Evangelisches Sonntagsblatt
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 36 )

Landkarte für die Seele

Typologien helfen, sich und andere zu verstehen

Kirchenmusik
 
Pfarrer und Buchautor Andreas Ebert.
Foto: K. Ilgenfritz
 

"Ach, zur Zeit kann ich mich zu nichts aufraffen. Alles schiebe ich vor mir her." - "Du bist eben nicht umsonst eine NEUN. Aber tröste Dich, mir geht es nicht viel besser. Mit Trägheit haben wir NEUNer immer wieder zu kämpfen." Wer diesen kurzen Wortwechsel zweier Freundinnen hört, mag sich fragen, wovon da gesprochen wird. Klar, es geht einmal um die "Aufschieberitis". Aber da schwingt noch etwas anderes mit: Die beiden Frauen haben sich mit dem Enneagramm auseinandergesetzt. Das Enneagramm ist ein Modell, das die menschlichen Charaktere in neun verschiedene Typen einteilt. Die Typen haben keine speziellen Namen, sondern werden mit den Nummern von EINS bis NEUN bezeichnet.

Ordnung und Struktur

Kirchenmusik
 
Andreas Ebert über Sinn und Zweck von Typologien: "Sie sind so etwas wie Landkarten für die Seele. Eine Landkarte hilft zur Orientierung, sie zeigt Straßenverläufe und wo es Flüsse, Berge oder Seen gibt. Die Wirklichkeit kann jedoch keine Landkarte wiedergeben. Modelle wie das Enneagramm können ebenso Orientierung geben. Sie benennen die Eigenarten verschiedener Typen, was welchem Typ gut tut und ähnliches. Doch das ist alles theoretisch und schematisch. In der Realität sieht alles ganz anders aus. Zwei Menschen können der gleiche Typ sein - auch, wenn sie ganz unterschiedlich sind und wirken."
 

Typologien, die versuchen, Charaktere zu fassen und einzuteilen gibt es viele: Von der Astrologie über das Enneagramm bis hin zur klas-sischen Vierer-Einteilung, wie sie Fritz Riemann in seinen "Grundformen der Angst" beschreibt: die schizoide, depressive, zwanghafte und hysterische Persönlichkeit. Diese Modelle wollen menschliche Energien und Impulse ordnen und struk-turieren. Im folgenden liegt der Schwerpunkt auf dem Enneagramm, das christliche Wurzeln hat: Sie reichen in die Zeit des frühen Mönchtums der "Wüstenväter" zurück, vielleicht noch weiter. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es von anderen Strömungen beeinflusst, hat aber seinerseits auch außerchristliche Traditionen geprägt. Wie allen Typologien, wird auch dem Enneagramm vorgeworfen, es fördere in erster Linie das Schubladen-Denken. Ganz von der Hand zu weisen sind solche Vorurteile nicht. "Die Gefahr solcher Modelle ist es, sie zu missbrauchen, sich und andere in ein Schema zu zwängen und so gerade nicht zu wachsen, sondern zu erstarren", meint An-dreas Ebert. Der Münchner Pfarrer hat sich intensiv mit dem Enneagramm auseinandergesetzt und ein Buch darüber geschrieben (siehe Seite fünf). "Ende der 80er Jahre habe ich es durch Richard Rohr, einem amerikanischen Kollegen, kennengelernt und war begeistert." In der intensiven Auseinandersetzung "habe ich viele Aha-Erlebnisse gehabt". Besonders fasziniert hat ihn, dass das Enneagramm vom Positiven ausgeht und die Gaben eines Typs herausstreicht, bevor es Verstrickungen aufzeigt. "Jeder Mensch entwickelt in der Kindheit ein bestimmtes Verhaltensmuster, das ihn ein Leben lang bestimmt", schildert Ebert. "Wer sich seines Musters bewusst wird, sich mit sich selbst auseinandersetzt, kann an sich arbeiten." Klar ist für ihn, dass Selbsterkenntnis anspruchsvolle Arbeit und oft schmerzhaft ist. "Es gehört Mut dazu, sich auf den Weg zu machen." Manche Menschen würden es meiden, aus Angst, die eigenen Abgründe könnten sie verschlingen. "Als Christen können wir darauf vertrauen, dass Christus alle menschlichen Abgründe durchlebt hat und mit uns geht, wenn wir die ehrliche Auseinandersetzung mit uns selbst suchen."

Andere besser verstehen

Das Enneagramm hat in den letzten fünfzehn Jahren begeisterte Anhänger gefunden. Eine davon ist Helga Wacker: "Es ist eine tolle Möglichkeit, einerseits sich selbst besser kennen zu lernen, aber auch andere besser zu verstehen", sagt sie. Durch das Wissen könne sie manche Situationen viel besser einordnen. "Ich nehme längst nicht mehr so viel persönlich und kann auf andere bes- ser eingehen", schildert die 37-Jährige ihre Erfahrungen. Und noch etwas ist für sie wichtig: "Ich habe festgestellt, dass ich nicht die einzige bin, die mit bestimmten Denkweisen und Verhaltensmustern zu kämpfen hat." Es sei tröstlich zu wissen, dass andere ähnliche Probleme haben. Richtig verstanden kann das Enneagramm eine Chance zur eigenen Weiterentwicklung sein. "Man darf nur nicht den Fehler machen und meinen, man hätte seinen Typ gefunden und sich gewissermaßen darauf ausruhen", stellt Andreas Ebert klar. "Ich habe meinen Typ schon lange gefunden. Für mich ist die Auseinandersetzung mit meinem Enneagrammtyp wie ein Spiegel - und da entdecke ich immer wieder etwas an mir, was mir nicht passt." Sich einordnen zu können ist eine Sache, "an sich zu arbeiten, das bleibt einem ein Leben lang". Um den eigenen Typ zu finden, gibt es einen Enneagramm-Test, bestehend aus 115 Fragen. Er zeigt, welche Anteile von jedem Typ man hat. Es kann eine gute Hilfe sein, sich zu finden. "Aber das Testergebnis ist nur eine Momentaufnahme, der gleiche Test kann zwei Wochen später wieder anders ausfallen", meint Ebert. Doch sehr wahrscheinlich schlägt die Kurve bei einem Typ immer etwas weiter nach oben aus. Letztlich kann nur jeder selbst herausfinden, welcher Typ er ist. "Das Enneagramm ist differenziert, sodass ein Schubladen-Denken gar nicht so leicht möglich ist." Eine wichtige Rolle spielt die jeweilige Motivation für ein Verhalten - und die kann man nicht sehen.

