Evangelisches Sonntagsblatt
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 45)

Besinnung statt Kommerz

Aktion: "Alles hat seine Zeit – Advent ist im Dezember"

Lebkuchen im September, Weihnachtsdekoration im Oktober, Weihnachtsmusik im November – und im Dezember hat niemand mehr Lust auf Weihnachten... – Schluss damit, fordern Pfarrer Heinrich Bedford-Strohm und sein Kollege Markus Merz aus Coburg. Und sie finden breite Unterstützung bei der Bevölkerung.

Gegen Kommerzialisierung

 
Foto: kil
 

"Die zunehmende Kommerzialisierung der Advents- und Weihnachtszeit hat in mir wachsendes Unbehagen ausgelöst", schildert Bedford-Strohm. Er erfuhr im letzten Jahr von einer Aktion der Hannoverschen Landeskirche mit dem Titel: "Alles hat seine Zeit - Advent ist im Dezember". "Damit haben die Hannoveraner unter anderem erreicht, dass ein Großteil der Weihnachtsdekoration in der Stadt erst in der Woche vor dem ersten Advent angebracht wurde", erzählt er. Inspiriert von dieser Aktion luden er und sein Kollege Pfarrer Markus Merz im September zu einem Podiumsgespräch ein unter dem Thema "Lametta im Oktober? Zur Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes".

Vom großen Interesse der Bevölkerung waren die beiden Pfarrer überrascht. Auf etwas Interesse hatte Bedford-Strohm allerdings schon gehofft. Er hatte - "für alle Fälle", wie er verschmitzt meint - eine Unterschriftenliste vorbereitet, die er dann gut gebrauchen konnte. Unterschreibende erklären mit ihrer Unterschrift, dass sie die immer früher beginnende Weihnachtswerbung und -dekoration mit Sorge sehen. Gleichzeitig bitten sie die Geschäftswelt darum, den Rhythmus des Jahres zu respektieren und erst nach dem Ewigkeitssonntag mit der Weihnachtswerbung und -dekoration zu beginnen. Geplant ist, die Listen Ende November beim Bayerischen Einzelhandelsverband einzureichen.

"Überall erlebe ich Zustimmung. Selbst Verantwortliche im Einzelhandel sagen, ihnen spreche unsere Aktion aus der Seele", schildert der Coburger Pfarrer. Inzwischen hat er weit über tausend Unterschriften. "Aber ich habe noch längst nicht alle Listen wieder, die ich an die Gemeinden im Landkreis verschickt habe." Am 16. November wird er auch mit einem Stand in der Coburger Fußgängerzone weiter Unterschriften sammeln und auf die Aktion hinweisen - die übrigens in diesem Jahr auch von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern durchgeführt wird.

Mit dieser Aktion trifft die Kirche den Nerv vieler Menschen. Egal, wen und wo man fragt, Mann oder Frau, jung oder alt - den meisten Menschen geht die Kommerzialisierung der Weihnachtszeit gegen den Strich. "Wegen mir könnte man das gesamte ,Drumherum'ganz abschaffen", sagt Jörg Wollenberg, als er in der Nürnberger Fußgängerzone darauf angesprochen wird. Dass das nicht passieren wird, ist ihm klar und er meint: "Je kürzer, desto besser." Schließlich sei Weihnachten ein Fest der Verinnerlichung, der Besinnung.

Ein bisschen einkaufen und vorbereiten gehört schon zu Weihnachten, finden Kathrin und Kristin Köhler. Die beiden Schwestern aus Fürth bummeln gern mal durch die Innenstadt. "Aber es nervt, wenn man jetzt schon überall darauf gestoßen wird, dass in soundsoviel Tagen Weihnachten ist", meint Kathrin. "Denn bis es endlich Weihnachten ist, hat man all den Trubel über und ist froh, wenn alles vorbei ist", bedauert Kristin. Deswegen finden sie es gut, wenn Advent auch in der Geschäftswelt erst im Dezember beginnen würde. "In Nürnberg können wir ja schon im Sommer Lebkuchen kaufen. Das passt einfach nicht", schüttelt Kathrin den Kopf. "Eigentlich ist die Adventszeit ja schon schön, sie hat so was heimeliges", sagt Kristin und fügt hinzu: "Ich freu mich schon drauf."

Bewusstes Erleben

Genau das ist auch Ziel der landeskirchlichen Aktion: "Wir wollen die Menschen wieder zu einem bewussten Erleben der Adventszeit motivieren", erklärt Michael Mädler, Öf-fentlichkeitsreferent der Bayerischen Landeskirche. Vorerst ist die Aktion auf drei Jahre angelegt.

