Evangelisches Sonntagsblatt
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 20 )

"Die Kirchen sollten mehr missionarische Kraft zeigen"

Sonntagsblatt-Interview mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber

 

Edmund Stoiber
 
Interviewten nach Bundeskanzler Schröder nun Kanzlerkandidat Stoiber: die Chefredakteure Reinhard Heubner (rechts) und Günter Saalfrank (links). Foto: Ziegler
 

Er gilt als engagierter Politiker, der aus seinem Christsein und seiner Verbundenheit zur Kirche nie ein Hehl gemacht hat. Mit dem bayerischen Ministerpräsidenten und CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber sprachen in München die Chefredakteure Reinhard Heubner (Kasseler Sonntagsblatt) und Günter Saalfrank (Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern).

Sonntagsblatt: Sie haben sich in der Vergangenheit immer wieder als engagierter Christ zu erkennen gegeben. Wieso?

Stoiber: Ich bin von meinen Eltern, insbesondere von meiner Mutter, christlich erzogen worden. Sie haben mir immer wieder die Einzigartigkeit des Menschen einerseits und die Verpflichtung zu einem hohen Maß an Solidarität, Nächstenliebe und sozialer Gerechtigkeit andererseits deutlich gemacht. Beide Seiten sind in Einklang zu bringen. Der christliche Glaube ist für mich die Verbindung zwischen dem Diesseits und dem Jenseits: Was man auf der Erde tut, ist zwar entscheidend, aber nicht absolut zu setzen. Denn unsere Existenz ist mit dem Leben auf Erden nicht zu Ende.

Mutter als prägende Kraft

Sonntagsblatt: Zu Ihren religiösen Wurzeln. Wer hat Sie besonders geprägt?

Stoiber: Die Mutter, natürlich auch die Umgebung in Oberaudorf am Inn, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das ist eine Gemeinde, in der die Kirchen, besonders die katholische Kirche, die Christen und das Glaubensleben prägten. Das zeigte sich etwa im regelmäßigen Kirchgang. Natürlich kann man auch Christ sein und nach christlichen Grundsätzen leben, wenn man nicht in die Kirche geht. Ich halte es für wichtig, eine Verbindung zwischen meinem Leben und der Amtskirche herzustellen und nicht das eine vom anderen zu trennen.

Sonntagsblatt: Stichwort Amtskirche. Gab es für Sie schon einmal den Gedanken, der Kirche den Rücken zuzukehren?

Stoiber: Nein! Sicher gab es auch einmal Zweifel. Aber deswegen habe ich doch niemals ernsthaft erwogen, der Kirche den Rücken zu kehren.

Sonntagsblatt: Was schätzen Sie als katholischer Christ an der evangelischen Frömmigkeit?

Stoiber: Die evangelische Frömmigkeit schöpft ihre Kraft noch stärker aus dem Wort Gottes, während bei der katholischen Kirche neben dem Wort Traditionen und sichtbare Formen der Frömmigkeit wie Prozessionen und Wallfahrten eine Rolle spielen. Umgekehrt weiß ich, dass manche Protestanten von katholischer Glaubensentfaltung durchaus beeindruckt sind.

Sonntagsblatt: Gibt es für Sie biblische Texte, die Sie besonders anregen und zum Nachdenken bringen?

Stoiber: Es sind die biblischen Texte der Nächstenliebe, etwa der Bergpredigt. Sie haben mein ganzes Leben geprägt. Anders als Bundespräsident Johannes Rau habe ich aber nicht für jede Situation das passende Bibelzitat bei der Hand.

Sonntagsblatt: Welches Kirchenlied singen Sie besonders gerne?

Stoiber: Das Lied "Großer Gott wir loben dich". Wenn dieses Lied gesungen wird, spüre ich sehr viel Intensität des Glaubens.

Sonntagsblatt: Sie haben sich als Ministerpräsident ganz stark für das Kreuz engagiert – nicht nur im Blick auf die Schule. Was verbinden Sie persönlich mit dem Kreuz?

Stoiber: Das Kreuz ist für mich das christliche Symbol schlechthin. Es ist für mich Ausdruck des Leidens auf Erden und der christlichen Hoffnung. Das Kreuz stellt für mich heute ein Zeichen hoher christlicher Toleranz dar. Deshalb wäre es ein erheblicher Rückschritt, wenn es von den Wänden der Schulen genommen würde – in einem Land, in dem die gesamte Werteordnung durch die Christianisierung entschieden geprägt worden ist. Gerade in einer Zeit mit vielfältigen Lebensformen und -entwürfen sehnen sich die Menschen nach Orientierung. Und tolerant sein kann im Grunde nur, wer seine Wurzeln kennt und weiß, wo er herkommt.

