Evangelisches Sonntagsblatt
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 43)

"In der Gesellschaft und der Kirche herrscht der Individualismus"

Wie Pfarrer aus dem Ausland das Mutterland der Reformation heute sehen

Wie sehen Pfarrer aus dem Ausland das Mutterland der Reformation? Das fragte die Sonntagsblatt-Redaktion eine Pfarrerin aus Brasilien sowie Pfarrer aus Island, Litauen und Tansania. Die verschiedenen Antworten zeigen, wie lutherische Theologen aus anderen Ländern über Deutschland und die Kirche hier denken.

Kein lebendiger Glaube?

Clair Cristina Menzinger
 

Ich hatte die Gelegenheit Deutschland kennenzulernen, als ich im Rahmen eines Austauschprogrammes für Theologiestudenten von 1989 bis 1990 in Deutschland studierte. Seitdem habe ich Deutschland dreimal für einige Wochen besucht.
Ich habe in Deutschland eine sehr säkulare Gesellschaft erlebt, die kaum noch durch die Theologie, Ethik und Kirche der Reformation geprägt ist und in der Konsumhaltung, materialistische Einstellung und Individualismus vorherrschen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass die Evangelischen Kirchen in Deutschland sich nur dank einer großen, finanziell gut abgesicherten Struktur halten, nicht aber durch den lebendigen Glauben ihrer Mitglieder.
Auch in der Kirche herrscht der Individualismus. Gemeinde als solche wird kaum mehr erfahrbar. Viele Gruppen und Aktivitäten laufen unverbunden nebeneinander her. Bei manchen Angeboten fragt man sich, was das noch mit Kirche zu tun hat. Aber auch wenn die evangelische Kirche in Deutschland die Gesellschaft nicht mehr prägt, so gibt sie doch immer wieder wichtige Impulse für die Diskussion aktueller Fragen wie zum Beispiel der Gentechnologie.
Hier in Brasilien spielt die deutsche evangelische Theologie an den theologischen Fakultäten nach wie vor eine wichtige Rolle. Theologen der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB) nehmen die Aus- und Fortbildungsangebote der evangelischen Kirchen in Deutschland gerne wahr, und unsere Pfarrer greifen gerne auf deutsche Arbeitsmate- rialien, Predigthilfen oder Kurse zurück. Auf diese Weise spielt das Mutterland der Reformation für uns in Brasilien bis heute eine wichtige Rolle und leistet einen wertvollen Beitrag zur kirchlichen Arbeit in anderen Ländern.

Pastora Clair Cristina Menzinger, Blumenau (Brasilien)

 

Große Kirchen mit Angeboten

Svavar Jonson
 

Die erste Begegnung mit Deutschland: Nach unserer Hochzeit im Jahre 1983 hatten wir eine abenteuerliche Schiffsreise von Reykjavik nach Bremerhaven. Von dort aus ging es mit der Bahn weiter nach Bielefeld. Weil in Island keine Züge vorhanden sind, war das unsere erste Zugreise und wir haben die erste Entdeckung über Deutschland und die Deutschen gemacht: Die Deutschen können sehr hilfsbereit sein und es gibt Dinge in diesem Land, die es nicht in unserem gibt. Für uns war Deutschland groß und es ist so geblieben. Die deutschen Kirchen waren viel größer als bei uns und dort gibt es erstaunlich viele Angebote.

Pastor Svavar Jonson, Akureyri (Island)

 

Einfühlsame Menschen

Mindaugas Sabutis
 

Es ist ziemlich schwierig, kurz das Land der Reformation zu beschreiben. Trotzdem aber will ich einige Aspekte nennen:
1. Deutschland ist ein hoch entwickeltes Land mit einem großen geschichtlichen und kulturellen Erbe.
2. Deutschland ist ein Land mit einfühlsamen Menschen, die engagiert den Mitmenschen in der ganzen Welt helfen. Sie verwirklichen dies durch kirchliche und staatliche Projekte ebenso wie durch persönliches Engagement. Diese Unterstützung ist unentbehrlich für unsere Kirche in Litauen. Die Tradition der Hilfsangebote ist ein sehr gutes Beispiel für unsere Gläubigen.
3. Deutschland ist ein Land mit gutem Bildungsstand und qualifizierten Bürgern mit einem hoch entwickelten Berufsethos. Für unsere Kirche und unsere Sozialarbeiter ist Deutschland ein Beispiel dafür, wie Arbeit geplant, entwickelt und organisiert wird.
4. Deutschland ist ein sehr weltliches Land. Die Kirchen werden von der Säkularisation sehr beeinflusst. Für uns ist dies ein gutes Beispiel für den Prozess, der jetzt beginnt. Wir sehen in Deutschland eine Situation, die in unserem Land vielleicht in 15 Jahren eintreten wird.
5. Allgemein verbinden wir mit Deutschland eine gute Ordnung, Achtung, Qualität und Fortschritt.

