Sprache ist das größte Hindernis
Russlanddeutsche tun
sich mit dem Leben in Deutschland schwer
Die Zahlen sprechen eine deutliche
Sprache: Seit knapp 13 Jahren dürfen offiziell deutschstämmige Menschen
aus der ehemaligen Sowjetunion ausreisen. 2, 6 Millionen haben davon Gebrauch
gemacht. 386.500 von ihnen leben in Bayern. Das Diakonische Werk und örtliche
Kirchengemeinden sehen es als ihre Aufgabe an, diesen Menschen ihre Hilfe
anzubieten.
Kein leichter Stand
"In Russland waren sie die Faschisten,
hier sind sie die Russen", bringt Pfarrer Manuel Kleiner aus Dillingen
die Stimmung in seiner Gemeinde auf den Punkt. In der schwäbischen Kleinstadt
mit ihren 18.000 Einwohnern leben heute 1.300 Russlanddeutsche, überwiegend
aus Kasachstan. Die Stadt bot sich an, weil leerstehende Kasernen auf
eine neue Verwendung warteten. Die Menschen sind unübersehbar im Stadtbild,
erzählt der Pfarrer. Sie kleiden sich anders, unterhalten sich in kleinen
Gruppen auf der Straße und die Frauen tragen Kopftücher. "Das alles machen
unsere Leute nicht." Die Situation ist einfach zu bedrückend, nirgendwo
dazu zu gehören. Hier wie dort nicht zu Hause zu sein. Was sie eint, sind
gebrochene Deutschkenntnisse, Geschichtsbewusstsein "und ein tief verwurzelter
Glaube." Sie gehen gerne in den Gottesdienst, beobachtet der Pfarrer und
singen in ihren Kreisen ihre eigenen schwermütigen Lieder. Letztlich vergleichen
sich viele mit dem Volk Israel, das auch eine lange Wanderschaft auf sich
nehmen musste, ehe es im gelobten Land ankam.
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Fotos:
krü
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Deutschland als gelobtes Land?
Ella Gillert, Aussiedlerberaterin des Diakonischen Werkes in Dillingen,
ist skeptisch. Das Leben in Deutschland unterscheidet sich erheblich von
dem in Kasachstan, meint sie. Die 44-jährige Deutschlehrerin und Katechetin
weiß, wovon sie spricht. Auch sie stammt aus den ehemaligen GUS-Staat
und siedelte mit ihrer Familie 1983 aus. Jetzt betreut sie 400 Haushalte
und kann sich gut in die Menschen hinein versetzen, die vor ihr stehen
und einen Rat benötigen. "Ich bin erste Anlaufstelle, wenn meine Landsleute
ein Problem haben", erklärt sie. Geduldig erläutert sie in einem Mix von
russisch und deutsch einem Mann die Rechnung der Telekom oder hilft einem
Rentner, den Anmeldeschein für die politische Gemeinde auszufüllen. Wenn
erforderlich, formuliert die 44-Jährige auch ein Schreiben für eine junge
Frau und klärt einen Mann auf, warum er keine Fernsehgebühren entrichten
muss.
Alle Merkmale aufweisen
Wer als Spätaussiedler anerkannt
sein will, muss alle Merkmale mitbringen, sagt sie. Dazu zählen Sprachkenntnisse,
Abstammung und Bekenntnis zum Deutschtum. Je jünger die Menschen, desto
schwieriger werde es beispielsweise mit der Sprache. Oder eine Aussiedlerin
ist mit einem Russen verheiratet. Der darf mit einreisen, sagt sie, gilt
aber hier als Ausländer und hat keinen Anspruch auf einen Sprachkurs.
"Der sitzt dann im Wohnheim und kann nichts tun." Fast in jedem Familienverband
kommt ein Ausländer mit, erzählt die Aussiedlerberaterin. Die Probleme
werden damit nicht weniger. An erster Stelle stehen wirtschaftliche Fragen,
meint Lisa Scholz, Referentin für Aussiedler beim Diakonischen Werk Bayern:
"Wo werde ich wohnen, wo werde ich arbeiten?" Dann beginnen die interkulturellen
Probleme: "Ich bin zwar deutsch, aber nicht so wie ihr." Vom geplanten
Zuwanderungsgesetz erwartet sie speziell für Aussiedler keine großen Verbesserungen.
Im Gegenteil. "Dann müssen alle Familienmitglieder einen Sprachtest bestehen",
sagt sie. Besonders Kinder und Senioren haben da ihre liebe Not, weiß
sie. Härtefallregelungen sieht das Gesetz auch nicht vor. "Was soll eine
58-jährige Russin auch groß deutsch sprechen", sagt sie, "sie bekommt
in dem Alter keine Arbeit mehr."
Reinhard Krüger
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Die Geschichte der ausgewanderten
Deutschen
Deutsche und Deutschstämmige
gab es im Russischen Reich bereits seit dem Mittelalter. Lebten
dort zunächst Handelsleute der Hanse, so gingen im 16. Jahrhundert
vermehrt Handwerker, Bauleute und Architekten, Ärzte und Verwaltungsfachleute
ihren Broterwerb nach. Mitte des 18. Jahrhunderts wanderten Deutsche
auf Einladung der Zarin Katharina II. nach Russland aus, wo ihnen
Grundbesitz und Privilegien geboten wurden. Sie gründeten deutschstämmige
Kolonien im Westen Russlands. Bis 1862 wanderten rund 100.000 Deutsche
aus, um sich als Bauern und Handwerker eine neue Existenz aufzubauen.
