Biblische Geschichten als Lebenshilfe
Wie alte Texte therapeutische
Kraft entfalten können
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Eine
von vielen biblischen Erzählungen, die Behringer gedeutet hat: Jesus
öffnet einem Blinden die Augen (Darstellung von Walter Habdank).
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"Vor Jahren fühlte ich mich einmal
wie gelähmt: Es ging nichts mehr voran, ich kam keinen Schritt weiter",
erinnert sich der Theologe und Diplompsychologe Hans Gerhard Behringer.
Als er die biblische Geschichte von der Heilung des Gelähmten las, machte
es bei ihm "klack". Er entdeckte sich selbst in der Geschichte aus dem
Neuen Testament. "Hier geht es um meine Lebenssituation: Meine Seele ist
gelähmt." Behringer bezog die Worte Jesu "Steh auf!" auf sich. Er verstand
sie als Aufforderung zum Neuanfang: "Steh auf aus deinem Tief, aus deiner
Hoffnungslosigkeit." So kam er heraus aus seinem Tief und die seelischen
Lähmungen verschwanden allmählich. Er ging "mit der Angst durch die Angst
hindurch". Für den Mitarbeiter des Diakonie-Kolleg Bayern (Nürnberg) ein
Schlüsselerlebnis zum Verstehen biblischer Texte: Körperliche Symptome
wie blind oder gelähmt sein als Symbole zu deuten. "Diese Sichtweise eröffnete
mir neue Wege", meint er im Rückblick.
Behringer beschäftigte sich intensiver
mit den Wundergeschichten des Neuen Testamentes. Dabei merkte er, dass
die alten Bibeltexte mit aktueller Lebenserfahrung zu tun haben: "Die
von tiefem Wissen beseelten Geschichten berühren heute unser Leben, unser
Leid und unsere Sehnsucht nach Heilung." In Alltagserfahrungen erschließe
sich die therapeutische Kraft biblischer Erzählungen.
Biblische Orientierung
Die alten Texte sprechen Behringer
zufolge symbolisch betrachtet stark die Lebenswelt der Leute von heute
an. "Suchende und fragende Menschen hören dort zu, wo ihre Ängste, Sorgen
und ihre Freuden berührt werden." Wenn diese Lebenswelt nicht getroffen
werde, würden Zeitgenossen abschalten und woanders nach Orientierung suchen,
zum Beispiel bei fernöstlichen Angeboten. "Die Menschen sind sehr offen
für Lebenshilfe", betont Behringer. Und fügt hinzu: "Die Bibel ist voller
Wahrheiten, besonders bei Weisheits- und Heilungsgeschichten."
Das "Buch der Bücher" beschreibt
- so der 50-Jährige - nicht nur einen einzigen Weg, wie Menschen wieder
gesund werden. Vielmehr ist jeder Heilungsweg anders: "Jesus betrachtet
jeden Menschen und jede Situation einzeln." Ein festes Schema gebe es
nicht. "Jesus legt in der Begegnung mit Menschen viel Mühe und Einfühlungsvermögen
an den Tag", unterstreicht der Theologe. Jesus nehme sein Gegenüber sehr
wichtig. "Er wendet sich ihm ungeteilt zu und sieht genau dessen Situation."
Das sei die Vorausetzung für die Heilung.
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Möchte
traditionelle biblische Inhalte für fragende und suchende Menschen
heute öffnen: der Theologe und Diplompsychologe Hans Gerhard Behringer.
(Foto: güs)
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Die Schritte, die sich daran anschließen,
sind Behringer zufolge jeweils unterschiedlich. Ein wesentlicher sei,
dass sich Menschen darüber klarwerden, was sie möchten und das über die
Lippen bringen. So möchte er von einen Gelähmten wissen, ob er gesund
werden möchte. Was auf den ersten Blick als überflüssige Frage erscheint,
hat aber dem 50-Jährigen zufolge eine therapeutische Funktion: "Der Gelähmte
erhält so die Möglichkeit, zu klagen, zu jammern und ein Ziel zu formulieren."
