Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 18)

Kindgemäße Seiten aufschlagen

Der Schriftsteller Josef Quadflieg im Interview

   

Josef Quadflieg gehört zu den meistgelesenen Kinderbuch-Autoren. Sein aktuelles Werk über "Die Geschichte des Christentums" landete auf der Auswahlliste für den katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2003. Redakteur Günter Kusch vom Rothenburger Sonntagsblatt unterhielt sich mit dem 79-Jährigen.

Kaum war ihr neues Buch erschienen, schon steht es auf der Auswahlliste. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Josef Quadflieg: Damit gerechnet habe ich nicht, vor allem deshalb, weil ich mit dem Thema sehr offen und kritisch umgegangen bin. Aber gefreut hat mich die Ehrung schon. Auf die Empfehlungsliste sind immerhin nur zwölf von 302 eingereichten Büchern gekommen.

Auf der Liste stehen Bücher, die "beispielhaft und altersgemäß religiöse Erfahrungen vermitteln und Glaubenswissen erschließen". Inwiefern wird Ihr Buch diesen Kriterien gerecht?

Quadflieg: In Deutschland haben die jungen Leute - vor allem in den Städten - mit evangelischen und katholischen Christen zu tun, mit Angehörigen anderer kleinerer Kirchen, mit Muslimen und Juden. Dieses alltägliche oder gelegentliche Miteinander-zu-tun-Haben gibt den Hintergrund für mein Buch ab: Ich versuche, Wissen über den sowohl christlichen als auch nichtchristlichen Glauben an Gott sachgerecht und unterhaltend, am roten Faden der Geschichte des Christentums entlang, altersgemäß zu vermitteln.

Eigene Geschichte kennen

Nun ist ja Geschichte eher ein trockenes Thema - nicht nur für Kinder und Jugendliche. Warum ist es Ihnen dennoch wichtig, gerade die christliche Vergangenheit für den Nachwuchs neu aufleben zu lassen? Warum ist Geschichte für Kinder und Jugendliche so wichtig?

Quadflieg: Vieles, was heute geschieht, verstehen wir besser, wenn wir in die Geschichte zurückschauen. Ohne ein Maß von Kenntnis zum Beispiel der Geschichte des Judentums würden wir die Herkunft des Christentums nur mangelhaft einordnen können. Gewiss ist Geschichte trocken. Darum gibt es wohl zur Zeit kein Kirchengeschichtsbuch für den Religionsunterricht und keine narrative Christentumsgeschichte für Mädchen und Jungen. Mit meinem Buch versuche ich, die Lücke zu schließen.

Welche Kriterien waren für die Auswahl der Themen in den 15 Kapiteln Ihres Buches ausschlaggebend?

Quadflieg: Hauptauswahl war die Altersgemäßheit der Adressaten, die übrigens auch für Stil und Sprache des Buchs eine wichtige Rolle spielte. Auf Themen, die für eine umfassende Kirchengeschichte unverzichtbar erscheinen, bei denen jedoch junge Leute zu gähnen anfangen und mit dem Lesen aufhören würden, habe ich verzichtet: Frühe Kirchenlehrer und "Irrlehrer", Dogmen- und Konzilsgeschichte des Altertums und Mittelalters, spanische Reconquista.

Religion und Glaube liegen ja bei Jugendlichen nicht unbedingt im Trend. Die religiöse Sozialisation lässt zu wünschen übrig. Wo müsste man gegenwärtig ansetzen, um den Schülerinnen und Schülern die christlichen Werte und Traditionen wieder zu vermitteln, anders gefragt: Wie kann man Kindern "Geschmack" auf Glauben "machen"?

Quadflieg: O weh! Über dieses Kernproblem der Glaubensverkündigung sind schon etliche hunderttausend Seiten geschrieben worden. Was soll ich Tor da noch in fünf Zeilen sagen? Helfen können meiner Meinung nach gute Kindergärtnerinnen, Lehrer und Katecheten, vor allem - in den Familien - gute Eltern und Großeltern, in deren christlichem Verhalten abbild- und vorbildhaft "die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters" (Titus 3,4) hin und wieder aufscheint, überzeugt und zum Nachahmen anstiftet.

