Evangelisches Sonntagsblatt
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 6 )

Biblische Geschichten als Lebenshilfe

Wie alte Texte therapeutische Kraft entfalten können

 
Eine von vielen biblischen Erzählungen, die Behringer gedeutet hat: Jesus öffnet einem Blinden die Augen (Darstellung von Walter Habdank).
   

"Vor Jahren fühlte ich mich einmal wie gelähmt: Es ging nichts mehr voran, ich kam keinen Schritt weiter", erinnert sich der Theologe und Diplompsychologe Hans Gerhard Behringer. Als er die biblische Geschichte von der Heilung des Gelähmten las, machte es bei ihm "klack". Er entdeckte sich selbst in der Geschichte aus dem Neuen Testament. "Hier geht es um meine Lebenssituation: Meine Seele ist gelähmt." Behringer bezog die Worte Jesu "Steh auf!" auf sich. Er verstand sie als Aufforderung zum Neuanfang: "Steh auf aus deinem Tief, aus deiner Hoffnungslosigkeit." So kam er heraus aus seinem Tief und die seelischen Lähmungen verschwanden allmählich. Er ging "mit der Angst durch die Angst hindurch". Für den Mitarbeiter des Diakonie-Kolleg Bayern (Nürnberg) ein Schlüsselerlebnis zum Verstehen biblischer Texte: Körperliche Symptome wie blind oder gelähmt sein als Symbole zu deuten. "Diese Sichtweise eröffnete mir neue Wege", meint er im Rückblick.

Behringer beschäftigte sich intensiver mit den Wundergeschichten des Neuen Testamentes. Dabei merkte er, dass die alten Bibeltexte mit aktueller Lebenserfahrung zu tun haben: "Die von tiefem Wissen beseelten Geschichten berühren heute unser Leben, unser Leid und unsere Sehnsucht nach Heilung." In Alltagserfahrungen erschließe sich die therapeutische Kraft biblischer Erzählungen.

Biblische Orientierung

Die alten Texte sprechen Behringer zufolge symbolisch betrachtet stark die Lebenswelt der Leute von heute an. "Suchende und fragende Menschen hören dort zu, wo ihre Ängste, Sorgen und ihre Freuden berührt werden." Wenn diese Lebenswelt nicht getroffen werde, würden Zeitgenossen abschalten und woanders nach Orientierung suchen, zum Beispiel bei fernöstlichen Angeboten. "Die Menschen sind sehr offen für Lebenshilfe", betont Behringer. Und fügt hinzu: "Die Bibel ist voller Wahrheiten, besonders bei Weisheits- und Heilungsgeschichten."

Das "Buch der Bücher" beschreibt - so der 50-Jährige - nicht nur einen einzigen Weg, wie Menschen wieder gesund werden. Vielmehr ist jeder Heilungsweg anders: "Jesus betrachtet jeden Menschen und jede Situation einzeln." Ein festes Schema gebe es nicht. "Jesus legt in der Begegnung mit Menschen viel Mühe und Einfühlungsvermögen an den Tag", unterstreicht der Theologe. Jesus nehme sein Gegenüber sehr wichtig. "Er wendet sich ihm ungeteilt zu und sieht genau dessen Situation." Das sei die Vorausetzung für die Heilung.

 
Möchte traditionelle biblische Inhalte für fragende und suchende Menschen heute öffnen: der Theologe und Diplompsychologe Hans Gerhard Behringer. (Foto: güs)
   

Die Schritte, die sich daran anschließen, sind Behringer zufolge jeweils unterschiedlich. Ein wesentlicher sei, dass sich Menschen darüber klarwerden, was sie möchten und das über die Lippen bringen. So möchte er von einen Gelähmten wissen, ob er gesund werden möchte. Was auf den ersten Blick als überflüssige Frage erscheint, hat aber dem 50-Jährigen zufolge eine therapeutische Funktion: "Der Gelähmte erhält so die Möglichkeit, zu klagen, zu jammern und ein Ziel zu formulieren." Er kann sagen, wie es ihm wirklich geht. "Ein wichtiger Schritt für diesen Menschen auf seinem Heilungsweg."

Für den Theologen und Psychologen sind biblische Geschichten nicht immer nur leichte Kost. Lange kaute er besonders an der Erzählung von den klugen und törichten Jungfrauen, die auf den Bräutigam warten. Fünf von ihnen versorgten sich mit Vorräten für ihre Öllampen, fünf nicht. Schließlich entdeckte er den heilsamen Charakter dieser Erzählung: "Wichtig ist, vorausschauend zu handeln, um nicht auszubrennen und kaputt zu gehen." Menschen dürften an sich selbst denken und guten Gewissens einmal nein sagen - wie die klugen Jungfrauen, die sorgsam ihren Vorrat hüteten.

Wenn Behringer bei Vorträgen oder Veranstaltungen biblische Geschichten symbolisch deutet, gehen den Zuhörern manche Lichter auf. "Damit können wir etwas anfangen", hört er immer wieder. Oder: "Das ist etwas für unseren Alltag." Der 50-Jährige, der auch ein Buch über "Biblische Wundergeschichten als Lebenshilfe" geschrieben hat, versteht seine Deutungen nicht als etwas Endgültiges. Vielmehr sollen sie Menschen anregen, eigene Erfahrungen mit den biblischen Texten zu machen. "Die Geschichten wollen helfen, zu einem persönlichen Glauben zu finden", betont der Theologe. Oder wie Jesus es gegenüber Gesundgewordenen ausgedrückt hat: "Dein Glaube hat dich geheilt."

