Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 30 )

Für ein gutes Konfliktklima sorgen

Auch bei Kirchens hat Mediation inzwischen Methode

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Eindrücke aus dem Kurs für gewaltfreie Konfliktbearbeitung: Zwei Teilnehmer üben im Rollenspiel, wie man bei Auseinandersetzungen reagieren kann, um eine brisante Situation zu entschärfen. Foto: Günter Tischer
   

Mord in Meißen, Amoklauf in Erfurt und nun auch noch der 16-jährige Florian, der an einer Coburger Realschule auf zwei Lehrerinnen schießt - an deutschen Schulen grassiert die Angst vor neuen Bluttaten. Nicht nur seitens der Politik wird nun nach Lösungen gesucht, wie derartige Formen von Gewalt schon im Vorfeld verhindert werden können. Auch im kirchlichen Umfeld wird gegrübelt, welchen Beitrag beispielsweise der Religionsunterricht für eine friedliche Streitkultur leisten kann. Auch Methoden wie die "gewaltfreie Konfliktbearbeitung" oder die "Mediation" kommen plötzlich ganz neu in den Blick als eine Art Hoffnungsträger für hoffnungslose Fälle. Martin Hoffmann, Rektor des Bayreuther Predigerseminars und ausgebildeter Mediator, meint: "Diese Methoden können sicher nicht garantieren, dass Schüler ab sofort nicht mehr Amok laufen. Wenn aber an einer Schule ein gutes Konfliktklima herrscht, kann das durchaus deeskalierend wirken und verhindern, dass Jugendliche derart ausflippen."

Mediationstag in Nürnberg

Auch bei einem Informationstag in Nürnberg zum Thema "Mediation - Wege zu einer neuen Konfliktkultur" begleiteten die Coburger Ereignisse die Gespräche in den unterschiedlichen Work-shops. Einig waren sich Veranstalter und Teilnehmer, "dass Mediation viele Möglichkeiten biete, aktiv und frühzeitig Probleme an Schulen zu bewältigen". Gerade Coburg zeige, wie wichtig es ist, eine eigene Konfliktstruktur an Schulen aufzubauen", meinte Ingo Hertzstell vom Schulpsychologischen Dienst. Diakon Günter Tischer verwies im Gespräch mit dem Rothenburger Sonntagsblatt auf eine verbesserte Atmosphäre zwischen Lehrern und Schülern sowie Schülern und Mitschülern, sobald es an Bildungseinrichtungen geschulte Streitschlichter oder Konfliktlotsen gibt. Diese tragen mehr und mehr dazu bei, dass Jugendliche lernen, Auseinandersetzungen eigenverantwortlich und ohne Gewalt zu bewältigen.
Dass Mediation derzeit wieder "in Mode" ist, zeigte das große Inte-resse an der Veranstaltung im Nürnberger Sigena-Gymnasium, zu der 17 Organisationen des Netzwerks Mediation Franken eingeladen hatten. Rund 160 Teilnehmer, darunter Pfarrer, Religionspädagogen, aber auch Vertreter aus der Wirtschaft oder der Justiz setzten sich mit dem Thema in Rollenspielen oder bei Vorträgen auseinander. Neben den bedrückenden Ereignissen in Coburg standen Themen wie die Problembewältigung im Familienbereich oder bei interkulturellen Spannungen sowie "Mobbing" in Firmen auf der Tagesordnung. Immer wieder wurde dargelegt, wie Mediation in diesen Bereichen zur Anwendung kommt.
Die Idee der Mediation wurde in den 60er und 70er Jahren in den USA entwickelt. In Deutschland setzte sich vor allem die Familienmediation durch, bei der die Folgen von Scheidung oder Trennung geregelt wurden. Mediation will Betroffene in schwierigen Lebenssituationen zu eigenen Entscheidungen befähigen. Sie stellt ein Modell bereit, Konflikte selbstverantwortlich mit Hilfe eines neutralen Dritten (eben eines Mediators) zu regeln. Nach dem so genannten Harvard-Konzept konzentrieren sich die Gesprächsteilnehmer nicht auf gegensätzliche Positionen, sondern auf gemeinsame Interessen. Die Parteien suchen nach einer fairen Lösung, die beiden Seiten gerecht wird. Am Schluss steht eine verbindliche Vereinbarung, die die Streitpunkte regelt und zur Verständigung der Konfliktpartner führt. Das Verfahren der Mediation ist freiwillig und kann jederzeit abgebrochen werden. Der Mediator unterstützt den Verständigungsprozess vor allem durch einfühlsames Zuhören und seine Unparteiigkeit gegenüber den Gesprächspartnern.
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Bei der Körperübung geht es um die Erfahrung von Widerstand: Druck erzeugt Gegendruck und kann zu Aggressionen führen. Foto: Günter Tischer
   
