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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 15)

Wie eine Blinde die Welt sieht

Ein mächtiger Schutzengel für mehr Gefahren

 

Elke
 
Foto: güs
 

"Hab ich zugenommen?" – eine der ersten Fragen, die Elke an eine frühere Erzieherin stellt, die sie lange nicht mehr gesehen hat. Gut auszusehen ist Elke sehr wichtig. Dabei ist gerade das für die 25-Jährige gar nicht so einfach – zum Beispiel was die Auswahl ihrer Kleidung angeht. Da muss sie sich auf das Urteil vertrauenswürdiger Menschen verlassen. Denn Elke ist blind. Schon immer. Das heißt nicht ganz – sie war ein "Frühchen" und musste in den Brutkasten. Der allerdings war defekt, sie wurde mit zu viel Sauerstoff versorgt und erblindete.

Bewundernswerte Einstellung

"Manchmal – aber nur selten – könnte ich mit dem Schicksal hadern, wenn ich daran denke, dass ich durch so einen dummen Umstand blind geworden bin. Aber das würde auch nichts ändern", sagt die Wahl-Münchnerin. Bewundernswert, diese Einstellung. "Genaugenommen kann ich froh sein, dass ich lebe, denn ich wog nur 1.200 Gramm und bekam eine Nottaufe."

Elkes kleine Wohnung in Bahnhofsnähe ist nett eingerichtet. "Ich habe schließlich einige sehende Freundinnen und Freunde. Die sollen sich wohl fühlen, wenn sie mich besuchen", erklärt sie. Und auch ihr gibt es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sie eine schöne Wohnung hat. Noch wichtiger ist die zweckmäßige Einteilung. Für Elke sieht ihre Wohnung so aus: Eingang, dann zwei Schritte, links Schuhe abstellen, rechts Bad. Das Bad ist überschaubar, alles ist im Abstand von zwei Schritten zu erreichen. "Das ist bequem." Ein großes Bad wäre ihr lästig. Auch der Rest der Wohnung ist in Schritte und ungefähre Entfernungen eingeteilt. Dass weder Küche noch Bad ein Fenster haben, stört sie nicht.

Das alles schildert sie nebenbei, während sie Gläser und Mineralwasser aus der Küche holt. "Soll ich das Glas ganz voll machen?", fragt sie ihren Gast. In den meisten lebenspraktischen Dingen hat sie kaum Probleme. Inzwischen gibt es verschiedenste Hilfsmittel, zum Beispiel einen "sprechenden" Terminkalender oder eine aufklappbare Uhr, zum Zeit ertasten. Schwierig wird es dann, wenn sie in den Supermarkt zum Einkaufen muss. "Da brauch' ich eine Sehende." Viele Lebensmittel erschließen sich nicht durch Tasten. Das Zahlen sei dann wiederum einfach. "Die neuen Münzen sind prima, ganz leicht zu erkennen." Schwierigkeiten machen ihr die Euro-Scheine. "Aber da frag ich eben nach. So ehrlich sind die Menschen schon", schildert Elke die vielen positiven Erfahrungen, die sie mit hilfsbereiten Menschen gemacht hat.

Ihr Aussehen ist ihr wichtig. "Ich weiß ja, dass sich Sehende unweigerlich davon beeinflussen lassen", meint die selbsbewusste junge Frau. Sie "sieht" an einem Menschen vor allem Stimme, Sprache und Geruch. "Manche Menschen riechen einfach gut, das macht sie für mich sympathisch." Furchtbar dagegen sei es, "wenn jemand schweißelt oder sonstwie muffelt – da reicht's mir schnell". Auch zuviel Parfum wirke nicht gerade anziehend. Wichtiger noch sei die Stimme. Sie müsse angenehm, warm und gut verständlich sein. "Schrecklich finde ich eine gereizte, harte Stimme oder wenn jemand nuschelt." Und letztlich ausschlaggebend ist es für die gelernte Telefonistin, wie jemand mir ihr und ihrer Blindheit umgeht. "Es ist mir immer lieber, wenn mich jemand direkt darauf anspricht und nicht peinlich berührt ist." Schlimm ist es für Elke, wenn sie merkt, dass sich jemand nur aus Mitleid mit ihr abgibt. "Almosen brauch ich keine. Aber ich gebe gern jedem darüber Auskunft, der Fragen zum Blindsein hat."

Als das Gespräch auf ihren Traummann kommt, wird wieder deutlich, dass auch Blinde "sehen". Erst mal lacht Elke etwas verlegen, dann meint sie: "Eine sympathische Stimme soll er haben, groß kann er sein, nicht zu dick. Vor allem darf er keine roten Haare haben. Ich weiß nicht warum, aber das stell ich mir scheußlich vor."

