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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 25)

"Immer jemand Drittes mit dabei"

Beichtgeheimnis als Grundlage eines vertraulichen Gesprächs

 
In evangelischen Kirchen eher selten: Ein Schild im Wiener Stephansdom lädt zur Beichte ein. Foto: Wodicka
 

Wer einen Gerichtsreporter zum Thema "Beichtgeheimnis" befragt, erhält zuerst einmal eine Lektion in Sachen Geschichte. Der Blick fällt dabei auf das Jahr 1393, als ein gewisser Johannes Nepomuk von der Prager Karlsbrücke gestürzt wurde. Der Grund für dieses jähe Ende? Der gute Mann wollte dem rasend eifersüchtigen König Wenzel nicht verraten, was ihm die Königin im Beichtstuhl anvertraut hatte. So erzählt es zumindest die Legende - und auch Harald Baumer, der über neun Jahre für die "Nürnberger Nachrichten" als Gerichtsreporter unterwegs war. Ansonsten erinnert sich der Journalist an keinen Fall in Bayern, bei dem sich ein Geistlicher vor dem hohen Gericht auf sein Schweigerecht berufen hätte.

Ein Blick in die Pfalz

Anders sieht das schon in der Pfalz aus. Dort verweigerte die evangelische Kirche kürzlich einem Pfarrer die Aussagegenehmigung im so genannten Totschlagsprozess. Dieser war nämlich als Zeuge vor Gericht geladen worden. Noch in der Tatnacht hatte er mit dem Angeklagten, der seine Ehefrau erwürgt haben soll, eine vertrauliche Konversation geführt. Seitens der Landeskirche durfte der Geistliche jedoch über den Inhalt der Unterredung keine Aussage machen. Der Anwalt des Angeklagten reagierte mit Unverständnis. Schließlich hätte die Entbindung des Pfarrers von der Schweigepflicht seinen Mandanten entlasten können. Ein pfälzischer Oberkirchenrat mahnte an, dass Informationen aus einem seelsorgerlichen Gespräch grund-sätzlich nicht weitergegeben werden. Das Beichtgeheimnis sei ein "sehr, sehr hohes Gut", das geschützt werden müsse.

Laut bayerischem Pfarrergesetz, Paragraf 41 und 42, ist zwischen Beichtgeheimnis, Schweigepflicht und Dienstverschwiegenheit zu unterscheiden. Darauf verweist Jürgen Murr, Rechtsreferent im Landeskirchenamt München. Geistliche seien demnach verpflichtet, "das Beichtgeheimnis gegenüber jedermann unverbrüchlich zu wahren", erläutert er. Natürlich könne es vorkommen, dass der Seelsorger in Fällen, die nicht zur Beichte und zum "Begehren der Absolution" führen, von der Schweigepflicht entbunden würde. Trotzdem sollte er dann "sorgfältig prüfen, ob und inwieweit er Aussagen oder Mitteilungen verantworten kann", zitiert Murr die Rechtslage.

"Das Beichtgeheimnis ist radikal", so bringt es Manfred Seitz auf den Punkt. Der emeritierte Professor der praktischen Theologie in Erlangen unterstreicht, dass es nicht einmal gegenüber der eigenen Ehefrau und schon gar nicht vor Amtspersonen aufgehoben werden darf. Dass ein geplantes Verbrechen gebeichtet werde, käme aber kaum vor. Seinem theologischen Lehrer Eduard Steinwand sei einmal ein Mord gestanden worden. Nachdem Steinwand dem Beichtenden die Vergebung zugesprochen hatte, habe er hinzugefügt: "Wir müssen jetzt seelsorgerlich weiter arbeiten, damit Sie stark genug sind, um Ihre irdische Strafe auf sich zu nehmen."

Auch der Fürther Pfarrer Volker Zuber kennt einen ähnlichen Fall aus seiner Praxis. Ein Sträfling tauchte einmal bei ihm auf und schilderte ihm, wie er aus dem Gefängnis ausgebrochen sei. Nach einem intensiven Gespräch hätten beide die Mutter des Täters kontaktiert. Die Polizei bekam davon Wind und tauchte bei dem Pfarrer auf, um den Flüchtling wieder hinter Gitter zu bringen. Der jedoch war spurlos verschwunden. Als die Beamten weitere Informationen forderten, verwies der Theologe zu Recht auf das Beichtgeheimnis. Auch wenn der Pfarrer zum Schweigen verpflichtet ist. Die Frage bleibt, wie er mit dem Gehörten umgeht oder wie er es verarbeitet. Gibt es so etwas wie Gewissensnöte, in die ein Pfarrer oder eine Pfarrerin gerät? Wenn sie nicht einmal im vertrauten Kreis der Angehörigen über einen schwierigen und belastenden Fall sprechen dürfen, wem dürfen sie sich anvertrauen? "Eine Beichte ist immer eine Belastung", sagt Theologieprofessor Manfred Seitz. Wie bei Ärzten, die nicht nach jedem Unfall weinen könnten, sei für diesen Bereich eine innere Distanz nötig. "Ich selbst vergesse sofort, was mir gebeichtet wurde, wenn der Fall abgeschlossen ist", erklärt Seitz und fügt hinzu: "Da hat mir Gott wohl eine besondere Gabe mitgegeben." Außerdem biete das Gebet die Möglichkeit, immer wieder Belastendes abgeben zu können. An dem einen Punkt jedoch sei einfach nicht zu rütteln: "Ein Pfarrer darf nichts rauslassen!"