Pfarrer Mindaugas Sabutis, Vilnius (Litauen)

 

Kein Interesse am Glauben?

Dr. Frederik Shoo
 
Fotos: privat
 

"Es kann nicht wahr sein, dass nur so wenige Menschen in diesem christlichen Land den Gottesdienst besuchen." So dachte ich, als ich 1988 nach Deutschland kam. In Tansania war ich Gottesdienste mit über tausend Teilnehmern gewohnt.
Warum kommen hier in Deutschland nur so wenig Menschen in den Gottesdienst? Nach einiger Zeit begriff ich, dass für viele Menschen hier der Sonntag mehr Ruhetag als Bettag ist. Aber wann und wo pflegen dann die Christen in Deutschland ihre geistliche Gemeinschaft, wie wir das bei uns in Tansania am Sonntag tun? Haben die Christen hier kein Interesse mehr an ihrem Glauben? Oder liegt es an den "veralteten" Liedern und Gottesdienstformen? Bei uns in Tansania werden diese Lieder, die die Missionare aus Deutschland mitbrachten, immer noch mit Begeisterung gesungen.
Viele Eltern wollen ihre Kinder in Deutschland nicht mehr zum christlichen Glauben erziehen, wie sich das Martin Luther, der Reformator, gewünscht hat: "Einen Bogen kann man nur biegen, solange das Holz noch weich ist." Ich kann Euch in Deutschland nur ermutigen, mehr über Euren Glauben zu sprechen, vor allem mit Euren Kindern. Die Kirche im Mutterland der Reformation ist aber dann doch lebendiger, als es anfangs für einen Besucher aus Afrika erscheint. Einige Bibelkreise waren für mich eine persönliche Bereicherung. Ich schätze die diakonische Arbeit der Kirche in Deutschland und ihr Engagement in meinem Heimatland Tansania sehr.
Die Kirche hat überall die Aufgabe, Licht und Salz zu sein. Wenn die Gefahr besteht, dass das Evangelium verdunkelt wird, muss die Kirche reformatorische Maßnahmen ergreifen. Der zunehmende Materialismus und seine geistlichen Folgen machen es nötig, dass die reformatorische Erkenntnis von der Lebenserneuerung durch den Glauben an Gottes Wort immer wieder zur Sprache gebracht wird.

Pfarrer Dr. Frederik Shoo, Mwika (Tansiana)

 


Vergebung befreit zu einem neuen Leben

Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. (1. Johannesbrief 2,12)



 
Foto: privat
 

Er ist 72 Jahre alt, ein kleiner drahtiger Mann mit kurzen grauen Haaren. Die Augen schauen aufmerksam seine Zuhörerinnen und Zuhörer an: junge Leute zwischen 15 und 25 Jahren. Sie wirken interessiert und zugleich beklommen. "Ich freue mich, dass Ihr jungen Menschen hier seid um mir zuzuhören", so beginnt Dr. Jack Terry und lächelt freundlich. "Eines will ich euch gleich am Anfang sagen: Ihr seid nicht schuld!" Fast hörbar fällt die Spannung von den Jugendlichen ab. Sie wirken erleichtert, atmen zuerst einmal durch.

Der 72-Jährige hieß früher einmal Jakob Szabmacher. Als er 15 Jahre alt war - also so alt wie die jungen Leute vor ihm - hatte er mehrere Konzentrationslager überlebt. Die Jugendlichen sind Teilnehmende des Internationalen Jugendtreffens in der Gedenkstätte Flossenbürg. Sie begegnen hier Überlebenden des ehemaligen Konzentrationslagers. Mir fiel dieses Erlebnis ein, als ich die ersten Worte aus dem Johannesbrief las. "Liebe Kinder", fast so hat Jack die Erzählungen über seine Erlebnisse begonnen. Allein schon seine Worte: "Ihr tragt keine Schuld an dem was damals passiert ist" führten bei den Jugendlichen, die ja tatsächlich keine Schuld an dem haben, was ihm zugefügt wurde, zu einem Aufatmen. Um wieviel mehr kann es uns auf-atmen lassen, wenn da einer sagt oder schreibt, dass uns die Sünden vergeben sind um Jesu Namen willen.

