Evangelisches Sonntagsblatt
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 38 )

Warum sollen Christen zur Wahl gehen?

Ehemalige Politiker geben Antworten - Keine "Ohne mich"-Haltung

Glaube und Politik - lässt sich das vereinbaren? Man denke nur an den jahrzehntelangen Streit um die Bedeutung der Bergpredigt. Immer wieder fiel dabei der Satz, den Otto von Bismarck geprägt hatte: "Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen." Seitdem war oft zu hören, Christen hätten sich aus der Politik herauszuhalten. Die Frage ist, mit Blick auf die Bundestagswahl am 22. September: Sollen Christen zur Wahl gehen? Das Sonntagsblatt befragte dazu Kirchenmitglieder, die einst selbst tatkräftig in der Politik mitgearbeitet haben.

Christliche Grundsätze

 
Norbert Eimer
 

Die Frage sollte ergänzt werden: "Warum sollte sich ein Christ politisch betätigen?" Die erste Frage lässt sich kurz beantworten. Ich will als Christ, dass Menschen die Geschicke des Staates lenken, deren moralische Grundsätze mit christlichen übereinstimmen oder zumindest sie nicht beeinträchtigen. Zweitens sollte sich jeder politisch betätigen, denn das heißt: sich einsetzen für seinen Nächsten und es nicht einigen wenigen - womöglich noch machthungrigen Menschen überlassen. Ich bin verantwortlich für meinen Nächsten, für sein Wohlergehen und das wird von nichts stärker beeinflusst als von der Politik.
Kann man mit christlichen Grundsätzen wie Feindes- und Nächstenliebe Politik machen? Wer die Bergpredigt genau nehmen will, muss erkennen, dass das, was von uns verlangt wird, kaum zu erfüllen ist. Zudem wird sie von vielen falsch ausgelegt. Wenn mich jemand auf die linke Wange schlägt, soll ich die andere auch hinhalten. Aber das heißt nicht, dass ich das von meinem Nächsten verlangen soll. Vielmehr muss ich ihn verteidigen. In der Politik geht es um die Hilfe, manchmal auch um die Verteidigung der Menschen, die durch die Wahl den gewählten Politikern Vertrauen entgegen gebracht haben. Dennoch kann man mit Feindes- und Nächstenliebe Politik machen.
Ein Beispiel soll das zeigen: Außenminister Genscher zeigte Standfestigkeit gegenüber der aggressiven Politik der Sowjetunion, vergaß aber nie, freundschaftliche Gefühle gegenüber deren Bevölkerung und seinen Führern zu zeigen. Das schaffte Vertrauen bei Gorbatschow und ermöglichte die Entspannung. Nächstenliebe wirkt stärker als Hass und nirgends kann man es besser sehen als im Nahen Osten.

Norbert Eimer, ehemaliger Bundestagsabgeordneter (FDP)

 

Der Stadt Bestes suchen

 
Wolfgang Ullmann
 

Auch wo die Christengemeinde nur einen kleinen Teil der Bürgergemeinde ausmacht, ist das Ganze, und nicht nur der religiöse Bereich, Bewährungsfeld des christlichen Glaubens. Zur Nächstenliebe hat immer gehört, der Stadt Bestes zu suchen.
Der Stadt Bestes suchen, das heißt nicht nur für ehrenamtliches Engagement - etwa im Sinne diakonischer oder karitativer Aktivitäten - bereit zu sein. Nein - auch die normale politische Bürgerverantwortung für die Zusammensetzung der demokratischen Verfassungsorgane durch Wahlen muss in die Suche nach dem Besten einbezogen werden - auch wenn es ein ganz und gar weltliches Geschäft ist.
Auch wenn die aktuelle Frustration und Verweigerung gegenüber dem Deutschen Bundestag zu verstehen sind, halte ich einen Weg der Verweigerung für falsch. Gerade der Christ kann ihn nicht mitgehen. Denn erstens muss ein Christ allen Pauschalurteilen entgegen treten, im Blick auf die Würde und die nie aufgebbare Achtung des Einzelnen. Die beliebten Verdammungsurteile über "die Politiker" sind ungerecht, weil sie nicht berücksichtigen, dass es in allen Parteien anständige, kompetente und vertrauenswürdige Mitbürger gibt, die nicht herabgewürdigt werden dürfen und die darum auch wählbar sind.
Zweitens sind bei der Wahl Entscheidungen zu treffen, denen sich kein Bürger und keine Bürgerin entziehen kann. Etwa die Entscheidung darüber, welche Stimmabgabe dazu helfen kann, dass im Bundestag endlich wieder eine Opposition entsteht, die Meinungsbildung und Gesetzgebung auf sinnvolle Weise zu beeinflussen vermag. Da die Gerechtigkeit Gottes keiner religiösen Sondersphäre zugeordnet werden kann, hat am Ende auch die reine Weltlichkeit einer Wahl etwas mit dieser umfassenden Gerechtigkeit zu tun.