Die Frage nach der Schuld

Und das ist auch gut so. Menschen können sich nur dann vertrauensvoll an einen Pfarrer wenden, wenn sie auch wissen, dass er "dicht hält". Das ist auch die Erfahrung, die Gabriele Pace-Holzer während ihrer viereinhalb Jahre Tätigkeit als Anstaltsgeistliche im Gefängnis München-Stadelheim gemacht hat. Die Frage nach Schuld spiele hier eine große Rolle.

Vergeben könnten jedoch nur die Opfer. Doch die seien dazu meist nicht fähig. Eine Einzelbeichte schenke da durchaus Entlastung und Erleichterung. Aber nur, wenn sie u-ter dem Vorbehalt des Schweigens geschieht. Die Pfarrerin erlebt es in ihrem Berufsalltag immer wieder, dass Gefangene schnell Vertrauen fassen, wenn sie wis-sen, dass der Geistliche schweigen wird. Nur so könnten sie die Last und Not loslassen. Dränge auch nur ein Wort nach draußen, könnte sie ihren Beruf im Münchner Gefängnis an den Nagel hängen: "Bei über 1800 Menschen unter einem Dach - was meinen Sie, wie schnell sich das herumspricht," sagt Gabriele Pace-Holzer. Und zu dem Problem der Belastung fügt sie hinzu: "Wir dürfen nicht vergessen, dass Beichte geistliches Handeln ist. Wir sind also auch im Zweier-Gespräch nicht nur zu zweit. Es ist immer jemand Drittes, nämlich Gott, mit dabei."

Günter Kusch

 


Spielregeln für Christen

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr." Vielmehr, "wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln." Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12, 17-21)



 
Fair play: Ein Motto, das Kinder und Jugendliche auch im Sport lernen, ist gerade für Christen gültig. Foto: Wodicka
 

"Fair play please!" - "Spiel bitte fair!" - So ist es auch im Umfeld der Fußballweltmeisterschaft zu lesen. Werbetafeln und Aufschriften auf den Trikots der Spieler fordern dazu auf. Leider wird im Spiel trotzdem gestoßen und gerempelt, getreten und gehalten. Da gibt es Fouls, die den Spielfluss unterbrechen, sogenannte taktische Fouls. Oft sind es auch hässliche Revanche-Fouls, die rücksichtslos verletzen. "Fair play please!" - "Spiel bitte fair!" - Im Eifer des Spiels, wenn es um den Erfolg geht, kann das Motto schnell vergessen sein.

Dem Bibelabschnitt aus dem Römerbrief scheint es oft ähnlich zu gehen. Die Worte sind bekannt. Sie klingen einleuchtend. Aber im Spiel des Lebens, im Alltag, scheint alles vergessen.

Paulus erinnert Christen, die in einem heidnischen Umfeld leben und manche Nachteile erleiden, an die Spielregeln. An ihrem Verhalten wird die Glaubwürdigkeit des Evangeliums gemessen. Das Verhältnis vom Gottesdienst am Sonntag zum Gottesdienst im Alltag muss zusammenstimmen.

Paulus spricht offen und ehrlich an, was das geistliche Leben blockiert und das Wachstum der Gemeinde hemmt. Auch Christen stehen in Gefahr Böses mit Bösem zu vergelten, sich für erfahrenes Unrecht zu rächen und dem Unfrieden Raum zu geben - wohl auch in der Christengemeinde in Rom. Deshalb die klaren Worte des Paulus. Sie haben bis heute Gültigkeit.

Die Wirklichkeit in unseren Gemeinden zeigt oft ähnliche Züge wie damals: Streit, Vergeltung und Rache zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Nachbarn, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind auch da nicht fremd. Da werden die Spielregeln grob verletzt, die Jesus aufgestellt hat. Er hat gegen das Böse die Liebe gesetzt. In die oft grausamen, brutalen und ungerechten Strukturen dieser Welt hat er die Spur der göttlichen Liebe eingezeichnet. Er hat die Erniedrigung ausgehalten und Nachteile in Kauf genommen. Er ging ans Kreuz aus Liebe zur Welt und zu jedem von uns. Er hat vorgelebt, was es bedeutet, wenn das Böse mit Gutem überwunden wird.

Wenn wir Jesus nachfolgen, können uns neue Kräfte zuwachsen. Deshalb ist es wichtig, sich seiner Liebe auszusetzen. Es gilt, ihn jeden Tag neu zu suchen, sein Wort zu bedenken und mit ihm zu reden. So schenkt er die Kraft und den Mut zum Verzicht auf Vergeltung.

"Überwinde das Böse mit Gutem!" Das bedeutet: Nachdenken, umdenken, Lösungswege suchen, miteinander reden, sich in die Lage des Anderen versetzen. Sicher fällt dies nicht immer leicht. Hilfreich kann es sein, Seelsorge in Anspruch zu nehmen. "Überwinde das Böse mit Gutem" - das ist eine Aufgabe, die uns immer neu gestellt ist. Diese Anweisung gilt für alle Lebensbereiche: für das Privatleben, den Berufsalltag und das Leben in der christlichen Gemeinde. Lassen wir uns daran erinnern, wes Geistes Kinder wir sind und wessen Namen wir tragen.

Es ist befreiend und entlastend, wenn wir das, was uns bindet und belastet Gott überlassen. Auf Gutes bedacht sein gegenüber jedermann, mit allen Menschen Frieden haben, soweit es an uns liegt, das Böse mit Gutem überwinden - das sind die Spielregeln für Christen. Sie wollen nicht fromme Theorie bleiben sondern im Alltag umgesetzt werden.

Dekan Michael Wehrwein
Lohr am Main

Wir beten: Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum herrscht, dass ich ein Licht anzünde, wo Finsternis regiert. Amen.

Lied 646: Herr, gib mir Mut zum Brücken bauen.

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