Evangelisches Sonntagsblatt
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 47)

Keine Beerdigung ohne "Chorschlacken"

Kinder- und Jugendchor bringt Leben auf den Friedhof

 
Während die Trauergemeinde noch am Grab bleibt (rechts hinten), ziehen sich die Chorschlacken zurück, hier mit Kirchenmusikdirektor Wolfgang Stetter (links). Nach dem geistlichen Teil am Grab haben sie ihren Beitrag geleistet und gehen zum Mittagessen nach Hause. (Fotos: kil)
 

"So nimm denn meine Hände", ertönt es vom Friedhof. Ein typisches Beerdigungslied. Aber irgendetwas daran ist ungewöhnlich. Genau! Es klingt so frisch und flott - untypisch für eine Beerdigung. Aber eigentlich nicht schlecht. Und wer über die Friedhofsmauer in Feuchtwangen blickt oder dem Klang nachgeht, sieht dann auch die Ursache für die frischen Töne: Kinder singen dieses Trauerlied. Der Volksmund nennt sie "Chorschlacken". Sie singen an der Leichenhalle, während der Prozession zum Grab und dort noch einmal. Besonders der Zug - vornweg die singenden Kinder - hat etwas ausgesprochen würdevolles.

Ausnahmeerscheinung

"Bei vielen Beerdigungen sagen die Angehörigen, es sei nicht so schlimm, wenn der Posaunenchor nicht spielt - nur die Chorschlacken, die wollen sie dabei haben", erzählt Wolfgang Stetter, Kantor in Feuchtwangen. Was manche nicht wissen: Der besondere Chor gehört zur Beerdigung wie das Glockenläuten und braucht nicht angefordert zu werden. Eine Kurrende - wie ein Chor, der bei Beerdigungen singt eigentlich genannt wird - gibt es auch anderswo. Doch dass Kinder und Jugendliche diese Aufgabe wahrnehmen ist selten. "Meines Wissens gibt es das in Bayern nur noch in Neustadt/Aisch", meint Stetter.

Damit das in Feuchtwangen so bleibt, richten sich die Verantwortlichen nach den Sängerinnen und Sängern. Beerdigungen finden immer um 13.15 Uhr statt. "Da kommen die Kinder und Jugendlichen direkt von der Schule auf den Friedhof", berichtet Stetter. Dort singen sie sich noch ein, ziehen ihre schwarzen Umhänge über und setzen das ebenfalls schwarze Barett auf. Dann beginnt die Beerdigung. Nach dem geistlichen Teil am Grab ist der Chor "entlassen". Früher mussten sie mit am Grab stehen bleiben bis die Trauergemeinde in die Kirche zog. "Seit einigen Jahren machen wir das nicht mehr. Die Kinder wollen dann ja nach Hause zum Mittagessen", erklärt der Kantor. Und es sei auch schon vorgekommen, dass im Sommer ein Kind umkippte - ein leerer Magen und dann die Hitze in den Mänteln.

Apropos Mäntel. Die schwarzen Umhänge und das Barett gehen auf eine rund 600-jährige Tradition zurück. Sie waren einst die Tracht der Lateinschüler, die sich mit Chorauftritten ein bisschen Geld verdienten (siehe grauer Kasten). Als Stetter Anfang der 70er Jahre Kantor in Feuchtwangen wurde, waren die Chorschlacken (der fränkische Ausdruck "Schlack" kann mit "Spitzbub" übersetzt werden) noch ein reiner Jungenchor. "Aber es fanden sich immer weniger Jungs, die bereit waren mitzusingen." Also änderte Wolfgang Stetter die Bedingungen und ließ auch Mädchen mitsingen. Nachwuchssorgen kennt er nicht. Rund zwanzig Kinder und Jugend-liche im Alter von 8 bis 16 Jahren gehören zur Kurrende. "Natürlich können nicht immer alle kommen", meint der Kirchenmusikdirektor, "aber bei manchmal fünf Beerdigungen in der Woche ist das auch nachvollziehbar".