Aber ist das wirklich so leicht mit der Vergebung? Eher kennen wir aus unserer Kinderzeit: "Wie du mir - so ich dir". Kräftige Prügeleien waren meist das Ergebnis: zerfetzte Hemden, Kratzer im Gesicht, vielleicht auch eine blutende Nase oder ein blaues Auge. Ein paar Tage später spielten wir dann wieder miteinander. "Geben wir uns die Hand" und das Gewesene war vergeben. So leicht geht das bei Kindern.

Ob der Schreiber seine Briefempfänger deshalb so anredet? Die Erwachsenen scheinen sich mit dem Vergeben etwas schwerer zu tun, oft ein ganzes Leben lang. In der großen Politik wird es uns vorgemacht: der jetzige Präsident der USA begründet seine Kriegspläne damit, dass der irakische Präsident seinem Vater nach dem Leben getrachtet habe. Da geht es noch gar nicht um Vergebung. Die kann man niemandem verordnen. Da heißt es: wie du mir, so ich dir noch mehr.

Der Teufelskreis von Rache und Vergeltung aber wird durch Vergebung durchbrochen. Vergebung redet nicht schön. Da werden die Tatsachen beim Namen genannt. So hat Vergebung viel mit Erinnerung zu tun. Dankbarkeit etwa ist eine freu-dige Erinnerung und Schuld ist eine anklagende Erinnerung. Unruhe, Angst, Misstrauen mit Symptomen wie Nervosität, oder Schlaflosigkeit sind Wunden, die die Erinnerung an Schuld uns schlägt. Die Psalmen der Bibel beschreiben das sehr plastisch.

Wir neigen oft dazu, solche schmerzlichen Erinnerungen in einer Ecke des Vergessens zu verstecken. Wir wollen die Schmerzen der Vergangenheit vergessen, unsere persönlichen, gemeinsamen und nationalen Erschütterungen und leben, als ob sie nicht wirklich geschehen seien. So aber entziehen sie sich der Heilung und verursachen viel Leid, für uns und andere. Wenn wir Teile unserer Geschich-te verbergen, nicht nur vor uns selbst, sondern auch vor Gottes Auge, dann beanspruchen wir eine gottgleiche Rolle für uns selbst. Wir machen uns zu Richtern über unsere eigene Vergangenheit und geben Gottes Erbarmen über uns keinen Raum. Unsere menschlichen Wunden, unausgeprochene oder verdrängte Schuld sind eng mit dem Leiden Gottes verbunden. Die Erinnerung an Jesus Christus, wie wir sie im Abendmahl feiern, bedeutet, die Verbindungen aufzudecken zwischen unseren Leiden und der Geschichte von Gottes Leiden in Jesus Christus. Indem wir vergessene schmerzliche Erinnerungen aus dem "ich-bezogenen, privaten Versteck" herausholen und bekennen, heilt Christus unsere Schmerzen. Um seinetwillen wird uns vergeben.

Ja, Schuld kann vergeben werden. Mit Erklären und Verdrängen kann man sie nicht abschaffen. Vergeben kann nur der, an dem ich schuldig geworden bin. Sagt er mir, dass er meine Schuld ertragen und mich trotzdem akzeptieren will, dann bin ich von der Schuld befreit. Ich kann ein neues Leben beginnen.

Alle Schuld, jedes Vergehen gegen das Leben und die Gesundheit eines Menschen und auch gegen das Leben in der Schöpfung ist Schuld vor Gott, dem Schöpfer des Lebens. So werde ich immer wieder schuldig und bin auf Gottes Vergebung angewiesen. Wo ich sie annehme, bin ich befreit zu einem neuen Leben nach seinem Willen. Darum machen die Worte aus dem Johannesbrief Mut und lassen uns aufatmen: "Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um Jesu Namen willen."

Pfarrer Karlhermann Schötz, Flossenbürg

Wir beten: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Amen.

Lied 602: Vergiss nicht zu danken.

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