Sonntagsblatt: Wenn so etwas Unfassbares wie in Erfurt passiert, besinnen sich Menschen wieder auf Gottesdienste. Was hat für Sie der Trauergottesdienst in Erfurt bedeutet?

Stoiber: Dieser Gottesdienst war unglaublich ergreifend und trös-tend. Er hat gezeigt: Die Menschen suchen trotz aller Ökonomisierung und Säkularisierung nach geistigem und geistlichem Halt. Dieser Gottesdienst, an dem so viele junge Menschen teilgenommen haben, die ergriffen waren von der christlichen Trauerfeier, ist ein Religionsunterricht im wahrsten Sinne des Wortes gewesen: Grundlage, Hilfe, Wegweisung, Tröstung und Orientierung. Es muss auch die Kirche mit Kraft erfüllen, dass sich die Menschen nach einem solch grauenhaften Ereignis in Gotteshäusern oder zu einer christlichen Trauerfeier im Freien versammeln.

Unverzichtbarer Unterricht

Sonntagsblatt: Welche Rolle spielt der Religionsunterricht für Sie in Staat und Gesellschaft?

Stoiber: Der Religionsunterricht ist unverzichtbar, auch wenn er heute schwieriger geworden ist, weil immer mehr Kinder ohne Kenntnisse von Religion aufwachsen. Deshalb müssen die Kirchen ein wesentlich größeres Augenmerk auf den Religionsunterricht richten. Sie müssen die besten Kräfte in die Schule schicken, um den Unterricht so anschaulich wie nur möglich zu machen.

Sonntagsblatt: Nach Erfurt ist wieder viel von Werten die Rede. Welche Werte sollen Ihrer Meinung nach vor allem vermittelt werden?

Stoiber: Zum einen die Freiheit des Menschen, die nicht nur Freiheit von etwas bedeutet, sondern auch Schranken und Planken braucht. Denn die Individualisierung unserer Gesellschaft findet ihre Grenzen an den schutzwürdigen Interessen der anderen Individuen. Zum anderen Mitmenschlichkeit, Solidarität und Nächstenliebe. Eine Gemeinschaft kann nur bestehen, wenn ihre Mitglieder nicht nur sich sehen, sondern auch den Nächsten und ihm beistehen.

Sonntagsblatt: Politiker rangieren auf der Werteskala ganz hinten. Was können Sie tun, um wieder Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Politik zu fördern – vor allem wenn das "C" im Parteinamen steht?

Stoiber: Politiker werden heute viel stärker hinterfragt als früher. Das hängt auch mit einem allgemeinen Autoritätsverlust in der Gesellschaft zusammen. Bei Fehlern stellt man schnell die moralische und persönliche Integrität von Autoritäten in Frage. Deshalb bemühen wir uns, so zu reden wie wir denken und so zu handeln wir reden. Wir sollten nicht Wasser predigen und Wein trinken, wenn wir glaubwürdig sein wollen.

Sonntagsblatt: Welche Personen der evangelischen Kirche haben Sie besonders beeindruckt?

Stoiber: Die bayerischen Bischöfe Hermann Dietzfelbinger und Johannes Hanselmann und der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der 1945 im KZ Flossenbürg sein Leben lassen musste. Auch in vielen Begegnungen und Gesprächen mit Persönlichkeiten der Evangelischen Kirche spüre ich die tiefe Substanz im Ringen um Lösungen aus christlicher Verantwortung, etwa in der Diskussion um die Stammzellenforschung.

Einfluss der Kirchen

Sonntagsblatt: Sehen Sie in den Kirchen, Herr Ministerpräsident, Bundesgenossen für die Politik? Wo war Ihnen die Unterstützung der Kirchen auf den bisherigen Feldern hilfreich und wo würden Sie sich mehr Unterstützung von den Kirchen wünschen?

