Keine Beerdigung ohne "Chorschlacken"
Kinder- und Jugendchor
bringt Leben auf den Friedhof
 |
 |
| |
Während
die Trauergemeinde noch am Grab bleibt (rechts hinten), ziehen sich
die Chorschlacken zurück, hier mit Kirchenmusikdirektor Wolfgang
Stetter (links). Nach dem geistlichen Teil am Grab haben sie ihren
Beitrag geleistet und gehen zum Mittagessen nach Hause. (Fotos:
kil)
|
| |
|
"So nimm denn meine Hände", ertönt
es vom Friedhof. Ein typisches Beerdigungslied. Aber irgendetwas daran
ist ungewöhnlich. Genau! Es klingt so frisch und flott - untypisch für
eine Beerdigung. Aber eigentlich nicht schlecht. Und wer über die Friedhofsmauer
in Feuchtwangen blickt oder dem Klang nachgeht, sieht dann auch die Ursache
für die frischen Töne: Kinder singen dieses Trauerlied. Der Volksmund
nennt sie "Chorschlacken". Sie singen an der Leichenhalle, während der
Prozession zum Grab und dort noch einmal. Besonders der Zug - vornweg
die singenden Kinder - hat etwas ausgesprochen würdevolles.
Ausnahmeerscheinung
"Bei vielen Beerdigungen sagen
die Angehörigen, es sei nicht so schlimm, wenn der Posaunenchor nicht
spielt - nur die Chorschlacken, die wollen sie dabei haben", erzählt Wolfgang
Stetter, Kantor in Feuchtwangen. Was manche nicht wissen: Der besondere
Chor gehört zur Beerdigung wie das Glockenläuten und braucht nicht angefordert
zu werden. Eine Kurrende - wie ein Chor, der bei Beerdigungen singt eigentlich
genannt wird - gibt es auch anderswo. Doch dass Kinder und Jugendliche
diese Aufgabe wahrnehmen ist selten. "Meines Wissens gibt es das in Bayern
nur noch in Neustadt/Aisch", meint Stetter.
Damit das in Feuchtwangen so bleibt,
richten sich die Verantwortlichen nach den Sängerinnen und Sängern. Beerdigungen
finden immer um 13.15 Uhr statt. "Da kommen die Kinder und Jugendlichen
direkt von der Schule auf den Friedhof", berichtet Stetter. Dort singen
sie sich noch ein, ziehen ihre schwarzen Umhänge über und setzen das ebenfalls
schwarze Barett auf. Dann beginnt die Beerdigung. Nach dem geistlichen
Teil am Grab ist der Chor "entlassen". Früher mussten sie mit am Grab
stehen bleiben bis die Trauergemeinde in die Kirche zog. "Seit einigen
Jahren machen wir das nicht mehr. Die Kinder wollen dann ja nach Hause
zum Mittagessen", erklärt der Kantor. Und es sei auch schon vorgekommen,
dass im Sommer ein Kind umkippte - ein leerer Magen und dann die Hitze
in den Mänteln.
Apropos Mäntel. Die schwarzen Umhänge
und das Barett gehen auf eine rund 600-jährige Tradition zurück. Sie waren
einst die Tracht der Lateinschüler, die sich mit Chorauftritten ein bisschen
Geld verdienten (siehe grauer Kasten). Als Stetter Anfang der 70er Jahre
Kantor in Feuchtwangen wurde, waren die Chorschlacken (der fränkische
Ausdruck "Schlack" kann mit "Spitzbub" übersetzt werden) noch ein reiner
Jungenchor. "Aber es fanden sich immer weniger Jungs, die bereit waren
mitzusingen." Also änderte Wolfgang Stetter die Bedingungen und ließ auch
Mädchen mitsingen. Nachwuchssorgen kennt er nicht. Rund zwanzig Kinder
und Jugend-liche im Alter von 8 bis 16 Jahren gehören zur Kurrende. "Natürlich
können nicht immer alle kommen", meint der Kirchenmusikdirektor, "aber
bei manchmal fünf Beerdigungen in der Woche ist das auch nachvollziehbar".
