Evangelisches Sonntagsblatt
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 42)

Das Plakative ins Bild rücken

Streifzug durch die Pinakothek der Moderne aus christlicher Sicht

 
Foto: gük
 
 

Wer den riesigen Gebäudekomplex von außen betrachtet, ahnt nichts von den Schätzen, die sich dahinter verbergen. Ein grauer Riese aus Stein, kein Wegweiser weit und breit - am besten reiht man sich in den Strom der Menschen ein, die dem etwas versteckten Eingang entgegen streben. Zahlreiche Münchner Schulklassen, aber auch englische und französische Besuchergruppen sind in die Barer Straße 40 gepilgert, um die Pinakothek der Moderne unter die Lupe zu nehmen. Rund 400.000 Gäste waren es bisher. Und das ist enorm. Schließlich wurde das Kunsthaus in der bayerischen Landeshauptstadt erst am 16. September eröffnet. Mittlerweile wird es wegen seiner Dimension (12.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche) bereits mit dem Centre Pompidou in Paris oder der Tate Modern in London verglichen.

Farbenfroher Einblick

Die Pinakothek der Moderne bietet unter einem Dach einen farbenfrohen Einblick in die freie und angewandte Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Palette reicht von Gemälden und Skulpturen über Videoinstallationen und Fotografien bis hin zu Architekturmodellen und Design-Objekten unserer Zeit. Hauptwerke der klassischen Moderne von Beckmann, Kandinsky, Klee, Magritte und Picasso bilden dabei einen Schwerpunkt im Sammlungsbereich der Kunst. Nachfolgende Generationen werden durch Bacon, Baselitz, Beuys und Warhol vertreten. Und es sind auch zahlreiche Werke zu finden, die sich mit christlichen Themen und Symbolen auseinandersetzen.

So rückte beispielsweise Emil Nolde 1910 mit dick aufgetragenen Pinselstrichen den "Tanz um das Goldene Kalb" ins Bild. Franz Marc lässt 1912 noch einmal "Die Hirten" nach Bethlehem aufbrechen. Der Spanier Antonio Sauro verbindet in seinem Ölbild "Die Kreuzigung" (1959) die Qual des Gekreuzigten mit eigenen Leidenserfahrungen. Und er wählte dazu die im christlichen Bereich bekannte Form des Triptychons, ein dreiteiliges Tafelbild, das auf vielen Altären in Kirchen zu finden ist. Ebenfalls mit einem Triptychon widmet sich Max Beckmann 1936/37 der "Versuchung des Heiligen Antonius". Das Thema ist in der christlichen Kunst häufig zu entdecken, man denke an Hieronymus Bosch oder an den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald.

Ungewöhnlich und provokant wirken das düstere Bildnis "Der rote Christus" (1922) von Lovis Corinth und die "Kreuzigung" (1965) von Francis Bacon. In Corinths Interpretation verwandelt sich das Passionsgeschehen in ein grausames Menschenopfer, in dessen Blutsee Maria und Johannes zu versinken drohen. Auch hier spielen persönliche Motive eine wichtige Rolle. Nicht zu verkennen ist die Porträt-Ähnlichkeit des Gekreuzigten mit dem Künstler. Seit seinem Schlaganfall 1911 betrachtete Lovis Corinth den Tod als ständigen Wegbegleiter. Auch Francis Bacon greift mit seinem "Kreuzigungs-Triptychon" auf ein christliches Motiv zurück, um darzulegen: Die Situation des Menschen ist von Einsamkeit und Vergänglichkeit geprägt.

Spannend bei diesem Rundgang durch die Pinakothek der Moderne ist, auf welch vielfältige und einfallsreiche Weise die Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts aktuelle Fragestellungen und Entwicklungen zur Sprache bringen: die veränderte Wahrnehmung der Menschen, ihr neues Realitätsverständnis, die Kurzlebigkeit von Trends und die Schnelligkeit menschlichen Umgangs. In ihrer Kunst weichen sie diesen grundlegenden Erfahrungen nicht aus, sondern konfrontieren den Betrachter damit - ohne sie schön zu reden und sicherlich an vielen Stellen überzeichnend. Eine der Damen, die eine Gruppe von Besuchern durch die Ausstellung führt, formuliert es so: "Die Kunst der Moderne neigt zur Übertreibung." Es komme ihr nur noch darauf an, möglichst plakativ zu arbeiten. Da die Menschen heute nicht mehr die Zeit hätten, sich ausführlich mit Kunst zu beschäftigen, müsse alles sofort und auf den ersten Blick wirken.

