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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 29)

82-Jährige: "Die Uni ist mein Lebenselixier"

Bamberger Pfarrerswitwe empfindet Seniorenstudium als große Bereicherung

Reinhild Schwenk
 
Seniorin im Lehrsaal: Reinhild Schwenk bei einer Vorlesung über Wirtschaftsgeographie
 

Beim 75. Geburtstag meinten die Kinder: "Mutter, du musst an dein Alter denken." Und sie rieten ihr, sich allmählich nach einem Platz im Altenheim umzuschauen. "Ich habe mich bereits angemeldet", erwiderte Reinhild Schwenk. Nach kurzer Pause fügte sie hinzu: "Als Gasthörerin an der Universität." Das war vor sieben Jahren. Seitdem besucht die in Bamberg lebende Pfarrerswitwe regelmäßig Vorlesungen und Seminare. Zwei bis dreimal pro Woche geht sie zum Studium. "Die Uni ist mein Lebenselixier. Sie bringt Dynamik in mein Leben", so die 82-Jährige.

Interesse am Islam

Als erstes beschäftigte sich die gebürtige Vogt-länderin mit griechischen Philosophen und mit Germanistik: "Mit der Entwicklung der deutschen Sprache habe ich mich grundlegend auseinander gesetzt." Besonders interessierte die rüstige Studentin auch der Islam. Sie informierte sich unter anderem über die historische Entwicklung der Religion. "Ich wollte mehr vom Islam wissen, um mit muslimischen Menschen besser umgehen zu können", sagt die sechsfache Mutter und elffache Großmutter. Vieles von dem was sie an der Uni hörte, habe ihr auch für die Praxis geholfen. Zum Beispiel für die Gespräche mit einer Enkelin, die mit einem aus dem Iran stammenden Muslimen verheiratet ist. Als es über die Rolle der Frau im Islam ging, konnte Reinhild Schwenk sehr kompetent mitreden.

Das Seniorenstudium sieht die ausgebildete Berufsschullehrerin, die als Pfarrfrau ihren Beruf an den Nagel hängen musste, nicht nur als Bereicherung für sich. "Ich behalte nicht alles für mich, sondern gebe es gern Anderen weiter." Ob Fragen von Geschichte, Wirtschaft, Schul-psychologie oder anderen Fachgebieten - die 82-Jährige unterhält sich gerne mit ihren Kindern und Enkelkindern darüber.

Respekt bei Professoren

Reinhild Schwenk
 
Blick auf die Übersicht am schwarzen Brett: In welchem Raum findet die Vorlesung statt? (Fotos: güs)
 

"Ich muss immer schauen, dass ich am Laufenden bleibe", sagt die rüstige Bambergerin. Sie sei nicht auf ein Fachgebiet fixiert, sondern interessiere sich für alle Sparten. An Vorlesungen und Seminaren beteilige sie sich aktiv. "Ich habe bei Diskussionen schon einiges zu sagen", erklärt die resolute Frau. "Bei Veranstaltungen in der katholischen Fakultät mache ich aus meinem evangelischen Glauben keinen Hehl." Das habe ihr Respekt bei Professoren und Mitstudierenden verschafft.

Ganz gezielt sucht sich Reinhild Schwenk die Lehrveranstaltungen aus. Vor 10 Uhr besucht sie keine Vorlesung: "Das ist mir zu früh." Weil sie unter Schwerhörigkeit leidet, geht sie nur zu den Professoren, die sie gut verstehen kann. In Lehrsälen setzt sie sich meistens in die erste Reihe. Dort kann sie am besten mithören.

Wenn die gebürtige Vogtländerin von ihrem neuen Lebensabschnitt erzählt, sprudelt es aus ihr nur so heraus. Zum Beispiel, dass sie im Januar auf einer alten Schreibmaschine eine Seminararbeit über das "Späte Hussitentum - die böhmischen Brüder" geschrieben hat, die mit gut bewertet wurde. Oder dass sie mit den Kommilitoninnen und Kommilitonen gut zurechtkommt. Sie habe da keine Probleme, Kontakte zu finden - im Gegenteil. Besonders gerne kümmere sie sich um ausländische Studentinnen und Studenten.

Gefragte Gesprächspartnerin

Mitstudierende schätzen es, sich mit ihrer fast 60 Jahre älteren Kommilitonin zu unterhalten. "Die Gespräche eröffnen den jungen Leuten neue Horizonte, weil sie aus einer für die Mitstudierenden längst vergangenen Zeit erzählt", berich-tet der Bamberger Studentenpfarrer Johannes Rehm. Deshalb sei Reinhild Schwenk für die jungen Menschen eine wichtige Dialogpartnerin und ein gutes Beispiel, wie Generationen miteinander reden können. Der Studentenpfarrer schätzt die Pfarrerswitwe als "besonders wache und aufnahmefähige Frau".

Für die 82-Jährige, der schon früh gesundheitliche Beschwerden zu schaffen machten, ist der erfüllte Lebensabend keine Selbstverständlichkeit: "Es ist viel Gnade, dass ich das erleben darf." Früher habe sie "mit etwas Furcht" dem Alter entgegen gesehen. Das Seniorenstudium mache ihr nun diese Zeit lebenswert. Kinder beruhigt Die Kinder übrigens sind froh über die Aktivitäten ihrer Mutter. Sie fragen immer wieder nach, ob sie sich für das nächste Semester als Gasthörerin eingeschrieben hat. "Wenn ich mit ,ja' antworte, sind sie beruhigt, weil sie wissen, mir geht es gut", erzählt die rüstige Studentin.