Wolfgang Ullmann, ehemaliger Bundestagsabgeordneter (Bündnis 90/Die Grünen)

 

In der Politik "Liebe üben"

 
Hans Roser
 

Jesus sagt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Damit normiert er das Verhältnis seiner Anhänger zum Staat und zu staatlichen Einrichtungen. Der 16. Artikel des Augsburger Bekenntnisses betont, dass Christen in den weltlichen Einrichtungen mitarbeiten können und dabei "christliche Liebe und rechte gute Werke" erweisen sollen, jeder an seinem Platz. Damals gab es kein Wahlrecht, wie wir es haben. Da schuldete (auch) der Christ der staatlichen Gemeinschaft hauptsächlich seine Steuer. Heute schuldet er ihr auch seine Stimme. Mit ihr ist er zu allererst beteiligt an der Gestaltung der Gemeinschaft.
Deshalb, so meine ich, sollten Christen zur Wahl gehen. Auch unsere Wählerstimme ist anvertrautes Gut. Ganz im Sinne Jesu machen die Bekenntnisschriften auch deutliche Aussagen darüber, wie sich Christen in der Politik verhalten sollen. Sie sollen politisch handelnd "Liebe üben". Ob das geht? Es geht, wenn man unter Liebe nicht naive Gefühligkeit versteht, sondern verantwortliches Entscheiden, welches das Wohl der andern und die Zukunft des Ganzen im Auge hat.

Hans Roser, ehemaliger Bundestags- und Europaabgeordneter (CSU)

 

Wahlrecht ist Wahlpflicht

 
Dieter Haack
 

In der grundlegenden Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahr 1985 mit dem Titel "Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie" steht zu Recht: "Die Christen sind aufgerufen, Leben und Gestaltung dieses Staates in der Richtung, in die seine geistigen Grundlagen weisen, als Teil ihrer christlichen Verantwortung anzunehmen." Teil der Verantwortung in einem demokratischen Staat ist die Ausübung des Wahlrechts. Da die Verbindung von Rechten und Pflichten zur Basis einer politischen und staatlichen Ordnung gehört, ist das Wahlrecht gleichzeitig eine Wahlpflicht.
Beim Wählen kann es für Christen keine "ohne-mich Haltung" geben. Dies sollte gerade für uns in Deutschland mit zwei Diktaturen im vergangenen Jahrhundert selbstverständlich sein. Auch wenn die aktuelle Politik den Eindruck erweckt, es gehe bei der Wahl ausschließlich um Machterhalt oder Machtgewinn, auch wenn nicht mehr um Ideen und Konzepte für die Probleme der Zukunft gerungen wird und nur noch Wahlkampftricks und -gags die Auseinandersetzung bestimmen, ist eine Flucht in die Wahlenthaltung verantwortungslos. Mit der Wahlbeteiligung machen wir auch deutlich, dass sich mit christlichen Grundsätzen Politik machen lässt. Das christliche Liebesgebot führt in der Politik zum Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität. Das christliche Friedensgebot unterstützt alle Bemühungen für eine gerechte Friedensordnung. Da wir als Christen wissen, dass wir in dieser Welt nicht im Paradies leben, muss unser politischer Einsatz immer auch realitätsbezogen sein.

