Wo es Schatten gibt, ist auch Sonne
Die Geschichte einer
Familie, die beim Leid nicht stehen blieb
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Foto:
Wodicka
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Eine ganz normale Familie wollten
sie sein. Heiraten, ein Haus bauen, zwei Kinder bekommen. Nicht mehr,
aber auch nicht weniger. Einige Jahre sah es auch so aus, als würde alles
so kommen, wie es sich Andrea und Martin Sesser (Name von der Redaktion
geändert) gewünscht hatten: Sie heirateten, bauten ein Haus und bekamen
eine Tochter - Lena. So weit, so gut.
Ein gutes Jahr später kam die zweite
Tochter. "Nach der Geburt war ich glücklich", sagte Andrea. "Zwei Kinder,
keine Geburt mehr. Geschafft!", dachte sie sich. Schwangerschaft und Geburt
waren beide Male nicht einfach. Doch nur ein paar Stunden später schien
alles Glück dahin: "Ihre Tochter hat das Down-Syndrom", hieß es. "Wir
standen wie unter Schock", erinnert sich Martin. Und Andrea sagt: "Mein
erstes Gebet war: Gott, lass mich das Kind lieben."
Plötzlich waren Sessers nicht mehr
die "normale Familie" von nebenan, sondern nur noch "die mit dem behinderten
Kind". Den Eltern fiel es anfangs schwer, ihre Tochter zu akzeptieren.
"Das war nicht das Kind, das wir wollten. Wir wollten ein gesundes", schildert
Martin seine damaligen Gedanken. Doch das änderte sich nach einigen Wochen.
"Ich sah immer mehr das Positive an unserer Marie. Sie ist so offen und
es ist einfach, zu ihr eine Beziehung aufzubauen", sagt die junge Mutter.
"Gott hat mir große Liebe zu meiner Tochter geschenkt."
Schicksal akzeptiert
Relativ schnell arrangierten sich
Sessers mit ihrem Schicksal. "Ich möchte, dass mein Leben schön ist. Und
wenn ich nur unzufrieden bin und mit dem Lauf der Dinge hadere, ist es
das nicht", beschreibt Andrea. "Als wir mehr mit Eltern zu tun hatten,
die behinderte Kinder haben, wurde uns klar, dass wir es mit Marie recht
einfach haben", ergänzt Martin.
Im Laufe der Zeit sei dann doch
noch der Wunsch nach einem weiteren Kind entstanden. "Ich hatte das Gefühl,
uns wurde ein zweites gesundes Kind vorenthalten, auf das wir ein Recht
hätten", schildert Martin. So reifte der Entschluss, und Andrea wurde
zum dritten Mal schwanger. Alles lief gut. Sämtliche Voruntersuchungen
ließen darauf schließen, dass Andrea ein gesundes Kind zur Welt bringen
würde. "Wir waren überglücklich. Was uns beim ersten Kind so selbstverständlich
schien, war beim dritten wie ein Wunder", erzählt die energiegeladene
30-Jährige. Dann die Geburt. Ein Mädchen: Helen. "Gesund", hieß es. Übergroße
Freude und Dankbarkeit bei den Eltern.
Doch dabei blieb es nicht. Wenige
Tage nach der Geburt wurde bei einer Routineuntersuchung ein riesiger
Tumor in Helens Kopf entdeckt, der eine geringe Lebenserwartung bedeutete.
"Wir konnten es kaum fassen", blickt Andrea zurück. "Es war ein Alptraum.
Wir haben wochenlang geweint", sagt Martin und so ein bisschen ist ihm
noch heute anzumerken, wie ihn das damals alles mitgenommen hat. "Wir
waren regelrecht sauer auf Gott. Wir wollten doch so sehr ein gesundes
Kind. Egal ob Mädchen oder Junge. Kein Genie, kein Model. Nur gesund.
War das zu viel verlangt?" Die Eltern erfuhren, dass die Wahrscheinlichkeit,
ein Kind mit dieser schweren Erkrankung zu bekommen, gegen null geht.
"Und ehrlich gesagt: So ganz verstehe ich es bis heute nicht, dass es
ausgerechnet uns treffen musste", sagt Martin.
Das Ehepaar war mit ihrer dritten
Tochter sehr gefordert. Es war ein ständiges auf und ab. "Einmal hieß
es, sie lebt höchstens noch zwei Wochen. Dann wieder sprach ein Arzt von
einer aussichtsreichen Operation." Ständig befanden sich Andrea und Martin
zwischen Hoffen und Bangen. "Von der vermeintlichen Normalität waren wir
weit entfernt", meint Andrea. "Aber das zählte auch nicht mehr. Wir lebten
nur noch von Tag zu Tag." Erstes Ziel war es, Helen überhaupt einmal mit
nach Hause nehmen zu können. "Wir waren dankbar, als das klappte. Dann
hofften wir, sie würde ihre Taufe noch erleben, dann Weihnachten und so
weiter." Helens Gesundheitszustand änderte sich manchmal schlagartig.
