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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 27)

Urlauber, Verkündigung und Seelsorge

Gemeindeleben im Allgäu ganz anders als im evangelischen Kernland Franken

 
Hans Heidecker ist Pfarrer in einer landschaftlich schönen Gegend: Hier ein Blick von Balderschwang Richtung Riedbergpass.
 

Nein, Vergnügungssteuer zahlt er keine. "Aber ein bisschen was ist dran", räumt Pfarrer Hans Heidecker mit einem Schmunzeln ein. Und er berichtet davon, dass Dekan Hans-Gerhard Maser mit einem Augenzwinkern von einer Vergnügungssteuer sprach, als er ihn als Pfarrer in Fischen (Allgäu) einführte. "Hier als Pfarrer zu arbeiten ist schön, es macht mir viel Spaß." Vor vier Jahren kamen Heideckers in die oberallgäuer Gemeinde. Vorher waren sie fast neun Jahre in Gerolfingen am Hesselberg. "Dort fühlten wir uns auch sehr wohl. Letztlich kann man diese beiden Situationen nicht vergleichen", meint Heidecker.

Unterschiede

Einen Unterschied macht er gleich deutlich: Demnächst kommt die Chagall-Ausstellung in seine Gemeinde. "In Gerolfingen habe ich das in den Abkündigungen gesagt und damit war der Fall ziemlich erledigt." Hier packt er einige Plakate und Handzettel ins Auto und fährt los. Fast einen Vormittag ist er unterwegs und verteilt das Material an mehrere Hotels und Fremdenverkehrsämter mit der Bitte, das Plakat aufzuhängen und die Handzettel auszulegen. Das Personal ist gerne bereit dazu, die meisten kennen den evangelischen Pfarrer. "Die Konkurrenz in einer Touristengegend ist viel größer, da gibt es jede Menge Veranstaltungen und wir müssen für unsere gut werben."

 
Für die nahende Chagall-Ausstellung ist Hans Heidecker (li.) unterwegs, um Werbung zu machen. Hier bittet er einen Hotelbesitzer, das Plakat aufzuhängen und Handzettel auszulegen. "Gern", meint dieser - er ist übrigens evangelisch.
 

Damit beschreibt er einen wichtigen Teil seiner Arbeit: die Urlauberseelsorge. Allerdings täuscht der Begriff etwas. Damit sind längst nicht nur seelsorgerliche Gespräche gemeint - "die immer wieder vorkommen" -, sondern vor allem Planung und Durchführung von Veranstaltungen wie Berggottesdienste, Konzerte oder Vorträge. "In Franken musste ich viel Verwaltungsarbeit machen, hier habe ich eine Halbtagskraft, habe so mehr Zeit für Verkündigung, Seelsorge und Unterricht sowie für die Aufgaben, die mit Urlaubern zu tun haben. Und da fällt einiges an - auch Hochzeiten und Taufen. Rund 1,7 Millionen Übernachtungen waren es im letzten Jahr in seinem Gemeindegebiet.

Ein weiterer großer Unterschied ist die Zusammenarbeit mit katholischen Kollegen, die in Franken fast keine Rolle spielt. In einigen Orten seiner Gemeinde nutzt er die katholische Kirche. "Dass ich da rein darf, ist gar kein Problem." Es laufen auch einige gemeinsame Veranstaltungen. Zum Beispiel der Kinderbibeltag. "Da kommen zwischen 80 und 100 Mädchen und Jungen", erzählt Hans Heidecker. Wäre das eine rein evangelische Veranstaltung kämen allenfalls 20 Kinder.

 
Die Pfarrfamilie beim Mittagessen. "Seit langer Zeit kam mit uns eine Familie ins Pfarrhaus. Das war für die Gemeindeglieder neu", erzählt Manuela Heidecker. (Fotos: kil)
 

"Eine gute Freundin von mir in Fischen ist katholisch und in ihrer Gemeinde sehr aktiv", berichtet Pfarrfrau Manuela Heidecker. Mit ihr zusammen macht sie Angebote für Kinder. "Da ist den Fischingern gleich klar, dass das eine ökumenische Sache ist und viele Eltern schicken ihre Kinder." Überhaupt laufen viele Angebote für Kinder und Familien, was es in der Gemeinde vorher nicht so gab. "Das liegt wohl daran, dass wir selbst vier Kinder haben", meint die Pfarrfrau bescheiden. Andererseits gibt es in der evangelischen Gemeinde Fischen auch nicht besonders viele Kinder. Zahlreiche Gemeindeglieder sind Rentner. "Viele sind im Alter hergezogen und wollen hier ihren Lebensabend verbringen", schildert Hans Heidecker. Wer dann in der neuen Umgebung kaum Bekannte hat, sucht Anschluss in der Gemeinde. "Daher haben wir einen sehr aktiven Kern von Mitarbeitenden", freut sich der 43-Jährige.

"Doppelte" Gemeinde

Und noch eine Besonderheit: Offiziell zählt Heideckers Gemeinde rund 900 Seelen. "Dazu kommen noch 1.000 Zweitwohnsitzler", wie Heidecker sie nennt. Ein Teil davon ist fast das ganze Jahr da, andere nur in der Sommerzeit. Doch auch sie wollen etwas von ihrer evangelischen Gemeinde haben.