In einem Kapitel Ihres neuen Buches beschreiben Sie die unheilvollen ersten Berührungen zwischen Christentum und Islam. Kann man die gegenwärtigen gewaltsamen Auseinandersetzungen um den Irak auf Grund der geschichtlichen Hintergründe besser verstehen? Wie deuten Sie die religiöse Sprache, die Bush bei der Rechtfertigung seines Krieges verwendet?

Quadflieg: Ich erzähle im Islam-Kapitel auf 16 Seiten von Mohammed, vom Koran, von den "Fünf Säulen", in denen sich bis heute der Glaube der weltweit einer Milliarde Muslime manifestiert, vom Wachsen und der Ausbreitung des Islam bis hin zu den Kreuzzügen, mit denen die Christen kriegerisch auf den Isalm reagierten. Es war mir wichtig, den jungen LeserInnen sehr ausführlich die geschichtlichen Hintergründe der heute weit verbreiteten negativen Einschätzung des Islam aufzuzeigen, nicht zuletzt auch dadurch, dass ich von den großen kulturellen Gütern in Kunst und Wissenschaft erzähle, die mit den islamischen Arabern zu uns nach Europa gekommen sind - bis die Christen mit Hilfe der Inquisition gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Muslime (und die Juden) aus ihrer letzten Bastion in Spanien vertrieben und damit dem fruchtbaren Austausch zwischen den östlichen und westlichen Kulturen vorerst ein Ende setzten.
Präsident Bush hat bei seinen Kriegsvorbereitungen immer wieder Bagdad und den Irak in die "Achse des Bösen" eingereiht. Er versuchte der Welt einzureden, er sei von Gott als eine Art Messias ausersehen, zusammen mit "den Guten" gegen Präsident Saddam Hussein Krieg führen zu müssen. Indem er bei seinen Rechtfertigungsreden für diesen Krieg Gott im Munde führt, rückt er sich in die Nähe mittelalterlicher Kreuzzugspolitiker, die ihre Heere mit dem Schlachtruf "Gott will es!" in den Vorderen Orient schickten, wo sie in gutem Glauben an ihre Führer unvorstellbare "Kollateralschäden" an Unschuldigen verursachten.

Vorbilder sind wichtig

In Ihrem kurz vor der Christentumsgeschichte erschienenen Buch "Sie bewegten die Welt" stellen Sie 20 Männer und Frauen vor, die in unserer Zeit den Gang der Geschichte mitgeprägt haben. Brauchen heutzutage junge Menschen wieder mehr Vorbilder?

Quadflieg: Außer den direkt erfahrbaren Vorbildern im Alltag besteht bei jungen Leuten ganz offensichtlich das Bedürfnis, etwas über bedeutende Persönlichkeiten zu erfahren, die in ihrem Leben und Wirken "Christsein" realisiert haben. Als Beispiele nenne ich den Protestanten Henri Dunant, der den CVJM und später das Internationale Rote Kreuz gründete, die Katholikin Maria Montessori oder den Friedensnobelpreisträger Willy Brandt, der keiner Konfession angehörte.
Im Buch "Sie bewegten die Welt" wird das gemeinsame Gute und das zur Nachahmung Motivierende an Menschen verschiedener Herkunft und aus verschiedenen Kulturen dargestellt. In der "Geschichte des Christentums" stehen der ökumenische Gedanke und die Hoffnung auf eine offenere, geglückte Zukunft der Christen im Mittelpunkt und Vordergrund. Ich würde mir wünschen, dass auf dem ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin durch das gemeinsame Abendmahl von Katholiken und Protestanten ein Zeichen für eine solche weitherzigere Zukunft gesetzt würde.

 

 

 


 

"Kein schmeichelhafter Vergleich?"

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Johannes 10, 14+15



 

Diese verständlichen und einfachen Worte aus dem Johannesevangelium liest und predigt man gerne zur Taufe. Mit der Taufe kommt ein neues Schäfchen zur Herde des guten Hirten. Sehr bildhaft kann man das schon kleinen Kindern erklären.

Aber schon Konfirmanden ärgern sich, wenn man sie als Schäfchen bezeichnet. Und auf Erwachsene passt der Ausdruck nun gar nicht mehr. Doch wer auch kein Schäfchen mehr ist, möchte noch viel weniger mit einem ausgewachsenen Schaf verglichen werden. So bezeichnet man einen Menschen, der sich nicht durchsetzen kann und alles mit sich machen lässt. So jemand wollen wir auf keinen Fall sein.