Dann musste es schnell gehen und sie in die Kinderklinik gebracht werden.
Insgesamt lebte Helen ein gutes Jahr. Sie starb in einer Phase, wo gerade
wieder Hoffnung aufkeimte, dass eine Operation gute Fortschritte bringen
könnte.
Inzwischen haben Sessers die Ereignisse
zumindest so weit verarbeitet, dass sie gut darüber reden können. Gerade
mal ein viertel Jahr ist die Beerdigung her. "Darüber reden tut mir total
gut", sagt Andrea. Das sei von Anfang an - schon bei Marie - so gewesen.
"Wenn jemand einfach zuhört, das hilft." Schlimm dagegen habe sie kluge
Ratschläge und Floskeln empfunden. "Aber es ist nicht leicht, überhaupt
auf jemanden zuzugehen, dem es nicht gut geht." Geholfen habe es den beiden
auch, dass andere Menschen für sie beteten.
Sessers setzten sich viel mit dem
Glauben auseinander. "Mir war es ein Trost zu wissen: Wenn sie stirbt,
kommt sie zu Gott und sie hat es gut", sagt Andrea und fügt hinzu: "Hergeben
wollte ich sie aber trotzdem nicht." Martin erzählt, früher habe er immer
wieder seine Zweifel an der Existenz Gottes gehabt. Seit der Zeit mit
Helen "ist der Glaube für mich alltäglich geworden. Ich habe keinen Zweifel
mehr daran, dass es Gott gibt". Ihm sei klar geworden, dass kein Mensch
Forderungen an Gott stellen kann - "nur ihn bitten im Gebet".
Das Schöne nicht übersehen
Das Paar schaffte es, trotz aller
Herausforderungen noch das Schöne am Leben zu sehen. "Ich habe es genossen,
in der Klinik uneingeschränkt Zeit mit Helen verbringen zu können, sie
auf dem Arm zu haben und zu spüren", sagt Andrea. "Und ich weiß noch,
als ich an einem herrlichen Frühlingstag aus der Klinik kam, schien mir
der Himmel blauer und die sprießenden Blätter grüner. Ich fühlte Lebensfreude
pur." Solche Momente gaben ihr neue Kraft. "Das mag jetzt vielleicht nicht
so glaubhaft klingen. Aber es ist so: Wo Schatten ist, gibt es auch Sonne."
"Schatten" - Traurigkeit, Stress, Mutlosigkeit, Verzweiflung - all das
haben die beiden oft gespürt. Doch wenn sie erzählen, dann wird dem Zuhörer
die "Sonne" deutlich.
"Durch Helen wurde das Leben plötzlich
so wertvoll. Sie hat gern gelebt. Ihr erstes Lachen war ein großes Geschenk
für uns", sagt Martin. "Durch die Zeit mit ihr habe ich mehr Lebensfreude
gewonnen, bin selbstbewusster geworden, und meine Prioritäten haben sich
verschoben", meint Andrea und überlegt: "Ja, doch, das ist schon so. Ich
mache mir nicht mehr so viel Druck. Es ist mir egal, was andere über meinen
Garten denken oder so. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ist verschenkte
Zeit."
Tiefe Spur hinterlassen
Keinesfalls möchten Sessers die
Zeit mit ihrer verstorbenen Tochter missen. "Es ist schon so: Auch ein
ganz kleines Leben kann eine tiefe Spur hinterlassen", lächelt Martin.
Ihre Ehe und ihr Familienleben hat von den vergangenen Jahren profitiert.
"Martin und ich haben uns nochmal ganz anders kennengelernt." Die beiden
wechseln einen Blick, in dem viel Vertrautheit und Liebe liegt.
Als Helens Krankheit festgestellt
wurde, hatte Andrea große Zweifel, ob sie jemals wieder glücklich werden
können. Heute weiß sie: "Es geht. Man muss einfach die Kurve kriegen.
Die Chance dazu gibt es."
Karin Ilgenfritz
...und führe mich nicht in Versuchung
Darauf
führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm
alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles
will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach
Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13):
"Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen." Da
verließ ihn der Teufel. Und siehe, Engel traten zu ihm und dienten ihm.
