Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 25 )

"Das Schlimmste steht noch bevor"

Interview mit Professor Norbert Walter, dem Chefvolkswirt der Deutschen Bank

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Nimmt sich öfter eine Auszeit in einem Kloster in Schleswig-Holstein: Professor Norbert Walter, der Chefökonom der Deutschen Bank. (Foto: güs)
   

Er ist einer der bekanntesten Banker Deutschlands und gilt als international geschätzter Wirtschaftsexperte: Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Professor Norbert Walter. Aus seinem christlichen Glauben macht der 58-Jährige, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und im Bund katholischer Unternehmer, keinen Hehl. Mit dem gebürtigen Unterfranken und zweifachen Familienvater sprach in Berlin Sonntagsblatt-Chefredakteur Günter Saalfrank über die wirtschaftliche Situation in der Bundesrepublik und über seinen Glauben.

Sonntagsblatt: In Deutschland macht sich zur Zeit eine depressive Stimmung breit: Die Wirtschaft lahmt, die Zahl der Arbeitslosen steigt. Wie beurteilen Sie diese Krise?

Walter: Es gibt leider Umstände, die mich vermuten lassen, dass wir dass Schlimmste noch vor uns haben. Die starke Aufwertung des Euro wird ihre Spuren bei den Exporten hinterlassen. Bei den Industriezweigen, die bisher die Konjunktur noch unterstützt haben, wird es in nächster Zeit eine Schwäche geben. Auch bei der Binnennachfrage gibt es keinen Stern, der leuchtet. Bis die deutsche Finanzpolitik, nachdem sie die dringend erforderlichen Korrekturen wie die Agenda 2010 gemacht hat, wieder erste positive Wirkung auf die Konjunktur hat, wird es vermutlich 2005. Wirklicher Aufschwung kommt, wenn alles gut geht, also erst in zwei Jahren.

Bündel von Reformen

Sonntagsblatt: Wo sehen Sie den stärksten Reformbedarf?

Walter: Das ist leider nicht mit einer einfachen Bemerkung getan. Wir haben in Deutschland an allen Ecken und Enden geschlampt. Alle Weichen sind zu stellen, um jünger anzufangen zu arbeiten, länger berufstätig zu sein und später ins Rentenalter einzutreten. Um auch wettbewerbsfähig zu sein, heißt es, in der nächsten Zeit in einigen Fällen auf Lohn zu verzichten und in anderen Fällen auf Lohnerhöhung. Das wird nicht leicht fallen. Wer aber diese Schritte nicht geht, sorgt dafür, dass wir in Deutschland den Japanern in die ewige Stagnation nachfolgen.

Sonntagsblatt: Wie sollen denn die notwendigen Reformen umgesetzt werden, wenn viele gesellschaftliche Gruppen nur an sich denken und die Politiker oft nur die nächste Wahl im Blick haben?

Walter: Mit den älteren Mitbürgern - ich gehöre auch zu ihnen - ist wahrscheinlich die Zukunft nicht zu machen. Notwendig ist, dass die Jungen jetzt in die Politik gehen und ihre eigene Zukunft in die Hand nehmen. Sie haben uns Älteren zu sagen, dass wir zu wenig gearbeitet und zu wenig Kinder bekommen haben. Vom Einkommen sei zuviel für den Urlaub verheizt worden und das Kapital sei zu schlecht angelegt worden. Die wirkliche Kraft zur Änderung der Politik muss von den jungen Menschen kommen.

Sonntagsblatt: Die Kirchen mahnen soziale Gerechtigkeit an und kritisieren das Streben nach dem schnellen Profit. Was sagen Sie dazu?

Walter: Die Kirchen haben eine ganz wichtige Rolle, Moral zu predigen und ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Weil Eigenliebe menschlich ist, braucht es viele Schranken, um sie nicht in Egoismus entarten zu lassen. Es ist dafür zu sorgen, dass die Familie wieder füreinander einsteht. Nicht nur die Eltern für die Kinder, auch die erwachsenen Kinder für die Eltern, die keine ausreichende Rente haben. Notwendig ist zudem Solidarität, die über den kleinen Kreis der Familie hinausgeht. So braucht es in Betrieben die Erkenntnis, von Mitarbeitern nur dann nachhaltig etwas zu haben, wenn sie auch in ihrem Leben Glück empfinden können: Dass Partnerschaften gelingen können und Kinder möglich sind.

Sonntagsblatt: Ein Plädoyer für familienfreundliche Bedingungen?

Walter: Wichtig sind Chefs, die etwas von den Familien ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen. Und es geht darum, wahrzunehmen, dass Kinder Glück sind und unsere Zukunft bedeuten.

Sonntagsblatt: Die Kirchen äußern sich in Stellungnahmen oft zu wirtschaftlichen Fragen. Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Kompetenz dieser Aussagen?