1914 wurden bereits 2,4 Millionen Deutschstämmige im Russischen
Reich gezählt.Die Wende kam 1917 nach der Oktoberrevolution. Zehntausende
von Bauern wurden aus ihren Siedlungen geholt, als "unzuverlässige
Elemente" eingestuft und zur Zwangsarbeit in den Norden Sibiriens
geschickt. Der zweite Weltkrieg tat ein übriges, um aus ehemaligen
geschätzten Bürgern verhasste "Faschisten" zu machen. Immer wieder
wurden sie umgesiedelt. Bei der Volkszählung 1989 in der UdSSR hatten
sich über 2 Millionen Menschen den Deutschstämmigen zugerechnet,
von denen die meisten in Kasachstan lebten. Sie fühlten sich nicht
mehr wohl in einem Land, deren einheimische Bevölkerung sie ablehnten
und eine autonome Wolgarepublik scheiterte. Die Folge war ein sprunghafter
Anstieg von Ausreiseanträgen.
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Zum Stein des Anstoßes werden
Habt
ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22.23): "Der Stein,
den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn
ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen"?
Markus
12, 10 und 11
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Foto:
privat
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Wenn Sie die Würzburger
St. Johanniskirche besuchen, können Sie etwas Eigenartiges entdecken.
In den Backsteinbau des Kirchenschiffes sind schichtweise Lagen aus Sandstein
eingefügt. Was zunächst wie ein Muster aussieht, ist eine Mahnung an alle
Besucherinnen und Besucher. Die Sandsteine stammen aus der ersten Johanniskirche,
die am 16. März 1945 zusammen mit weiten Teilen Würzburgs völlig zerstört
wurde. Herausgehoben im Backsteinbau erzählen diese Steine ihre Geschichte.
Sie erzählen von Gottesdiensten und Feiern. Sie erzählen von manchen Gebeten
für den Krieg, der von Deutschland ausging und von der Angst, als dieser
Krieg ins eigene Land zurück kam. Sie erzählen von jener schrecklichen
Nacht, als nur noch Trümmer übrig blieben.
Es sind nur Steine
- kaputt, zerstört, scheinbar nicht mehr zu gebrauchen. Und doch wurden
sie zu wichtigen Teilen der wiederaufgebauten Johanniskirche. Nicht nur
im Bauwerk haben sie ihren tragenden Platz gefunden. Diese Steine mahnen:
"Nie wieder Krieg, nie wieder Zerstörung, nie wieder Hass." Sie sind Ecksteine
einer Kirche geworden, die für Frieden und Versöhnung eintritt. Diese
Steine zeugen von bald fünf Jahrzehnten Frieden in diesem Land. Für nicht
wenige Menschen ist dies ein Wunder vor unseren Augen.
Die Steine mahnen
uns. Sie geben Anstoß zum Hinsehen und Nachdenken. Sie lassen uns nicht
teilnahmslos zusehen, wenn heute Kriege Menschen bedrohen. "Habt ihr denn
nicht gelesen?" Auch der biblische Text mahnt uns. Er ist Abschluss der
Geschichte von den bösen Weingärtnern. Ein Weinbergbesitzer vertraut seinen
Weinberg Pächtern an und lässt sie frei gestalten. Sie aber wollen den
Weinberg lieber selbst besitzen. Die abzugebenden Früchte verweigern sie,
die Boten des Weinbergbesitzers werden geschlagen und vertrieben. Am Ende
schickt der Weinbergbesitzer seinen Sohn. Doch die Pächter bringen ihn
um.
Jesus erzählt diese
Geschichte und ich höre daraus die Mahnung an uns. "Wie geht ihr mit dieser
Welt um? Wie geht ihr mit den Menschen um, die euch anvertraut sind? Wie
geht ihr mit dem Frieden um, den ihr geschenkt bekommen habt?" So müssen
wir uns fragen und mahnen lassen, und Antwort geben mit dem, was wir reden
und tun. Sind wir wie die Pächter des Weinbergs, die sich alles zu eigen
machen wollen ohne Rücksicht auf Verluste? Erheben wir uns über andere
und wollen selbst Gott sein? Wie gehen wir mit den Boten und der Botschaft
Jesu um? Stehen wir für den Frieden ein? Wird die Botschaft der Liebe
und Barmherzigkeit Gottes für uns zum Stein des Anstoßes oder zum Fels,
auf den wir trauen?
Wie wir uns auch
entscheiden, Gott setzt zur Mahnung die Verheißung: "Der Stein, den die
Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden!" Gott schenkt
einen Neuanfang. All die Steine, die scheinbar nicht in die Architektur
der Welt passen, sie können Ecksteine werden: Jesu Friedensgedanken, seine
Hoffnung auf ein gerechtes Zusammenleben der Menschen. Wie oft wird das
als weltfremd und illusionär zur Seite geschoben. Doch aus dem, was Menschen
verworfen haben, lässt Gott Neues wachsen. Auch der Tod hat nicht das
letzte Wort. Gott setzt das Leben dagegen. Das ist der tragende Stein
für ein Wunder vor unseren Augen.
Pfarrerin Kerstin
Willmer, Veitshöchheim
Wir beten:
Barmherziger Gott, ich danke Dir für den Frieden, den wir seit vielen
Jahren in unserem Land haben. Viele Menschen auf dieser Welt müssen unter
Kriegen leiden. Gib den politisch Verantwortlichen die Einsicht, dass
Krieg kein Mittel der Politik sein darf. Lass mich erkennen, wie ich einen
Teil zum Frieden beitragen kann. Amen.
Lied 659:
"Freunde, dass der Mandelzweig..."
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