Wichtige Funktion
Für jede Beerdigung bekommen die
Mädchen und Buben 2,50 Euro - ähnlich wie früher die Lateinschüler. "Das
ist natürlich auch ein Anreiz für die Kinder und Jugendlichen", meint
Wolfgang Stetter. Aber nicht nur deswegen kommen sie gern bei Wind und
Wetter auf den Friedhof. Sie sind sich durchaus bewusst, dass ihr traditionelles
Singen eine wichtige Funktion hat. "Man merkt, dass wir den Angehörigen
etwas Gutes tun, wenn wir singen", sagt der 11-jährige Moritz, der schon
seit über vier Jahren im Chor ist. Isabell und Bianca meinen: "Es ist
doch für die Familie schön, wenn mehr Leute bei der Beerdigung mitwirken
und dabei sind."
Für Günther Hauptkorn, seit über
20 Jahren Pfarrer in der Gemeinde, wäre eine Beerdigung ohne die Chorschlacken
schon sehr trostlos und deprimierend. "Wir Feuchtwanger sind sehr glücklich
mit unserem Chor." Dass ausgerechnet Kinder diese Aufgabe erfüllen, finden
die Menschen gut. "Denn Kinder und Jugendliche bringen Lebendigkeit rüber",
sagt Stetter. Viele Trauernde hätten schon betont, ihnen sei es ein ganz
besonderer Trost, dass da Kinder singen.
 |
 |
| |
"Puh, war
das nass heute", meint Ljubow Grams, als sie mit den anderen vom
Friedhof zurück in die Kirche kommt.
|
| |
|
Die Kinder selbst haben wenig Probleme
mit dem Thema Tod und Beerdigung. "Allerdings gibt es Eltern, die ihren
Kindern verbieten, bei den Chorschlacken mitzusingen", meint der Kantor.
"Das sei Kindern nicht zumutbar." Die Erfahrung zeigt aber eher, dass
die Jungen und Mädchen dadurch ein recht natürliches Verhältnis zum Tod
haben. "Es bewegt sie natürlich schon und manchmal reden sie viel darüber
- gerade, wenn ein Kind beerdigt wird." Dann sei es wichtig, die Kinder
reden zu lassen und ihnen zuzuhören. Und auch zu akzeptieren, wenn sie
mal nicht mitsingen wollen. "Wenn sie in die Pubertät kommen und über
Sinnfragen nachdenken, dann kommt das schon mal vor."
So wie bei Ljubow Grams. Die 16-Jährige
singt seit 1996 bei den Chorschlacken mit. Außerdem hat sie die Organistenausbildung
gemacht und vertritt inzwischen den Kantor gelegentlich. "Anfangs haben
mir die Beerdigungen gar nichts ausgemacht", erzählt sie. Seit sie weiß,
dass ihr Opa Krebs hat, ist das anders. "Am liebsten würde ich Beerdigungen
zur Zeit meiden - der Gedanke, dass mein Opa sterben könnte...". Wenn
sie mitbekommt, dass Angehörige sehr an dem Verstorbenen hängen, "dann
ist es schon heftig. Manchmal weine ich dann mit". Aber Aufhören kommt
für sie nicht in Frage, "ich will die anderen doch nicht im Stich lassen".
Karin Ilgenfritz
|
Stichwort: Kurrende
Kurrenden gibt es noch in
mehreren Gemeinden, oft sind es Frauenchöre, die bei Beerdigungen
singen. Ursprünglich war eine Kurrende ein Schülerchor, der auf
Straßen und bei Amtshandlungen sang, um den Unterhalt der Schüler
bestreiten zu können - quasi Chöre mit der Lizenz zum Betteln. Später
waren es Knabenchöre, die bei Gottesdiensten mitwirkten. Zur Reformationszeit
erhielten die Kurrenden ihre Bindung an die Kirche. (kil)
|
Gott wird alle Tränen abwischen
Wir
warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. (2. Petrus 3, 13)
 |
 |
| |
Es ist gut, wenn wir Tränen und Trauer Raum geben in unserem Leben,
sie zulassen. Sie gehören zu uns wie unser Lachen und unsere Lebensfreude.
