Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 14)

Theologische Impulse für die Kirche der Zukunft

Bischof: Miteinander von gemeindlichen und übergemeindlichen Diensten wichtig

   

Es war wie eine musikalische Botschaft für kommende Spardiskussionen und Stellenkürzungen in der bayerischen Landeskirche. "Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat" sangen zwei vierstimmige Chöre beim Eröffnungsgottesdienst der Landessynode in der Würzburger St. Johannis-Kirche. Einen Tag später verstärkte ein Quartett aus Unterfranken diese Botschaft noch einmal. "Ich will dir Loblieder singen - in Zeiten der Freude und des Leides" so die jungen Männer von den Christlichen Gästehäusern Hohe Rhön bei einer Andacht vor dem Kirchenparlament.

Dem Vorbild Jesu folgen

Schon im Eröffnungsgottesdienst der fünftägigen Frühjahrstagung des kirchenleitenden Gremiums gab es theologische Impulse für die Kirche in den nächsten Jahren. Diakoniepräsident Ludwig Markert (Nürnberg) unterstrich in seiner Predigt, dem Vorbild Jesu zu folgen, der sich nicht dienen lassen wollte, sondern anderen diente. Er wandte sich nicht nur hilfreich Menschen zu, sondern sein Dienst griff auch in den Lauf der Dinge ein und veränderte sie dadurch. Dienen heute heiße auch, "Abstand zu nehmen von den eigenen Interessen und sich einem breiteren Interesse unterzuordnen." Eine deutliche Mahnung vor Verteilungskämpfen in der Kirche angesichts knapper werdender Mittel.

Die Präsidentin der Landessynode, Heidi Schülke (Coburg), appellierte an die 108 Mitglieder des Kirchenparlamentes, "jenseits aller persönlichen Vorlieben die Kirche als Ganzes im Blick zu behalten". Die anstehenden Diskussionen böten Chance zu einer Vision von Kirche, die "mutig und transparent" die nötigen Schritte tut. In der Politik sei oft ein "planloses Manövrieren" festzustellen. In der Kirche solle es anders zugehen.

Theologische Eckpunkte

 
Fotos: güs

Landesbischof Johannes Friedrich verzichtete in seinem Bericht vor dem Kirchenparlament darauf, noch einmal ausführlich zum Irak-Krieg Stellung zu nehmen. "Dazu habe ich immer wieder ein klares Nein der Kirche deutlich gemacht", erklärte Friedrich. Stattdessen war sein Bericht eine theologische Grundlegung mit Eckpunkten für das zukünftige Profil von Kirche. "Dazu werden auch schmerzliche Entscheidungen getroffen werden müssen", kündigte er an.

Mit Blick auf das Neue Testament erinnerte der Bischof daran, dass "die Gesamtkirche mehr ist als die Summe der Einzelgemeinden". Andererseits zeige sich die Kirche als Ganzes nur in der Gemeinschaft von Einzelgemeinden. Nach Martin Luther stelle die Kirche vor allem die geistliche Gemeinschaft aller Glaubenden dar. Diese habe in Jesus Christus ein klares Zentrum und realisiere sich in einer "konkreten, geschichtlich sich verändernden Gestalt".

Absage an Kirchturmdenken

Friedrich wandte sich gegen das Kirchturmdenken in Gemeinden. Er beobachte eine "starke Tendenz, die Kirche auf eine regional begrenzte Gemeinschaft der Glaubenden zu beschränken". Mit Kirche sei jedoch schon immer sowohl Ortsgemeinde als auch Gesamtkirche gemeint.

Die Parochien - Amtsbezirke von Pfarrerinnen und Pfarrer - sind dem Bischof zufolge keine göttlichen Größen, sondern von Menschen festgelegte Verwaltungsbezirke. Als solche müssen sie auch veränderbar und durchlässig sein. Konkret mahnte der erste Pfarrer in der Landeskirche, "sich nicht nur auf die einzelne Ortsgemeinde und deren bestmögliche Versorgung zu konzentrieren". Vielmehr komme es darauf an, "grundsätzlich nicht an der Parochiegrenze Halt zu machen und stattdessen die Kirche als Gesamtgröße im Blick zu behalten".

Nach Friedrich ist für den kirchlichen Auftrag, das Evangelium wieterzugeben, ein Miteinander von gemeindlichen und übergemeindlichen Diensten entscheidend. Oft würden beide Bereiche als Gegensätze und nicht als wichtige Funktionen am Leib Christi gesehen. Der Bischof sprach sich dafür aus, neu den "Dienstcharakter der übergemeindlichen Arbeit für die gemeindliche Arbeit zu entdecken". Insgesamt gehe es um eine stärkere Verzahnung der verschiedenen kirchlichen Arbeitsbereiche. Gerade, wenn Einsparungen notwendig sind, könne "das Auseinanderdrif-ten von verschiedenen Formen des Dienstes nicht weiter hingenommen oder sogar noch gesteigert werden". Für eine glaubwürdige Kirche vor Ort müsse die Zusammengehörigkeit aller Christen gestärkt werden. Für diese Ziel engagiere er sich, schloss Friedrich seine Ausführungen.

