "Fünfzigtausend Menschen gingen danach so still durch die Straßen von Barcelona zu ihren Bussen, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Auf den Balkonen beobachten unseren "Trauerzug" hunderte von Spaniern. Auch sie schwiegen, dann aber begannen sie rhytmisch zu klatschen, um uns aufzumuntern!" Zwei Jahre später das Gegenteil: Der FC Bayern gewann in Mailand. Die Enttäuschung von zwei Jahre zuvor war vergessen. "Alles spielte sich ab wie in einem Traum!", so der begeisterte Fußballfan.

Religiöse Begriffe

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Für die Menschen, wie hier in Tel-Aviv, nimmt der Alltag seinen Lauf. Fotos: Gerloffs
   

In der Sprache über den Fußball tauchen viele religiöse Wörter auf. So bezeichnet man die Fußballfans auch als Gemeinde. Zeigt ein Spieler besondere Leistungen und ist zudem noch Publikumsliebling, wird er schnell als "Fußballgott" besungen. Das Stadion in Dortmund wird als "Fußball-Tempel" bezeichnet. Nicht zu vergessen die samstägliche Anrufung des "echten Fußballgottes": Je nach Ausgang des Spieles war der "Fußballgott" auf der einen Seite oder anderen Seite. Nicht wenige Fußballfans beklagen sich seit Jahren, dass der "Fußballgott" ein Bayer sein muss. Seit einiger Zeit ist in der Profi-sportwelt etwas neues zu entdecken. Auch in der Bundesliga. Viele Spieler, vor allem ausländische, zeigen ihren persönlichen Glauben am Rande oder auf dem Spielfeld (siehe Interview auf Seite 7). Sie bekreuzigen sich vor und nach dem Spiel. Bei einem Torerfolg ziehen sie ihr Trikot aus und es erscheint ein T-Shirt mit der Aufschrift "Jesus loves you!".
Uli Hoeneß, in der Öffentlichkeit gilt er als harter und oft wild polternder Manager des FC Bayern München, hat nichts gegen solche Bekenntnisse seiner Spieler: "Ich denke, jeder Spieler muss das für sich selbst entscheiden. Der Verein macht da keine Reglementierungen. Ich selbst habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich ein gläubiger Mensch bin, aber ich zeige es nicht so in der Öffentlichkeit." Dass die religiöse Praxis seit seiner Kindheit dazu gehört, erkennt man daran, wenn er schmunzelnd erzählt: "Immerhin habe ich es einmal geschafft, zwischen Weihnachten und Neujahr sieben mal zu ministrieren!" Uli Hoeneß beschreibt sich selbst als zuverlässig, geradlinig und sozial. Sein Lebnsmotto lautet: "Leben und Leben lassen."

Soziales Engagement

Auf die Frage, warum sich der FC Bayern immer wieder sozial und karitativ engagiert, sagt er: "Wir im Profifußball befinden uns auf der Sonnenseite des Lebens. Wir sind sozial abgesichert. Der Fußball hat uns nach oben geschwemmt, das empfinde ich als ein Geschenk. Es ist unsere Pflicht, davon etwas zurückzugeben und andere vielleicht ein bisschen glücklicher zu machen." Der Verein spendet jedes Jahr einen größeren Geldbetrag der Stiftung von Giovanne Elber. Der Stürmerstar hat seine Kindheit in Armut nicht vergessen oder verdrängt. Heute hilft er Straßenkindern in seiner Heimat Brasilien. Seine Liebe zu Kindern merkt man ihm an, wenn man ihn beobachtet. Kein Autogrammwunsch ist ihm zuviel, er lässt sich mit Kindern fotografieren und unterhält sich mit ihnen. Ebenso der zweite Brasilianer in den Reihen der Münchner, Zé Roberto. Er bekennt: "Meine Kraft liegt in Jesus!". Er und Sammy Kuffour bezeichnen sich als gläubige Menschen. Sammy Kuffour aus Ghana half sein tiefer Glauben im vergangenen Jahr beim Verlust seiner kleinen Tochter durch einen tragischen Unfall. Sein Lebensmotto ist ein tiefverwurzeltes Bekenntnis: "Ohne Gott geht gar nichts!"

Manuela Noack

 

 

 


 

Jesus warnt vor Selbstgerechtigkeit

Jesus sagte zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: "Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."

