Evangelisches Sonntagsblatt
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Kirche in den Häusern muss wachsen

Klaus Douglass über sein Buch "Die neue Reformation"

Bei Luther waren es 95 Thesen, mit denen er in Wittenberg zur Erneuerung der Kirche aufrief. Klaus Douglass, Gemeindepfarrer in Niederhöchstadt bei Frankfurt am Main, überbot den Reformator im vergangenen Jahr. Mit 96 Thesen will er die Kirche für die Zukunft fit machen. Ein Jahr nach Erscheinen seines Buches will das Rothenburger Sonntagsblatt wissen, ob sich mitt- lerweile in Sachen "Reformation im 21. Jahrhundert" etwas getan hat. Mit dem Buchautor sprach Redakteur Günter Kusch.

 
Foto: epd
 

Mit dem Titel Ihres Buches "96 Thesen - Die neue Reformation" spielen Sie deutlich auf Luther an. Trotzdem wollen Sie kein Reformator sein. Was sind Sie dann?

Douglass: Ein Sprachrohr. Ich besitze die Gabe, Dinge auf den Punkt zu bringen. Die neue Reformation wird - anders als die des 16. Jahrhunderts - nicht von einigen wenigen Ausnahmegestalten getragen werden, sondern sich auf viele Schultern verteilen. Ich fasse diese Bewegung nur zusammen.

Warum haben Sie 96 Thesen veröffentlicht? Wollten Sie Luther damit noch überbieten?

Douglass: Ich wusste vorher nicht, dass das so genial von der Werbung her einschlagen würde, sonst hätte ich bewusst 96 Thesen geschrieben. Hintergrund ist eine einfache Zahlenrechnung: Ich formulierte zwölf Aufgaben, die für eine Kirche der Zukunft angegangen werden müssen. Und jeder Aufgabe habe ich dann acht Thesen zugeordnet. So kam es zur Zahl 96.

Ihr Buch wurde vor einem Jahr veröffentlicht - gab es in den vergangenen zwölf Monaten bereits erste reformatorische Aufbrüche?

Douglass: Die gibt es seit Jahren und sie nehmen immer mehr zu. Mein Buch hat diese Bewegung lediglich verstärkt. Ich werde nicht nur, wie früher, auf Kongresse eingeladen, sondern zunehmend auch zu Pfarrkonventen und Synoden, und das ist neu. Früher fasste man kirchlicherseits das Thema "Gemeindeaufbau" mit der Kneifzange an, weil man befürchtete, es könnte zu evangelikal oder charismatisch sein. Heute setzen sich immer mehr Bischöfe und Oberkirchenräte damit auseinander.

Landesbischof Johannes Friedrich betonte kürzlich, das Thema "Mission im eigenen Lande" solle in der Landeskirche in den nächsten Jahren einen Schwerpunkt einnehmen. Hat er das in Ihrem Buch gelesen?

Douglass: Das weiß ich nicht. Das Anliegen der Mission wird seit vielen Jahren auf Synoden akzentuiert. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es dabei wirklich immer um Mis- sion im Sinne des Neuen Testamentes geht. Oft wird von Mission gesprochen und man meint eigentlich Mitgliederbestandswahrung. Weil man merkt, wie uns die Leute weglaufen. Aber es ist schon interessant: Jetzt wird plötzlich die Spiritualität neu entdeckt und zahlreiche Hauskreise entstehen - hier dreht sich momentan gewaltig der Wind.

Sie rufen in Ihrem Buch zum spirituellen Befreiungsschlag auf. Was soll man sich darunter vorstellen?

