"Hauptsache akzeptiert"
Klaus-Peter Bartsch
verkauft "Straßenkreuzer"
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Foto:
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"Ey, Servus Klaus-Peter", ruft
ein junger Mann, der eben die Rolltreppe vom Bahnhof herunter kommt. Er
läuft zu Klaus-Peter Bartsch, drückt ihm die Hand und erklärt, dass er
gleich weiter muss. "Gottes Segen", ruft er im Weggehen. Bartsch lächelt,
will etwas sagen, aber da kommt schon wieder jemand. Ein älterer Herr
will einen "Straßenkreuzer" kaufen. Bartsch reicht ihm ein Exemplar, nimmt
das Geld entgegen und scherzt mit ihm.
"Ich witzle gern mit den Leuten
und will keinesfalls die Mitleidstour", sagt Klaus-Peter Bartsch. Er ist
einer von 50 Verkäufern des "Straßenkreuzers" in Nürnberg, eine von über
40 sozialen Straßenzeitungen in Deutschland (siehe auch Seite 5). Seit
gut fünf Jahren verkauft Bartsch die professionell gemachte Zeitschrift
- meist an seinem Stammplatz: vor einer Säule im Untergeschoss zum Bahnhof
in der Nähe der Bahnhofsmission. "Wir dürfen nur auf städtischem Grund
verkaufen, im Bahnhof oder auf U-Bahnhöfen ist es nicht erlaubt."
Der Stammplatz
Meistens steht der 60-Jährige dort,
er hat sogar ein Recht darauf. "Wer einen Platz mindestens an vier Tagen
pro Woche jeweils drei Stunden einnimmt und vor 14 Uhr da steht, kann
dies zu seinem Stammplatz machen." Ärger gibt es mit dieser Regelung kaum.
Bartsch mag seinen Platz, weil er immer trocken und in der Nähe der Bahnhofsmission
ist. Dort stellt er seine Utensilien ab - vom kleinen Teppich gegen Fußkälte
über Tischlein und Stuhl. Und wenigstens einmal am Nachmittag holt er
sich eine Kanne Tee. "Das ist eine feine Sache", sagt er zufrieden und
erzählt, dass er im Gegenzug bei Veranstaltungen der Bahnhofsmission mithilft.
"So ist das: eine Hand wäscht die andere."
Gelegentlich ist Bartsch auch andernorts
zu finden. "Sonntags darf ich vorm Gottesdienst an der Lorenzkirche verkaufen."
Da rückt er nicht mit seiner ganzen Ausrüstung an, sondern nur mit einigen
Heften. "Wenn der Gottesdienst beginnt, wechsle ich die Straßenkreuzer-Kappe
gegen eine mit ,Security' aus", sagt der 60-Jährige stolz. "Dann sorge
ich dafür, dass keine Touristen den Gottesdienst stören." Dafür bekommt
er vom Mesner zwei Tassen Kaffee.
Klaus-Peter Bartsch macht es Spaß,
den Straßenkreuzer zu verkaufen, das merkt man deutlich. Nachdem er von
seiner letzten Stelle weggemobbt wurde, fand er keine Arbeit mehr und
lebt seither von der Sozialhilfe. Er ist froh, als Zeitungsverkäufer eine
Beschäftigung gefunden zu haben, die ihn erfüllt. "Mit diesem Job werde
ich akzeptiert und habe eine sinnvolle Aufgabe", sagt er. Das Geld spiele
längst nicht die entscheidende Rolle.
Kein Zweifel, Begegnungen sind
ihm sehr wichtig. "Mit dem Bleistift bin ich ne Null, aber reden kann
ich", lacht er. Innerhalb einer Stunde grüßt er über zwanzig Leute und
wechselt mit manchen ein paar Worte. Da sind Mitarbeiterinnen der Bahnhofsmission
dabei, eine Gruppe Berufschüler, Rentner, Studierte, Hausfrauen und Arbeitslose.
"Das mag ich - zu merken, dass ich akzeptiert bin. Das braucht man ja
für das Selbstwertgefühl."