Doch irgendwie haftet dieses "Schäfchenimage" den Christen manchmal an. Vielleicht auch ein Grund, den eigenen Kirchgang übers Jahr oder über die Jahre maßvoll zu verteilen. Denn ein evangelischer Christ möchte gern gesehen werden als ein freier Mensch und niemandem untertan, wie es Martin Luther formuliert hat. Der Kirchengeschichtler Adolf Harnack dazu: "Wir deutschen Lutheraner sind eine Kirche, in welcher die Mitglieder alle Aktionen kirchlicher Art schließlich doch nur von den Pfarrern erwarten und ihre kirchliche, evangelische Freiheit eben darin erkennen, dass sie mit der Kirche nichts zu tun haben brauchen." Diese Zitat stammt aus dem Jahr 1907!

Das Bild vom Hirten und der Schafherde finden wir für uns selbst wenig schmeichelhaft. Dafür sehen wir es um so lieber. Wer fährt beim Weg übers Land nicht langsamer, wenn eine solche Herde zu sehen ist. Ein Bild aus längst vergangener Zeit. Die Botschaft, die in ihm steckt versteht sich heute nicht mehr von selbst. Schafe kennen den Hirten, zu dem sie gehören. Ohne ihn sind sie aufgeschmissen.

Bestimmt hat Jesus bei seinem Vergleich daran gedacht: Menschen brauchen ein Zuhause. Auch der erwachsene, der gestandene, selbstständige und selbstbewusste evangelische Christ kann darauf nicht verzichten. Er braucht ein Zuhause, wo er herkommt und ein Zuhause, wo er hingeht. Wer das erste nicht richtig hatte, tut sich schwer im Leben. Wer aber das zweite nicht findet und nicht mehr dorthin unterwegs ist, führt ein trostloses und hoffnungsloses Leben. Auf ein Zuhause sind wir ein Leben lang angewiesen.

Nehmen wir uns also die Zeit und den Fuß vom Gas, wenn sich uns das Bild, das Jesus malt, einmal bietet. Vielleicht ist das die Chance, einmal freiwillig zu tun, was mancher dann in der Not einer Krankheit oder unter der Wucht eines Schicksalsschlages leisten muss: Antwort geben auf die Frage, was wirklich wichtig ist im Leben.

Die besten Dinge im Leben sind umsonst! Dazu gehört auch das Zuhause, das Gott uns anbietet von unserer Taufe an. Es ist ein Zuhause, für das der gute Hirte sein Leben hergegeben hat, damit wir Gottes Kinder sein und bei ihm Zuhause sein dürfen im Leben und im Tod. Das ist ein Zuhause in dem alles irdische Zuhause daheim sein darf. Der Glaube an den guten Hirten ist deshalb nicht der letzten Notnagel, sondern er ist die tiefste Wahrheit aller Suche nach einem Zuhause. Gott ist Zuhause!

Und deshalb wünsche ich den Menschen, das ihnen der Glaube an den guten Hirten trotz aller evangelischen Freiheit selbstverständlich wird. So gut und selbstverständlich wie das Wort Zuhause. Da komme ich her und dorthin bin ich unterwegs: Geboren werden und sterben, lachen und weinen, daheim sein und unterwegs sein: Ich bin der gute Hirte, sagt Jesus. Mit ihm beginnen und enden alle Wege - Zuhause.

Pfarrer Johannes Taig, Hof

Wir beten: Jesus Christus, du hast den Tod besiegt. Du führst als der gute Hirte deine Gemeinde zum Leben und durch diese Welt nach Hause zu dir. Mache uns bereit, uns dir anzuvertrauen im Leben und im Sterben. Lass uns nicht ohne Zeichen der Geborgenheit in der Hektik unserer Zeit. Gib uns offene Augen für das, was wirklich zählt. Schenke uns die Gelassenheit der Kinder Gottes, der Schafe deiner Herde, die ihrem Hirten ganz vertrauen. Amen.

Lied 594: Der Herr mein Hirte führet mich

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