"Die Armut wird immer größer"
Zehn Jahre "Tafel" -
Neue Wege in Fürth
Günter Düthorn muss gar nicht erst
läuten. Noch bevor er den Klingelknopf drückt, surrt bereits der Türöffner.
Als er die Treppenstufen hinaufgeht, kommen ihm zwei bellende Hunde entgegen.
An ihrem Schwanzwedeln erkennt er, dass keine Gefahr droht. Der 63-Jährige
ist ihnen bestens bekannt. Zweimal in der Woche kommt er bei ihrem Frauchen
vorbei, um sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Düthorn ist zweiter Vorsitzender
der "Fürther Tafel" - und praktizierender Christ. Seine ehrenamtliche
Tätigkeit in dem Verein, der im Februar 2001 an den Start ging, erklärt
er darum so: "Wer Gottes Güte und Weisheit im Leben erfahren hat, der
kann nicht anders, als dieser Liebe in der Welt eine Adresse zu geben."
Allein erziehend
Die 44-Jährige, die Günter Düthorn
an diesem Morgen mit einer Kiste Essen versorgt, ist allein erziehend.
"Mein Mann interessiert sich seit acht Jahren nicht mehr für mich", sagt
sie. So muss sie sich selbst um ihre behinderte Tochter kümmern, die momentan
auch noch an Fieber leidet. Wegen der unvorhergesehenen Arztbe-suche kann
sie nicht zu den Ausgabestellen der "Fürther Tafel" gehen.
Helga Schmidt (Name geändert) leidet
unter einer Verengung des Rückenmarkkanals. Mit Krankengymnastik und Spritzen
versucht sie, die Schmerzen ein wenig zu lindern. Das gelingt nur selten.
Es gibt immer wieder Momente, in denen sie körperlich und psychisch "völlig
am Ende" ist. "Eigentlich bin ich ja eine Kämpfernatur", erklärt die 66-Jährige,
"aber zurzeit geht es einfach nicht mehr." Eine Bekannte erzählte ihr
von der "Tafel". Zuerst habe sie sich geschämt, sich anzumelden. Das Ganze
ist ihr immer noch peinlich. Deshalb fährt sie lieber mit dem Bus zu einer
entfernten Ausgabestelle. Würde sie sich die Lebensmittel bei ihr um die
Ecke holen, könnte sie ja von Nachbarn beobachtet werden.
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Fotos:
Kusch
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Aufgrund dieser Erfahrungen hat
der Verein "Fürther Tafel" beschlossen, mit der Heimlieferung eine "zweite
Schiene" zu fahren. Damit will man in erster Linie Rentner, Kranke, Mütter
mit kleinen Kindern und psychisch Kranke erreichen. Gerade Letztere seien
antriebsschwach und würden größere Menschenansammlungen nicht ertragen,
erklärt Beate Amon. Die 36-Jährige arbeitet in der Verwaltung einer Wohngruppe
für psychisch Kranke. Diese wird von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) betrieben.
Natürlich sei das Ziel, die Leute zu aktivieren und durch die Lebensmittellieferung
nicht noch mehr in die Isolation zu treiben, sagt Beate Amon. Dies gelinge
aber nur mit kleinen Schritten. Die AWO-Gruppe erhalte zum Beispiel eine
extra Kiste mit Gemüse: "Damit wird dann gemeinsam - unter Anleitung -
gekocht." Auf diese Weise lernten die Bewohner ein Stück Eigenverantwortung.
Die "Tafel"-Bewegung nahm in Deutschland
vor zehn Jahren ihren Anfang. Eine Frauengruppe gründete 1993 die Berliner
Tafel - München, Düsseldorf und Hamburg folgten innerhalb weniger Monate
mit lokalen Initiativen. Heute gibt es bereits über 320 Tafeln in der
Bundesrepublik. Der Fürther Verein hat 200 Mitglieder, von denen sich
80 auch ehrenamtlich betätigen, erzählt die Vorsitzende Maria Theis-Hanke.
An den Ausgabestellen wird mittlerweile eine breite Palette an Nahrungsmitteln,
Gemüse, Obst und weiteren Produkten angeboten. Für einen symbolischen
Preis von einem Euro erhalten die Bedürftigen, deren Armut zuvor überprüft
wurde, eine gut gefüllte Tüte.
Die Speisen werden bei Supermärkten,
Bäckereien und anderen Läden abgeholt. Die Produkte sind einwandfrei,
aber wegen der verbliebenen Haltbarkeitsdauer nicht mehr zu verkaufen.
Auch zerdrückte Verpackungen oder Ware mit falschem Inhalt werden aus
den Regalen genommen. "So kommt es zum Beispiel öfters vor, dass Erdbeer-Jogurt
in einen Becher für Himbeer-Jogurt gefüllt wurde", sagt Maria Theis-Hanke.
Das Fürther Modell ist inzwischen
so erfolgreich, dass auch die Nachbarstadt Nürnberg eine Tafel eingerichtet
hat. Die Logistik wurde laut Theis-Hanke 1:1 übertragen. Viele ihrer Ehrenamtlichen
hätten vor Ort mitgeholfen, um die Anlaufstelle aus der Taufe zu heben.