Anfrage an die Kirche

Für die fachkundige Führerin ist dies übrigens auch ein Grund dafür, warum christliche Kunst nur noch wenige Zeitgenossen anspricht. "Bei diesen Werken muss man die biblische Geschichte kennen, die dahinter steckt." Und das sei heutzutage nicht mehr als selbstverständlich vorauszusetzen. Die Pinakothek der Moderne ist in dieser Hinsicht auch eine Anfrage an die Kirche und ihre Mitglieder: Muss Verkündigung - im Gottesdienst, in der Gemeindearbeit oder im Bereich der Kunst - möglichst plakativ werden, damit sie überhaupt noch Gehör findet? Oder sollen Christen dieser sich häufig nur noch plakativ und kurzlebig verständigenden Welt mehr Tiefgang und Sinngebung als Alternative entgegensetzen?

Günter Kusch

 


Einer für alle, alle für einen

Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied. (1. Korinther 12, 12-14.26-27)



 
Foto: Wodicka
 

Es muss die Gefühle der ersten Christen stark bewegt haben, als Paulus die Gemeinde mit einem Leib verglich, in dem alle Glieder füreinander da sind und einander ergänzen. Und als er noch eins drauf setzte und hinzufügte, sie wären nicht irgendein Leib, sondern der Leib Christi, da kam es vermutlich zu einem überwältigenden Wir-Gefühl unter den Menschen. Wir, der Leib Christi! Eine Gemeinschaft, vergleichbar den drei Musketieren, deren Motto "Einer für alle und alle für einen!" wahrscheinlich den meisten Europäern ein Begriff ist. Ihre Geschichte wurde schon oft verfilmt, jedes Mal mit den bedeutends-ten Schauspielern der jeweiligen Generation. Wohl jeder Mensch wünscht sich solche zuverlässigen Freunde wie die drei Musketiere, so eine starke Gemeinschaft, in der jeder für jeden eintritt, einer für alle, wenn es sein muss, alle für einen.

Der christliche Glaube passt sehr gut mit dem Motto der Musketiere zusammen, schon deshalb, weil ja Christus mit seinem Leben für uns eingetreten ist, einer für alle, ohne Bedingungen, ohne zu fragen, was für ihn dabei heraus springt. Er muss wohl, so denke ich mir, voller Vertrauen gewesen sein, sowohl gegenüber Gott, dass der ihn nicht im Stich lassen würde, als auch gegenüber den Menschen, für die er sein Leben gab, dass sie ihn nicht einfach vergessen. Solches Vertrauen in "die anderen" würde auch der christlichen Gemeinde gut stehen. Christliche Gemeinde ist ja nicht als Selbstbedienungsladen gedacht, zu dem jeder gehen kann, wann es ihm beliebt, und nehmen kann, was er gerade nötig zu haben glaubt. Gemeinde soll, wenn wir Christen dem Vorbild Christi nachfolgen wollen, eine Gemeinschaft sein - eine starke Gemeinschaft. Viele Glieder an einem Leib, so beschreibt es der Apostel Paulus.

Doch das Bild von den vielen Gliedern passt nur bedingt zur christlichen Gemeinde. Denn bei einem Leib ist es unmöglich, dass ein einzelnes Glied aus der Reihe tanzt, sich selbstständig macht und nur noch seine eigenen Interessen verfolgt. In der Gemeinde hingegen ist es denkbar, dass einzelne Glieder sich der Gemeinschaft entziehen. Einzelne Glieder? In manchen Gemeinden ist es schon so, dass nur noch wenige die Gemeinschaft suchen, wenige in die Kirche kommen oder zu den Gruppen und Kreisen, die die Gemeinde anbietet, wenige bereit sind, mit anzupacken. Viele haben schon nachgegrübelt, woran das liegen mag. Leichter ist es herauszufinden, was Christen zu ihrer Gemeinde hinzieht.

Ich suche die Gemeinschaft anderer Christen, weil ich mir von ihnen einen freundlichen, rücksichtsvollen Umgang erwarte, Hilfe und Anteilnahme, die Arbeit an gemeinsamen Zielen. Ich bin auf der Suche nach Menschen, die bereit sind, füreinander einzutreten, weil Christus für sie eingetreten ist. Ich warte auf eine Welt, in der es kein Gegeneinander mehr gibt, sondern nur noch ein Miteinander, in der Menschen an den Freuden und Leiden anderer teilhaben, einander stärken und helfen.

Nicht immer wird die Gemeinde diesen Erwartungen gerecht. Auch unter Christen gibt es gegensätzliche Meinungen, Streit und böse Worte. Meine Hoffnung ist nur, dass wir Christen rechtzeitig merken, wenn der "Leib", die Gemeinde, an irgendeiner Stelle eine Wunde hat, und uns bemühen, das Kranke wieder heil zu machen.

Pfarrer Michael Weber, Bechhofen

Wir beten: Herr Jesus Christus, vorbehaltlos bist du für uns eingetreten, hast dich für uns ans Kreuz schlagen lassen, einer für alle. Stärke uns den Glauben, hilf uns die Selbstsucht überwinden, damit auch wir füreinander eintreten, miteinander leiden, uns für die anderen freuen, alle für einen. Amen.

Lied 649: Herr, gib du uns Augen.

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