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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 13 )

"Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zur Kirche"

Interview mit Bundeskanzler Gerhard Schröder

 

Bundeskanzler Gerhard Schröder
 

Seit Herbst 1998 bestimmt Gerhard Schröder als Bundeskanzler die Leitlinien deutscher Politik. Über seine politischen Vorstellungen wurde viel geschrieben und berichtet. Kaum bekannt jedoch ist, wie der 57-Jährige über Kirche und Christsein denkt. Mit dem Kanzler sprachen darüber in Berlin die Chefredakteure Reinhard Heubner (Kasseler Sonntagsblatt) und Günter Saalfrank (Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern).

Herr Bundeskanzler. Viele Ihrer politischen Weggefährten und Altersgenossen sind aus der Kirche ausgetreten. Warum sind Sie noch Mitglied der evangelischen Kirche?

Schröder: Für andere kann ich nicht sprechen. Ich rede öffentlich ungern über Religion, Glauben und meine Bindung zur evangelischen Kirche, aber ich willęs versuchen. Ich gehe, was diese Frage angeht, mit vielen Zweifeln durchs Leben. Aber weil ich damit nicht fertig bin, was es für mich persönlich bedeutet, gab es auch nie einen Grund, meine Beziehung zur Kirche sozusagen formal abzubrechen. Und dann kommt ein zweiter Punkt hinzu: Ich habe einen großen Respekt vor Christenmenschen, die sich haupt- oder ehrenamtlich aus ihrem Glauben heraus engagieren – zum Beispiel in der Diakonie, in der Betreuung von Flüchtlingen oder in Dritte-Welt-Aktivitäten. Das möchte ich den Hauptamtlichen in der Kirche und vor allem den ehrenamtlich Tätigen signalisieren. Durch eine formale Trennung von der Kirche würde ich mich auch von diesen Menschen trennen. Und das will ich nicht. Übrigens: Auch in den ganz wilden Zeiten - als Juso-Vorsitzender – hatte ich keinen Anlass, einen Trennungsstrich zu ziehen. Ich weiß nicht warum, aber ich konnte es nicht.

Stichwort "wilde Zeiten". Können Sie sich noch an Ihren Konfirmandenunterricht erinnern?

Schröder: Ja, sehr gut. Ich lebte damals in einem Dorf im Lippischen. Wir kamen wöchentlich im Pastorenhaus zusammen. Das war die Möglichkeit, Gleichaltrige zu treffen und Spiele zu machen. Wir mussten im Konfirmandenunterricht viel auswendig lernen. Vieles habe ich bis heute nicht vergessen. Ich kenne noch viele Kirchenlieder, auch wenn ich meist ziemlich falsch singe. Die Pflicht, auswendig zu lernen, halte ich übrigens für eine Tugend. Weil sie nicht mehr so geübt wird, geht auch viel verloren – in den Schulen und auch im Konfirmandenunterricht. Also: Ich denke gerne an die Konfirmanden-zeit zurück, auch wenn es manchmal hartes Auswendiglernen war.

Wissen Sie noch Ihren Konfirmationsspruch?

Schröder: Sicher: "Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen."

Gibt es Texte in der Bibel, die Sie besonders zum Nachdenken anregen?

Schröder: Es gibt solche Texte, nicht nur die Bergpredigt im Neuen Testament. Auch alttestamentarische Texte gehören dazu.

Gibt es Personen in der Kirche, die Sie besonders beeindruckt haben?

Schröder: Es gibt eine Reihe von Geistlichen wie auch Christen in weltlichen Ämtern, vor denen ich großen Respekt habe. Einer, den ich noch als Politiker kannte, habe ich dann später als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland erlebt: Jürgen Schmude. Seine Gradlinigkeit und Integrität beeindrucken mich immer sehr. Und manchmal denke ich, sich so sicher zu sein in dem, was man tut, hat wohl auch mit dem Glaubensfundament zu tun.

Apropos Glaubensfundament. Unsere Gesellschaft ist christlich geprägt. Das drückt sich auch in der Präambel des Grundgesetzes aus, wo von der Verantwortung vor Gott und den Menschen die Rede ist. Sie haben bei Ihrer Vereidigung auf diesen Zusatz "so wahr mir Gott helfe" verzichtet. Was wollten Sie damit dokumentieren?

