Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 17)

"Die Armut wird immer größer"

Zehn Jahre "Tafel" - Neue Wege in Fürth

   

Günter Düthorn muss gar nicht erst läuten. Noch bevor er den Klingelknopf drückt, surrt bereits der Türöffner. Als er die Treppenstufen hinaufgeht, kommen ihm zwei bellende Hunde entgegen. An ihrem Schwanzwedeln erkennt er, dass keine Gefahr droht. Der 63-Jährige ist ihnen bestens bekannt. Zweimal in der Woche kommt er bei ihrem Frauchen vorbei, um sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Düthorn ist zweiter Vorsitzender der "Fürther Tafel" - und praktizierender Christ. Seine ehrenamtliche Tätigkeit in dem Verein, der im Februar 2001 an den Start ging, erklärt er darum so: "Wer Gottes Güte und Weisheit im Leben erfahren hat, der kann nicht anders, als dieser Liebe in der Welt eine Adresse zu geben."

Allein erziehend

Die 44-Jährige, die Günter Düthorn an diesem Morgen mit einer Kiste Essen versorgt, ist allein erziehend. "Mein Mann interessiert sich seit acht Jahren nicht mehr für mich", sagt sie. So muss sie sich selbst um ihre behinderte Tochter kümmern, die momentan auch noch an Fieber leidet. Wegen der unvorhergesehenen Arztbe-suche kann sie nicht zu den Ausgabestellen der "Fürther Tafel" gehen.

Helga Schmidt (Name geändert) leidet unter einer Verengung des Rückenmarkkanals. Mit Krankengymnastik und Spritzen versucht sie, die Schmerzen ein wenig zu lindern. Das gelingt nur selten. Es gibt immer wieder Momente, in denen sie körperlich und psychisch "völlig am Ende" ist. "Eigentlich bin ich ja eine Kämpfernatur", erklärt die 66-Jährige, "aber zurzeit geht es einfach nicht mehr." Eine Bekannte erzählte ihr von der "Tafel". Zuerst habe sie sich geschämt, sich anzumelden. Das Ganze ist ihr immer noch peinlich. Deshalb fährt sie lieber mit dem Bus zu einer entfernten Ausgabestelle. Würde sie sich die Lebensmittel bei ihr um die Ecke holen, könnte sie ja von Nachbarn beobachtet werden.

 
Fotos: Kusch
   

Aufgrund dieser Erfahrungen hat der Verein "Fürther Tafel" beschlossen, mit der Heimlieferung eine "zweite Schiene" zu fahren. Damit will man in erster Linie Rentner, Kranke, Mütter mit kleinen Kindern und psychisch Kranke erreichen. Gerade Letztere seien antriebsschwach und würden größere Menschenansammlungen nicht ertragen, erklärt Beate Amon. Die 36-Jährige arbeitet in der Verwaltung einer Wohngruppe für psychisch Kranke. Diese wird von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) betrieben. Natürlich sei das Ziel, die Leute zu aktivieren und durch die Lebensmittellieferung nicht noch mehr in die Isolation zu treiben, sagt Beate Amon. Dies gelinge aber nur mit kleinen Schritten. Die AWO-Gruppe erhalte zum Beispiel eine extra Kiste mit Gemüse: "Damit wird dann gemeinsam - unter Anleitung - gekocht." Auf diese Weise lernten die Bewohner ein Stück Eigenverantwortung.

Die "Tafel"-Bewegung nahm in Deutschland vor zehn Jahren ihren Anfang. Eine Frauengruppe gründete 1993 die Berliner Tafel - München, Düsseldorf und Hamburg folgten innerhalb weniger Monate mit lokalen Initiativen. Heute gibt es bereits über 320 Tafeln in der Bundesrepublik. Der Fürther Verein hat 200 Mitglieder, von denen sich 80 auch ehrenamtlich betätigen, erzählt die Vorsitzende Maria Theis-Hanke. An den Ausgabestellen wird mittlerweile eine breite Palette an Nahrungsmitteln, Gemüse, Obst und weiteren Produkten angeboten. Für einen symbolischen Preis von einem Euro erhalten die Bedürftigen, deren Armut zuvor überprüft wurde, eine gut gefüllte Tüte.

Die Speisen werden bei Supermärkten, Bäckereien und anderen Läden abgeholt. Die Produkte sind einwandfrei, aber wegen der verbliebenen Haltbarkeitsdauer nicht mehr zu verkaufen. Auch zerdrückte Verpackungen oder Ware mit falschem Inhalt werden aus den Regalen genommen. "So kommt es zum Beispiel öfters vor, dass Erdbeer-Jogurt in einen Becher für Himbeer-Jogurt gefüllt wurde", sagt Maria Theis-Hanke.

Das Fürther Modell ist inzwischen so erfolgreich, dass auch die Nachbarstadt Nürnberg eine Tafel eingerichtet hat. Die Logistik wurde laut Theis-Hanke 1:1 übertragen. Viele ihrer Ehrenamtlichen hätten vor Ort mitgeholfen, um die Anlaufstelle aus der Taufe zu heben.

