Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 20 )

Gospel als missionarisches Instrument

Immer mehr Chöre beleben Gottesdienste der Gemeinden

 
In der Gospelmusik können auch Menschen ihre Hoffnung und ihren Glauben ausdrücken, die sonst mit Kirche wenig zu tun haben. (Fotos: privat)
   

Welches Angebot müsste es geben, damit sie wieder einmal den Gottesdienst besucht? Jasmin Mehringer überlegt nicht lange. Die junge Frau, die 1999 in Fürth-St. Michael konfirmiert wurde, weiß sofort eine Antwort: "Gospelmusik finde ich toll". Es sollte eben öfter moderne Musik zu hören sein, fügt sie hinzu.

Gospel und Gemeindeaufbau

Die Jugendliche formuliert damit einen Wunsch, der in zahlreichen Gemeinden bereits in die Tat umgesetzt wurde: Die Gospelchor-Szene boomt wie nie zuvor. Thomas Nowack, Vizepräsident des Verbands für christliche Popularmusik in Bayern und Ausbildungsreferent der Landeskirche in München, weiß allein von 62 Chören, die sich bisher zu einem Netzwerk zusammengefunden haben. "Die Dunkelziffer, soweit man dieses Wort hier überhaupt verwenden darf, ist natürlich viel höher", unterstreicht Thomas Nowack. Gospelchöre seien zwar schon länger überaus gefragt, besäßen aber inzwischen eine neue Qualität: "Plötzlich entsteht eine Art Gemeinde in der Gemeinde, und die Frage taucht auf, inwiefern Gospelmusik etwas für den Gemeindeaufbau beiträgt." Pfarrer und Kirchenvorstand würden nun erkennen, dass Glaube auch über andere Kanäle als über den Standard-Gottesdienst vermittelt werden könne.

Mit zwölf Frauen fing alles an

Ein Beispiel dafür ist die Gruppe "Caroline & Friends" in Leutershausen. Gegründet wurde der Chor 1999. "Damals fingen wir mit zwölf Frauen an", berichtet Karoline Leis, Solo-Sängerin im Chor und seit vier Wochen auch musikalische Leiterin. Heute kommen schon 62 Begeisterte zu den wöchentlichen Proben im Gemeindehaus - und eine Warte liste von Interessenten, die gerne mitmachen würden, gibt es auch. Zu der vierköpfigen Band, die den Chor bei seinen Auftritten in ganz Franken begleitet, zählt zudem ein prominentes Mitglied: Dekan Hans Stiegler höchstpersönlich zupft zu den eingängigen und beschwingten Melodien den Kontrabass.

"Bei der Gründung war es mein Anliegen, dass Menschen offener werden für das Evangelium", blickt Karoline Leis zurück. Doch mit so einem Zulauf, gerade auch von kirchlich Distanzierten hatte sie nicht gerechnet. Wieso diese Form der "black music" (schwarzen Musik) eine derartige Anziehungskraft besitzt? "Es ist die Mischung aus rhythmischer Musik und Texten, die zu Herzen gehen", so formuliert es Karoline Leis. Gerade Letzteres sieht Markus Nickel, Kantor in der Nürnberger Gustav-Adolf-Gedächtnis-Kirche aber auch kritisch:Die Botschaft beschränkt sich häufig auf den Satz "Jesus liebt dich". Deshalb müsse schon genau hingeschaut werden, ob die Texte nicht zu platt sind. "Andererseits ist das heutzutage schon viel wert, wenn man Menschen wenigstens diese Tatsache vermitteln kann", fügt der Kirchenmusiker hinzu.

   

Markus Nickel hat vor zehn Jahren den Gospelchor "Glory Land Singers" in der Frankenmetropole ins Leben gerufen. Die erste Dame, die sich damals anmeldete, sei 60 Jahre alt gewesen. "Das zeigte mir, dass Gospelmusik alle Altersstufen anspricht", sagt Nickel. Die "Glory Land Singers" bestehen derzeit aus 30 Mitgliedern, vom Schüler bis zum Rentner. "Vor zehn Jahren gab es Gospelchöre nur in Freikirchen und man fragte sich, ob man so etwas in den Gemeinden der Landeskirche überhaupt anbieten darf", erinnert er sich. Dass sich die Chöre mittlerweile fest etabliert hätten, liege wahrscheinlich an der "ganzheitlichen Musik, die den gesamten Körper in Bewegung bringt", vermutet Nickel. Und daran, dass sie auch für kirchenferne Menschen attraktiv sei. "Gospelmusik kann man somit durchaus als missionarisches Instrument verstehen", meint Nickel.

Soll man also in den Gottesdiensten nur noch dem Gospel frönen und die Kirchenorgel in den Ruhestand schicken? Der Organist weist das vehement zurück: "Es gibt nicht die Musik, die allen gerecht wird." Konfirmanden stünden zum Beispiel auf Hardrock- oder Techno-Klänge, andere auf Beatles oder Bach. Die verschiedenen Stilrichtungen müsse man in unterschiedlichen Kontexten anbieten. Aber: "Es gibt auch bei der musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten nichts, was nicht erlaubt wäre - ob Pop, Folk oder Jazz." Darüber hinaus dürfe man die Kirchenorgel nicht zu einseitig betrachten, weil auch auf diesem Instrument Swing gespielt werden könne, so Nickel. Sein Resümmee: "Man kann derzeit zwar nichts verkehrt machen, wenn man in den Gemeinden Gospelmusik anbietet, aber man darf sie auch nicht als Allheilmittel betrachten."