Besonders Kinder im Blick
Auch in Fürth werden eifrig Pläne
geschmiedet. So will man weitere Märkte finden, die Lebensmittel zur Verfügung
stellen. Außerdem ist man auf Sponsoren-Suche, da für den Fürther Verein
monatliche Kosten von rund 5.000 Euro anfallen. Nicht zuletzt wird nach
größeren Räumen Ausschau gehalten, in denen neben einem Büro Möglichkeiten
für Besprechungen, Info-Veranstaltungen oder Schulungen zur Verfügung
stehen. 200 bis 250 Quadratmeter sollten es schon sein.
"Die Armut wird immer größer",
sagt die Vorsitzende der Fürther Tafel. Besonders betroffen seien die
Kinder. Maria Theis-Hanke findet es erschreckend, dass viele der Kleinen
mittlerweile ohne Pausenbrot in die Schule geschickt würden. Die "Tafel"
müsse deshalb ihren Radius erweitern und noch mehr Schulen, Horte oder
Kindergärten mit einem Mittagstisch unterstützen. Auch eine erste Ausgabestelle
im Landkreis werde in den Blick genommen. Die Philosophie, die dahinter
steckt, laute: "Wir sind für alle Bedürftige da, unabhängig von ihrer
Religion", unterstreicht die 47-Jährige. Für die ehrenamtlichen Frauen,
die an diesem Morgen Lebensmittel für die unterschiedlichen Haushalte
sortieren, kommt ein zusätzliches Argument hinzu: "Ich bin dankbar dafür,
dass es mir selbst gut geht. Deshalb möchte ich denen helfen, denen es
nicht so gut geht", betont die 54-jährige Evi Lämmermann aus Zirndorf.
Günter Kusch
Leichter gesagt als getan - aber es geht!
Am
Abend, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus
Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht
zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er
ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den
Herrn sahen. Thomas aber war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten
die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach
zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen
Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann
ich's nicht glauben. Und nach acht Tagen waren seine Jünger versammelt,
und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren,
und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht
er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche
mir deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig,
sondern gläubig. Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein
Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du.
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
aus
Johannes 20, 19 - 29
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Foto:
Wodicka
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Eigentlich jedes
Mal, wenn ich den Text lese, beneide ich Thomas und die anderen Jünger
ein bisschen. Ihnen hat sich der auferstandene Jesus gezeigt, hat ihnen
sogar angeboten, seine Wunden zu befühlen. So ein "Stückchen Thomas" steckt
vermutlich in den meisten Christinnen und Christen. Immer wieder kommen
im Glaubensleben leise Zweifel auf. Da wäre es schon eine feine Sache,
wenn sich Jesus in solch einer Deutlichkeit zeigen würde, wie er es damals
nach seiner Auferstehung getan hat.
Aber das wird wohl
nicht geschehen. Heute sind Christinnen und Christen darauf angewiesen,
nicht zu sehen und doch zu glauben. Darauf liegt ja auch ein großer Segen,
wie Jesus sagt. Doch wie geht das? Nicht sehen und trotzdem glauben? Ein
kleiner Trost ist es da, dass es auch damals Menschen gab, die den Auferstandenen
sahen und trotzdem zweifelten (Matthäus 28, 17). Demnach scheint die Tatsache,
ihn gesehen zu haben auch kein Garant für einen festen und standhaften
Glauben zu sein.
Vielmehr gehört der
Zweifel offenbar zum Glauben dazu. Und je mehr ich darüber nachdenke,
desto mehr Positives kann ich am Zweifeln finden. Wenn ich etwas nicht
so recht glauben kann, beginne ich mich damit auseinanderzusetzen. Und
nicht selten gibt es dabei den ein oder anderen Aha-Effekt. Und zu guter
Letzt kann ich sogar bezeugen, woran ich vorher gezweifelt habe.
Ein Beispiel: Eine
junge Frau erzählt, sie habe viel über christliche Meditation gehört,
über das Still werden vor Gott und Hören auf ihn. Doch ihre Zweifel daran
waren groß. Schließlich hat sie das irgendwann so beschäftigt, dass sie
sich intensiv mit dem Still werden und Hören auseinandersetzte. Sie probierte
es selbst aus und geriet ins Staunen. "Ich war begeistert und staunte
wie ein kleines Kind über meine Erlebnisse, über die Realität und die
Größe Gottes." Wie Thomas sei es ihr gegangen - "Ich konnte wie er nur
noch sagen: Mein Herr und mein Gott!"
Solche Zeugnisse
machen Mut, Zweifel zuzulassen und sich mit nagenden Fragen zu beschäftigen.
Nicht sehen und doch glauben? Das ist möglich. Durch Gebet, durch das
Auseinandersetzen mit anderen Menschen und deren Erfahrungen und Ansichten.
Und nicht zuletzt dadurch, manches einfach auszuprobieren und zu handeln.
Karin Ilgenfritz,
Schweinsdorf
Wir beten: Herr,
gib all denen, die zweifeln, aber dich suchen, dass sie dich finden. Und
gib denen, die dich finden, dass sie dich immer wieder von neuem suchen,
bis all unser Suchen zum Finden und unser Finden zu deinem ewigen Lob
geworden ist. Amen.
Lied 622:
Ich möchte Glauben haben
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