Stoiber: Die Kirchen haben auch in einer offener gewordenen Welt einen hohen Einfluss. Ihr Wort kann nicht auf die Seite geschoben werden. Ein bisschen differenzierter hätte ich mir allerdings die kirchlichen Stellungnahmen in der Zuwanderungsfrage gewünscht. Ich bedauere, dass es hier einen Disput gibt. Es verkennt unser Anliegen einer besseren Integration, wenn manche Repräsentanten in der katholischen und evangelischen Kirche das Ziel der Begrenzung und Steuerung der Zuwanderung als nicht christlich bezeichnen. Sie sehen zu wenig, welche große Leistung notwendig ist, jedes Jahr fünf- bis sechshunderttausend Menschen aus dem Ausland in unserem Land zu integrieren. Die Last der Integration liegt oft bei den Kindern und den Schulen. Wichtige Positionen vertritt die Kirche in der Frage des Schutzes des Lebens, sei es bei der Abtreibung oder Stammzellenforschung. Hier muss die Kirche standhaft bleiben, weil die Politik immer in Gefahr ist, Interessensausgleich zu versuchen zwischen der Freiheit der Lehre der Forschung einerseits und der unveräußerlichen Rechte des Menschen andererseits. Es geht aber um den unverzichtbaren Wert des Menschen. Wenn dieser Wert nicht mehr wäre, würde unsere Gesellschaft unmenschlich werden.

Sonntagsblatt: Was wünschen Sie sich als Christ von den Kirchen?

Stoiber: Beide Kirchen sollten ein Stück mehr missionarische Kraft und Phantasie zeigen, Menschen zum Christentum zu bewegen. Meines Erachtens verwalten sie zu sehr den Bestand, bemühen sich aber nicht mehr ausreichend darum, Menschen für das Christentum zu gewinnen. Die Kirchen sollten stärker für die eigene Überzeugung werben und sagen: Das Christentum ist eine Glaubensrichtung, die mit all ihren Höhen und Tiefen in über 2000 Jahren Bestand hatte. Sie bietet eine großartige frohe Botschaft, die Menschen hilft, auch mit den Unerträglichkeiten des Lebens fertig zu werden.

Sonntagsblatt: Die Abschaffung der Kirchensteuer steht mit Ihnen nicht zur Debatte?

Stoiber: Überhaupt nicht. Das mag in anderen Länder anders sein. In Deutschland ist die Art der Kirchenfinanzierung Bestandteil der politischen Kultur.

Sonntagsblatt: Welchen Stellenwert hat für Sie die Familie?

Stoiber: Die Familie bedeutet für mich menschliche Geborgenheit und bietet einen ganz persönlichen Freiraum. Die Beziehung zu meiner Frau ist für mich das Wichtigste, was ich habe. Es ist schön, Kinder zu haben und sich über ein gutes Verhältnis zu ihnen freuen zu können. Meine Kinder sind das Bindeglied in die Zukunft. Es hilft mir konkret, bei Entscheidungen auch an die nächsten Jahrzehnte zu denken, wenn die Enkelkinder einmal erwachsen sind. Wir dürfen heute nicht auf Kosten der zukünftigen Generation leben.

Sonntagsblatt: Wie stellen Sie sich denn die Welt von morgen vor, in der Ihre Enkelkinder leben?

Stoiber: Die Globalisierung wird die Welt noch vielfältiger machen. Nationale Grenzen spielen kaum eine Rolle mehr, die Welt wächst immer mehr zusammen. Das stellt den Menschen vor völlig neue Herausforderungen. Diese lassen sich für ihn nur bewältigen, wenn er feste Bindungen hat. Und dazu gehört auch die Religion.

Sonntagsblatt: Der Einfluss der beiden großen christlichen Kirchen nimmt eher ab und der des Islam zu. Sehen Sie eine Gefährdung des christlichen Abendlandes?

Stoiber: Das nicht, es wird aber in Zukunft ein anderes Nebeneinander geben. Damit umzugehen, ist für beide Seiten eine schwierige Aufgabe. Wir werden neben den Kirchen weitere Moscheen haben. Bei aller Toleranz gegenüber anderen Religionen müssen die Kirchen auch verstärkt die Identität der eigenen Religion darstellen und Gemeinsamkeiten , aber auch Unterschiede aufzeigen. Eine Ökumene wie zwischen den christlichen Kirchen kann es aufgrund der unterschiedlichen Gegebenheiten wohl mit dem Islam nicht geben. Aber ich bin sehr dafür, den Dialog zwischen den Weltreligionen zu verstärken und die gemeinsamen Werte zu betonen.