Walter: Pfarrer können nicht die besten Wirtschaftsfachmänner sein, ebenso wie sie nicht den Blinddarm herauszunehmen vermögen. Das sollten wir Christen den Geistlichen sagen. Übrigens: Wir machen oft die Amtskirche schlecht anstatt selbst in der Glaubensgemeinschaft aktiv zu werden und unseren eigenständigen Beitrag zu leisten. Die Kirche muss lebendig werden - von der Basis her.

Keine Gegensätze

Sonntagsblatt: In Wirtschaftskreisen werden Glaube und Ethik oft als Gegensätze betrachtet. Wie sehen Sie es?

Walter: In der Bibel findet sich zum Beispiel das Gleichnis, wo ein Herr vor Antritt einer Reise seinen Dienern Talente anvertraut. Der eine vergräbt sie, der andere verdoppelt sie, bis der Herr zurückkommt. Und dieser wird gelobt. Gott will, dass wir unsere Kräfte vernünftig einsetzen. Er möchte aber auch, dass wir das, was wir entbehren können, mit Anderen teilen. Verantwortungsethik ist eine Ethik, die wirtschaftlicher Orientierung nicht entgegensteht.

Sonntagsblatt: Und wie steht es mit dem Streben nach Rendite?

Walter: Oftmals wird in der kirchlichen Anlagepolitik alles verboten, was Rendite bringt. Wenn aber das Kirchenvermögen keinen Ertrag mehr erwirtschaftet, fehlen notwendige Mittel zum Beispiel für Renovierungsmaßnahmen. Es bedarf im Umgang mit Vermögen wirtschaftlicher Vernunft. Und das ist nicht unchristlich.

Sonntagsblatt: Apropos unchristlich. Viele evangelische und katholische Christen machen sich Sorgen wegen der negativen Folgen der Globalisierung: Hier würden Mensch und Natur schonungslos ausgenutzt. Ist Globalisierung unchristlich?

Walter: Dort, wo Globalisierung nicht zu nachhaltiger Entwicklung führt, sind Korrekturen angebracht. Dazu braucht es manchmal kraftvolle Eingriffe durch Regierungen - nicht nur von nationalen Staaten, sondern auch auf der internationalen Ebene. Europäer sollten deshalb in wichtigen Fragen wie dem Umweltschutz eine gemeinsame Position haben.

Kirchenjahr als Zeitrhythmus

Sonntagsblatt: Was bedeutet für Sie der christliche Glaube für Ihren Alltag?

Walter: Er bedeutet für mich Zeitmaß. Ich bin in das Kirchenjahr eingebunden. Wenn ich an Ostern nicht "Christ ist erstanden" gesungen habe, ist für mich nicht Ostern gewesen. Für mich ist das Kirchenjahr ein wichtiger Zeitrhythmus. Und Sonntag ist der Tag, an dem ich die Hektik unterbreche, wo immer ich bin. Zum Glück gibt es fast überall Gotteshäuser, wo ich hinkomme. Das gibt mir eine Chance, innezuhalten und etwas für mein spirituelles Leben zu tun. Aber ohne Menschen, die glauben und die für mich wie ein Anker sind, würde für mich Gott nicht so erfahrbar sein. Es braucht Menschen, die mit mir beten, singen und das spirituelle Erlebnis mitgestalten. Am liebsten gehe ich in ein Kloster und höre dort Chorälen zu. Das ist eine unendliche Bereicherung und Beruhigung, eine richtige Entschleunigung im hektischen Dasein.

Sonntagsblatt: Sie machen aus Ihrem Glauben keinen Hehl. Wie reagieren denn die Menschen darauf?

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Norbert Walter hat zu Hause unterschiedlichste Bibeln im Regal. (Foto: kil)
   

Walter: Nicht so, wie vielleicht manche denken. Wir werden als Christen nicht ausgelacht. Wir sind keine Lachnummern. Wir können vielmehr ein Segen sein. Ich rate jedem Christen, im Betrieb oder in der Gesellschaft zu zeigen und zu bekennen, im Glauben verwurzelt zu sein. Ich selber schaffe es noch nicht oft genug, in der Kantine oder im Restaurant vor dem Essen das Kreuzzeichen zu machen. Es wäre gut, wir würden das als Christen oft wagen. Wir würden mit diesem Zeichen Anstoß geben, über Glauben und Gott nachzudenken.

Sonntagsblatt: Liegt bei Ihnen im Büro neben den neuesten Börsenkursen die Bibel auf dem Schreibtisch?

Walter: Nein, die Bibel liegt nicht im Büro. Auf dem Schreibtisch finden sich auch keine Börsenkurse. Diese Daten gibt es nur noch in elektronischer Form. Zuhause ist nicht nur eine Bibel im Schrank, es finden sich mehrere. Immer dann, wenn mir die katholische Bibel nicht gut genug ist, schaue ich in die Lutherbibel, ob da nicht eine kraftvollere deutsche Formulierung steht.