Günter Saalfrank

Stichwort: Seniorenstudium

Zahlreiche bayerische Universitäten bieten ein Studium für Senioren an. Spezielle Vorlesungsverzeichnisse zeigen, welche Veranstaltungen für Senioren geeignet sind. An der Universität Erlangen-Nürnberg zum Beispiel gibt es im Sommersemester 2002 in den verschiedenen Fachgebieten insgesamt über 150 solche Vorlesungen und Seminare: Von biblischer Theologie über Arabisch bis zur Vogelstimmenexkursion. Zwischen 100 und 110 Studierende schreiben sich im Schnitt pro Semester an der Universität Bamberg als Gast- oder Seniorenhörer ein. Die meisten von ihnen sind zwischen 60 und 70 Jahre alt. Über 80 sind nur ganz wenige. Sehr viele Veranstaltungen bieten die Sprach- und Literaturwissenschaften sowie die Geschichts- und Geowissenschaften an. güs

 

 


Gott dienen macht frei

Wie Ihr eure Glieder hingegeben hattet an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit zu immer neuer Ungerechtigkeit, so gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden. (Römer 6, 19)



Diakonisse
 
"Mein Lohn ist, dass ich dienen darf", lautete ein Wahlspruch der Diakonissen. Schwester Herta - studierte Sozialpädagogin - betreut kleine Kinder. Foto: Spoerl
 

Einmal ohne Verpflichtungen, ungebunden und frei sein - das wollen viele. Sie suchen es in den Wochen des Urlaubs. Diese gelten deshalb als "die Schönsten des Jahres". Die Sehnsucht nach einem Leben ohne Bindungen steckt tief. In vielerlei Hinsicht scheint sie heute in Erfüllung zu gehen - nicht nur in der Urlaubszeit. Vieles was früher Menschen verpflichtete an Bindungen, Ordnungen und Regeln gilt als verstaubt und überholt. Statt dessen heißt es: "Du musst dir nichts sagen lassen. Du stehst über der Sache. Du kannst selbst bestimmen."

Wenn der Apostel Paulus heute vom Dienen redete, käme er schlecht an. Was er Sünde nannte, heißt in unseren Tagen Freizügigkeit. Ein Leben frei von Gott, von seinem Willen und seinen Geboten ist für die Mehrheit etwas Gewöhnliches. Sind die Worte des Paulus deshalb von Gestern? Sie sind es dort nicht, wo er die Freiheit von Menschen in der Gottesferne anspricht: Dass jemand sich auslebt auf Kosten des Anderen. Dass beim "freien Wettbewerb" oft die Schwachen unter die Räder kommen.

Und auch dort ist Paulus aktuell, wo er feststellt: Solche Freizügigkeit macht Menschen kaum frei. Wo Gott nicht gedient wird, ist die Sünde Herr. Denn es gibt keinen Raum für ein ungebundenes, unverpflichtetes Leben. Der Apostel täte sich nicht schwer, genauso wie die Predigt heute, dafür Beispiele zu finden. Das meiste Elend unserer Zeit hat seine Wurzel in der Gottesferne. Das gilt für die Störungen beim menschlichen Zusammenleben im kleinen, persönlichen Kreis. Das findet sich bei den großen Zusammenhängen von Unrecht und Gewalt auf der weiten Welt. Sie sind oft tödlich. Das spüren und darunter leiden viele. Aber wer will es erkennen und zugeben: "Der Tod ist der Sünde Sold". Auch in unserer Welt bezahlen Menschen für die Sünde mit dem Leben.

Christen wissen das. Aber sie sollten sich nicht bei der Fahndung nach den vielen Arten des Bösen aufhalten. Für sie ist es wichtig, dass die Sünde ihre Macht verliert, wenn Gott gedient wird. Christus hat durch seinen Tod diese Freiheit geschaffen. Sie kann sich in jedem Menschenleben, das mit ihm verbunden ist, zeigen und bewähren. Gott dienen macht frei. Das ist eine große Erfahrung. Sie beginnt, wenn ich die göttlichen Gebote erlebe - nicht als Einschränkung, sondern als Maßstab für meine Entscheidungen.

Diese Erfahrung hilft mir, auszubrechen aus dem oft so engen Kreis meiner Wünsche und Begehrlichkeiten, aber auch meiner Bedenken und Ängste.

Wer Gott dient, ist nicht mehr ausgeliefert an die Gesetzmäßigkeiten und Zwänge, die unsere Welt bestimmen wollen. Sie verstecken sich oft unter dem Deckmantel der Freizügigkeit, der Mode und der öffentlichen Meinung. Gott dienen schenkt einen klaren Blick, der sich nicht täuschen und bestechen lässt. "Mein Lohn ist, dass ich dienen darf", lautete ein Wahlspruch der Diakonissen. Er war eine Zeit lang umstritten. Aber es geht dabei doch nicht um das Rechnen mit einem himmlischen Lohn. Oder um den geistlichen Hochmut anderen gegenüber, die ihren Dienst am Mitmenschen gegen Bezahlung leisten.

Gott dienen dürfen ist eine großartige Erfahrung, die weiterbringt: alle, denen in irgendeiner Weise geholfen wird, und die Dienenden selbst. So wenig von dem, was wir Menschen tun ist etwas Bleibendes. Doch im Dienen tut sich der Horizont der Ewigkeit auf. Das meint Paulus, wenn er von der Frucht der Heiligung spricht, die zum ewigen Leben reift.

Dekan Christoph Schmerl, Kitzingen

Wir beten: Herr Jesus Christus, du hast mir gezeigt, was es heißt, Gott zu dienen. Schenke mir dazu die Gelegenheit, die Kraft und die Ausdauer. Lass mich dabei meinen Nächsten helfen und selbst weiterkommen auf dem Weg zum großen Ziel. Amen.

Lied 419: Hilf Herr meines Lebens.

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