Wichtige Funktion

Für jede Beerdigung bekommen die Mädchen und Buben 2,50 Euro - ähnlich wie früher die Lateinschüler. "Das ist natürlich auch ein Anreiz für die Kinder und Jugendlichen", meint Wolfgang Stetter. Aber nicht nur deswegen kommen sie gern bei Wind und Wetter auf den Friedhof. Sie sind sich durchaus bewusst, dass ihr traditionelles Singen eine wichtige Funktion hat. "Man merkt, dass wir den Angehörigen etwas Gutes tun, wenn wir singen", sagt der 11-jährige Moritz, der schon seit über vier Jahren im Chor ist. Isabell und Bianca meinen: "Es ist doch für die Familie schön, wenn mehr Leute bei der Beerdigung mitwirken und dabei sind."

Für Günther Hauptkorn, seit über 20 Jahren Pfarrer in der Gemeinde, wäre eine Beerdigung ohne die Chorschlacken schon sehr trostlos und deprimierend. "Wir Feuchtwanger sind sehr glücklich mit unserem Chor." Dass ausgerechnet Kinder diese Aufgabe erfüllen, finden die Menschen gut. "Denn Kinder und Jugendliche bringen Lebendigkeit rüber", sagt Stetter. Viele Trauernde hätten schon betont, ihnen sei es ein ganz besonderer Trost, dass da Kinder singen.

 
"Puh, war das nass heute", meint Ljubow Grams, als sie mit den anderen vom Friedhof zurück in die Kirche kommt.
 

Die Kinder selbst haben wenig Probleme mit dem Thema Tod und Beerdigung. "Allerdings gibt es Eltern, die ihren Kindern verbieten, bei den Chorschlacken mitzusingen", meint der Kantor. "Das sei Kindern nicht zumutbar." Die Erfahrung zeigt aber eher, dass die Jungen und Mädchen dadurch ein recht natürliches Verhältnis zum Tod haben. "Es bewegt sie natürlich schon und manchmal reden sie viel darüber - gerade, wenn ein Kind beerdigt wird." Dann sei es wichtig, die Kinder reden zu lassen und ihnen zuzuhören. Und auch zu akzeptieren, wenn sie mal nicht mitsingen wollen. "Wenn sie in die Pubertät kommen und über Sinnfragen nachdenken, dann kommt das schon mal vor."

So wie bei Ljubow Grams. Die 16-Jährige singt seit 1996 bei den Chorschlacken mit. Außerdem hat sie die Organistenausbildung gemacht und vertritt inzwischen den Kantor gelegentlich. "Anfangs haben mir die Beerdigungen gar nichts ausgemacht", erzählt sie. Seit sie weiß, dass ihr Opa Krebs hat, ist das anders. "Am liebsten würde ich Beerdigungen zur Zeit meiden - der Gedanke, dass mein Opa sterben könnte...". Wenn sie mitbekommt, dass Angehörige sehr an dem Verstorbenen hängen, "dann ist es schon heftig. Manchmal weine ich dann mit". Aber Aufhören kommt für sie nicht in Frage, "ich will die anderen doch nicht im Stich lassen".

Karin Ilgenfritz

Stichwort: Kurrende

Kurrenden gibt es noch in mehreren Gemeinden, oft sind es Frauenchöre, die bei Beerdigungen singen. Ursprünglich war eine Kurrende ein Schülerchor, der auf Straßen und bei Amtshandlungen sang, um den Unterhalt der Schüler bestreiten zu können - quasi Chöre mit der Lizenz zum Betteln. Später waren es Knabenchöre, die bei Gottesdiensten mitwirkten. Zur Reformationszeit erhielten die Kurrenden ihre Bindung an die Kirche. (kil)

 


 

Gott wird alle Tränen abwischen

Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. (2. Petrus 3, 13)



 
Es ist gut, wenn wir Tränen und Trauer Raum geben in unserem Leben, sie zulassen. Sie gehören zu uns wie unser Lachen und unsere Lebensfreude. (Foto: Wodicka)
 

Meistens sind sie nass und stürmisch - diese Novembertage. Die Wolken hängen tief und verwehren uns den Blick auf den Himmel. Eine ungemütliche Zeit. Die letzten Blätter an den Ästen erzählen vom Sommer, von der Wärme, vom Leben. Irgendwann aber werden sie herabfallen, um dann in der Erde zu vergehen. Wachsen, Blühen, Sterben - das ist auch unser Schicksal. Wir können solche Gedanken zwar verdrängen, aber irgendwann, früher oder später, holt uns der Tod dann doch ein.