Gospelmeeting in Kulmbach

"Eine größere Gemeinde als die weltweite Gospelgemeinde gibt es nicht", davon sind die Veranstalter des Gospelmeetings überzeugt, das vom 2. bis 5. Oktober in Kulmbach über die Bühne gehen wird. "Das Treffen gilt inzwischen als drittgrößte Veranstaltung dieser Art in ganz Deutschland", betont Thomas Nowack.Kamen im vergangenen Jahr noch 300 Teilnehmer, werden heuer rund 1000 erwartet. Das Programm der vier Tage ist genauso bunt wie der Gospel selbst. Neben zahlreichen Workshops stehen Konzerte zum Mitmachen oder zum Hinhören auf dem Programm. Und ein echter Stargast ist auch mit von der Partie: Eric Bond, der mit seinem christlichen Chor "Gospelsterne" zu einer Art Vorbild für Gruppen wie in Leutershausen wurde. Bond setzt allein auf deutsche Titel, die bei seinen Auftritten mit gottesdienstähnlichen Elementen wie Kurzpredigten oder Gebeten verbunden werden. Und noch etwas wird beim Gospelmeeting in Kulmbach thematisiert - inwiefern Gospelmusik tatsächlich zum Gemeindeaufbau beiträgt. Weitere Informationen gibt es im Internet unter "www.getthegospel.de".

Günter Kusch

 

 


 

Wenn Worte des Glaubens zu Melodien werden

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Matthäus 11, 28



 

Es ist Sonntagabend. Die Glocken läuten. Auf dem Altar leuchten die Kerzen. Menschen füllen langsam die Kirche, sie suchen sich ihren Platz. Ein erwartungsvolles Murmeln erfüllt den Raum. In uns Sängern steigert sich die Aufregung wie jedes Mal vor einem Konzert des Gospelchors: Auf der einen Seite freue ich mich auf das Singen, auf der anderen Seite bin ich gespannt, ob es auch gelingt, dass der Funke überspringt, ob die Begeisterung, die uns Sängern das Singen bereitet, ankommt bei den Besuchern.

Dann der erste Song, ein gesungener Ruf: "Get you ready, there is a meeting here tonight" - mach dich fertig, sei bereit, hier findet heute ein Treffen, eine Begegnung statt. "Come along" - komm mit…, lass dich mitnehmen. Eine Botschaft, die einlädt zum Mitschwingen und Mitsingen. Kommt her - lasst euch mitnehmen, mittragen.

Im Singen drücken sich Gefühle aus, begegnen sich die unterschiedlichsten Charaktere und Befindlichkeiten, werden zu einem Klang. Glaube beginnt zu leben, Worte werden zu Melodien. Ich spüre, wie ich mitgenommen, ja mitgetragen werde vom Chor und von den Besuchern. Mein Solo singt sich ganz von alleine. "It's me, o lord - es liegt an mir o Gott, ob ich mich einlasse auf deine Zusage des Lebens, ob ich mich an dich wende im Gebet", so heißt es im zweiten Stück, und schon verbinden sich alle im Raum zu einer großen Gemeinde, die mit der Melodie des Evangeliums schwingt. Fingerschnippen im Rhythmus, offene Augen, strahlende Gesichter, gegenseitiges Wahrnehmen, sich bestärken im Glauben.

Im Bibelwort für den Sonntag Kantate spricht Jesus seine Einladung aus: Kommt her zu mir, kommt, lasst euch auf mich ein. Ihr alle, die ihr mühselig und beladen seid. Bringt alles mit, was euch bedrückt, belastet, beschwert. Bringt das mit, womit ihr euch manchmal gegenseitig das Leben schwer macht. Die Sorgen, die Nöte, die Bitten, die Fragen. "Ich will euch erquicken." Ich, Jesus Christus, will euch mit hineinnehmen in den Strom der Verheißung des Lebens.

Erquicken, das meint, erfrischen, erneuern, Kraft schenken, Mut machen. Christus gibt Stunden voll des Aufbruchs, der frohen Stimmung, des Glücks. Bis ans Kreuz hat er unsere Lasten getragen, für uns. Er will sie uns abnehmen und ruft mich auf einen neuen Weg. "Come along…" - "komm mit", und die Menschen in der Kirche gehen mit. Sie klatschen im Takt, singen den Kehrvers mit, lassen sich tragen von der Zusage. Wir lassen uns zu einer Zugabe überreden, singen noch ein Lied miteinander.

Am Ende gehen die Menschen nach Hause, erquickt und beglückt, erfüllt von der Gewissheit, es gibt noch mehr als die täglichen Lasten, es gibt einen, der mitträgt und froh macht. Im Ohr klingt die Melodie des letzten Liedes "O happy day" - welch ein glücklicher Tag.

Heinrich Götz, Rektor
Evang. Diakonissenanstalt Augsburg

Wir beten: Guter, menschenfreundlicher Gott, du lädst uns ein mit dir zu gehen, du willst unsere Lasten mittragen und uns frei machen. Im Vertrauen auf diese Zusage singen wir dir frohe Lieder und bitten: Lass dein Wort in unserem Herzen zur Melodie werden. Amen.

Lied 287: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

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