Er kann sagen, wie es ihm wirklich geht. "Ein wichtiger Schritt für diesen
Menschen auf seinem Heilungsweg."
Für den Theologen und Psychologen
sind biblische Geschichten nicht immer nur leichte Kost. Lange kaute er
besonders an der Erzählung von den klugen und törichten Jungfrauen, die
auf den Bräutigam warten. Fünf von ihnen versorgten sich mit Vorräten
für ihre Öllampen, fünf nicht. Schließlich entdeckte er den heilsamen
Charakter dieser Erzählung: "Wichtig ist, vorausschauend zu handeln, um
nicht auszubrennen und kaputt zu gehen." Menschen dürften an sich selbst
denken und guten Gewissens einmal nein sagen - wie die klugen Jungfrauen,
die sorgsam ihren Vorrat hüteten.
Wenn Behringer bei Vorträgen oder
Veranstaltungen biblische Geschichten symbolisch deutet, gehen den Zuhörern
manche Lichter auf. "Damit können wir etwas anfangen", hört er immer wieder.
Oder: "Das ist etwas für unseren Alltag." Der 50-Jährige, der auch ein
Buch über "Biblische Wundergeschichten als Lebenshilfe" geschrieben hat,
versteht seine Deutungen nicht als etwas Endgültiges. Vielmehr sollen
sie Menschen anregen, eigene Erfahrungen mit den biblischen Texten zu
machen. "Die Geschichten wollen helfen, zu einem persönlichen Glauben
zu finden", betont der Theologe. Oder wie Jesus es gegenüber Gesundgewordenen
ausgedrückt hat: "Dein Glaube hat dich geheilt."
Gegen Gesundheitswahn
Stichwort "gesund werden". Behringer
verweist darauf, dass Jesus nicht alle Menschen geheilt hat, sondern nur
einzelne. Im Neuen Testament gehe es nicht um einen Zwang zum Gesundwerden,
wie er heute in der Gesellschaft oft vorherrsche - nach dem Motto "Hauptsache
gesund". "Es gibt ein erfülltes Leben auch mit körperlicher Krankheit",
hält der Diplompsychologe dem "Gesundheitswahn" entgegen. So könnten Menschen
innerlich heil sein, auch wenn sie äußerlich nicht völlig gesund sind.
Ja, noch mehr: "Durch Einschränkung und Behinderung vermögen Einzelne
Qualitäten zu entwickeln, die sie sonst vielleicht nie entfaltet hätten."
Wo sich Menschen auf das konzentrierten, was aufbaut und freut, könnten
sie sich auch versöhnen mit ihrer Situation und mit Begrenzungen leben
lernen. Wo das geschehe, ereigne sich "eine Heilungsgeschichte im Kleinen".
Günter Saalfrank
Buchhinweis:
Hans Gerhard Behringer, Geheilt werden. Biblische Wundergeschichten
als Lebenshilfe, Kösel Verlag/Claudius-Verlag. |
Sternstunden der Gotteserfahrung
Und
nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und
führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen,
und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß
wie das Licht. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: "Dies ist
mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!"
(Matthäus 17, 1-2 und 5)
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Sternstunde
der Gotteserfahrung: Ein Augenblick am See, den es unbedingt festzuhalten
gilt, in dem ein Hochgefühl der Freude die Menschen erfasst. (Foto:
E. Wodicka)
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So stelle ich mir
selbst meine Sternstunde vor. Einen Augenblick, den es unbedingt festzuhalten
gilt; ein Hochgefühl der Freude und Stimmung. Etwas Großartiges geht für
die drei Jünger und den Evangelisten Matthäus von dieser Verklärungsgeschichte
aus. Wer möchte von uns nicht gerne einmal Gott schauen? Wer möchte nicht
wissen, wie es ist, wenn der Himmel sich auftut?