Wieder steuert ein junger Mann
direkt auf Bartsch zu. Er scheint ihn nicht zu kennen, aber einen "Straßenkreuzer"
will er auch nicht. Stattdessen drückt er Bartsch einen 5-Euro-Schein
in die Hand und geht weiter. "Auch das kommt vor", freut sich Bartsch
und steckt das Geld ein. Als hätte er es mitbekommen und müsste nun einen
Gegenpol setzen, kommt ein anderer junger Herr und gibt Bartsch wortlos
mit ernster Miene einen Cent. Doch über so etwas ärgert sich Bartsch nicht:
"Geld ist Geld", sagt er.
"Sie glauben ja gar nicht, was
man hier so alles erlebt. Ich bin hier nicht nur Verkäufer, sondern auch
Auskunftsperson, Seelentröster und Beichtvater." Kaum gesagt, kommt eine
schicke Dame etwas aufgelöst mit ihrem Rollköfferchen und fragt nach dem
nächsten Geldautomaten. Bartsch weiß das und erklärt es ihr kurz und knapp.
Wenige Minuten später eilt jene Frau glücklich und mit gefülltem Geldbeutel
Richtung Bahnhof. Sie müsste den Zug noch schaffen, ruft sie.
Es ist wirklich schwer, sich einige
Zeit am Stück mit Bartsch zu unterhalten. Schon wieder kommt jemand auf
ihn zu. "Das ist unser Kontrolleur", flüstert Bartsch. Und schon ist jener
da und schaut sich um. "Wir wollen vermeiden, dass sich Passanten über
unsere Verkäufer beklagen", sagt der Kontolleur. "Wer betrunken ist, muss
aufhören zu verkaufen." Sein Besuch bei Bartsch ist mehr pro forma, denn
"ich habe seit über 30 Jahren keinen Alkohol mehr angerührt und es ist
mir wichtig, ordentlich daher zu kommen", erklärt Klaus-Peter Bartsch.
Ein schweres Leben
Der 60-Jährige hatte nicht gerade
ein einfaches Leben. "Als Kind flüchtete meine Mutter mit mir aus Ostpreußen
in den Schwarzwald", erzählt er. Der Vater fiel im Krieg. Kurz nach seiner
Einschulung kam Bartsch ins Krankenhaus und wurde operiert - er hatte
schwere Rachitis. Eineinhalb Jahre war er damals im Krankenhaus. Danach
kam er ins Heim. "Die Mutter musste arbeiten und hatte keine Zeit für
mich." Er erlebte verschiedene Heime, begann zwei Lehren, einmal brach
er ab, das zweite mal wurde er nicht zur Prüfung zugelassen. "Dann war
ich viel unterwegs und führte in Kaufhäusern Hobel, Pfannen und so Zeugs
vor." Nach zehn Jahren wurde es ihm zu viel. Er arbeitete in Köln, später
fast 15 Jahre in Bonn. "Dort wurde ich weggemobbt. Das war furchtbar."
Schließlich zog es ihn nach Nürnberg. "Hier gefällt es mir, hier werde
ich auch ins Gras beißen", meint er.
Insgesamt ist er zufrieden mit
seinem Leben. "Klar, manchmal wünschte ich mir, einiges wäre anders gelaufen",
sagt er. "Aber ich habe ein Dach über dem Kopf, eine Aufgabe und Menschen,
die mich akzeptieren und mögen. Das ist Grund zur Dankbarkeit."
Karin Ilgenfritz
Erfolg-haben oder Frucht-bringen
Jesus
redete in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen.
Und in dem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und
die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. Und einiges fiel auf den Fels;
und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und
einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und
erstickten's. Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug
hundertfach Frucht.
Lukas 8, 4-8
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Fotos:
Wodicka
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Vor wenigen Wochen
haben vermutlich viele Menschen zum Jahreswechsel wieder Bilanz gezogen:
Wie erfolgreich war für mich das vergangene Jahr? Was brachte es unter
dem Schnitt für Ertrag - persönlich, beruflich, finanziell? Wurde etwas
sichtbar von dem, wofür ich gearbeitet und mich eingesetzt habe? Gab es
eine Wachstumssteigerung, oder blieb alles beim Alten?