Mobil in der Großstadt

Die gebürtige Oberfränkin hat ihre Schulzeit in der Nürnberger Blindenanstalt e.V. verbracht. Auch ihre Ausbildung zur Telefonistin hat sie dort gemacht. Seit über vier Jahren lebt sie nun in München, wo sie als Telefonistin in einem Amt arbeitet. Um zu ihrer Arbeitsstelle zu kommen, muss sie ein ganzes Stück durch die Stadt – zu Fuß und per U-Bahn. Den Weg bekam sie "antrainiert", "Mobilitätstraining heißt das", erklärt sie. Wie gut sie im Getümmel der Großstadt zurecht kommt wird deutlich, als sie sich ihre Jacke schnappt und noch "an die frische Luft will". Faszinierend, wie sicher sie sich mit ihrem Blindenstock durch die vielen Menschen bewegt und zielstrebig ihren Weg findet. "Ist manchmal aber auch sehr anstrengend", seufzt sie, grinst und hängt sich bei ihrem Besuch ein: "Eigentlich muss ich das mal ausnutzen, wenn mich jemand führen kann." Sprach's und tat's. So kann sie sich unterhalten und muss nicht Schritte, Bürgersteige und Ampeln zählen. Sie kann dem Gespräch folgen, ohne sich auf die Verkehrsgeräusche konzentrieren zu müssen.

Dass ihr noch nichts passiert ist, wenn sie so viel in der Stadt unterwegs ist, führt sie auch darauf zurück: "Ich glaube, ich habe einen mächtigen Schutzengel", lacht sie. "Nein, im Ernst. Ich bin davon überzeugt, dass Gott mich behütet." Schließlich sei sie ja mehr Gefahren ausgesetzt als manch andere Menschen. "Immer wieder erlebe ich es, dass Gott mir hilft und Gebete erhört", sagt die Blinde. Dadurch könne sie an Probleme gelassen herangehen – "aber auch nicht immer", räumt sie ein. Es gebe schon auch vieles am christlichen Glauben, was sie nicht verstehe. "Aber das muss ich vielleicht auch nicht."

Dann kommt das Gespräch auf Urlaub. "Ich möchte unbedingt mal nach Südtirol", sagt Elke. "Das würde ich sehr gern mal sehen." Wie sehen? "Na, einfach das Gefühl, da zu sein. Das Wissen, da sind Berge. Das fühlt sich gut an." Ähnlich geht es ihr mit dem Meer. "Das Meer rauschen zu hören, darin zu baden und den Wind zu spüren ist toll." Und noch etwas spielt für sie eine wichtige Rolle: "Es gibt überall Spezialitäten. Ich gehe gern landestypisch essen", meint sie und fügt verschmitzt hinzu: "Deswegen muss ich ja auch immer wieder mal nachfragen, ob meine Figur noch in Ordnung ist."

Karin Ilgenfritz


Der schweigende Hirte

Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Hebräer 13, 20–21



Der schweigende Hirte
 
Foto: Felten
   

Er steht einfach da. Schweigend. Ohne Regung. In Gedanken versunken. Minute um Minute, Stunde um Stunde. Seine dunkelbraunen Augen heften sich wach an den Horizont. Und er sieht die Konfirmation seiner Nichte am letzten Palmsonntag. Den Segenswunsch für die 14-Jährige, dass Gott sie begleite auf allen ihren Wegen zwischen Schule und Disco, und dass er sie stärke, Gutes zu tun und seinen Willen zu erfüllen.

Er steht einfach da. Schweigend. Ohne Regung. In Gedanken versunken. Und er sieht die vergangene Karwoche zwischen Karfreitag und Ostersonntag, den Wechsel vom Tod ins Leben, vom Dunkel hinein in das Licht. Das Verlöschen der Kerzen in der Todesstunde Jesu und das Lachen seiner drei Enkel, als sie ihre Osternester im alten Obstgarten entdecken.

Er steht einfach da. Schweigend. Ohne Regung. In Gedanken versunken. Und er sieht die Fernsehbilder, wie das Blut fließt im gar nicht mehr Heiligen Land. Die heulenden Sirenen der Krankenwagen, die Schreie der Verletzten und die Sprachlosigkeit der getöteten Juden und Muslime, Palästinenser und Israelis.

Er steht einfach da. Schweigend. Ohne Regung. In Gedanken versunken. Und er sieht seinen Vater und seine Mutter, wie sie ihr Leben leben in dem Dorf, das auch seine Heimat ist. Eingebunden und festgehalten, getragen und gefangen in den traditionellen Regeln der Großfamilie und dem Tages- und Jahresrhythmus des Dorflebens.

Er steht einfach da. Schweigend. Ohne Regung. In Gedanken versunken. Und er sieht sich auch selbst. Seine Schafe, seine Herde, seinen Hirtenhund. Das Bild vom guten Hirten und die Worte des 23. Psalms, die er seit dem Religionsunterricht in seinem Herzen trägt. Wie der Gott des Friedens seiner Frau und ihm drei gesunde Kinder schenkt und im vergangenen Jahr seine Ehefrau zu sich ruft.

Er steht einfach da. Schweigend. Ohne Regung. In Gedanken versunken. Minute um Minute, Stunde um Stunde. Seine dunkelbraunen Augen heften sich wach an den Horizont.

Kirchenrat Roland Gertz
Referent für Medien und Erwachsenenbildung, München

Wir beten: Du, Herr, bist gut und gnädig, von großer Güte allen, die dich anrufen. Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte. Tu ein Zeichen an mir, dass du's gut mit mir meinst. Amen.

Lied 274: Der Herr ist mein getreuer Hirt.

 

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