Auch innerhalb der Kirche gewinnt das Thema "Mediation" immer mehr an Stellenwert. Evangelische Bildungswerke in Rosenheim, Bayreuth oder Augsburg, das religionspädagogische Zentrum Heilsbronn und das von Martin Hoffmann gegründete "Kain & Abel"-Institut bieten mittlerweile kürzer oder länger dauernde Fortbildungen an. Ein berufsbegleitender Grundkurs "Gewaltfreie Konfliktbearbeitung findet von Oktober 2003 bis Feburar 2004 in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle für gewaltfreie Konfliktbearbeitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern statt. "Der Kurs richtet sich an haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeiter der Kirche, die Interesse an Friedens-, Entwicklungs- und Ökologiearbeit haben," verdeutlicht Diakon Günter Tischer. Informationen dazu gibt es unter der Telefonnummer 0911/4304-238.
"Selbst Gemeindeberater kommen inzwischen auf uns zu, um sich über Mediation, einem recht erfolgsamen Handwerkszeug der Konfliktlösung zu informieren", berichtet Martin Hoffmann. Und ab Herbst bietet das Amt für Gemeindedienst in Nürnberg auf Kirchenkreisebene Tagungen an, bei denen unter Anleitung des "Kain & Abel-Instituts" bayerische Vertrauensleute aus Kirchenvorständen in Sachen Mediation geschult werden sollen.

Konflikte unter Christen?

Mediation und Kirche - für Barbara Zellfelder, die beim Infotag in Nürnberg mit von der Partie ist, sind das noch immer zwei Welten, die sich nur schwer begegnen wollen. "In der Kirche herrscht doch häufig die Einstellung, unter Christen dürfe es keinen Streit geben", sagt die Erwachsenenbildnerin und Mediatorin. Schließlich verstehe man sich in der Kirche doch als Brüder und Schwestern. Konflikte würden da eher unter den Teppich gekehrt als bearbeitet. Martin Hoffmann kann diese Erfahrungen bestätigen: "Es wäre schön, wenn sich diese Einstellung endlich ändern würde." Schließlich seien Konflikte ganz normal und durchaus auch als Chance zu einer Entwicklung und Verbesserung zu verstehen. Mediation jedenfalls sei ein Weg, der sich lohne, bevor ein Streit völlig eskaliert. Und: "Bei den Themen Frieden und Versöhnung handelt es sich doch um ureigenste Aufgaben der Kirche", fügt der Leiter des Predigerseminars hinzu.