Lukas 18, 9-14



Evangelisches Sonntagsblatt
 
Wenn viele Menschen zusammensitzen - sei es am Stammtisch oder sonstwo, wird schon mal schlecht über andere gesprochen. Leicht wird man dabei selbst zum "Pharisäer". Foto: Wodicka
 

Am Stammtisch wird diskutiert. Nachdem die Politik abgehakt ist, kommt die Kirche an die Reihe. Rasch nimmt man die Frommen ins Visier, die jeden Sonntag in die Kirche rennen; aber wenn es um Nächstenliebe gehe, seien sie nicht zu sehen. "Ich besuche nur selten den Gottesdienst", brüstet sich einer, "aber wenn gesammelt wird, gebe ich immer. Es dient ja einem guten Zweck." Und schnell sind alle einig, diese Christen seien Heuchler. Es fällt auch das Wort Pharisäer.
Wie kommt es, dass bei uns der Begriff Pharisäer meistens abwertend gebraucht und vielfach mit Heuchler gleichgesetzt wird? Vielleicht liegt es daran, dass das bekannte Gleichnis Jesu vom Pharisäer und Zöllner missverstanden wird. Tatsache jedenfalls ist, dass die Pharisäer zur Zeit Jesu geachtete Leute waren. Es war ihnen ernst mit ihrer Frömmigkeit und mit ihrem Bemühen um ein Gott gefälliges Leben. Sie spendeten selbstverständlich den Zehnten. Als Berechnungsgrundlage dienten ihnen alle Erträgnisse und Einkünfte, nicht nur die Erlöse aus der Landwirtschaft. Die Pharisäer fasteten zweimal in der Woche und waren streng darauf bedacht, die Gebote Gottes einzuhalten. Der Gang zum Tempel mit dem dort verbundenen Gebet erschien ihnen als Herzensangelegenheit. Wahrhaft fromme Menschen!
Tatsache ist, dass die Zöllner ihr Geschäft, das sie von der Besatzungsmacht gepachtet hatten, missbrauchten, um durch überhöhte Forderungen kräftig zu verdienen. Sie galten als skrupellose Ausbeuter, als nüchterne Rechner, die rücksichtslos ihren Zoll eintrieben, selbst wenn der Zahlungspflichtige dadurch zu Schaden kam. Sie galten in frommen Kreisen als unrein und durften den Tempel eigentlich nicht betreten. Die Juden straften sie mit Verachtung.
Tatsache ist schließlich auch, dass im Gleichnis Jesu sowohl der Pharisäer als auch der Zöllner in den Tempel geht, um sein Gebet zu verrichten. Wenn sie auch in ihrer Lebensführung total gegensätzlich sind, so stimmen sie doch in einem Punkt überein: Sie wollen vor Gott bestehen können. Damit sind sie mit ihrem Beispiel eine Anfrage an uns Christen: Wie steht es mit unserer Frömmigkeit, unserem Christsein, unserer Christus-Nachfolge?
Jesus stellt fest: Der Zöllner geht gerechtfertigt in sein Haus zurück, nicht der Pharisäer. Jesus äußert sich hier nicht allgemein gegen die Pharisäer und für die Zöllner, sondern er führt "einigen, die sich anmaßten fromm zu sein und verachteten die anderen" an zwei Beispielen vermeintliches und echtes Frommsein vor Augen.
Während der Zöllner seine Angelegenheiten im Gebet vor Gott bringt, vergleicht sich der Pharisäer mit anderen und weist auf seine Glaubenspraxis und guten Werke hin. In Wirklichkeit redet er gar nicht mit Gott, sondern mit sich selbst und zeigt sich befriedigt darüber, dass er besser ist als viele andere. Der Zöllner sieht sein sündhaftes Treiben ein und bittet Gott um Vergebung mit den Worten: "Gott sei mir Sünder gnädig."
Auch wir Christen stehen immer wieder in der Gefahr, genau das zu tun, was Jesus am Pharisäer kritisiert. Er will nicht, dass wir uns mit vermeintlich Schlechteren vergleichen und uns für die Saubermänner und -frauen halten. Vielmehr ermutigt er uns, uns mit unseren Schwächen Gott anzuvertrauen und den Zuspruch der Vergebung zu empfangen.
Lothar Böhm, Abteilungsdirektor a.D. Münchberg

Lothar Böhm, Abteilungsdirektor a.D., Münchberg

Wir beten: Herr Jesus Christus, du hast dir eine große Gemeinde geschaffen mit ganz verschiedenartigen Menschen. Allen gilt deine Liebe gleichermaßen. Wir bitten dich, schenke uns die Kraft, einander respektvoll zu begegnen und bewahre uns vor dem Hochmut, der ausgrenzt, anstatt zu verbinden. Amen.

Lied 646: Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen.

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2003 ROTABENE! Medienhaus