Es muss ein unbeschreiblicher
Moment gewesen sein. Nach dem Aufstieg auf den hohen Berg erfahren die
drei Jünger Jesu auf eine Art ihren Glauben bestätigt, wie sie es sich
nicht hätten träumen lassen. Kein Wunder, dass Petrus am liebsten die
Zeit anhalten will, die glücklichste Stunde des Lebens soll niemals enden.
Der vorherige Aufstieg ist vergessen, alle Strapazen zählen nicht mehr.
Wir kennen solche
Situationen. Stunden oder Tage, die nie vergehen dürften: Ein Hochgefühl
nach einer guten Note oder nach bestandener Prüfung; das lang erhoffte
Geschenk wird ausgepackt oder der Pfarrer erlebt eine volle, begeisterte
Kirche. Ich denke an den Tag der Hochzeit; die Geburt des Kindes oder
Enkels; oder die Nachricht vom Arzt, dass keine Sorge mehr besteht.
In unserer Geschichte
werden sie beide miteinander verbunden: Berg und Tal, Höhe und Tiefe.
Tun und Ruhen, Reden und Schweigen.
Oben auf dem Gipfel
wird nicht diskutiert, da muss die Verklärung auch nicht lange erklärt
werden. Der Glaube reicht. "Hier ist gut sein" sagt Petrus. Eine Hütte
will er dort oben bauen, er wünscht sich diese Erfahrung auf dem Berg
auf Dauer.
Aber wir Menschen
müssen wieder vom Berg herunter, die Gegenwart wartet. Nach dem Feiertag
folgt der Alltag. Das ist gut, denn solche Höhepunkte dienen auch der
Klärung, im Leben und im Glauben.
Als die Jünger endlich
wieder die geblendeten Augen auftun, sehen sie "niemand als Jesus allein."
"Den sollt ihr hören" und "Fürchtet euch nicht!" hatte ihnen schon Gottes
Stimme auf dem Berg gesagt.
So steigt Jesus mit
seinen Jüngern wieder hinab in den gewöhnlichen Rahmen ihres Menschseins.
Und sie dürfen die eben erfahrene Gottesnähe mitnehmen, in der Person
ihres Begleiters, in Jesus Christus.
Bis heute wissen
und erleben wir Gott so in unserer Nähe. Wie damals den Jüngern, gilt
heute auch uns sein "Fürchtet euch nicht!" Wie damals mit den Jüngern,
geht Gott heute auch mit uns hinab in oft schwere und leidvolle Tage.
Und indem wir Gott so, als unseren Gott erfahren, können wir bestehen.
Gut, wir haben die
von Matthäus beschriebene Verklärung Jesu nicht selbst gesehen. Aber ein
Bild davon tragen wir in uns. Ein Bild, das uns im eigenen tagtäglichen
Spannungsfeld zwischen Freude und Leid, Glaube und Unglaube, Fragen und
Hoffen bestehen hilft. Sternstunden mit Gott lassen uns zehren, bis der
nächste Lichtblick kommt, wenn uns der gewöhnliche Rhythmus wieder einmal
mehr als genug abverlangt. Auch kleine Sternstunden, die oft unscheinbaren
Begegnungen des Glaubens, des Betens und Hörens, sie tragen uns, wenn
uns der Weg wieder hinunter auf den Boden der Tatsachen führt.
Pfarrer Wolfgang
Popp, Rödelsee
Gebet: Du
Gott des Lichts. Lass uns Augenblicke der Erleuchtung erfahren. Führe
uns auf den Berg des Glücks und zeige uns den offenen Himmel über uns.
Stärke und begleite uns durch Jesus Christus, damit wir ohne Angst in
unsere Alltagsaufgaben zurückkehren und dir unser Tun und Lassen gefällt.
Amen.
Lied 550:
Licht, das in die Welt gekommen.
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