Schwierige Bibelstellen

Sonntagsblatt: Wie geht es Ihnen mit Bibelstellen wie "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher ins Himmelreich kommt"?

Walter: Es gibt Stellen im Alten und Neuen Testament, mit denen ich meine Schwierigkeiten habe. Dazu gehört der genannte Satz. Ich möchte mich aber durch die Heilige Schrift auch herausfordern lassen. Wenn Reiche mit der zitierten biblischen Aussage erschreckt werden, besteht freilich die Gefahr, dass sie sich aus der Kirche hinausgeworfen fühlen. Die Unterstützung sozialer Leistungen und die Förderung kirchlicher Projekte bleibt dann aus.

Sonntagsblatt: Sie haben in einem Interview erklärt, jeden Tag zu beten. Wie schaffen das angesichts eines vollen Terminkalenders?

Walter: Das geht am besten abends. Manchmal schlafe ich aber beim Beten ebenso ein, wie beim Gespräch mit meiner Frau. Der liebe Gott muss mir wahrscheinlich genauso verzeihen wie meine liebe Frau. Ansprechende Predigt wichtig Sonntagsblatt: Sie gehen sonntags in den Gottesdienst. Was gibt Ihnen die Stunde in der Kirche? Walter: Ich gehe gerne, wenn der Pfarrer ansprechend predigt und mir geistig einen Impuls gibt, die Gemeinde gut singt und die Kirche ordentlich ausschaut und kein Kunstwerk aus den 60er Jahren ist.

Sonntagsblatt: Was wünschen Sie sich als engagierter Christ von den Kirchen?

Walter: Dass sie offen sind für uns aktive Laien und wir denen, die keinen Bezug zum Glauben haben, etwas geben, was sie vermissen, ohne es zu wissen.

 

 

 


 

Die Liebe zu Gott zeigt sich in der Liebe zum Menschen

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts, denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. So jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, 16 b-21



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Foto: Wodicka
 

Dieser Abschnitt im ersten Johannesbrief ist eine Liebeserklärung wie sie deutlicher nicht sein kann. Eine Liebeserklärung Gottes an uns mit Zusagen bis über den Tod hinaus. Gott schenkt uns seine Liebe, in einzigartiger Weise. Es ist ein Versprechen der Liebe und der Zuneigung, das bis ins letzte Gericht geht. Wir dürfen uns sicher sein, auch über den Tod hinaus von seiner Liebe umfangen zu sein.

Gibt es eine größere Zusage die man uns Menschen machen kann? Wer geliebt wird, muss sich nicht fürchten, weil er sich geborgen weiß und Vertrauen haben kann. Furcht und Liebe schließen einander aus. Gottvertrauen vertreibt jegliche Furcht... Denn Furcht hat etwas mit Strafe zu tun. Wenn wir uns fürchten, dann deswegen, weil wir um die verdiente Strafe wissen.

Ärzte klagen über eine zunehmende Anzahl von Patienten die sich vor der Zukunft fürchten, oder die "Lebensangst" haben. Aber wir wissen, Gott hat uns seine Liebe zugesagt, auf ihn dürfen wir gänzlich vertrauen. Solange er an unserer Seite ist, besteht zum Fürchten kein Grund. Wir sind im Schutze seiner Hand, in der er uns trägt. Furchtlosigkeit macht uns frei zu einem aktivem Leben in Zuversicht und Einsatzfreude, sie macht unabhängig und erlaubt uns ein klares, offenes Wort ohne Verbiegungen.

Allerdings umfasst die Liebeszusage Gottes eine eindeutige Verpflichtung. Gott erwartet von uns, dass wir dieselbe Liebe, die er uns gewährt, auch unserem Nächsten, unserem Bruder, unserer Schwester gewähren. Es gibt keinen einzigen Grund dies zu verweigern. Gott vergibt uns unsere Sünden, warum sollten wir unserem Nächsten nicht auch vergeben? Nichts ist schlimmer als ein Streit, und kein Streit ist es wert, eine Familie, eine Freundschaft oder Nachbarschaft zu zerstören. Die Liebe zu Gott zeigt sich immer in der Liebe zum Menschen, und in der Fähigkeit zur Vergebung.

Johannes geht soweit und sagt: Wer seinen Bruder nicht liebt, der kann auch Gott nicht lieben. Und wer sagt, ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner! Ein direktes und klares Wort. Dazu gibt es keine Alternative. Es ist das eindeutige Gebot der Bruderliebe.

Herta Küßwetter, Landessynodalin aus Ehingen

Wir beten: Lieber Vater, habe du Dank für deine unverbrüchliche Liebe, die du uns schenkst. Für das Vertrauen, das wir in dich setzen dürfen und für jeden neuen Tag, an dem wir im Glauben an dich unseren Weg gehen dürfen. Gib uns die Kraft zur Vergebung, um Streit zu überwinden und deiner Liebe gewiss zu sein. Amen.

Lied 406: Bei dir, Jesu will ich bleiben.

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