Feste als Einschnitte

Sonntagsblatt: Pfingsten liegt vor der Türe. Was bedeutet für Sie persönlich das christliche Fest?

Stoiber: Christliche Feste sind für mich wichtige Einschnitte im Jahresrhythmus. Pfingsten als Fest des Heiligen Geistes bedeutet für mich Aufbruch, Hoffnung und Zuversicht. Weil es ein besonderes Fest ist, habe ich mich übrigens immer dagegen gewehrt, den Pfingstmontag abzuschaffen. Dass noch einmal ein christlicher Feiertag – wie der Buß- und Bettag – geopfert wird, wird es mit unserer Zustimmung in Zukunft nicht mehr geben.

 


Wenn Bewegung in Gemeinden kommt

Wie Gottesdienste besonderer Art Kreise ziehen können

 

 
Zu jeder Vitusmesse in Veitsbronn gehört als fester Bestandteil auch das Abendmahl
Foto: Bouillon
 

Das hatte Pfarrer Winfried Buchhold selbst nicht für möglich gehalten. Er staunte über die brechend volle Kirche am Samstagabend. Mit 250 bis 300 Besucher platzte das Gotteshaus im mittelfränkischen Veitsbronn (Dekanat Fürth) aus allen Nähten. Und das obwohl für die erste Vitusmesse – ein Gottesdienst in moderner Form – keine große Werbung gemacht wurde.

Der nach dem Veitsbronner Ortsheiligen (St.Veit heißt auf lateinisch Vitus) genannte besondere Gottesdienst war das Ergebnis eines längeren Prozesses. In dem von Hauskreisen geprägten Ort standen die Erwachsenengemeinde und Jugendliche nebeneinander. "Zwei unverbundene Blöcke", erinnert sich Pfarrer Buchhold. Bei einer Gemeindefreizeit kamen sich Erwachsene und junge Leute näher. Doch noch ein Jahr verging bis "zur inneren Einheit der beiden Blöcke". Die Vitusmesse als neue Form des Gottesdienstes – neben dem traditionellen Hauptgottesdienst am Sonntagmorgen – war die Folge. "Die Einheit hat einen Schub an Begeisterung ausgelöst", so Buchhold.

Viele junge Besucher

Die erste Vitusmesse liegt nun fast neun Jahre zurück. Seitdem wird sie regelmäßig gefeiert – acht bis 10 Mal im Jahr. Sie ist weiter ein Magnet in der mittelfränkischen Gemeinde. "Vor allem Jugendliche und Personen zwischen 25 und 45 kommen", freut sich Buchhold, der zusammen mit Diakon Karl Rühl den Gottesdienst in moderner Form leitet. Ein Hauskreis von Jugendlichen oder Erwachsenen bereitet ihn jeweils vor und gestaltet ihn mit. Der Theologe sieht in der Mitarbeit eine "gute Möglichkeit, dass junge Leute in die Erwachsenengemeinde hinein finden und sich mit ihr identifizieren".

Die gut 90-minütige Vitusmesse hält die Besucher nicht in den Bänken. Menschen können nach vorne gehen, eine Kerze anzünden, vor dem im Altarraum liegenden Kreuz niederknien, beichten und sich persönlich segnen lassen. Buchhold spricht von einer "dichten geistlichen Atmosphäre mit viel Raum für Gefühl und Glaubensnähe".

Seit über einem Jahr gibt es mit der "Vitus-Family" einen Ableger des erfolgreichen Konzeptes, nun zugespitzt für Eltern mit Kleinkindern. Alle zwei Monate findet der Gottesdienst (Dauer: eine Stunde) in kindgemäßer Form am Sonntagvormittag im Gemeindehaus statt. Anschließend gibt es ein gemeinsames Mittagessen.

Buchhold warnt davor, die Vitusmesse und die Vitus-Family als "Exportschlager" zu verstehen: "Die Modelle lassen sich nicht einfach auf andere Kirchengemeinden übertragen, weil die Entwicklung von Ort zu Ort unterschiedlich ist." Die Angebote könnten auch nicht aus dem Boden gestampft werden, "sie müssen vielmehr wachsen". Außerdem sei es wichtig, dass der Kirchenvorstand die Entwicklung mittrage und keine Konkurrenz von neuen Gottesdiensten zu traditionellen entstehe.

