Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 10)

Wo es Schatten gibt, ist auch Sonne

Die Geschichte einer Familie, die beim Leid nicht stehen blieb

 
Foto: Wodicka
   

Eine ganz normale Familie wollten sie sein. Heiraten, ein Haus bauen, zwei Kinder bekommen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Einige Jahre sah es auch so aus, als würde alles so kommen, wie es sich Andrea und Martin Sesser (Name von der Redaktion geändert) gewünscht hatten: Sie heirateten, bauten ein Haus und bekamen eine Tochter - Lena. So weit, so gut.

Ein gutes Jahr später kam die zweite Tochter. "Nach der Geburt war ich glücklich", sagte Andrea. "Zwei Kinder, keine Geburt mehr. Geschafft!", dachte sie sich. Schwangerschaft und Geburt waren beide Male nicht einfach. Doch nur ein paar Stunden später schien alles Glück dahin: "Ihre Tochter hat das Down-Syndrom", hieß es. "Wir standen wie unter Schock", erinnert sich Martin. Und Andrea sagt: "Mein erstes Gebet war: Gott, lass mich das Kind lieben."

Plötzlich waren Sessers nicht mehr die "normale Familie" von nebenan, sondern nur noch "die mit dem behinderten Kind". Den Eltern fiel es anfangs schwer, ihre Tochter zu akzeptieren. "Das war nicht das Kind, das wir wollten. Wir wollten ein gesundes", schildert Martin seine damaligen Gedanken. Doch das änderte sich nach einigen Wochen. "Ich sah immer mehr das Positive an unserer Marie. Sie ist so offen und es ist einfach, zu ihr eine Beziehung aufzubauen", sagt die junge Mutter. "Gott hat mir große Liebe zu meiner Tochter geschenkt."

Schicksal akzeptiert

Relativ schnell arrangierten sich Sessers mit ihrem Schicksal. "Ich möchte, dass mein Leben schön ist. Und wenn ich nur unzufrieden bin und mit dem Lauf der Dinge hadere, ist es das nicht", beschreibt Andrea. "Als wir mehr mit Eltern zu tun hatten, die behinderte Kinder haben, wurde uns klar, dass wir es mit Marie recht einfach haben", ergänzt Martin.

Im Laufe der Zeit sei dann doch noch der Wunsch nach einem weiteren Kind entstanden. "Ich hatte das Gefühl, uns wurde ein zweites gesundes Kind vorenthalten, auf das wir ein Recht hätten", schildert Martin. So reifte der Entschluss, und Andrea wurde zum dritten Mal schwanger. Alles lief gut. Sämtliche Voruntersuchungen ließen darauf schließen, dass Andrea ein gesundes Kind zur Welt bringen würde. "Wir waren überglücklich. Was uns beim ersten Kind so selbstverständlich schien, war beim dritten wie ein Wunder", erzählt die energiegeladene 30-Jährige. Dann die Geburt. Ein Mädchen: Helen. "Gesund", hieß es. Übergroße Freude und Dankbarkeit bei den Eltern.

Doch dabei blieb es nicht. Wenige Tage nach der Geburt wurde bei einer Routineuntersuchung ein riesiger Tumor in Helens Kopf entdeckt, der eine geringe Lebenserwartung bedeutete. "Wir konnten es kaum fassen", blickt Andrea zurück. "Es war ein Alptraum. Wir haben wochenlang geweint", sagt Martin und so ein bisschen ist ihm noch heute anzumerken, wie ihn das damals alles mitgenommen hat. "Wir waren regelrecht sauer auf Gott. Wir wollten doch so sehr ein gesundes Kind. Egal ob Mädchen oder Junge. Kein Genie, kein Model. Nur gesund. War das zu viel verlangt?" Die Eltern erfuhren, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit dieser schweren Erkrankung zu bekommen, gegen null geht. "Und ehrlich gesagt: So ganz verstehe ich es bis heute nicht, dass es ausgerechnet uns treffen musste", sagt Martin.

