Evangelisches Sonntagsblatt
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 18)

Besinnung, Glaube und Muskelkater

Pilgern auf den Jakobswegen in ganz Europa ist wieder "in"

 

 
Foto: kil
 

"Hätte nicht gedacht, dass Gehen so anstrengend sein kann", sagt Uschi am ersten Abend ihrer Jakobsweg-Wanderung auf dem Weg von Nürnberg Richtung Rothenburg. Rund 35 Kilometer hat sie zusammen mit ihrer Freundin Ruth zurückgelegt – inklusive einmal kräftig verlaufen. Beide stöhnen über schmerzende Beine und sind todmüde. Aber der Hunger überwiegt und so schleppen sie sich nochmal den Hügel von der Pension hinab zum Gasthof. Der Wirt grinst von einem Ohr bis zum anderen, als er die beiden ankommen sieht. "Sie sind Pilgerer, stimmt's? Das seh' ich." Wo er recht hat, hat er recht, der Wirt in Weihenzell (Mittelfranken).

In den letzten Jahren haben die Jakobswege in Deutschland und Europa einen wahren Boom erfahren. Im heligen Jakobsjahr 1999 kamen über 150.000 Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt am Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Der spanische Ort am Atlantik ist das Ziel aller Jakobswege. Noch 1992 zählte Santiago nur knapp 10.000 Ankommende, im letzten Jahr über 60.000.

Sehr alte Tradition

Das Pilgern hat eine sehr alte Tradition. "Etwa um das Jahr 800 kam bei den Menschen das Verlangen auf, an heilige Stätten zu gehen", schildert der Frühere Heilsbronner Pfarrer Paul Geißendörfer. Damals sei Buße der Hauptgrund gewesen. Um Sünden erlassen zu bekommen, nahmen viele Menschen die Strapazen einer Wanderung nach Rom, Jerusalem oder Santiago de Compostela auf sich. Dabei gehörte bereits damals der Jakobsweg zu den beliebtesten. "Mit der Reformation verschwand die Notwendigkeit solcher Bußwanderungen", so Geißendörfer.

Der 66-Jährige gilt als "Vater" des fränkischen Jakobsweges. Auf einer Reise nach Burgund stieß er 1985 erstmals auf den geistlichen Wanderweg. Fasziniert davon suchte er erfolgreich in seiner fränkischen Heimat, wo es etliche Jakobskirchen gibt, nach Spuren. Vor über zehn Jahren belebte er den Jakobsweg zwischen Nürnberg und Rothenburg wieder neu. Dieses Stück gehört zu den beliebtesten und bekanntesten Strecken. "Dabei handelt es sich nicht um den historischen Weg, der ist durch zig Flurbereinigungen gar nicht mehr nachzuvollziehen", erklärt der Geistliche. "Aber der Pfad führt zu verschiedenen Jakobskirchen und geht über Ulm und Konstanz aus Deutschland heraus." Über die Schweiz und Frankreich geht er bis zum Endpunkt nach Spanien. In ganz Deutschland und Europa werden immer neue Teilstücke eröffnet. Demnächst zum Beispiel das Stück von Prag bis Tillyschanz (Bayern), von Köln nach Trier oder von Berlin nach Bremen.

Besonders wichtig ist Geißendörfer der Unterschied vom Pilgern zum Wandern einerseits und zur Wallfahrt andererseits. "Eine Wallfahrt ist eher eine Massenveranstaltung und sehr katholisch besetzt." Pilgern sei aber auch viel mehr als nur wandern. "Beim Pilgern sind die Leute einzeln, zu zweit, allenfalls in Kleingruppen unterwegs." Dazu komme der spirituelle Aspekt: "Man hat Zeit zum Nachdenken über sich und Gott, kann die Natur betrachten oder Bibeltexte meditieren. Pilgern ist eine Hilfe zum Glauben, viele erleben eine Wandlung", beschreibt er.

Von so einer Wandlung weiß Johannes Merklein zu berichten. Als der Studiendirektor vom Jakobsweg hörte, beschloss er, diesen in seinem Ruhestand zu wandern. Gesagt, getan. "Am ersten Tag meines Ruhestands packte ich den Rucksack und ging los", erzählt der heute 69-Jährige. Gereizt hat ihn die Länge der Strecke von Ansbach bis Santiago de Compostela. " Und ich wollte wissen, ob ich das in meinem Alter noch schaffe." Nach 12 Wochen erreichte er sein Ziel. "Als Wanderer ging ich los und kam als Pilger dort an." Die zahlreichen Kirchen, Kapellen, Kreuze und Gräber an seinem Weg brachten ihn viel zum Nachdenken. "Ganz automatisch kommt es dann, dass man sich über Gott und die Welt Gedanken macht. Diese Zeit tat mir gerade zu Beginn des Ruhestands sehr gut", schwelgt er in Erinnerung. Das Ganze liegt sieben Jahre zurück.

Auf Etappen nach Spanien

Eine andere Möglichkeit, den Jakobsweg zu begehen, wählen Lothar und Werner. Die beiden Familienväter sind immer wieder gemeinsam auf einem Stück des Jakobsweges unterwegs. Im letzten Jahr von Tillyschanz bis Rothenburg. In diesem Jahr soll es bis Ulm gehen, nächstes Jahr bis Konstanz – bis sie irgendwann Santiago erreichen. Auch die beiden sahen sich anfangs als Wanderer. Doch immer mehr wurde eine Pilgerschaft daraus: "Wir sahen uns schnell auf den Spuren unserer Vorfahren und bekamen unseren Glauben, unsere Religion und Mitmenschen auf einzigartige Weise vor Augen geführt. Wir freuen uns schon auf die nächsten Etappen."