In der Diskussion über den Bischofsbericht sprach sich der bayerische Innenminister Günther Beckstein, der dem Kirchenparlament angehört, für mehr Eigenverantwortung der Gemeinden und eine schlankere Verwaltung aus: "Die innerkirchliche Bürokratie kann in der Qualität mithalten mit der staatlichen Bürokratie."

Günter Saalfrank

 


 

Jesus als Beispiel eines dienenden Führungsstils

Jakobus und Johannes gingen zu Jesus und sprachen: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit... Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst: die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. So ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Markus 10, 35-45



 
Foto: Wodicka
 

Das geht doch wirklich zu weit: Die beiden Brüder Johannes und Jakobus bilden sich wohl ein, etwas Besseres zu sein. Bei den anderen Jüngern brodelt es. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da hat sich die ganze Schar der zwölf Jünger darüber gestritten, wer unter ihnen denn wohl der größte sei. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, dass Jesus ein Machtwort spricht und die beiden ordentlich zusammenstaucht?

Aber Jesus kennt seine Pappenheimer - so wie er jeden von uns kennt. Er weiß, was alles in uns steckt: der Wunsch nach Anerkennung, das Streben danach, etwas Besseres zu sein, vielleicht sogar die Hoffnung, einmal ganz groß rauszukommen. Er weist diesen Gedanken nicht zurück, sondern weist ihn in die rechte Bahn: "Ihr wollt also wirklich ganz vorne mitmischen und Führungskräfte im Reich Gottes sein? Gut. Nur der Weg dahin sieht anders aus, als ihr denkt."

Zuerst folgt die Warnung: der Weg an Jesu Seite ist auch ein Weg des Leidens (und tatsächlich wird einer der beiden vorlauten Jünger, Jakobus, später der erste Märtyrer aus dem Kreis der Jünger sein). Doch dann kommt Jesus zum eigentlichen in diesem Text: zu seiner Art von Führungsstil, der so ganz anders aussieht, als das was die Jünger (und wir) kennen.

Da sind die bekannten Herrschaftsmechanismen, die nicht selten in offene oder subtile Formen von Unterdrückung münden, in der Politik, in der Wirtschaft, aber auch im kleinen Bereich menschlicher Beziehungen. "So soll es unter euch nicht sein", sagt Jesus, "denn im Reich Gottes zählen andere Maßstäbe." Und dann kommt das mit dem Dienen. Zugegeben: Das spricht tatsächlich gegen unsere Erfahrungen, die wir gerade im Arbeitsalltag machen. Aber wie wäre es, wenn Menschen damit trotzdem ernst machen? Wenn beispielsweise Chefs oder leitende Angestellte nicht zuerst danach fragen, wie sie ihre persönliche Macht steigern können und ihre Untergebenen kontrollieren, sondern fragen: Wie kann ich dir helfen, damit du deine Aufgabe am besten durchführen kannst? Würde ein solch dienender Führungsstil unserer Wirtschaft nicht gut tun?

Ich denke: Das "Jesus-Prinzip" hilft allen Beteiligten und fördert das Miteinander in Unternehmen, aber auch in anderen Bereichen, wo es angewandt wird - von der Familie bis zur Kirche. Denn auch hier wollen wir doch nur zu gern den Ton angeben. Im Rampenlicht stehen. An den Schalthebeln der Macht sitzen (durchaus mit dem Ziel, etwas Positives zu erreichen). Doch auch hier gilt das, was Jesus sagt: Wenn du vorne stehen willst, dann schau, wie du anderen dienen kannst.

Allerdings: Es reicht nicht, nur im Kopf zu wissen, dass solch ein Verhalten, solch ein Führungsstil zu guten Ergebnissen führt. Dieser Gedanke muss ins Herz hinein. Das aber schaffen wir nicht allein. Dazu brauchen wir die Hilfe des Heiligen Geistes, der unser Denken verwandelt. Dazu lesen wir die Bibel, um Gottes Gedanken besser zu verstehen. Und dazu schauen wir auf Jesus, denn er ist das Beispiel für einen dienenden Führungsstil: Obwohl er doch Gott gleich war, hielt er daran nicht gierig fest, sondern wurde ein Mensch in dieser Welt und erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (nach Philipper 2).

Hans-Joachim Vieweger
Prädikant in München

Gebet: Jesus, bei dir muss ich nicht bleiben, wie ich bin. Nimm fort, was mich und andere zerstört. Einen Menschen willst du aus mir machen, wie er dir gefällt, der ein Brief von deiner Hand ist, voller Liebe für die Welt. (Manfred Siebald)

Lied 390: Erneure mich, o ewigs Licht.

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