Buchhold zufolge kommt noch etwas Anders hinzu: Ohne die 150 Ehrenamtlichen, die bei den Gottesdiensten in besonderer Form mitarbeiten, könnte das vielfältige Angebot gar nicht durchgeführt werden. So gibt es in der Gemeinde, in der viele junge Familien wohnen, neben der Vitusmesse und ihrer kindgerechten Variante unter anderem noch 20 Familiengottesdienste pro Jahr. "Die Grenze der Belastungsfähigkeit ist nun erreicht", lässt der Pfarrer erkennen, der mit drei weiteren Hauptamtlichen in der 5.800 Mitglieder starken Gemeinde tätig ist.

Durch einen Impuls von Pfarrer Jochen Pickel kam im westmittelfränkischen Wildenholz (Dekanat Feuchtwangen) einiges in Bewegung. Der Geistliche lernte bei einer Fortbildung in den USA verschiedene Gemeindeaufbauprojekte kennen. Deren Ziel war es, mit dem Evangelium Menschen zeitgemäß in ihrer Lebenswelt zu erreichen. Wieder zuhause warb Pickel bei einer Familienfreizeit dafür, neben dem Hauptgottesdienst einen Gottesdienst anderer Art einzuführen.

Das Projekt hatte bald einen Namen: Die Abkürzung LoGo steht für lockerer Gottesdienst. Anstelle der Orgel spielt eine Musikgruppe. Statt traditioneller Lieder gibt es schwung-volle Songs. Lesungen sind durch ein Anspiel ersetzt. Im Mittelpunkt steht ein Thema und kein Bibeltext Der Pfarrer predigt nicht im Talar von der Kanzel, sondern im Anzug von einem Bistrotisch. Anschließend beantwortet der Theologe Fragen der Besucher. Nach dem Gottesdienst geht es auch nicht gleich auseinander: Es gibt noch Tee und Kekse in der Kirche. "Diese Art von Gottesdienst spricht Herz und Kopf an", meint Anja Rauch. Die 37-Jährige ist seit dem Start der LoGo-Reihe im Oktober 2000 als Mitarbeiterin dabei. "Die Kirche wird lebendiger und erfrischender erlebt." Das fängt schon bei der Begrüßung an: Am Eingang des Gotteshaus gibt es etwas Süßes. "Es wird viel gelacht und geklascht in der Kirche", erzählt Anja Rauch. Einschränkend fügt sie hinzu: "Sicher nicht bei Anbetungsliedern".

Vorbereitung durch Teams

 
Viele Besucher schätzen das Musikprgromm bei den LoGo-Gottesdiensten in Wildenholz
Foto: privat
 

Einzelne Teams bereiten die monatlichen Gottesdienste vor, die gemeinsam von Wildenholz und den Nachbargemeinden Oberampfrach-Schnelldorf und Unterampfrach angeboten werden. Ein Team kümmert sich zum Beispiel um die Musik, ein anderes um das Anspiel, ein drittes um die Technik. Pfarrer Jochen Pickel koordiniert das Ganze.

Die Zahl der Mitarbeitenden nahm seit Beginn des Projektes kräftig zu. Inzwischen gehören über 20 Personen zu den LoGo-Aktiven. "Aus einem Häufchen am Anfang ist jetzt ein ansehnlicher Haufen geworden", freut sich Anja Rauch, deren Mann und ältester Sohn auch mit von der Partie sind. Was die Altenpflegerin besonders erstaunt: "Es arbeiten Menschen mit, von denen wir es nicht erwartet hätten."

In der kleinen westmittelfränkischen Gemeinde hat der Gottesdienst in moderner Form, von dem es mittlerweile auch eine Version für Familien gibt, Kreise gezogen. "Es gibt eine stärkere Offenheit gegenüber der Kirche und dem Glauben", so Anja Rauch. Pfarrer Pickel zufolge ist das Klischee vorbei, "dass in der Kirche nur Personen mit Heiligenschein mitarbeiten". Sondern es wird gesehen, dass "ganz normaleMenschen" mit aktiv sind. LoGo machtÕs möglich.