Nur ein Werkzeug

"Aber vermutlich geht jeder durch diese Schubladenphase. Man darf da nur nicht stehen bleiben." Denn jeder Mensch ist ein Orginal und nicht in einer Typologie einzufangen. Andreas Ebert stellt klar: "Das Enneagramm ist ein gutes Werkzeug, die Wirklichkeit ist viel komplexer."

Karin Ilgenfritz

 


Seinen Freunden gibt er es im Schlaf

"Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und es- set euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf." (Psalm 127,1+2)



Fundament
 
Foto: epd-bild/ Thomas Lohnes
 

Seinen Freunden gibt er es im Schlaf? Wunderbar! Ein müder Mensch legt sich nieder. Arme schwer, Beine schwer, Lider schwer. Frische Bettwäsche duftet und kühlt die Haut. Es ist ruhig geworden draußen, und nach ein paar Seiten gemütlicher Lektüre knipst die Hand die Leselampe aus. Der Kopf sinkt ins Kissen, der Körper ruckt und zuckelt sich noch ein letztes Mal zurecht. Na dann: Gute Nacht, liebe Welt, du hast mich morgen wieder, wenn Gott es so will.
Im Schlaf erholen sich Körper, Geist und Seele. In den REM-Phasen (Rapid Eye Movement - Schlafphasen, in denen sich die Augen schnell bewegen) träumt ein schlafender Mensch. Der Körper schläft, die Psyche aber ackert und verarbeitet mit Träumen, was es an diesem und früheren Tagen zu erleben gab.
Manche, wie Jakob, erlebten viel mit Gott im Schlaf. Jakob träumte die Himmelsleiter. Und viele Völker glauben, dass Gott sich ihnen in Träumen und Gesichtern offenbart. Schlafzeit - Gotteszeit. Ohnmächtig, schutzlos, seiner selbst vergessen liegt ein Mensch da und schläft "süß und selig". Er schläft ein und vertraut darauf, dass ihm in dieser Nacht nichts geschehen wird; dass er morgen wieder aufwacht für einen neuen Tag. Er lässt seine Angst hinter sich, seine Macht, sein Glück und seinen Kummer, sogar seine Kinder. Zumindest bewusst sind sie ihm nicht im Schlaf. Er erholt sich stattdessen wie von selbst. Seinen Freunden gibt er es im Schlaf... Wer nicht genug Schlaf bekommt, ist ein gequälter Mensch. Das wissen Eltern mit kleinen Kindern, wenn der Nachwuchs ein paar Nächte in Folge zum Tag gemacht hat. Das wissen alte Menschen, die nur schlecht schlafen können. Das wissen alle, deren Sorgen oder Schmerzen sie am Schlafen hindern. Nicht umsonst wird Schlafentzug als Folter gezielt eingesetzt.
Wenn die körperliche Erholung, das süße Vergessen seiner selbst und die Seelenarbeit im Schlaf fehlen, dann wird ein Mensch müde und mürbe. Seinen Freunden gibt er es im Schlaf. Der Psalm ist keine Anleitung für gläubige Christen und Juden, sich zwecks Broterwerb ins Bett zu legen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Der nachfolgende 128. Psalm zeigt das in seinen ersten beiden Versen: "Wohl dem, der den Herrn fürchtet und auf seinen Wegen geht! Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit; wohl dir, du hast's gut!" Gerade den letzten Vers wird jede und jeder Arbeitssuchende gerne unterschreiben. Wer Arbeit hat, der ist gesegnet, der hat's gut. Und wer sie vom Schlaf erfrischt angehen kann, der hat's noch ein wenig besser.
Was ich Ihnen wünsche: Dass Sie gut schlafen und gut arbeiten können. Dass Sie ein neues Werk mit dem gleichen Gottvertrauen angehen wie jemand, der sich nachts beruhigt zum Schlafen ins Bett legt. Gottes Segen sei mit Ihnen und den Ihren.

Frank Nie, Stadtmission Nürnberg e.V.

Wir beten: Guter Gott, Tag und Nacht hast Du geschaffen, Zeit zum Arbeiten und Erholen, Zeit zum Sorgen und zum Feiern. Wovon du mir wie viel gibst, das weißt du allein. Heute bitte ich Dich: Mute mir nicht mehr zu als ich tragen kann und schenke mir bei allem die Gabe gut zu schlafen. Amen.

Lied 487: Abend ward, bald kommt die Nacht.

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