Evangelisches Sonntagsblatt
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 32 )

Das papierene Gedächtnis von Bayerns Protestanten

Das landeskirchliche Archiv in Nürnberg ist das größte kirchliche Archiv Deutschlands

Werner Jürgensen
 
Oberarchivrat Werner Jürgensen: "Wir klagen nicht nur über die Fülle unseres Archivs, das aus allen Nähten platzt, wir sind stolz darauf, das größte kirchliche Archiv Deutschlands zu sein."
 

Zwölf Regalkilometer ist es lang, das papierene Gedächtnis der bayerischen Landeskirche. In Nürnberg, in der Veilhofstraße 28, eingebunkert in ein villenähnliches Gebäude, in einem wunderschönen Park, umweht von einem Hauch südländischen Flairs. Drinnen in dem Bücherschloss riechts nach Papier, und Kaffee. Und dann diese Stille überall, fast bedrückend. Manchmal huscht eine mit Akten beladene Gestalt vorüber. Irgendwo am Ende eines langen Ganges fällt eine Tür ins Schloss - dann wieder Stille.

Jeder Raum, in den man hineinschauen kann, ist mit Akten und Büchern gefüllt bis an die Decke. Erinnerungen an Goethes Faust tauchen auf, die Stelle, wo er von einem Bücherhauf spricht, "den Würme nagen, Staub bedeckt, den bis ans hohe Gewölb hinauf ein angeraucht Papier umsteckt".

Bedeutendes Kirchen-Archiv

Im ersten Stock des Hauses sitzt der Chef der Sammlung, der Leiter des größten und bedeutendsten Kirchen-Archivs Deutschlands: Archiv-Direktor Dr. Helmut Baier, Präsident der Internationalen Sektion der Archive von Kirchen und Religionen. Von hier aus dirigiert er die Einsätze von rund zwei Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, allermeist Experten: Historiker, Archivare und Restauratoren.

Oskar Meissel
 
Der Restaurator Oskar Meissel ist schon über 30 Jahre am Archiv tätig. Er bringt mit Geschick und Fleiß altes Papier wieder in ansehnlichen Zustand
 

Was genau macht dieser Spezialtrupp mit den gewaltigen Papiermengen? Zunächst wird jedes Papier, das hier lagert oder angeliefert wird, auf seine Archivwürdigkeit hin untersucht. Nicht jedes Blatt ist es wert auf Dauer aufgehoben zu werden. So ist es allemal für den Archivar eine Gewissensfrage: Grüne Tonne oder Regal? Wer weiß, vielleicht wird gerade dieser "Fetzen" einmal ein Dokument von Bedeutung.

Dann wird geordnet, verzeichnet, durch ein Findbuch erschlossen, aufgestellt, also dem Forscher der eigenen Verwaltung für weitere Verwertung zugänglich gemacht. Alle Papiere berichten von der Vergangenheit, sind winzige Mosaikteilchen, die zu einem Ganzen zusammenwachsen und zu kirchlichem Kulturgut werden. Wer die zwölf Regalkilometer im Archiv abschreitet, dem wird deutlich, welche Menge historisches Kulturgut hier schlummert.

Vater des Archivs

1926 hat sich der Leiter des Predigerseminars und spätere Landesbischof Hans Meiser Gedanken gemacht über die vielen wertvollen Schriftstücke und Druckwerke in Pfarramtsregistraturen, Sakristeischränken und Pfarrhausdachböden. Es wurde ihm zum Grundsatz: es muss gerettet, gesammelt, geordnet und bewahrt werden. Schon 1930 wurde das erste Archivgesetz von der Landessynode beschlossen. Landesbischof Meiser darf der Vater dieses Archivs genannt werden. Bald türmten sich die Papierstapel. Neben vielen juristischen Dokumenten kamen auch bibliophile Kostbarkeiten ins Archiv. Ein Psalterium von 1260, die drei großen Bücher von Albrecht Dürer: die Apokalypse, das Marienleben und die Passion sowie Luther- und andere Reformationserstausgaben dürften die wertvollsten Stücke sein.

Die Akten über die Rechtsvorgänge des markgräflichen Konsistoriums Ansbach, Urkunden aus vorreformatorischer Zeit bilden einen besonders wichtigen Fond des Archivs. Mit den seit 1524 kontinuierlich geführten Trauaufzeichnungen der alten Nürnberger Pfarreien, verfügt das Archiv über die ältesten Kirchenbücher Deutschlands. Aus jüngerer Zeit sind Nachlässe, zum Beispiel von Oberkonsistorialpräsident D. Bezzel und Landesbischof Hans Meiser zu finden. - Die Reihe könnte beliebig fortgesetzt werden.

Ein lebender Organismus

 
"Christus in der Mandorla" - aus einem Psalter, 13. Jahrhundert. (Fotos: Spoerl)
 

Mit all diesen Materialien wird gearbeitet. Das Archiv ist also nicht ein riesiger Friedhof toten Papiers, vielmehr ein lebendiger Organismus. Dieser nimmt nicht nur einmalig gewisse Bestände auf, sondern erhält immer wieder neue Zuflüsse: pro Jahr rund 250 Regalmeter!