Günter Kusch

 

 

 


 

Die Sache Jesu braucht Begeisterte

Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Matthäus 28, 16-20



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Begeisterung an der Sache Jesu kommt auch in der Gospelmusik zum Ausdruck. Foto: privat
 

Diese Worte Jesu beenden den Bericht vom Leben und Sterben und von der Auferstehung Jesu nach Matthäus. Es sind die letzten Worte Jesu, bevor er zu seinem Vater geht und die Jünger und Jüngerinnen in die Selbstständigkeit entlässt. Jetzt sind sie gefragt. Jetzt kommt es auf sie an, dass Gottes Menschenfreundlichkeit in der Welt bezeugt wird. In der Nachfolge ihres Herrn Jesus Christus, in seiner Art, von der Liebe Gottes zu erzählen, in seiner Art zu vertrauen und das Leben zu bestehen, sollen seine Jünger und Jüngerinnen ihn in unserer Welt bezeugen. Und sie sollen andere von seiner Art zu vertrauen und zu leben, begeistern.
So fängt eine neue Geschichte an, die Geschichte des Christentums. Diese Geschichte, auch das soll nicht verschwiegen werden, ist auch eine unrühmliche und schmerzvolle Geschichte. Eine Geschichte von Schuld und Scham. Diese Geschichte ist durchzogen von Eroberungsfeldzügen, gewaltsamer Missionierung und Ausbeutung. Da wurden die Worte Jesu missverstanden und für die eigenen Interessen missbraucht. Aber dies alles entbindet uns nicht vom Auftrag Jesu, den Menschen sein Heil zu bringen, sie zu seinen Jüngern und Jüngerinnen zu machen. Es darf uns heute auch nicht in erster Linie darum gehen, den Mitgliederbestand unserer Kirche zu erhalten. Es darf uns nicht um eigennützige Motive gehen. Jesus ging es immer um die Menschen, die ihm begegneten, und um Gott. Wir sollen Menschen für den Glauben gewinnen, weil sie Gott wichtig sind und weil Gott ihnen wichtig werden soll. Gott hat Sehnsucht nach jedem einzelnen Menschen. Gott sehnt sich nach einer lebendigen, erfüllten Beziehung zu ihm.

Wenn ein Mensch Gott findet, findet im Himmel ein Fest statt. Wenn er ihn nicht findet, bricht es Gott das Herz. Der Mensch ist auf die Beziehung mit Gott hin angelegt, nur wer Gott kennt, findet seine letzte Erfüllung, findet Sinn und Ziel seines Lebens. Jesus sah es als besonders liebevoll an, den Menschen das Evangelium weiterzusagen. Wenn es etwas gibt, das die Menschen wirklich brauchen, dann ist es das Evangelium von der Liebe Gottes. Dabei geht es nicht darum, dass wir uns aufdrängen, aber wir sollen uns nicht scheuen, überzeugend zu reden und zu handeln. Viele Menschen haben ein distanziertes Verhältnis zu Gott, zum Glauben und zur Gemeinde. Das muss uns anspornen, sie zu begeistern für die Sache Jesu und sie zu Nachfolgern Jesu Christi zu machen.

Das Wichtigste eines Buches, eines Briefes, eines Gespräches kommt oft ganz am Schluss. So auch hier: Der wichtigste Satz in diesem letzten Abschnitt des Matthäusevangeliums ist ein Versprechen: "Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Es kann uns nicht oft genug gesagt werden, wir können es nicht oft genug hören: Jesus, der alle Macht hat im Himmel und auf Erden, wird uns beistehen. Er lässt uns nicht im Stich, wenn er uns in die Verantwortung entlässt. Sein Auftrag ergeht nicht an uns ohne seinen Zuspruch. Er gibt uns Mut und Kraft, Gottes Liebe in unserer Welt zu verkündigen. Er begeistert uns, um andere für seine Sache zu begeistern.

Dekanin Gisela Bornowski, Bad Windsheim

Wir beten: Herr, wir bitten dich für alle Menschen, die dich nicht kennen; auch für die, die nichts mehr von dir wissen wollen. Lass sie mit Menschen zusammenkommen, die dein Evangelium überzeugend leben, damit sie etwas von der Liebe spüren, die von dir kommt. Lass sie erkennen, dass es sich lohnt, das Leben mit dir zu wagen. Amen.

Lied 645: Ins Wasser fällt ein Stein.

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