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Wie Pfarrer aus dem
Ausland das Mutterland der Reformation heute sehen
Wie sehen Pfarrer aus dem Ausland das Mutterland der Reformation? Das fragte die Sonntagsblatt-Redaktion eine Pfarrerin aus Brasilien sowie Pfarrer aus Island, Litauen und Tansania. Die verschiedenen Antworten zeigen, wie lutherische Theologen aus anderen Ländern über Deutschland und die Kirche hier denken. Kein lebendiger Glaube?
Ich hatte die Gelegenheit Deutschland
kennenzulernen, als ich im Rahmen eines Austauschprogrammes für Theologiestudenten
von 1989 bis 1990 in Deutschland studierte. Seitdem habe ich Deutschland
dreimal für einige Wochen besucht. Pastora Clair Cristina Menzinger, Blumenau (Brasilien)
Große Kirchen mit Angeboten
Die erste Begegnung mit Deutschland: Nach unserer Hochzeit im Jahre 1983 hatten wir eine abenteuerliche Schiffsreise von Reykjavik nach Bremerhaven. Von dort aus ging es mit der Bahn weiter nach Bielefeld. Weil in Island keine Züge vorhanden sind, war das unsere erste Zugreise und wir haben die erste Entdeckung über Deutschland und die Deutschen gemacht: Die Deutschen können sehr hilfsbereit sein und es gibt Dinge in diesem Land, die es nicht in unserem gibt. Für uns war Deutschland groß und es ist so geblieben. Die deutschen Kirchen waren viel größer als bei uns und dort gibt es erstaunlich viele Angebote. Pastor Svavar Jonson, Akureyri (Island)
Einfühlsame Menschen
Es ist ziemlich schwierig, kurz
das Land der Reformation zu beschreiben. Trotzdem aber will ich einige
Aspekte nennen: Pfarrer Mindaugas Sabutis, Vilnius (Litauen)
Kein Interesse am Glauben?
"Es kann nicht wahr sein, dass
nur so wenige Menschen in diesem christlichen Land den Gottesdienst besuchen."
So dachte ich, als ich 1988 nach Deutschland kam. In Tansania war ich
Gottesdienste mit über tausend Teilnehmern gewohnt. Pfarrer Dr. Frederik Shoo, Mwika (Tansiana)
Vergebung befreit zu einem neuen Leben
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Foto: privat
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Er ist 72 Jahre alt, ein kleiner drahtiger Mann mit kurzen grauen Haaren. Die Augen schauen aufmerksam seine Zuhörerinnen und Zuhörer an: junge Leute zwischen 15 und 25 Jahren. Sie wirken interessiert und zugleich beklommen. "Ich freue mich, dass Ihr jungen Menschen hier seid um mir zuzuhören", so beginnt Dr. Jack Terry und lächelt freundlich. "Eines will ich euch gleich am Anfang sagen: Ihr seid nicht schuld!" Fast hörbar fällt die Spannung von den Jugendlichen ab. Sie wirken erleichtert, atmen zuerst einmal durch.
Der 72-Jährige hieß früher einmal Jakob Szabmacher. Als er 15 Jahre alt war - also so alt wie die jungen Leute vor ihm - hatte er mehrere Konzentrationslager überlebt. Die Jugendlichen sind Teilnehmende des Internationalen Jugendtreffens in der Gedenkstätte Flossenbürg. Sie begegnen hier Überlebenden des ehemaligen Konzentrationslagers. Mir fiel dieses Erlebnis ein, als ich die ersten Worte aus dem Johannesbrief las. "Liebe Kinder", fast so hat Jack die Erzählungen über seine Erlebnisse begonnen. Allein schon seine Worte: "Ihr tragt keine Schuld an dem was damals passiert ist" führten bei den Jugendlichen, die ja tatsächlich keine Schuld an dem haben, was ihm zugefügt wurde, zu einem Aufatmen. Um wieviel mehr kann es uns auf-atmen lassen, wenn da einer sagt oder schreibt, dass uns die Sünden vergeben sind um Jesu Namen willen.