Schröder: Ich wollte damit dokumentieren, was ich gelernt habe über das Schwören in der Bergpredigt: "Eure Rede aber sei: Ja, ja oder nein, nein - Was darüber ist, das ist von Übel." Und zur Präambel: Da habe ich nichts nachzuholen. Während meiner Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen wurde aus der vorläufigen niedersächsischen Verfassung, in der kein Gottesbezug stand, eine endgültige. Sie enthält einen Gottesbezug. Ich habe damals gesagt: Für diejenigen, denen es aus ihrem christlichen Glaubensverständnis ein wirklich fundamentales Anliegen ist, ist es ganz schwer, darauf zu verzichten. Diejenigen dagegen, die diesen Bezug nicht wollen, könnten leichter damit umgehen.

Trotzdem: Meinen Sie nicht, dass in der heutigen Situation der Orientierungslosigkeit es hilfreich wäre, auch von Ihnen so ein Signal zu hören: Ich sehe mich in der christlichen Tradition?

Schröder: Ja, das würde ich gerne geben. Und ich habe immer deutlich gemacht, dass diese Fundierung von Politik, zum Beispiel über die Bergpredigt als zentrales Element christlicher Politik, für mich etwas bedeutet und auch für meine Partei. Ich möchte das nicht missen, weil es in der Tat Orientierung geben kann. Es ist im Übrigen einer der Gründe, warum ich gerne - soweit es die Zeit erlaubt - zu den Kirchentagen gehe, weil dort von Orientierung und individueller Glaubenserfahrung viel zu spüren ist. Sie haben sicher Recht: Dieses Land und die Menschen in diesem Land wären ärmer und orientierungsloser, wenn es diese Fundierung von Leben und Politik in der christlichen Prägung unserer Kultur und Gesellschaft nicht gäbe. Nur man kann sie nicht erzwingen. Und noch eines: Ich möchte meine eigenen Zweifel bewältigen und nicht aus politischer Korrekt-heit so tun, als gäbe es sie nicht.

Die Nichtsegnung des Kanzleramtes wurde mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates begründet. Nun hat das Bundesverfassungsgericht auch festgestellt, dass zur weltanschaulichen Neutralität des Staates die Wurzeln des Staates gehören, auch die christlichen Wurzeln. Wie zeigt sich das konkret in Ihrer Politik?

Schröder: Das lässt sich nur durch Orientierung von Gesetzgebung und Handeln an den Wertvorstellungen des christlichen Menschen klar machen. Also an denen, die etwas zu tun haben mit Toleranz gegenüber Andersdenkenden, die was zu tun haben mit Demokratie, mit Freiheit und die etwas zu tun haben auch mit internationaler Solidarität und dem Eintreten für die Schwächeren.
Da versuchen wir, solche Wertvorstellungen auch in der konkreten Politik wirksam werden zu lassen. Das muss gemessen werden an dem, was wir tun, und nicht nur an dem, was man in solch einem Gespräch sagt. Lassen Sie uns aber nicht vergessen, dass das Bundesver-fassungsgericht den Staat auffordert, ja verpflichtet, die friedliche Koexistenz unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen sicherzustellen, dadurch dass er gerade selbst in Glaubensfragen Neutralität bewahrt.

Bayerische Kirchenvertreter haben Ihnen ein Kreuz ins Kanzleramt geschickt. Hat es hier einen Platz gefunden?