Viele Menschen, die wir kannten und lieb hatten, hat er uns bereits genommen. Ihr Verlust kann wie eine Wunde sein, die immer wieder neue Schmerzen verursacht. Vielleicht macht Ihnen dieser Schmerz gerade heute wieder zu schaffen. Denn viele von uns begehen den heutigen Sonntag als Totensonntag, das heißt, wir gehen an die Gräber und denken an Menschen, die uns nahestanden. Für manche ist der Schmerz des Verlustes noch ganz frisch und tut weh.

Es ist gut, wenn wir Tränen und Trauer Raum geben in unserem Leben, sie zulassen. Sie gehören zu uns wie unser Lachen und unsere Lebensfreude. Es wäre schlimm, wenn wir diese Gefühle unterdrücken würden. Mir scheint aber, in solchen Gefühlen steckt nicht nur die Trauer um den Verlust eines lieben Menschen. Ein wenig meldet sich dabei auch die Angst vor dem eigenen Tod. Auch wir werden eines Tages nicht mehr sein. Und keiner von uns kann vorhersagen, wie er reagieren wird, wenn die allgemeine Wahrheit, dass jeder Mensch sterblich ist, zur persönlichen Nachricht wird. Wie wird mir da wohl zumute sein?

Kinder trauen sich solche heiklen Fragen ganz offen stellen: "Mutter, wie ist das eigentlich, wenn man stirbt?" Die Mutter antwortet: Denk an gestern nacht. Du warst hier im Wohnzimmer eingeschlafen, aber heute morgen bist du in deinem Bett aufgewacht." "Ja", sagt das Kind, "du hast mich auf deinen Armen hinübergetragen." "Nicht anders", fährt die Mutter fort, "ist es auch mit dem Tod: Gott trägt dich auf seinen guten Armen hinüber in sein Reich. Der Tod ist nur die Schwelle, die hinüberführt."

Genau das ist unsere Hoffnung als Christen! Der Tod wird für uns aus dem "Exitus" des Arztes zum "Transitus", aus dem Aus und Ende zum Übergang in Gottes neue Welt. Die Bibel nennt diese neue Welt "einen neuen Himmel und eine neue Erde". Sie beschreibt sie uns in Bildern, die es uns warm ums Herz werden lassen: Da wird Gott "unter uns wohnen", also Wand an Wand, Tür an Tür mit mir! Und zärtlich wie eine Mutter wird Gott uns alle Tränen von den Augen wischen.

Es gibt keinen Grund mehr zum Weinen, denn der "Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Das Erste ist vergangen", unsere alte Erde mit ihrem unerbittlichen Gesetz, dass alles, was lebt, sterben muss, gehört nun ebenso der Vergangenheit an, wie all das Leid, das wir uns gegenseitig antun. "Die heilige Stadt Gottes" wird unser Zuhause sein, in dem ich erwartet werde, eine Heimat, in der alle zusammen Platz haben und eingeladen sind zu einem Fest ohne Ende. Dieser Blick rückt alles Dunkel in ein anderes Licht.

Prädikantin Ursula Kugler, Heidenheim

Gebet: Du, Gott des Lebens, lass uns nicht verlorengehen in den Tod, heute nicht, wo wir weinen, und nicht in der Stunde unseres eigenen Todes. Lass uns finden, Gott, dein Licht, das uns wärmt, deine Liebe, die uns umfängt, und das Leben in Fülle bei dir. Amen.

Lied 152: Wir warten dein, o Gottes Sohn.

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2002 ROTABENE! Medienhaus