Aber ist das wirklich so leicht mit der Vergebung? Eher kennen wir aus unserer Kinderzeit: "Wie du mir - so ich dir". Kräftige Prügeleien waren meist das Ergebnis: zerfetzte Hemden, Kratzer im Gesicht, vielleicht auch eine blutende Nase oder ein blaues Auge. Ein paar Tage später spielten wir dann wieder miteinander. "Geben wir uns die Hand" und das Gewesene war vergeben. So leicht geht das bei Kindern.
Ob der Schreiber seine Briefempfänger deshalb so anredet? Die Erwachsenen scheinen sich mit dem Vergeben etwas schwerer zu tun, oft ein ganzes Leben lang. In der großen Politik wird es uns vorgemacht: der jetzige Präsident der USA begründet seine Kriegspläne damit, dass der irakische Präsident seinem Vater nach dem Leben getrachtet habe. Da geht es noch gar nicht um Vergebung. Die kann man niemandem verordnen. Da heißt es: wie du mir, so ich dir noch mehr.
Der Teufelskreis von Rache und Vergeltung aber wird durch Vergebung durchbrochen. Vergebung redet nicht schön. Da werden die Tatsachen beim Namen genannt. So hat Vergebung viel mit Erinnerung zu tun. Dankbarkeit etwa ist eine freu-dige Erinnerung und Schuld ist eine anklagende Erinnerung. Unruhe, Angst, Misstrauen mit Symptomen wie Nervosität, oder Schlaflosigkeit sind Wunden, die die Erinnerung an Schuld uns schlägt. Die Psalmen der Bibel beschreiben das sehr plastisch.
Wir neigen oft dazu, solche schmerzlichen Erinnerungen in einer Ecke des Vergessens zu verstecken. Wir wollen die Schmerzen der Vergangenheit vergessen, unsere persönlichen, gemeinsamen und nationalen Erschütterungen und leben, als ob sie nicht wirklich geschehen seien. So aber entziehen sie sich der Heilung und verursachen viel Leid, für uns und andere. Wenn wir Teile unserer Geschich-te verbergen, nicht nur vor uns selbst, sondern auch vor Gottes Auge, dann beanspruchen wir eine gottgleiche Rolle für uns selbst. Wir machen uns zu Richtern über unsere eigene Vergangenheit und geben Gottes Erbarmen über uns keinen Raum. Unsere menschlichen Wunden, unausgeprochene oder verdrängte Schuld sind eng mit dem Leiden Gottes verbunden. Die Erinnerung an Jesus Christus, wie wir sie im Abendmahl feiern, bedeutet, die Verbindungen aufzudecken zwischen unseren Leiden und der Geschichte von Gottes Leiden in Jesus Christus. Indem wir vergessene schmerzliche Erinnerungen aus dem "ich-bezogenen, privaten Versteck" herausholen und bekennen, heilt Christus unsere Schmerzen. Um seinetwillen wird uns vergeben.
Ja, Schuld kann vergeben werden. Mit Erklären und Verdrängen kann man sie nicht abschaffen. Vergeben kann nur der, an dem ich schuldig geworden bin. Sagt er mir, dass er meine Schuld ertragen und mich trotzdem akzeptieren will, dann bin ich von der Schuld befreit. Ich kann ein neues Leben beginnen.
Alle Schuld, jedes Vergehen gegen das Leben und die Gesundheit eines Menschen und auch gegen das Leben in der Schöpfung ist Schuld vor Gott, dem Schöpfer des Lebens. So werde ich immer wieder schuldig und bin auf Gottes Vergebung angewiesen. Wo ich sie annehme, bin ich befreit zu einem neuen Leben nach seinem Willen. Darum machen die Worte aus dem Johannesbrief Mut und lassen uns aufatmen: "Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um Jesu Namen willen."
Pfarrer Karlhermann Schötz, Flossenbürg
Wir beten: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Amen.
Lied 602: Vergiss nicht zu danken.
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