Besonders Kinder im Blick

Auch in Fürth werden eifrig Pläne geschmiedet. So will man weitere Märkte finden, die Lebensmittel zur Verfügung stellen. Außerdem ist man auf Sponsoren-Suche, da für den Fürther Verein monatliche Kosten von rund 5.000 Euro anfallen. Nicht zuletzt wird nach größeren Räumen Ausschau gehalten, in denen neben einem Büro Möglichkeiten für Besprechungen, Info-Veranstaltungen oder Schulungen zur Verfügung stehen. 200 bis 250 Quadratmeter sollten es schon sein.

"Die Armut wird immer größer", sagt die Vorsitzende der Fürther Tafel. Besonders betroffen seien die Kinder. Maria Theis-Hanke findet es erschreckend, dass viele der Kleinen mittlerweile ohne Pausenbrot in die Schule geschickt würden. Die "Tafel" müsse deshalb ihren Radius erweitern und noch mehr Schulen, Horte oder Kindergärten mit einem Mittagstisch unterstützen. Auch eine erste Ausgabestelle im Landkreis werde in den Blick genommen. Die Philosophie, die dahinter steckt, laute: "Wir sind für alle Bedürftige da, unabhängig von ihrer Religion", unterstreicht die 47-Jährige. Für die ehrenamtlichen Frauen, die an diesem Morgen Lebensmittel für die unterschiedlichen Haushalte sortieren, kommt ein zusätzliches Argument hinzu: "Ich bin dankbar dafür, dass es mir selbst gut geht. Deshalb möchte ich denen helfen, denen es nicht so gut geht", betont die 54-jährige Evi Lämmermann aus Zirndorf.

Günter Kusch

 

 

 


 

Leichter gesagt als getan - aber es geht!

Am Abend, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Thomas aber war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben. Und nach acht Tagen waren seine Jünger versammelt, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche mir deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

aus Johannes 20, 19 - 29



 
Foto: Wodicka
 

Eigentlich jedes Mal, wenn ich den Text lese, beneide ich Thomas und die anderen Jünger ein bisschen. Ihnen hat sich der auferstandene Jesus gezeigt, hat ihnen sogar angeboten, seine Wunden zu befühlen. So ein "Stückchen Thomas" steckt vermutlich in den meisten Christinnen und Christen. Immer wieder kommen im Glaubensleben leise Zweifel auf. Da wäre es schon eine feine Sache, wenn sich Jesus in solch einer Deutlichkeit zeigen würde, wie er es damals nach seiner Auferstehung getan hat.

Aber das wird wohl nicht geschehen. Heute sind Christinnen und Christen darauf angewiesen, nicht zu sehen und doch zu glauben. Darauf liegt ja auch ein großer Segen, wie Jesus sagt. Doch wie geht das? Nicht sehen und trotzdem glauben? Ein kleiner Trost ist es da, dass es auch damals Menschen gab, die den Auferstandenen sahen und trotzdem zweifelten (Matthäus 28, 17). Demnach scheint die Tatsache, ihn gesehen zu haben auch kein Garant für einen festen und standhaften Glauben zu sein.

Vielmehr gehört der Zweifel offenbar zum Glauben dazu. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Positives kann ich am Zweifeln finden. Wenn ich etwas nicht so recht glauben kann, beginne ich mich damit auseinanderzusetzen. Und nicht selten gibt es dabei den ein oder anderen Aha-Effekt. Und zu guter Letzt kann ich sogar bezeugen, woran ich vorher gezweifelt habe.

Ein Beispiel: Eine junge Frau erzählt, sie habe viel über christliche Meditation gehört, über das Still werden vor Gott und Hören auf ihn. Doch ihre Zweifel daran waren groß. Schließlich hat sie das irgendwann so beschäftigt, dass sie sich intensiv mit dem Still werden und Hören auseinandersetzte. Sie probierte es selbst aus und geriet ins Staunen. "Ich war begeistert und staunte wie ein kleines Kind über meine Erlebnisse, über die Realität und die Größe Gottes." Wie Thomas sei es ihr gegangen - "Ich konnte wie er nur noch sagen: Mein Herr und mein Gott!"

Solche Zeugnisse machen Mut, Zweifel zuzulassen und sich mit nagenden Fragen zu beschäftigen. Nicht sehen und doch glauben? Das ist möglich. Durch Gebet, durch das Auseinandersetzen mit anderen Menschen und deren Erfahrungen und Ansichten. Und nicht zuletzt dadurch, manches einfach auszuprobieren und zu handeln.

Karin Ilgenfritz, Schweinsdorf

Wir beten: Herr, gib all denen, die zweifeln, aber dich suchen, dass sie dich finden. Und gib denen, die dich finden, dass sie dich immer wieder von neuem suchen, bis all unser Suchen zum Finden und unser Finden zu deinem ewigen Lob geworden ist. Amen.

Lied 622: Ich möchte Glauben haben

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