Längst platzt das Archiv in der Nürnberger Veilhofstraße aus allen Nähten. Der Restaurator leistet Sisyphusarbeit. Er hat zwar Helfer von außerhalb, allesamt versierte Fachleute, aber man kommt nicht nach. Mögen die Hilferufe aus Nürnberg, die Bitten um mehr Raum und Personal in München nicht ungehört verhallen, damit "das Defizit an Geschichtsbewusstsein in der bayerischen Landeskirche nicht um sich greift", wie der frühere Landesbischof Johannes Hanselmann einmal sagte.

Werner Spoerl

 


Wie es zum Umdenken und zur Umkehr kommt

Und der Herr sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte... Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, nahm der Reiche das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war. Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der Herr lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! ... Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann!
2. Samuel 12, 1 - 7a (in Auszügen)



Viel wird heute über die zunehmende Rücksichtslosigkeit und Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft, vor allem bei Jugendlichen, geklagt. Schuld seien die zunehmenden Gewaltdarstellungen in den Medien, die echte Gefühle nicht aufkommen lassen und so ein Klima der Gefühlskälte und Abstumpfung erzeugen. Nur wer sich nicht in einen anderen Menschen einfühlen kann, wer sich nicht hineinversetzen kann, wie tief körperliche oder seelische Gewalt verletzen und demütigen kann, wird einem anderen kaltblütig Schmerzen zufügen können.

Die Frage, die mich an dieser uralten Geschichte von König David interessiert, ist die, wie ein Mensch dazu kommen kann, Schuld, die er unstreitbar begangen hat, einzusehen und einzugestehen. Denn da lässt die Bibel keinen Zweifel daran aufkommen: David ist schuldig geworden, als er sich Bathseba, die Frau seines Soldaten Uria, zur Frau nimmt. Er ist schuldig geworden, als er Uria an vorderster Front im Feldzug einsetzen lässt, dort, wo er den Einsatz mit Sicherheit nicht überlebt. Und: David ist schuldig geworden gegenüber Gott, weil er dessen Gebote missachtet hat. Da wird nichts beschönigt oder vertuscht - auch wenn David der von Gott auserwählte König ist.

Evangelischer Jugendkutter Ein junger Mann beim Abdichten der Planken an dem Kutter "Lydia". Seit Juni schippert die "Lydia" als "Evangelischer Jugendkutter" über die Elbe und norddeutsche Küstengewässer. Er soll Jugendlichen nicht nur maritime Kenntnisse, sondern auch Werte "gegen Gewalt" vermitteln. (epd-bild/ Schulze)
     

Wie kommt nun David dazu, seine Schuld einzusehen? Der Prophet Nathan trägt David im Auftrag Gottes einen Rechtsfall zur Entscheidung vor. Es gehörte zu den Aufgaben des Königs, in strittigen Angelegenheiten Recht zu sprechen. Und offenbar hatte er die Gabe, gut zuhören zu können, sich einzufühlen in eine Situation und so Ungerechtigkeiten sensibel wahrnehmen zu können.

Der Prophet schildert den Fall sehr ausführlich. Vor allem stellt er die Situation des armen Mannes so genau wie möglich dar - nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch die Gefühle, die dabei mitschwingen. So dass David die Betroffenheit in sich selber spürt und regelrecht wütend wird über das Unrecht, das dem Armen geschehen ist. An diesem Punkt kann Nathan seinen Finger in die Wunde Davids legen, kann ihn darauf aufmerksam machen, dass er sich gerade selbst das Urteil gesprochen hat. Und David sucht keine Rechtfertigungen mehr. Er leugnet nicht, erkennt seine Schuld und gesteht sie sich, Gott und dem Propheten gegenüber ein. Ein heilsames Erschrecken über die eigene Schuld, das den Weg zur Umkehr eröffnet.

Dieses Einfühlen können in das Unrecht, das einem Opfer von Gewalt widerfahren ist, setzt auch bei jugendlichen Straftätern einen Prozess des Umdenkens in Gang. Bei einem so genannten Anti-Aggressions-Training werden sie mit aller Konsequenz an den Punkt gebracht, an dem sie ihre Versuche der Selbstrechtfertigung aufgeben und zu Gefühlen des Mitleids mit ihrem Opfer fähig sind. Ein Jugendlicher: "Am Ende habe ich mich gefühlt wie ein Opfer von mir..." Dann, wenn sich jemand schämt für das, was er einem anderen angetan hat, ist der Punkt zum Umdenken, zur Umkehr erreicht. Wichtig ist aber auch, gleichzeitig das Selbstwertgefühl der Jugendlichen zu stärken, dass sie spüren, sie sind akzeptiert und geschätzt; sie haben auch positive Fähigkeiten, die es zu fördern gilt.

Das Beispiel Davids und das Programm für gewaltbereite Jugendliche haben für mich eines gemeinsam. Für mich steckt dahinter die ureigenste christliche Botschaft: Gott liebt uns Menschen so, wie wir sind - auch mit unserer Neigung, immer wie-der an uns selbst, an anderen und an ihm, Gott, schuldig zu werden. Gott liebt den Sünder, aber er lässt die Sünde nicht durchgehen. Er möchte uns zur Umkehr bewegen und uns zu Menschen machen, die zur Liebe und zum Füreinander-Eintreten fähig werden. Er möchte uns zu seinen Söhnen und Töchtern machen, die sich von seinem Geist leiten lassen.

Pfarrerin Gudrun Saalfrank, Diebach/Dombühl

Wir beten: O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde, da, wo Streit ist. Amen

Lied 416: O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens.

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