Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 24 )

Frauenhaus - Feuerwehr bei Gewalt

Häusliche Gewalt ist ein Dauerproblem und kennt kaum Grenzen

Evangelisches Sonntagsblatt
   

Manchmal ist es wie im Film. "Nur irgendwie noch schlimmer, weil es Realität ist", sagt Gertrud Bäumler-Lenz, Sozialpädagogin und Leiterin des Frauenhauses in Weiden. Heimlich in Häuser schleichen und Verfolgungsjagden - das kann schon mal vorkommen.

"Einmal", erzählt sie, "kam eine Frau mit ihren vier Kindern zu uns. Am ersten Tag musste ich mit ihr zwei der Kinder von der Schule abholen, die noch nichts wussten von der neuen Situation." Mit der Frau und den beiden Kindern musste sie noch einiges aus der Wohnung holen. "Das ging auch ganz gut. Der Ehemann war nicht zu sehen." Allerdings saßen die vier kaum wieder im Auto, entdeckten sie den Mann hinter sich. Er fuhr ihnen nach. "Das war eine richtige Verfolgungsjagd, zum Glück konnte ich ihn abhängen", meint Bäumler-Lenz. Doch damit nicht genug: Am nächsten Tag stand er vor dem Haus und drohte mit Selbstmord, wenn seine Frau und die Kinder nicht sofort zurück kämen. Die Frauenhausleiterin rief die Polizei, die konnte den aufgebrachten Mann zum nach Hause gehen bewegen.

Längst nicht jeder Fall ist so heftig. "Doch für die betroffene Frau ist es immer schlimm", sagt die Leiterin des Frauenhauses. Denn wer sich entschließt, Zuflucht im Frauenhaus zu suchen, hat in der Regel einiges durchgemacht. Die Einrichtung des Diakonischen Werkes Weiden ist für manche Frau ein letzter Notanker. Bis zu sieben Frauen mit ihren Kindern können dort aufgenommen werden. Und das nicht nur zu den üblichen Geschäftszeiten, sondern rund um die Uhr. Außerhalb der Geschäftszeiten ist das Nottelefon (Nummer: 0961/3893170) auf ein Handy umgestellt und so ist jederzeit Hilfe möglich.

Aufnehmen oder vermitteln

Nicht alle Frauen, die diese Nummer wählen, wollen ins Frauenhaus. "Manchen reicht es schon, sich am Telefon den Kummer von der Seele zu reden und dann zu einer Beratungsstelle zu gehen", sagt Bäumler-Lenz. Andere würden an die Telefonseelsorge verwiesen und einige werden in das Frauenhaus aufgenommen - etwa 70 Frauen im Jahr. Sie bekommen Hilfe in verschiedenen Bereichen: Beratungsgespräche, Hilfe im Umgang mit Behörden, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche sowie Hilfe, um ihre finanzielle Situation zu regeln.

"Etwa die Hälfte der Frauen, die zu uns kommen, gehen wieder zurück zu ihrem Mann", berichtet Bäumler-Lenz. Die anderen ziehen zu Hause aus. Die Aufenthaltsdauer liegt zwischen einigen Tagen und drei Monaten. "Manche Frauen suchen auch mehrmals bei uns Schutz." Für manchen Mann ist es ein Schreck, dass seine Partnerin weggeht und sich Hilfe holt. Nicht selten ändern sie dann ihr Verhalten tatsächlich, wenn die Partnerin wieder zurück kommt. "Mit das Wichtigste ist es, dass der Mann Achtung vor seiner Frau hat und es ist gut, wenn er weiß, sie würde sich im Notfall wieder Hilfe holen und sich nicht alles gefallen lassen."

Wichtige Einrichtung

Rund 400 Frauenhäuser gibt es in Deutschland in unterschiedlicher Trägerschaft. Nur wenige sind unter einem kirchlichen Dach. Dass es in Weiden diese Einrichtung gibt, ist vielen engagierten Frauen und dem dortigen Diakoniechef Josef Gebhardt zu verdanken. "Es hieß immer: So was brauchen wir nicht!"; sagt Gertrud Bäumler-Lenz. Doch Gebhardt hatte sich auf die Fahne geschrieben, ein Frauenhaus zu gründen. "Glücklicherweise ist es gelungen. Das haben wir außerdem auch dem Dekanat und einigen Kirchengemeinden zu verdanken." Besorgt fügt sie hinzu: "Leider denken heute noch viele, dass eine Einrichtung in einer Gegend wie um Weiden überflüssig sei."

