Theologische Impulse für die Kirche der Zukunft
Bischof: Miteinander
von gemeindlichen und übergemeindlichen Diensten wichtig
Es war wie eine musikalische Botschaft
für kommende Spardiskussionen und Stellenkürzungen in der bayerischen
Landeskirche. "Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat" sangen zwei
vierstimmige Chöre beim Eröffnungsgottesdienst der Landessynode in der
Würzburger St. Johannis-Kirche. Einen Tag später verstärkte ein Quartett
aus Unterfranken diese Botschaft noch einmal. "Ich will dir Loblieder
singen - in Zeiten der Freude und des Leides" so die jungen Männer von
den Christlichen Gästehäusern Hohe Rhön bei einer Andacht vor dem Kirchenparlament.
Dem Vorbild Jesu folgen
Schon im Eröffnungsgottesdienst
der fünftägigen Frühjahrstagung des kirchenleitenden Gremiums gab es theologische
Impulse für die Kirche in den nächsten Jahren. Diakoniepräsident Ludwig
Markert (Nürnberg) unterstrich in seiner Predigt, dem Vorbild Jesu zu
folgen, der sich nicht dienen lassen wollte, sondern anderen diente. Er
wandte sich nicht nur hilfreich Menschen zu, sondern sein Dienst griff
auch in den Lauf der Dinge ein und veränderte sie dadurch. Dienen heute
heiße auch, "Abstand zu nehmen von den eigenen Interessen und sich einem
breiteren Interesse unterzuordnen." Eine deutliche Mahnung vor Verteilungskämpfen
in der Kirche angesichts knapper werdender Mittel.
Die Präsidentin der Landessynode,
Heidi Schülke (Coburg), appellierte an die 108 Mitglieder des Kirchenparlamentes,
"jenseits aller persönlichen Vorlieben die Kirche als Ganzes im Blick
zu behalten". Die anstehenden Diskussionen böten Chance zu einer Vision
von Kirche, die "mutig und transparent" die nötigen Schritte tut. In der
Politik sei oft ein "planloses Manövrieren" festzustellen. In der Kirche
solle es anders zugehen.
Theologische Eckpunkte
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Fotos:
güs
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Landesbischof Johannes Friedrich
verzichtete in seinem Bericht vor dem Kirchenparlament darauf, noch einmal
ausführlich zum Irak-Krieg Stellung zu nehmen. "Dazu habe ich immer wieder
ein klares Nein der Kirche deutlich gemacht", erklärte Friedrich. Stattdessen
war sein Bericht eine theologische Grundlegung mit Eckpunkten für das
zukünftige Profil von Kirche. "Dazu werden auch schmerzliche Entscheidungen
getroffen werden müssen", kündigte er an.
Mit Blick auf das Neue Testament
erinnerte der Bischof daran, dass "die Gesamtkirche mehr ist als die Summe
der Einzelgemeinden". Andererseits zeige sich die Kirche als Ganzes nur
in der Gemeinschaft von Einzelgemeinden. Nach Martin Luther stelle die
Kirche vor allem die geistliche Gemeinschaft aller Glaubenden dar. Diese
habe in Jesus Christus ein klares Zentrum und realisiere sich in einer
"konkreten, geschichtlich sich verändernden Gestalt".
Absage an Kirchturmdenken
Friedrich wandte sich gegen das
Kirchturmdenken in Gemeinden. Er beobachte eine "starke Tendenz, die Kirche
auf eine regional begrenzte Gemeinschaft der Glaubenden zu beschränken".
Mit Kirche sei jedoch schon immer sowohl Ortsgemeinde als auch Gesamtkirche
gemeint.
Die Parochien - Amtsbezirke von
Pfarrerinnen und Pfarrer - sind dem Bischof zufolge keine göttlichen Größen,
sondern von Menschen festgelegte Verwaltungsbezirke. Als solche müssen
sie auch veränderbar und durchlässig sein. Konkret mahnte der erste Pfarrer
in der Landeskirche, "sich nicht nur auf die einzelne Ortsgemeinde und
deren bestmögliche Versorgung zu konzentrieren". Vielmehr komme es darauf
an, "grundsätzlich nicht an der Parochiegrenze Halt zu machen und stattdessen
die Kirche als Gesamtgröße im Blick zu behalten".
Nach Friedrich ist für den kirchlichen
Auftrag, das Evangelium wieterzugeben, ein Miteinander von gemeindlichen
und übergemeindlichen Diensten entscheidend. Oft würden beide Bereiche
als Gegensätze und nicht als wichtige Funktionen am Leib Christi gesehen.
Der Bischof sprach sich dafür aus, neu den "Dienstcharakter der übergemeindlichen
Arbeit für die gemeindliche Arbeit zu entdecken". Insgesamt gehe es um
eine stärkere Verzahnung der verschiedenen kirchlichen Arbeitsbereiche.
Gerade, wenn Einsparungen notwendig sind, könne "das Auseinanderdrif-ten
von verschiedenen Formen des Dienstes nicht weiter hingenommen oder sogar
noch gesteigert werden". Für eine glaubwürdige Kirche vor Ort müsse die
Zusammengehörigkeit aller Christen gestärkt werden. Für diese Ziel engagiere
er sich, schloss Friedrich seine Ausführungen.