Gegen Gesundheitswahn

Stichwort "gesund werden". Behringer verweist darauf, dass Jesus nicht alle Menschen geheilt hat, sondern nur einzelne. Im Neuen Testament gehe es nicht um einen Zwang zum Gesundwerden, wie er heute in der Gesellschaft oft vorherrsche - nach dem Motto "Hauptsache gesund". "Es gibt ein erfülltes Leben auch mit körperlicher Krankheit", hält der Diplompsychologe dem "Gesundheitswahn" entgegen. So könnten Menschen innerlich heil sein, auch wenn sie äußerlich nicht völlig gesund sind. Ja, noch mehr: "Durch Einschränkung und Behinderung vermögen Einzelne Qualitäten zu entwickeln, die sie sonst vielleicht nie entfaltet hätten." Wo sich Menschen auf das konzentrierten, was aufbaut und freut, könnten sie sich auch versöhnen mit ihrer Situation und mit Begrenzungen leben lernen. Wo das geschehe, ereigne sich "eine Heilungsgeschichte im Kleinen".

Günter Saalfrank

Buchhinweis:
Hans Gerhard Behringer, Geheilt werden. Biblische Wundergeschichten als Lebenshilfe, Kösel Verlag/Claudius-Verlag.

 

 


 

Sternstunden der Gotteserfahrung

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!"
(Matthäus 17, 1-2 und 5)




 
Sternstunde der Gotteserfahrung: Ein Augenblick am See, den es unbedingt festzuhalten gilt, in dem ein Hochgefühl der Freude die Menschen erfasst. (Foto: E. Wodicka)
 

So stelle ich mir selbst meine Sternstunde vor. Einen Augenblick, den es unbedingt festzuhalten gilt; ein Hochgefühl der Freude und Stimmung. Etwas Großartiges geht für die drei Jünger und den Evangelisten Matthäus von dieser Verklärungsgeschichte aus. Wer möchte von uns nicht gerne einmal Gott schauen? Wer möchte nicht wissen, wie es ist, wenn der Himmel sich auftut?

Es muss ein unbeschreiblicher Moment gewesen sein. Nach dem Aufstieg auf den hohen Berg erfahren die drei Jünger Jesu auf eine Art ihren Glauben bestätigt, wie sie es sich nicht hätten träumen lassen. Kein Wunder, dass Petrus am liebsten die Zeit anhalten will, die glücklichste Stunde des Lebens soll niemals enden. Der vorherige Aufstieg ist vergessen, alle Strapazen zählen nicht mehr.

Wir kennen solche Situationen. Stunden oder Tage, die nie vergehen dürften: Ein Hochgefühl nach einer guten Note oder nach bestandener Prüfung; das lang erhoffte Geschenk wird ausgepackt oder der Pfarrer erlebt eine volle, begeisterte Kirche. Ich denke an den Tag der Hochzeit; die Geburt des Kindes oder Enkels; oder die Nachricht vom Arzt, dass keine Sorge mehr besteht.

In unserer Geschichte werden sie beide miteinander verbunden: Berg und Tal, Höhe und Tiefe. Tun und Ruhen, Reden und Schweigen.

Oben auf dem Gipfel wird nicht diskutiert, da muss die Verklärung auch nicht lange erklärt werden. Der Glaube reicht. "Hier ist gut sein" sagt Petrus. Eine Hütte will er dort oben bauen, er wünscht sich diese Erfahrung auf dem Berg auf Dauer.

Aber wir Menschen müssen wieder vom Berg herunter, die Gegenwart wartet. Nach dem Feiertag folgt der Alltag. Das ist gut, denn solche Höhepunkte dienen auch der Klärung, im Leben und im Glauben.

Als die Jünger endlich wieder die geblendeten Augen auftun, sehen sie "niemand als Jesus allein." "Den sollt ihr hören" und "Fürchtet euch nicht!" hatte ihnen schon Gottes Stimme auf dem Berg gesagt.

So steigt Jesus mit seinen Jüngern wieder hinab in den gewöhnlichen Rahmen ihres Menschseins. Und sie dürfen die eben erfahrene Gottesnähe mitnehmen, in der Person ihres Begleiters, in Jesus Christus.

Bis heute wissen und erleben wir Gott so in unserer Nähe. Wie damals den Jüngern, gilt heute auch uns sein "Fürchtet euch nicht!" Wie damals mit den Jüngern, geht Gott heute auch mit uns hinab in oft schwere und leidvolle Tage. Und indem wir Gott so, als unseren Gott erfahren, können wir bestehen.

Gut, wir haben die von Matthäus beschriebene Verklärung Jesu nicht selbst gesehen. Aber ein Bild davon tragen wir in uns. Ein Bild, das uns im eigenen tagtäglichen Spannungsfeld zwischen Freude und Leid, Glaube und Unglaube, Fragen und Hoffen bestehen hilft. Sternstunden mit Gott lassen uns zehren, bis der nächste Lichtblick kommt, wenn uns der gewöhnliche Rhythmus wieder einmal mehr als genug abverlangt. Auch kleine Sternstunden, die oft unscheinbaren Begegnungen des Glaubens, des Betens und Hörens, sie tragen uns, wenn uns der Weg wieder hinunter auf den Boden der Tatsachen führt.

Pfarrer Wolfgang Popp, Rödelsee

Gebet: Du Gott des Lichts. Lass uns Augenblicke der Erleuchtung erfahren. Führe uns auf den Berg des Glücks und zeige uns den offenen Himmel über uns. Stärke und begleite uns durch Jesus Christus, damit wir ohne Angst in unsere Alltagsaufgaben zurückkehren und dir unser Tun und Lassen gefällt. Amen.

Lied 550: Licht, das in die Welt gekommen.

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