Doch das ist falsch. Denn die Statistik zeigt, dass häusliche Gewalt in ländlichen Gegenden genauso geschieht, wie in Großstädten. "Nur wird in Dörfern oft darüber geschwiegen. Jeder weiß Bescheid, aber keiner tut etwas", seufzt Bäumler-Lenz. Dazu kommt, dass die Frauen in kleinen Orten - wo man sich kennt - Angst haben, das Gesicht zu verlieren, wenn sie sich Hilfe holen oder gar in das Frauenhaus flüchten. "Sie lassen sich lange schlagen und sich viel gefallen, bis sie den Schritt in das Frauenhaus tun." Gertrud Bäumler-Lenz weiß, wovon sie redet - nicht nur aus ihren Erfahrungen durch die Arbeit im Frauenhaus. Sie ist im Kirchenvorstand in Weiden und engagiert sich im Dekanat "Da bekomme ich einiges mit."

Zum Beispiel, dass Gewalt viele Gesichter haben kann. "Da gibt es sexuelle Gewalt oder körperliche. Aber auch psychisch werden viele Frauen regelrecht terrorisiert." Die Kinder bleiben meistens verschont - "allerdings ist es für sie schlimm genug, das alles mitzubekommen. Manche Kinder sind extrem verunsichert und gestört".

Die landläufige Meinung, "so etwas" passiere nur in unteren Gesellschaftsschichten, stimmt mit der Realität nicht überein. "Es sind schon viele Frauen dabei, die wenig Bildung und aus finanziell schwachen Verhältnissen kommen", sagt Gertrud Bäumler-Lenz. "Aber es kommen auch Arztfrauen, Lehrerinnen oder andere ,Gebildete'."

Gewaltschutzgesetz

Eine Hilfe in der Arbeit ist das neue Gewaltschutzgesetz, das seit 2002 in Kraft ist (Infos im Internet unter www.polizei.bayern.de/blka/haeusliche_gewalt.pdf). Es besagt, "häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit, sondern immer Unrecht und strafbar". Opfer (fast immer Frauen) können gerichtliche Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt beantragen und erreichen, dass der Mann aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen muss. "Bei der Polizei gibt es eigens einen Beauftragten für häusliche Gewalt", sagt die Frauenhausleiterin, die über das neue Gesetz sehr froh ist. Überhaupt ist die Polizei in ihrer Arbeit wichtig: "Ohne Polizei sähen wir manchmal alt aus." Es mache auf Männer viel mehr Eindruck, wenn Polizisten in Uniform auftauchen, ihnen Hausverbot geben und sie zurechtweisen, dass gewalttätiger Umgang mit der Partnerin strafbar ist.

Viele Frauen besprechen ihr Vorgehen - ob sie gerichtliche Maßnahmen beantragen sollen - mit dem Beauftragten für häusliche Gewalt. "Der ist in Weiden fit", meint Gertrud Bäumler-Lenz. "Für die Frauen ist es wichtig zu erleben, dass es auch Männer gibt, auf die Verlass ist. - Denn das ist leider meistens nicht so wie im Film: Ein klassisches Happy End gibt es selten."

Karin Ilgenfritz

 

 


 

Dialog der Religionen ist kein Austausch von Höflichkeiten

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: "Meister, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm...

Johannes 3, 1-3. 5b - 6.8



Evangelisches Sonntagsblatt
 
Beim Kirchentag in Berlin kam es in einer Moschee zu Begegnungen junger Christen und Muslimen.
(Foto: epd)
 

Wir werden Zeugen eines Dialogs der Religionen auf höchster Ebene und erfahren, was dabei auf keinen Fall verschwiegen werden darf. Ein namhafter Vertreter des Judentums und Jesus persönlich führten eines Nachts ein denkwürdiges Gespräch. Schon daran zeigt sich, dass Dialog eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist. Wenn man sich begegnet, spricht man normalerweise auch miteinander. Dabei steht (oder sitzt) man sich auf gleicher Stufe gegenüber. Rede und Gegenrede wechseln sich ab. Man hört zu und gibt Antwort.