Auch in unseren Gemeinden
und in unserer Kirche stellt sich die Frage nach dem Erfolg unserer Arbeit:
Ging die Zahl der BesucherInnen im Gottesdienst und in den Gemeindekreisen
zurück? Was kann ich tun, damit ich mehr Menschen anspreche, damit mehr
Menschen sich einladen lassen, sich in der Gemeinde zu engagieren? Lohnt
sich manche Arbeit, mancher Gottesdienst, manche Andacht denn noch, wenn
nur so wenige kommen? Wir stellen auch in kirchlichen Gremien immer wieder
die Effektivitätsfrage: Lohnt der Ertrag den Aufwand?
Ganz anders Jesus.
Er stellt uns im Gleichnis einen Sämann vor, der keine Kosten-Nutzen-Rechnung
auftut. Geradezu überschwänglich sät er; dass dabei Dreiviertel des Saatgutes
uneffektiv ausgebracht werden, stört ihn nicht. Er sortiert nicht vor,
wo es sich lohnt zu säen. Er sammelt die Körner am Weg nicht wieder ein,
um sie auf fruchtbareres Land auszubringen.
So, sagt Jesus, geht
Gott mit seinem Saatgut - seinem Wort - um. Genauso verschwenderisch wie
der Sämann. Gott hat die Gelassenheit dazu, weil er weiß: "Mein Wort wird
nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt,
und ihm wird gelingen, wozu ich es sende" (Jesaja 55, 11). Der Aussaat
wird eine Ernte folgen. Gottes Wort wird Frucht bringen. Aber Erfolg in
der Welt ist ihm nicht verheißen, das lehrt uns die Kirchengeschichte
immer wieder. Was geistlich geschieht - im Leben eines Menschen und im
Leben der Gemeinde - ist nicht automatisch am Erfolg und an Zahlen abzulesen.
Uns fällt diese ganz
andere Sichtweise Gottes sehr schwer. Wir wollen Erfolg haben. Erfolg,
den man sehen und in Zahlen messen kann. "Erfolg ist kein Name Gottes",
sagte der jüdische Theologe Martin Buber einmal. Die Wahrheit des Wortes
lässt sich nicht an seiner Erfolgsgeschichte ablesen. Misserfolge und
Scheitern kirchlicher Verkündigung lassen keinen Rückschluss auf die Qualität
des Saatgutes zu. Und noch etwas wird in dieser Geschichte deutlich: Gott
sucht bei uns keinen Erfolg; er sucht "Frucht". Erfolg-haben ist bis zu
einem gewissen Grade menschlich machbar - Frucht-bringen im geistlichen
Sinne nicht. Frucht-bringen ist abhängig von Gottes Gnade und von Gottes
Segen. Erfolg ist oft laut und drängt werbewirksam in die Öffentlichkeit.
Frucht hingegen wächst still und langsam, oft im Verborgenen.
Gott setzt uns aber
auch nicht unter einen Frucht-Leistungs-Druck. Denn das Wichtigste in
unserem Leben wird uns von ihm geschenkt. All das, was zum Frucht-bringen
nötig ist, legt Gott in unser Leben hinein. Vielleicht sind wir nicht
immer erfolg-reich, aber wir sind von Gott reich gesegnet. Das schenkt
die Gelassenheit, großzügig zu sein mit unserer Liebe, mit unserer Zeit,
mit unserem Geld, mit unserem Einsatz für Mitmenschen. Das befreit vom
Leistungsdruck der Welt, die oft nur in Zahlen rechnet.
Das hilft vor Enttäuschung
und Resignation, wenn mein Tun scheinbar so wenig sichtbar ertragreich
war, weil meine allzu menschliche Kosten-Nutzen-Rechnung nicht aufgegangen
ist. Auch bei der Arbeit in unseren Gemeinden und in unserer Kirche dürfen
wir gewiss sein: "Mein Wort, verspricht Gott, wird nicht wieder leer zu
mir zurückkommen." Es lohnt sich immer, zu "säen"!
Pfarrer Jürgen Hacker,
Weißenbrunn
Wir beten:
Ach hilf, Herr, dass wir werden gleich dem guten, fruchtbarn Lande und
sein an guten Werken reich in unserem Amt und Stande, viel Früchte bringen
in Geduld, bewahren deine Lehr und Huld in feinem, gutem Herzen.
Lied 196:
Herr, für dein Wort sei hoch gepreist.
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