Dieter Haack, ehemaliger Bundesbauminister (SPD)

 


Wegweisung

Der Herr ist gut und gerecht; darum weist er Sündern den Weg. Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg. Die Wege des Herrn sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten. Um deines Namens willen, Herr, vergib mir meine Schuld, die so groß ist! Wer ist der Mann, der den Herrn fürchtet? Er wird ihm den Weg weisen, den er wählen soll. Er wird im Guten wohnen, und sein Geschlecht wird das Land besitzen.
(Psalm 25, 8-13)



 
Foto: privat
 

Welchen Weg würden Sie gehen? Einer könnte in eine hintergründige Ferne führen. Überschaubar kurz hingegen sind die wenigen Schritte auf dem Weg zum rechten Bildrand. Was wird sich zeigen? Ein erstrebenswertes Ziel oder die Endstation an einem Abgrund? Bei beiden Wegen des Bildes ist es unseren Augen verborgen. Aber: Gilt das nicht allgemein? "Wir sind auf einem guten Weg". So oder ähnlich ertönt es aus dem Mund von Politikern und Führungskräften. Andere sollen überzeugt werden, die von ihnen vorgeschlagenen Ziele zu wählen und den eingeschlagenen Weg als Fortschritt zu erkennen. Wie erstrebenswert ist eine solche Art von Selbstsicherheit?

Wenige Tage nach der Aufnahme des nebenstehenden Fotos sind viele Wege in tiefer gelegenen Gebieten dieser Region im Elend der Hochwasserfluten versunken. Verloren für viele sind Wohnung, Besitz, Land, Sicherheit. Geblieben ist die Unsicherheit ob es jemals wieder so werden kann wie es wahr.

Werden wir nicht das Land, die Orte und Städte entlang unserer Flüsse verlieren? Dass der Weg in diese Katastrophe - auch im wahrsten Sinn des Wortes - durch Menschen gepflastert und versiegelt wurde, ist schon lange offensichtlich. Es sei denn es gilt weiterhin: "Das kann und darf doch nicht wahr sein."

Wer nach den Ursachen fragt, wird früher oder später am Lärm der Börsen nicht vorbeikommen. AG, die Abkürzung für "Aktiengesellschaft", beschreibt auch eine Richtung zur "allgemeinen Gier". Aber auch da gilt: So manche Wegweisung führte zum Nichts. "Wie gewonnen so zerronnen." Ist das nur das Gejammer von Schwarzsehern, die sich unbewusst als moderne Unheilspropheten verstehen? Oder ist es nicht vielmehr nötig noch deutlicher darauf hinzuweisen, dass der menschliche Machbarkeitswahn die Folge einer grundsätzlichen Zielverfehlung ist?

"Das Ziel verfehlen", so wird im Alten Testament das Wort "Sünde" verdeutlicht. Die Verse aus dem 25. Psalm sind wegweisend für alle, die auf dem falschen Weg sind. Für alle, die sich verirrt haben, weil sie die Beziehung zu ihrem Schöpfer und der Mitschöpfung anderen Zielen untergeordnet haben. Angesprochen und anzusprechen sind selbst diejenigen, die bewusst nur den eigenen Wegen vertrauen.

Der Liedermacher Manfred Siebald hat es in seinem Lied "Es geht ohne Gott in die Dunkelheit" so formuliert: "Gott, der uns nicht nötig hätte, will doch ohne uns nicht sein, auch wenn wir oft lieber unsre eigenen Wege gehen. Er lässt uns nicht laufen, lädt uns immer wieder zu sich ein. Kann uns denn eigentlich etwas Besseres geschehn?" Umkehr ist möglich. Sie erfordert allerdings unsere Bereitschaft, die Mühen des Rückwegs auf uns zu nehmen. Und: Auf dem Gemeinschaftsverhalten, das sich an seiner Wegweisung orientiert, liegt Gottes Verheißung.

Nicht nur für dieses Bild gilt: Wir können nicht wissen was "im Busch" ist. Ebenso wenig, was sich hintergründig und außerhalb unseres Blickwinkels offenbart. Sowohl auf dem Lebensweg einzelner Menschen als auch in der Geschichte der Völker können immer nur mehr oder weniger große Wegstrecken eingesehen werden.

Welchen Weg sollen wir gehen? Das Zögern ist verständlich. Die Psalmverse aber machen Mut für entscheidende Schritte im Bewusstsein, dass die erstrebenswerten Ziele nicht durch uns geschaffen werden. Wir begegnen ihnen vielmehr auf dem Weg des Vertrauens mit Gott. Letztlich ist er - jenseits alles Abgründigen - selbst das Ziel.

Dekan Hans Hager, Thurnau

Wir beten: Gott, unser Schöpfer. Wir bitten dich für unseren Lebensweg und die Wege der Völker: Gib Einsicht für richtige Entscheidungen, den Mut zu rechtzeitiger Umkehr und schenke die Aussicht, um nach deiner Weisung heute und morgen die nötigen Schritte zu tun. Amen.

Lied 395: Vertraut den neuen Wegen.

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