(Foto: Wodicka)
|
| |
|
Meistens sind sie
nass und stürmisch - diese Novembertage. Die Wolken hängen tief und verwehren
uns den Blick auf den Himmel. Eine ungemütliche Zeit. Die letzten Blätter
an den Ästen erzählen vom Sommer, von der Wärme, vom Leben. Irgendwann
aber werden sie herabfallen, um dann in der Erde zu vergehen. Wachsen,
Blühen, Sterben - das ist auch unser Schicksal. Wir können solche Gedanken
zwar verdrängen, aber irgendwann, früher oder später, holt uns der Tod
dann doch ein.
Viele Menschen, die
wir kannten und lieb hatten, hat er uns bereits genommen. Ihr Verlust
kann wie eine Wunde sein, die immer wieder neue Schmerzen verursacht.
Vielleicht macht Ihnen dieser Schmerz gerade heute wieder zu schaffen.
Denn viele von uns begehen den heutigen Sonntag als Totensonntag, das
heißt, wir gehen an die Gräber und denken an Menschen, die uns nahestanden.
Für manche ist der Schmerz des Verlustes noch ganz frisch und tut weh.
Es ist gut, wenn
wir Tränen und Trauer Raum geben in unserem Leben, sie zulassen. Sie gehören
zu uns wie unser Lachen und unsere Lebensfreude. Es wäre schlimm, wenn
wir diese Gefühle unterdrücken würden. Mir scheint aber, in solchen Gefühlen
steckt nicht nur die Trauer um den Verlust eines lieben Menschen. Ein
wenig meldet sich dabei auch die Angst vor dem eigenen Tod. Auch wir werden
eines Tages nicht mehr sein. Und keiner von uns kann vorhersagen, wie
er reagieren wird, wenn die allgemeine Wahrheit, dass jeder Mensch sterblich
ist, zur persönlichen Nachricht wird. Wie wird mir da wohl zumute sein?
Kinder trauen sich
solche heiklen Fragen ganz offen stellen: "Mutter, wie ist das eigentlich,
wenn man stirbt?" Die Mutter antwortet: Denk an gestern nacht. Du warst
hier im Wohnzimmer eingeschlafen, aber heute morgen bist du in deinem
Bett aufgewacht." "Ja", sagt das Kind, "du hast mich auf deinen Armen
hinübergetragen." "Nicht anders", fährt die Mutter fort, "ist es auch
mit dem Tod: Gott trägt dich auf seinen guten Armen hinüber in sein Reich.
Der Tod ist nur die Schwelle, die hinüberführt."
Genau das ist unsere
Hoffnung als Christen! Der Tod wird für uns aus dem "Exitus" des Arztes
zum "Transitus", aus dem Aus und Ende zum Übergang in Gottes neue Welt.
Die Bibel nennt diese neue Welt "einen neuen Himmel und eine neue Erde".
Sie beschreibt sie uns in Bildern, die es uns warm ums Herz werden lassen:
Da wird Gott "unter uns wohnen", also Wand an Wand, Tür an Tür mit mir!
Und zärtlich wie eine Mutter wird Gott uns alle Tränen von den Augen wischen.
Es gibt keinen Grund
mehr zum Weinen, denn der "Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei
noch Schmerz wird mehr sein. Das Erste ist vergangen", unsere alte Erde
mit ihrem unerbittlichen Gesetz, dass alles, was lebt, sterben muss, gehört
nun ebenso der Vergangenheit an, wie all das Leid, das wir uns gegenseitig
antun. "Die heilige Stadt Gottes" wird unser Zuhause sein, in dem ich
erwartet werde, eine Heimat, in der alle zusammen Platz haben und eingeladen
sind zu einem Fest ohne Ende. Dieser Blick rückt alles Dunkel in ein anderes
Licht.
Prädikantin Ursula
Kugler, Heidenheim
Gebet: Du,
Gott des Lebens, lass uns nicht verlorengehen in den Tod, heute nicht,
wo wir weinen, und nicht in der Stunde unseres eigenen Todes. Lass uns
finden, Gott, dein Licht, das uns wärmt, deine Liebe, die uns umfängt,
und das Leben in Fülle bei dir. Amen.
Lied 152:
Wir warten dein, o Gottes Sohn.
|