Das Ehepaar war mit ihrer dritten Tochter sehr gefordert. Es war ein ständiges auf und ab. "Einmal hieß es, sie lebt höchstens noch zwei Wochen. Dann wieder sprach ein Arzt von einer aussichtsreichen Operation." Ständig befanden sich Andrea und Martin zwischen Hoffen und Bangen. "Von der vermeintlichen Normalität waren wir weit entfernt", meint Andrea. "Aber das zählte auch nicht mehr. Wir lebten nur noch von Tag zu Tag." Erstes Ziel war es, Helen überhaupt einmal mit nach Hause nehmen zu können. "Wir waren dankbar, als das klappte. Dann hofften wir, sie würde ihre Taufe noch erleben, dann Weihnachten und so weiter." Helens Gesundheitszustand änderte sich manchmal schlagartig. Dann musste es schnell gehen und sie in die Kinderklinik gebracht werden. Insgesamt lebte Helen ein gutes Jahr. Sie starb in einer Phase, wo gerade wieder Hoffnung aufkeimte, dass eine Operation gute Fortschritte bringen könnte.

Inzwischen haben Sessers die Ereignisse zumindest so weit verarbeitet, dass sie gut darüber reden können. Gerade mal ein viertel Jahr ist die Beerdigung her. "Darüber reden tut mir total gut", sagt Andrea. Das sei von Anfang an - schon bei Marie - so gewesen. "Wenn jemand einfach zuhört, das hilft." Schlimm dagegen habe sie kluge Ratschläge und Floskeln empfunden. "Aber es ist nicht leicht, überhaupt auf jemanden zuzugehen, dem es nicht gut geht." Geholfen habe es den beiden auch, dass andere Menschen für sie beteten.

Sessers setzten sich viel mit dem Glauben auseinander. "Mir war es ein Trost zu wissen: Wenn sie stirbt, kommt sie zu Gott und sie hat es gut", sagt Andrea und fügt hinzu: "Hergeben wollte ich sie aber trotzdem nicht." Martin erzählt, früher habe er immer wieder seine Zweifel an der Existenz Gottes gehabt. Seit der Zeit mit Helen "ist der Glaube für mich alltäglich geworden. Ich habe keinen Zweifel mehr daran, dass es Gott gibt". Ihm sei klar geworden, dass kein Mensch Forderungen an Gott stellen kann - "nur ihn bitten im Gebet".

Das Schöne nicht übersehen

Das Paar schaffte es, trotz aller Herausforderungen noch das Schöne am Leben zu sehen. "Ich habe es genossen, in der Klinik uneingeschränkt Zeit mit Helen verbringen zu können, sie auf dem Arm zu haben und zu spüren", sagt Andrea. "Und ich weiß noch, als ich an einem herrlichen Frühlingstag aus der Klinik kam, schien mir der Himmel blauer und die sprießenden Blätter grüner. Ich fühlte Lebensfreude pur." Solche Momente gaben ihr neue Kraft. "Das mag jetzt vielleicht nicht so glaubhaft klingen. Aber es ist so: Wo Schatten ist, gibt es auch Sonne." "Schatten" - Traurigkeit, Stress, Mutlosigkeit, Verzweiflung - all das haben die beiden oft gespürt. Doch wenn sie erzählen, dann wird dem Zuhörer die "Sonne" deutlich.

"Durch Helen wurde das Leben plötzlich so wertvoll. Sie hat gern gelebt. Ihr erstes Lachen war ein großes Geschenk für uns", sagt Martin. "Durch die Zeit mit ihr habe ich mehr Lebensfreude gewonnen, bin selbstbewusster geworden, und meine Prioritäten haben sich verschoben", meint Andrea und überlegt: "Ja, doch, das ist schon so. Ich mache mir nicht mehr so viel Druck. Es ist mir egal, was andere über meinen Garten denken oder so. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ist verschenkte Zeit."

Tiefe Spur hinterlassen

Keinesfalls möchten Sessers die Zeit mit ihrer verstorbenen Tochter missen. "Es ist schon so: Auch ein ganz kleines Leben kann eine tiefe Spur hinterlassen", lächelt Martin. Ihre Ehe und ihr Familienleben hat von den vergangenen Jahren profitiert. "Martin und ich haben uns nochmal ganz anders kennengelernt." Die beiden wechseln einen Blick, in dem viel Vertrautheit und Liebe liegt.

Als Helens Krankheit festgestellt wurde, hatte Andrea große Zweifel, ob sie jemals wieder glücklich werden können. Heute weiß sie: "Es geht. Man muss einfach die Kurve kriegen. Die Chance dazu gibt es."

Karin Ilgenfritz

 


 

...und führe mich nicht in Versuchung

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): "Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen." Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, Engel traten zu ihm und dienten ihm.