Das ist keineswegs erst eine moderne Errungenschaft. Im Mittelalter hat ein byzantinischer Kaiser im Feldlager vor Ankara mit einem gelehrten Muslim ausführliche theologische Gespräche geführt, die protokolliert wurden und in einer Sammlung der Schriften griechischer Kirchenväter nachzulesen sind. Nur wenn man über lange Zeit im eigenen Land Andersgläubige nicht antraf und auch selbst keine Reisen unternahm, ergab sich keine Gelegenheit zum Gespräch. Oder wenn unwissende Menschen, abergläubisch und verhetzt, die Andersgläubigen wie Träger ansteckender Krankheiten in Quarantäne schickten, beziehungsweise in Ghettos sperrten, unterblieb der Dialog.

Als im 16. Jahrhundert die muslimischen Türken über die Grenzen des Reiches vordrangen und es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, wann sie auch Mittel- und Norddeutschland besetzen würden, bemühte sich in Wittenberg Martin Luther, Informationen über ihren Glauben zu sammeln. Immer wieder kam er in Vorlesungen auf die Türken zu sprechen und erwähnte oft voll Hochachtung, was er von ihren guten Sitten und ihrer Frömmigkeit erfahren hat. Wäre der Vormarsch der Türken nicht gestoppt worden, wäre der Reformator auf einen Dialog mit Muslimen gut vorbereitet gewesen. Ob sich die Muslime darauf eingelassen hätten, steht dahin. Aber auf seiner Seite hätte es an Wertschätzung nicht gefehlt.

Der jüdische Gesprächspartner Jesu, "ein Oberster der Juden", ging in seiner Anerkennung der Position Jesu ungewöhnlich weit. Er sprach ihn wie einen Rabbiner an und sagte: Uns ist klar, dass Du uns etwas Wesentliches zu sagen hast ("Du bist als ein Lehrer von Gott gekommen"). Ein Dialog über den Glauben kann sich natürlich nicht auf den Austausch von Höflichkeiten beschränken. Als Jesus nun wirklich zu lehren begann, muss dies auf den führenden Vertreter des Judentums schockierend gewirkt haben.

Luther wandte in seiner Zeit die Worte Jesu auf die türkischen Muslime an. Er sagte: Sie sind achtbare Leute, die uns in mancher Hinsicht überlegen sind; sie haben gute Sitten und eine lebendige Frömmigkeit. Aber eines haben sie nicht: "die Wiedergeburt". Sie haben zwar eine bemerkenswerte Kultur hervorgebracht und vertreten humane Werte. Aber was von Menschen ausgeht, ist und bleibt menschlich. Das Göttliche geht nur von Gott selbst aus. Jesu Lehre vom Reich Gottes besagt, dass von jetzt an Gott selbst das Sagen hat und sich durchsetzt.

Um das mitzubekommen, muss man ein anderer Mensch werden: "von neuem geboren". Und zwar, "geboren aus Wasser und Geist". Das heißt, getauft und im Kopf und im Herzen so von Gottes Wort überzeugt, erleuchtet und bewegt, dass man sagen kann: Der Geist Gottes wird zur treibenden Kraft. "Wo er will", sagt Jesus, ‚stürmt' dieser Geist auf Menschen ein. Da ‚weht' nicht ein beliebiger Wind, wie eine blinde Naturkraft. Sondern ein gezieltes, absichtliches Wollen ergreift einen. Was man "hört", ist die "Stimme" Jesu: Das ist die "Stimme" des Geistes (nicht das "Sausen" eines Windes).

Aus nichts anderem, als dieser Stimme und dem Willen, der sich darin äußert, ist es herzuleiten, wenn ein Mensch "aus dem Geist geboren" wird und "das Reich Gottes sehen" lernt.

Dr. Wolfhart Schlichting, Augsburg

Wir beten: Herr Jesus, lass uns nicht so engherzig bleiben, dass wir mit Andersdenkenden nicht sprechen wollen. Aber lass uns auch nicht so farblos sein, dass sie an uns deine Herausforderung nicht erkennen können. Lass den neuen Menschen in uns nach dem neuen Menschen in ihnen rufen, den dein Geist hervorbringen will. Amen.

Lied 68, Vers 4: Du lehrest uns die neu Geburt.

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