Uschi und Ruth waren nur zwei Tage lang unterwegs. "Wir wollten einfach nur wandern", meint Uschi. "Doch es scheint an dem Weg zu liegen – noch nie habe ich mich mit jemanden so lange und gut über den Glauben unterhalten." Für diese besonderen Stunden nahmen die beiden Freundinnen ihren Muskelkater gern in Kauf ...

Karin Ilgenfritz

Service-Tipps

Wer in sich in Süddeutschland auf Jakobswege begeben möchte, kann sich wenden an Pfarrer i.R. Paul Geißendörfer (Heilsbronn), Telefon 09872-955300 oder an Touristenpfarrer Oliver Gussmann (Rothenburg), Telefon 09861-700625. Weitere Auskünfte erteilt auch die Deut-sche Jakobusgesellschaft, Telefon 0241-4790127. Außerdem gibt es Infos im Internet unter www.ultreia.de.


Ganz unverschämt beten wie Mose

Der Herr sprach zu Mose: Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben es angebetet. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge. Dafür will ich dich zum großen Volk machen. Mose aber flehte vor dem Herrn, seinem Gott, und sprach: Ach, Herr, wa-rum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.
2. Mose 32, 7a.8b.10–14



 
Foto: Wodicka
   

"Da hilft nur noch beten!" – so sagen Menschen oft in ausweglosen Situationen. In einer solchen Situation befand sich das Volk Israel in seiner Frühzeit. Der unsichtbare Gott, der es aus Ägypten befreit hatte, war dem Volk mit der Zeit als zu wenig greifbar erschienen, und so hatten sie sich ein Gottesbild gemacht, das man sehen und anfassen konnte: das goldene Kalb.

Solche goldenen Kälber gibt es auch heute, und zwar überall dort, wo geschaffene Dinge oder Menschen den höchsten Platz einnehmen und damit praktisch an die Stelle Gottes treten. Macht und Geld, Wissen und Anerkennung, Erfolg und Genuss – alles Dinge, die durchaus ihre Berechtigung haben – können so zu Götzen werden, die mein Leben bestimmen und mich nach und nach abhängig machen und versklaven.

In dieser Situation, wo das Volk durch den Götzendienst seine Mitte verloren hat und dadurch in seiner Existenz bedroht ist, tritt Mose in den Riss zwischen Gott und dem Volk. Er wagt es, dem Schöpfer des Himmels und der Erde seine Argumente vorzubringen, um ihn dadurch umzustimmen – eigentlich eine Unverschämtheit!

Folgende Gründe führt er dabei an:
– "Du hast dein Volk mit starker Hand aus Ägyptenland geführt": Er erinnert Gott also daran, was er in dieses Volk investiert hat.
– Was sollen die anderen Völker sagen? Wenn Israel in der Wüste zugrunde ginge, dann wäre dies nicht gerade eine Einladung für andere Völker, an Gott zu glauben. Mose gibt also zu bedenken, wie ein Handeln Gottes nach außen wirkt.
– "Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel." Mose nimmt Gott beim Wort und hält ihm die Zusagen vor, die er einst den Vätern gegeben hat.

Und nun folgt der Satz, der für alle Anhänger eines philosophischen Gottesbegriffs so anstößig ist und der doch so viel Trost und Ermutigung enthält: "Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte." Gott lässt sich von der Fürbitte seines Dieners Mose bewegen und ändert seinen Willen. Der Gott der Bibel ist kein starres Prinzip, sondern ein lebendiger Gott, der die Beziehung zu uns Menschen sucht und auf uns eingeht. Und weil das so ist, deshalb dürfen wir genauso unverschämt beten wie Mose. Wir dürfen Gott im Gebet daran erinnern, was er uns bisher an Gutem erwiesen hat, und wir können aus dieser Erinnerung neuen Mut schöpfen.

Auch der Gedanke, wie etwas auf andere Menschen wirkt, kann in unser Gebet einfließen. Doch das stärkste Argument sind Gottes eigene Zusagen. Gehen Sie doch einmal Ihre Bibel durch und machen Sie sich auf die Suche nach ermutigenden Zusagen. Sie werden überraschende Entdeckungen machen, zum Beispiel: "Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen.... Weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe" (Jesaja 43,2.4).

Als Christen sind wir berufen, für die Welt, für die Kirche, für andere Menschen und auch füreinander vor Gott einzutreten. Die Art, wie Mose das tut, kann uns ein Ansporn und eine Ermutigung sein.

Pfarrer Dr. Manfred Kießig, Selbitz
Communität Christusbruderschaft

Wir beten: Gott, du Freund der Menschen, wir danken dir, dass wir zu dir freien Zugang haben. Wir bitten dich um deinen Geist, dass wir uns in jeder Situation an dich wenden und von dir viel erwarten – für andere und für uns. Darum bitten wir durch Christus unsern Herrn. Amen.

Lied 366: Wenn wir in höchsten Nöten sein.

 

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