Douglass: Evangelische Spiritualität als solche existiert so gut wie nicht. Wir kennen ein paar wenige Gebetsformen aus dem Gottesdienst, etwa die Wechselgesänge und das Vaterunser. Aber unsere Gottesdienste sind sehr karg. Meine These lautet: Es gibt über 50 Weisen zu beten. Diese Formen kennen wir alle noch nicht. Das ist wie in einem Schuhladen, in dem Sie nur vier oder fünf Größen führen. Da haben Sie Glück, wenn Ihnen der Schuh gerade passt, der Ihnen angeboten wird. Oft wird Ihnen der angebotene Schuh aber zu eng oder zu weit erscheinen. Hier brauchen wir einen Befreiungsschlag. Und wir müssen uns vom Schubladendenken lösen. Leute fragen mich, ob die oder jene Form von Spiritualität nicht zu katholisch sei oder New Age oder esoterisch. Da sollten wir öfter den Geist Gottes wehen lassen. Echte evangelische Spiritualität ist frei in den Formen, lässt Vielfalt zu, orientiert sich jedoch immer auf Christus hin.

Sie bezeichnen den Gottesdienst als Nischenveranstaltung. Kirchenmusik und Liturgie seien Ketten, von denen wir uns befreien müssen. Heißt das, wir sollen auf Gottesdienste verzichten?

Douglass: Wir bieten momentan 95 Prozent der Gottesdienste für nicht einmal fünf Prozent unserer Mitglieder an. Das ist einfach ein Unding. Ich sage nicht, dass wir den herkömmlichen Gottesdienst abschaffen müssen, aber wir müssen das Verhältnis umkehren. Für fünf Prozent der Interessenten sollten wir fünf Prozent dieser Gottesdienste anbieten. Die frei werdenden Ressourcen an Geld, Zeit und Gottesdienstplatz könnten wir anders nutzen. Das muss nicht von heute auf morgen geschehen. Es wäre ja schon etwas, wenn jede Gemeinde darüber nachdenkt, ein zweites Programm anzubieten. Der herkömmliche Gottesdienst ist ein aussterbendes Modell. In 20 bis 30 Jahren wird es ihn nur noch für eine ganz kleine Randgruppe unserer Kirche geben.

Was ist dann der Mittelpunkt des Gemeindelebens?

Douglass: Der Gottesdienst muss wieder dieser Mittelpunkt werden, indem er verändert wird und ein anderes Gesicht bekommt. Er muss die Leute wieder ansprechen, ihre Sprache sprechen. Luther hat gesagt: Wir sollen den Leuten aufs Maul schauen. Der Gottesdienst muss von den Formen her verstehbar werden. Es muss die Musik der Leute sein. Eine Volkskirche muss Volksmusik spielen. Und Volksmusik ist heute Popmusik. Wir kommen um moderne Musik in den Gottesdiensten nicht herum. In Bayern mag das unter anderem auch die Blasmusik sein.
Spiritualität ist eine Herzenssache. Und wenn Sie die Herzen der Menschen erreichen wollen, dann müssen Sie deren Lebensgefühl treffen. Kirche verpasst heute das Lebensgefühl der jungen Leute. Und ein Schlüssel zum Herz der jungen Menschen ist die Musik.

Anlässlich des Reformationsfestes: Haben Sie eine zentrale Vision, einen besonderen Wunsch, etwas das jetzt einfach ansteht?

Douglass: Ich habe so viele Aufgaben und Thesen formuliert. Da kann man nicht eine herauspicken. Das funktioniert nur als Gesamtsys- tem. Wenn ich an einer einzelnen Schraube drehen müsste, würde ich hier ansetzen: Die Gemeinden sollten die Bedeutung der kleinen Gruppen und Hauskreise stärker in den Blick nehmen. Kleingruppen sind die Grundzelle des Gemeindeaufbaus. Das Haus der Kirche wird nur wieder wachsen, wenn die Kirche in den Häusern wieder wächst.

 


Grundhaltung des christlichen Lebens: Buße

Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
(Philipper 2, 12b-13)



 
Foto: Wodicka
 

"Reformstau" heißt ein neues Modewort. Im politischen Bereich sollen notwendige Reformen bei Renten, Gesundheit, Arbeit oder Bundeswehr in die Tat umgesetzt werden. Neue Lösungen für alte Probleme sind gefragt.