Gemeinden wurden angeschrieben und mit Informationsmaterial versorgt. Sie sollen rückmelden, wie bei ihnen die Adventszeit begangen wird. "Wir wollen die Erfahrungen vernetzen und auch wissen, wo es Probleme gibt", so Mädler. Eine große Eröffnungsveranstaltung ist nicht geplant. In einem Gottesdienst am Buß- und Bettag wird Landesbischof Johannes Friedrich die Aktion kurz vorstellen und damit eröffnen.

Karin Ilgenfritz

Informationen über die landeskirchenweite Aktion im Internet:
www.advent-ist-im-dezember.de

 


Die Stunde für den Tag des Herrn ist unbekannt

Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
(1.Thessalonicher 5, 1-6)


 
Foto: Wodicka
 

An diesem ganz besonderen Tag im vergangenen Herbst verschwanden die Zeiger der Uhr. Das erste Mal geschah es, als sie morgens die Augen aufschlug, und ihr Blick auf den Wecker fiel. Sie konnte genau zusehen, wie die Konturen der Zeiger verschwammen und sich auflösten. Dabei blieb alles andere - das Zifferblatt, das Gehäuse des Weckers - deutlich erkennbar. Sie blinzelte, schüttelte den Kopf - und dann stand sie einfach auf. Denn schließlich wusste sie auch so: Jetzt muss ich in die Küche hinuntergehen und den Kaffee aufsetzen. Keine Zeit also, um lange über die verschwundenen Uhrzeiger nachzudenken.

Dasselbe erlebte sie mehrmals an diesem besonderen Herbsttag. Immer dann, wenn sie gehetzt auf eine Uhr sah, lösten sich die Zeiger in Nichts auf. Immer dann, wenn sie unbedingt wissen wollte, wie viel Uhr es war, konnte sie die Stunde nicht mehr erkennen. Das Merkwürdige aber war: Es störte sie nicht. Im Gegenteil! Auch ohne die Uhrzeit zu kennen, wusste sie, was sie tun wollte, was zu tun war. Und am Abend hatte sie sogar das Gefühl, noch niemals einen so ausgefüllten, beglückenden Tag verbracht zu haben.

Sie hatte nicht ein einziges Mal, wie sonst oft, mit dem Blick auf die Uhr gedacht: Dafür habe ich noch später Zeit. Weil sie nie ganz sicher sein konnte, wann der Abend kommen würde, hatte sie alles sofort erledigt. Sie hatte an diesem besonderen Herbsttag auch nicht, wie sonst manches Mal, gestöhnt: Dafür habe ich heute keine Zeit mehr. Weil sie nicht wusste, wie viel Zeit ihr bis zum Abend blieb, fühlte sie sich frei zu tun, was sie als wichtig empfand. Ohne die Zeiger einer Uhr vor Augen, war sie besonders achtsam mit ihrer Zeit gewesen, denn sie hatte in jeder Minute des Tages gespürt: Der Abend wird kommen, auch wenn ich nicht weiß, wann.

"Von den Zeiten und Stunden ist es nicht nötig, euch zu schreiben" - heißt es im 1.Tessalonicherbrief. Nein, es ist tatsächlich nicht nötig für uns zu wissen, wann der Tag des Herrn kommen wird. Im Gegenteil! Weil wir den Zeitpunkt nicht kennen, an dem Gottes Reich anbrechen wird, haben wir Kraft: Das, was zu tun ist, können wir sofort tun. Wenn wir das Kommen des Gottesreiches nicht errechnen können, werden wir frei: Wir können uns Zeit für das nehmen, was wir als notwendig erkannt haben. Auch wenn wir nicht voraussagen können, wann er kommen wird, brauchen wir den Tag des Herrn nicht zu fürchten. Da wir ihn doch so sicher erwarten, wie den Abend am Ende eines Tages, gelingt es uns wie von selbst: Wir gehen achtsam mit der Zeit um, die Gott uns geschenkt hat.

An diesem ganz besonderen Tag im vergangenen Herbst verschwanden die Zeiger der Uhr. An diesem ganz besonderen Tag war sie wachsamer, achtsamer, gelassener als an allen anderen Tagen gewesen. Denn: Es ist nicht nötig, die Zeiten und Stunden zu kennen.

Pfarrerin Kathrin Neeb, Langenau

Gebet: Gott, Herr der Zeit, du schenkst uns die Tage und Stunden unseres Lebens. Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt. Lass uns aber erkennen, wozu wir die Zeit, die wir haben, nutzen sollen. Amen.

Lied 152: Wir warten dein, o Gottes Sohn.

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