Der Pfarrer sucht den Kontakt zu seinen Gemeindegliedern: "Ich versuche, auch jüngere Leute an runden Geburtstagen zu besuchen." Und wenn das nicht klappt, ist eine Karte das Mindeste. Viel Zeit verbringt der vierfache Familienvater im Auto, denn das Gemeindegebiet ist groß. Acht größere Ortschaften und rund dreißig Weiler und Höfe gehören dazu. Nach Balderschwang muss er über den Riedbergpass - mit 1420 Metern der Höchste in Deutschland. Aber er tut es gern. "Der persönliche Kontakt ist das, was die Leute am ehesten bei der Kirche hält", weiß er. Gut, dass er nicht menschenscheu ist: "So viele unterschiedliche Menschen zu treffen, macht mir Laune."

Karin Ilgenfritz

 


Über die Gegenwart Gottes ins Staunen kommen

"Herr, du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst all meine Wege. (Psalm 139, 1-3)



 
 

David nimmt uns in sein persönliches Beten mit hinein. Er leidet unter Angriffen seiner Gegner, fragt nach dem richtigen Weg und ist zur Korrektur bereit. Viele Menschen aller Zeiten sind durch dieses Gebet ins Staunen gekommen und haben Kraft geschöpft für ihr Leben, besonders in Anfechtungs- und Krisenzeiten. Die drei Grunderfahrungen unserer Gottesbeziehung lauten: Gott du kennst mich. Wenn ich sitze oder stehe, so weißt du es. Wenn ich gehe oder liege, so bist du um mich. David zeigt das ständige Bewusstsein der Gegenwart Gottes. Darüber kommt er ins Staunen und Anbeten. Diese Erfahrung ist kein theoretischer Gedanke. Gottes Nähe spüren wir mitten im Alltag.

Sitzen: Ich wurde daran erinnert, wie viele Kilometer ich in meinem Auto sitze und die Bewahrung Gottes in Gefahrensituationen erlebe. Und in meinem Beruf als Verantwortlicher in der Jugendarbeit gibt es viele "Sitzungen" und Fachgespräche. Oft bete ich: Herr, gib uns die richtigen Gedanken, dass wir jungen Menschen etwas von deiner Liebe weitergeben können.

Stehen: Ich denke dabei an meinen früheren Arbeitsplatz in einem Ingenieurbüro. Den ganzen Tag standen wir vor den Zeichenbrettern. Das war anstrengend. Wenn ich auf einer Kanzel stehe und Gottes Wort predige, dann ist es meine innere Bitte: Herr, gib dass diese Worte deine Worte sind.

Gehen: Ich denke an manch schwere Wege an ein Krankenbett. Ich weiß nicht was ich sagen soll, meine Worte sind zu schwach, um zu trösten. Es ist wichtig, dass Gott selbst das Herz leidender Menschen erreicht. Deshalb will ich auf seine Weisung achten. Gott ist da wenn wir unterwegs sind in unserem täglichen Betrieb. Das ist Grund zum Danken.

Liegen: Auch hier sind wir von Gottes Schutz umgeben. Liegen ist ein Zeichen von Ruhe und gesundem Schlaf. In der Mitte der Nacht, wenn alles schwer über mich kommt, darf ich meine Lasten bei Gott abgeben. Es ist die Hand unseres himmlischen Vaters, die uns segnen will, damit unser Leben gelingt. David fasst diese unfassbare Erfahrung großartig zusammen: Ich kann nur anbeten und staunen. Die zweite existentielle Grunderfahrung ist: Wir können uns vor Gott nicht verstecken. Immer wieder sind wir auf der Flucht vor Gott, vielleicht weil wir enttäuscht sind und voller Anklagen. Wir zweifeln an Gottes Liebe, wollen nicht mehr auf sein Wort hören und unser Gebet ist abgestorben. David zeigt: Gott ist immer da, auch wenn ich ihn in den Höhenflügen des Glücks vergessen will oder ihm in den tiefsten Depressionen der Angst abschwören möchte. Der lebendige Gott, der mich geschaffen hat, vergisst mich nicht. Das macht mir Mut, gerade auch für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

Noch eine Grunderfahrung des Lebens wird in diesem Psalm 139 sichtbar. Man kann die Fragen stellen: Gott, warum kennst du mich und warum bist du mir nahe jeden Augenblick? Herr, warum lässt du mich nicht einfach entfliehen? In sehr feinfühligen Worten betont der Psalm-Sänger: Gott hat uns gewollt und geschaffen. Wir sind Werke seiner Hand, stammen alle aus Gottes Werkstatt. Der Begriff "Nieren" im Luthertext unterstreicht das: Gott steht hinter der Entwicklung des Menschen im Mutterleib.

Die Bibel zeigt: der lebendige Gott hat uns schon bei der Schöpfung dieser Welt in seine Gedanken mit eingeschlossen. Aber auch in den Herausforderungen und Belastungen unserer Welt können wir bitten: Herr, leite mich auf ewigem Weg, so dass ich das Leben gewinne. Auch am Ende meiner irdischen Zeit bin ich bei dem lebendigen Gott nicht abgeschrieben. Dietrich Bonhoeffer unterstreicht den Psalm 139 mit der Frage: "Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, dein bin ich oh Gott".

Hans-Martin Stäbler, CVJM-Generalsekretär

Wir beten: Herr unser Gott, ich danke dir, dass du Ja zu meinem Leben sagst. Du kennst mich mit allen Stärken und Schwächen. Du kennst meine Freuden aber auch meine Belastungen und Sorgen. Vor dir muss ich mich nicht verbergen, denn du siehst mein Herz. Führe mich deinen Weg und gib mir Kraft und Mut zum Leben. Amen.

Lied 603: "Ich sitze oder stehe."

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