Matthäus
4,(1) 8-11
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Foto:
privat
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"Führe mich nicht
in Versuchung", wie oft begegnet einem diese Aufforderung - ganz ernst
gemeint im Vaterunser und weitaus weniger ernst in der alltäglichen Wahrnehmung.
Vermutlich trifft die zweite Version häufiger zu. Diese These wird ganz
eindeutig durch "die zarteste Versuchung" bewiesen, die nach den tieferen
Erkenntnissen der Werbestrategen angeblich lila ist. Diese Versuchung
will erfolgreich sein und vermittelt den Eindruck, dass es absolut richtig
wäre, ihr zu erliegen. Und wenn diese Versuchung siegt, dann entsteht
höchstens ein Schaden an der Figur.
Ganz anders begegnet
uns die Versuchungsgeschichte Jesu. Nach vierzig Tagen und Nächten der
Entbehrung, zu einem Zeitpunkt, an dem Körper und Seele nach Nahrung schreien,
tritt der Versucher, der Satan auf. "Mach doch einfach Brot aus diesen
Steinen, ein Wort von dir kann genügen! Es wäre so einfach, du hättest
deinen Hunger gestillt, und ich würde dir glauben, dass du Gottes Sohn
bist. Schau, ein einfacher Weg, schnell, effektiv und, da den Regeln des
Managements folgend, ungeheuer modern." Jesus geht diesen einfachen Weg
nicht, er weiß, er würde bei einem solchen Weg der vermeintlichen Stärke
sich selbst verlieren.
"Wirf dich von den
Zinnen des Tempels, denn Gottes Engel werden dich auffangen!" Auch das
ist eine perfide Versuchung: Alle Vernunft fahren lassen, das gottgeschenkte
Leben fahrlässig aufs Spiel setzen und am Ende Gott für das Ende verantwortlich
machen, sei es im Gehalten-Werden oder im zu-Tode-Stürzen. Wäre Jesus
dieser Versuchung erlegen, es hätte nichts mit Gottvertrauen zu tun gehabt,
es wäre nichts als ein weiterer Versuch gewesen, den Herrn des Himmels
und der Erde zum willfährigen Werkzeug zu degradieren.
Und schließlich die
Versuchung der Macht: "Ich will dir alle Reiche der Welt geben, wenn du
niederfällst und mich anbetest!" Nicht die Aussicht auf Reichtum und ein
Leben in absolutem Wohlstand stellen hier einen Menschen auf die Probe,
sondern die Verlockung, frei zu sein von inhaltlichen Auseinandersetzungen
und Kompromissen: "Mein Wort ist Gesetz!" - die kürzeste Umschreibung
für das Wort Größenwahn. Mit Blick auf die aktuelle Weltsituation, auf
die bestehenden und kommenden Konfliktfelder, würde ich nur zu gerne einer
ganzen Reihe von Verantwortungsträgern eine abgewandelte Fassung der Lebensmaxime
Martin Niemöllers ins Stammbuch schreiben: Nicht nur "Was würde Jesus
dazu sagen?" sondern "Wie würde sich Jesus an deiner Stelle entscheiden?"
Während ich diese
Zeilen verfasse, kann ich nicht abschätzen, wie sich unsere Welt darstellt
in dem Moment, da sie gelesen werden. Ich hoffe, dass die Mächtigen der
Versuchung der absoluten Macht widerstehen können und nach dem Vorbild
Jesu unterscheiden zwischen dem, was wirklich unausweichlich nötig ist
und dem, was dem Ego dient und damit nicht sein kann und darf.
Jesus hat in der
Begegnung mit dem Versucher alle Reiche der Welt gesehen und hat sie sein
lassen. Er ist der Versuchung nicht erlegen. Er hat sie weder gewaltsam
in Besitz genommen, noch hat er die Machthaber vertrieben. Die Frucht
seiner Haltung war nicht der kurzfristige Ruhm, sondern eine nachhaltige
Veränderung von Menschen. Er hat viele Reiche dieser Welt durchdrungen,
nicht mit Macht und Gewalt, aber mit seinem Geist der Kraft, der Liebe
und der Besonnenheit.
Dekan Wolfgang Scheidel,
Weiden in der Oberpfalz
Wir beten:
Du Gott der Liebe und des Friedens, im Licht deiner Wahrheit erkennen
wir, was den Menschen dient. Schenke du uns die Kraft, den Versuchungen
zu widerstehen, dass wir nicht nur uns selbst und unsere Interessen sehen.
Gib uns deinen Geist, der uns leitet auf dem Weg, der den Menschen und
deiner ganzenguten Schöpfung dient. Amen.
Lied 422:
Du Friedefürst, Herr Jesu Christ.
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