Günter Saalfrank


Eine Bewegung für Wahrhaftigkeit braucht das Land

Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. (Johannes 16, 13)


 
Nicht nur die Parlamentarier (hier bei einer Sitzung des Bundestages) sollten in Punkto Wahrhaftigkeit Vorbild sein.
Foto: güs
   

Pfingsten erinnert Christen daran, dass Gott durch seinen Geist unter uns wirkt. Vielfach sind diese Wirkungen: der Geist schafft Glauben und Vertrauen, er macht Mut und bewegt zur tätigen Liebe. All das geschieht, wenn die Gemeinde zusammen kommt und die Botschaft von Jesus Christus verkündigt wird. Von einer besonderen Wirkung des Geistes Gottes spricht Christus im Johannesevangelium: Er wird in alle Wahrheit leiten. Die Mitte dieser Wahrheit ist die Offenbarung in Christus selbst. Aber dann gehört auch alles dazu, was recht und gut und wahr ist im menschlichen Leben. Der Geist Gottes lässt uns die Ausrede nicht, dass die Wahrheit für uns Menschen ohnehin nicht zugänglich sei. Er fordert uns zur Wahrhaftigkeit heraus.

Wir feiern Pfingsten in einem Jahr, in dem es in unserem Land einen heftigen Wahlkampf geben wird. Ich nehme an, dass es vielen so geht wie mir, gleich welchen politischen Standpunkt sie vertreten: Sie wünschen sich mehr Wahrhaftigkeit beim Ringen um die Stimmen der Wähler. Jeder weiß aus seinem persönlichen Leben, wie schwer es sein kann, bei der Wahrheit zu bleiben. Es ist wohlfeil, sich über die politisch Verantwortlichen zu entrüsten. Sie haben eine wichtige Aufgabe für uns alle. Bei den Entscheidungen, die sie treffen müssen, sind sie oft an der Grenze der Überforderung. Sie machen sich aber die Sache noch schwerer, wenn sie in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner zum Mittel der Verunglimpfung greifen. Das gleiche Maß, das sie anwenden, wird auch an sie angelegt. Im Endeffekt entsteht bei den Bürgern das Gefühl, alles sei nur Lug und Trug. So ist es wirklich nicht. Es gibt ja viel Einsatz und verantwortungsvolle Arbeit. Aber im Kampf mit Schlagworten wird vor allem Vertrauen zerschlagen. Vieles wird auch noch in der veröffentlichten Meinung verdreht. Ein Mehr an Wahrhaftigkeit tut bitter Not.

Was haben diese Überlegungen mit Pfingsten zu tun? Pfingsten war ein Aufbruch. Der Geist Gottes hat Menschen in Bewegung gebracht. Bei einzelnen fing es an und hat viele ergriffen. Eine Bewegung für Wahrhaftigkeit braucht das Land. Der Geist der Wahrheit – so glauben wir – wirkt durch die Botschaft Christi. In dieser Botschaft sind einige wichtige Voraussetzungen für den aufrichtigen Umgang miteinander genannt. Die Wahrheit bleibt auf der Strecke, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. Sie wird verdorben, wenn man sie als Waffe missbraucht. Die Wahrheit verträgt es nicht, wenn man nur an der Oberfläche bleibt und nicht nach den Motiven fragt. Die Wahrheit verliert ihre Kraft, wenn sie nicht mit Verständnis und Liebe gepaart ist.

Wer mit sich selbst wahrhaftig ist, dem vergeht der Eifer, wie ein Spürhund den Fehlern anderer nachzugehen. Wir merken ja, wieviel wir dem Anspruch der Wahrheit schuldig bleiben. Wir brauchen aber Wahrheit und Klarheit in unserem Zusammenleben. Deshalb das Gebet: Komm Geist der Wahrheit. Das ist keine harmlose Bitte, denn wir werden auch einige harte Wahrheiten über uns selbst erfahren; das sogar zuerst. Aber wo der entschlossene Kampf für Wahrhaftigkeit nachlässt, schwindet das Vertrauen. Je weniger man einander vertraut, umso mehr wird nach Kontrolle gerufen. Das ist eine Entwicklung, vor der mir graut.

Ich hoffe auf einen Aufbruch, auf den wachsenden Willen, sich mit der Lüge nicht mehr einfach abzufinden. Ich weiß, dass das viele für Schwärmerei halten. Das Vertrauen auf das Wirken des Geistes Gottes ist in dieser Welt allemal ein kühnes Unterfangen. Der Bitte um den Geist hat Christus in besonderem Maße Erhörung zugesagt.

Horst Birkhölzer, Oberkirchenrat i.R.
Neuendettelsau

Wir beten: O komm du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, dass jeglicher Getreuer, den Herrn bekennen kann.

Lied 125: Komm, Heiliger Geist, Herre Gott.

 

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