Matthäus 4,(1) 8-11



 
Foto: privat
 

"Führe mich nicht in Versuchung", wie oft begegnet einem diese Aufforderung - ganz ernst gemeint im Vaterunser und weitaus weniger ernst in der alltäglichen Wahrnehmung. Vermutlich trifft die zweite Version häufiger zu. Diese These wird ganz eindeutig durch "die zarteste Versuchung" bewiesen, die nach den tieferen Erkenntnissen der Werbestrategen angeblich lila ist. Diese Versuchung will erfolgreich sein und vermittelt den Eindruck, dass es absolut richtig wäre, ihr zu erliegen. Und wenn diese Versuchung siegt, dann entsteht höchstens ein Schaden an der Figur.

Ganz anders begegnet uns die Versuchungsgeschichte Jesu. Nach vierzig Tagen und Nächten der Entbehrung, zu einem Zeitpunkt, an dem Körper und Seele nach Nahrung schreien, tritt der Versucher, der Satan auf. "Mach doch einfach Brot aus diesen Steinen, ein Wort von dir kann genügen! Es wäre so einfach, du hättest deinen Hunger gestillt, und ich würde dir glauben, dass du Gottes Sohn bist. Schau, ein einfacher Weg, schnell, effektiv und, da den Regeln des Managements folgend, ungeheuer modern." Jesus geht diesen einfachen Weg nicht, er weiß, er würde bei einem solchen Weg der vermeintlichen Stärke sich selbst verlieren.

"Wirf dich von den Zinnen des Tempels, denn Gottes Engel werden dich auffangen!" Auch das ist eine perfide Versuchung: Alle Vernunft fahren lassen, das gottgeschenkte Leben fahrlässig aufs Spiel setzen und am Ende Gott für das Ende verantwortlich machen, sei es im Gehalten-Werden oder im zu-Tode-Stürzen. Wäre Jesus dieser Versuchung erlegen, es hätte nichts mit Gottvertrauen zu tun gehabt, es wäre nichts als ein weiterer Versuch gewesen, den Herrn des Himmels und der Erde zum willfährigen Werkzeug zu degradieren.

Und schließlich die Versuchung der Macht: "Ich will dir alle Reiche der Welt geben, wenn du niederfällst und mich anbetest!" Nicht die Aussicht auf Reichtum und ein Leben in absolutem Wohlstand stellen hier einen Menschen auf die Probe, sondern die Verlockung, frei zu sein von inhaltlichen Auseinandersetzungen und Kompromissen: "Mein Wort ist Gesetz!" - die kürzeste Umschreibung für das Wort Größenwahn. Mit Blick auf die aktuelle Weltsituation, auf die bestehenden und kommenden Konfliktfelder, würde ich nur zu gerne einer ganzen Reihe von Verantwortungsträgern eine abgewandelte Fassung der Lebensmaxime Martin Niemöllers ins Stammbuch schreiben: Nicht nur "Was würde Jesus dazu sagen?" sondern "Wie würde sich Jesus an deiner Stelle entscheiden?"

Während ich diese Zeilen verfasse, kann ich nicht abschätzen, wie sich unsere Welt darstellt in dem Moment, da sie gelesen werden. Ich hoffe, dass die Mächtigen der Versuchung der absoluten Macht widerstehen können und nach dem Vorbild Jesu unterscheiden zwischen dem, was wirklich unausweichlich nötig ist und dem, was dem Ego dient und damit nicht sein kann und darf.

Jesus hat in der Begegnung mit dem Versucher alle Reiche der Welt gesehen und hat sie sein lassen. Er ist der Versuchung nicht erlegen. Er hat sie weder gewaltsam in Besitz genommen, noch hat er die Machthaber vertrieben. Die Frucht seiner Haltung war nicht der kurzfristige Ruhm, sondern eine nachhaltige Veränderung von Menschen. Er hat viele Reiche dieser Welt durchdrungen, nicht mit Macht und Gewalt, aber mit seinem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Dekan Wolfgang Scheidel,
Weiden in der Oberpfalz

Wir beten: Du Gott der Liebe und des Friedens, im Licht deiner Wahrheit erkennen wir, was den Menschen dient. Schenke du uns die Kraft, den Versuchungen zu widerstehen, dass wir nicht nur uns selbst und unsere Interessen sehen. Gib uns deinen Geist, der uns leitet auf dem Weg, der den Menschen und deiner ganzenguten Schöpfung dient. Amen.

Lied 422: Du Friedefürst, Herr Jesu Christ.

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