In der Diskussion über den Bischofsbericht
sprach sich der bayerische Innenminister Günther Beckstein, der dem Kirchenparlament
angehört, für mehr Eigenverantwortung der Gemeinden und eine schlankere
Verwaltung aus: "Die innerkirchliche Bürokratie kann in der Qualität mithalten
mit der staatlichen Bürokratie."
Günter Saalfrank
Jesus als Beispiel eines dienenden Führungsstils
Jakobus
und Johannes gingen zu Jesus und sprachen: Gib uns, dass wir sitzen einer
zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit...
Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst: die als Herrscher
gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt
an. So ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch,
der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der
soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als
Lösegeld für viele.
Markus
10, 35-45
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Foto:
Wodicka
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Das geht doch wirklich
zu weit: Die beiden Brüder Johannes und Jakobus bilden sich wohl ein,
etwas Besseres zu sein. Bei den anderen Jüngern brodelt es. Dabei ist
es noch gar nicht so lange her, da hat sich die ganze Schar der zwölf
Jünger darüber gestritten, wer unter ihnen denn wohl der größte sei. Wäre
es jetzt nicht an der Zeit, dass Jesus ein Machtwort spricht und die beiden
ordentlich zusammenstaucht?
Aber Jesus kennt
seine Pappenheimer - so wie er jeden von uns kennt. Er weiß, was alles
in uns steckt: der Wunsch nach Anerkennung, das Streben danach, etwas
Besseres zu sein, vielleicht sogar die Hoffnung, einmal ganz groß rauszukommen.
Er weist diesen Gedanken nicht zurück, sondern weist ihn in die rechte
Bahn: "Ihr wollt also wirklich ganz vorne mitmischen und Führungskräfte
im Reich Gottes sein? Gut. Nur der Weg dahin sieht anders aus, als ihr
denkt."
Zuerst folgt die
Warnung: der Weg an Jesu Seite ist auch ein Weg des Leidens (und tatsächlich
wird einer der beiden vorlauten Jünger, Jakobus, später der erste Märtyrer
aus dem Kreis der Jünger sein). Doch dann kommt Jesus zum eigentlichen
in diesem Text: zu seiner Art von Führungsstil, der so ganz anders aussieht,
als das was die Jünger (und wir) kennen.
Da sind die bekannten
Herrschaftsmechanismen, die nicht selten in offene oder subtile Formen
von Unterdrückung münden, in der Politik, in der Wirtschaft, aber auch
im kleinen Bereich menschlicher Beziehungen. "So soll es unter euch nicht
sein", sagt Jesus, "denn im Reich Gottes zählen andere Maßstäbe." Und
dann kommt das mit dem Dienen. Zugegeben: Das spricht tatsächlich gegen
unsere Erfahrungen, die wir gerade im Arbeitsalltag machen. Aber wie wäre
es, wenn Menschen damit trotzdem ernst machen? Wenn beispielsweise Chefs
oder leitende Angestellte nicht zuerst danach fragen, wie sie ihre persönliche
Macht steigern können und ihre Untergebenen kontrollieren, sondern fragen:
Wie kann ich dir helfen, damit du deine Aufgabe am besten durchführen
kannst? Würde ein solch dienender Führungsstil unserer Wirtschaft nicht
gut tun?
Ich denke: Das "Jesus-Prinzip"
hilft allen Beteiligten und fördert das Miteinander in Unternehmen, aber
auch in anderen Bereichen, wo es angewandt wird - von der Familie bis
zur Kirche. Denn auch hier wollen wir doch nur zu gern den Ton angeben.
Im Rampenlicht stehen. An den Schalthebeln der Macht sitzen (durchaus
mit dem Ziel, etwas Positives zu erreichen). Doch auch hier gilt das,
was Jesus sagt: Wenn du vorne stehen willst, dann schau, wie du anderen
dienen kannst.
Allerdings: Es reicht
nicht, nur im Kopf zu wissen, dass solch ein Verhalten, solch ein Führungsstil
zu guten Ergebnissen führt. Dieser Gedanke muss ins Herz hinein. Das aber
schaffen wir nicht allein. Dazu brauchen wir die Hilfe des Heiligen Geistes,
der unser Denken verwandelt. Dazu lesen wir die Bibel, um Gottes Gedanken
besser zu verstehen. Und dazu schauen wir auf Jesus, denn er ist das Beispiel
für einen dienenden Führungsstil: Obwohl er doch Gott gleich war, hielt
er daran nicht gierig fest, sondern wurde ein Mensch in dieser Welt und
erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am
Kreuz (nach Philipper 2).
Hans-Joachim Vieweger
Prädikant in München
Gebet: Jesus,
bei dir muss ich nicht bleiben, wie ich bin. Nimm fort, was mich und andere
zerstört. Einen Menschen willst du aus mir machen, wie er dir gefällt,
der ein Brief von deiner Hand ist, voller Liebe für die Welt. (Manfred
Siebald)
Lied 390:
Erneure mich, o ewigs Licht.
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