Auch in den Kirchen ist von Reformstau die Rede, besonders in der katholischen Kirche. Ob es die Rolle der Frau betrifft oder die Mitwirkung von Ehrenamtlichen oder gemeinsame Abendmahlsfeiern - Reformen werden gefordert und lassen auf sich warten, so dass sich Unmut aufgestaut hat, weil "die da oben" zu unbeweglich sind.

Nun könnten wir es uns leicht machen und sagen: Die katholische Kirche mag sehr wohl einen Nachholbedarf an Reformen haben, wir aber stehen als Kirche der Reformation gut da. So zu denken und zu sprechen wäre ein Irrtum. Denn zum Wesen jeder Kirche und des Christseins gehört die Bereitschaft zur Erneuerung, zur Reform.

Die Reformation vor fast 500 Jahren war nicht ein Ende sondern ein Anfang. Martin Luther selbst hat eine wichtige biblische Grunderkenntnis neu entdeckt und aktiviert, wenn es in der ersten seiner 95 Thesen heißt: "Da unser Herr und Meister, Jesus Christus, spricht: Tut Buße! will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen eine stete und unaufhörliche Buße sein soll." Die Buße als Umkehr und Erneuerung gehört zur Grundhaltung des christlichen Lebens. Das bedeutet: Wir sind nicht perfekt, weder wir persönlich noch unsere Kirche, sondern - um noch einmal das Modewort aufzunehmen - es gibt einen Reformstau. Trägheiten, Mängel und manchmal auch eine Selbstüberschätzung haben sich eingeschlichen. Die gilt es abzubauen und die positiven Erneuerungskräfte zu nutzen.

Schon bei den ersten Christen und Gemeinden gab es Fehlentwicklungen. Sie waren in der Gefahr, sich im Glanz der Offenbarung zu sonnen und sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Mit großem Ernst musste Paulus die Christen in Philippi ermahnen: "Schaffet, dass ihr selig werdet!" Gebt euch nicht mit dem zufrieden, was ihr erreicht habt. Macht etwas aus eurem Leben. Das muss euch aller Mühe wert sein. Stellt euer ganzes Wollen und Vollbringen in den Dienst der guten Sache.

Paulus appelliert an die Schaffensfreude mit einem eigenartigen Zusatz: "Schaffet... mit Furcht und Zittern!" Damit treten die Grenzen aller menschlichen Erneuerungsbemühungen ins Blickfeld. Gesinnung und Tat, das Wollen und das Vollbringen können sich gegenseitig in die Quere kommen, wie Goethe einmal festgestellt hat: "Das ganze Leben besteht aus Wollen und Nicht-Vollbringen, Vollbringen und Nicht-Wollen." Oft verpufft die gute Absicht und wir fallen, ohne es zu wollen, in den alten Trott zurück wie ein Suchtkranker, der nicht in der Lage ist, sich selbst zu befreien. "Mit Furcht und Zittern" - wäre dies das letzte Wort, wir wären verloren.

An dieser Schwachstelle, wo wir mit unserer Kunst am Ende sind, darf und muss von Gott geredet werden. Inmitten menschlicher Schwächen hat Gott ein Rettungszeichen aufgerichtet: das Kreuz als Wegweiser zur Seligkeit.

Wie ein Arzt dem Kranken ein Medikament mit starker Wirkkraft verordnet, so stellt Paulus ein heilbringendes Rezept aus: "Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen." Alle, die das glauben, werden aus ihren Sackgassen und Irrwegen befreit, ihr Blick wird nach vorne gerichtet, das Ziel der Seligkeit ist zum Greifen nahe. Nicht weil sie so gut sind, sondern durch Gottes Wohlgefallen werden die Christen zu dem, was sie sein können und sein sollen: zu einer Gemeinschaft der Heiligen - ohne Reformstau.

Martin Bogdahn
Oberkirchenrat i.R., München

Wir beten: Wie schön wäre ein neues Leben, wie erfreulich eine erneuerte Kirche, aber wir alleine schaffen es nicht. Wir brauchen deine Hilfe, o Gott, wir hoffen auf das Wirken des Geistes. Dein Wohlgefallen leite uns. Amen.

Lied EG 390: Erneure mich, o ewigs Licht.

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