Bundeskanzleramt, Berlin
 

Schröder: Das Holzkreuz, das Mitglieder der Landessynode der Evangelischen-Lutherischen Kirche in Bayern übersandt haben, hängt im Dienstzimmer eines Mitarbeiters. Mir selbst hat man es nicht gegeben. Ich habe davon erst erfahren, als meine politischen Gegner dies gegen mich benutzen wollten. Das zur Fairness derer, die sich auf das Christentum berufen.
Ich freue mich immer sehr und bin beeindruckt, wie viele Bürgerinnen und Bürger mir Geschenke in Form von Büchern, übrigens regelmäßig auch Bibelausgaben, Bildern, kunsthandwerklichen Gegenständen auch religiöser Prägung mit persönlichen Wünschen übersenden. Ich denke, es leuchtet unmittelbar ein, dass all diese Geschenke leider nicht bei mir im Büro ihren Platz finden können. Dafür ist aber an anderer Stelle im Kanzleramt gut gesorgt. Ich habe mich gefreut, dass ein Mitarbeiter spontan das Kreuz aus Bayern für sein Büro erbat. Dort hat es einen guten Platz gefunden. Die Art und Weise jedenfalls, wie versucht wird, die Frage des Kreuzes parteipolitisch zu benutzen, empfinde ich als zutiefst unchristlich.

Sehen Sie in den Kirchen, Herr Bundeskanzler, Bundesgenossen für die Politik? Wo war Ihnen die Unterstützung der Kirche in Ihrer politischen Tätigkeit hilfreich und auf welchen Feldern würden Sie sich die Kirchen noch lautstärker wünschen?

Schröder: Die Kirchen würden missbraucht werden, wenn man von Bundesgenossen redet. Die Kirchen haben nicht die Funktion, diese oder jene Politik oder Partei zu unterstützen. Sie haben die Aufgabe, auf der Basis ihrer Wertvorstellungen Politik kritisch zu begleiten. Und das auch kräftig. Und das tun sie ja auch. Wir haben ja gerade die Debatte über die Fragen der Embryonenforschung hinter uns. Da waren mir die Mahnungen der christlichen Kirche auch dann wichtig, wenn ich sie nicht für richtig hielt und nicht befolgen wollte - was ich auch partiell nicht getan habe. In diesen Fällen glaube ich, dass man die Kirchen nicht auffordern muss, noch lautstärker zu werden. Aber wenn sich die Kirchen zu Wort melden, müssen sie natürlich auch damit rechnen, dass man ihnen widerspricht, wenn man anderer Meinung ist.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Staat und Kirche?

Schröder: Das Verhältnis ist – vom Staat her - von Toleranz geprägt und - von mir aus gesehen - von Respekt und Hoffnung. Ich hoffe, das gilt auch umgekehrt. Wir haben da ein sehr gutes, durchaus partnerschaftliches Verhältnis und das ist in Ordnung so. Ich habe öfter darauf hingewiesen, dass eine Institution wie die Kirche auch finanziert werden muss. Deswegen finde ich auch die Kirchensteuer in Ordnung. Ohne diese Basis wäre viel von dem großen, manchmal sogar mit der Bereitschaft zur Selbstausbeutung betriebenen ehrenamtlichen Engagement nicht möglich. Deswegen halte ich auch die Debatten über die Abschaffung der Kirchensteuer für unsinnig.

Die Abschaffung der Kirchensteuer steht also in nächster Zeit nicht mehr zur Debatte?

Schröder: Nein, mit mir ist das nicht zu machen.

Die evangelische und katholische Kirche, haben die Aktion "Ohne Sonntage gibt’s nur noch Werktage" gemacht. Wie stehen Sie zur Sonntagsruhe und welchen Beitrag wollen Sie leisten, dass der Sonntag nicht dem Kommerz zum Opfer fällt?

Schröder: Es gibt gute Gründe, Sonntage und Feiertage als Tage der Besinnung zu verteidigen und darauf zu achten, dass sie nicht durch-kommerzialisiert werden. Es wird aber immer wieder Ausnahmen geben und auch geben müssen. Damit ist pragmatisch umzugehen. Übrigens ergibt es wenig Sinn, wenn der Bundeskanzler das entscheidet. Das sollen die Kommunen und die Länder tun. Es muss nicht alles zentra-listisch organisiert sein.

Viele Menschen fühlen sich durch die zunehmende Globalisierung bedroht. Welche Möglichkeiten sehen Sie, Globalisierung gerecht zu gestalten, damit die armen Länder und die am Rande stehenden Menschen nicht durchs Netz fallen?

Schröder: Man muss sich eins klar machen: Globalisierung wird sich nicht aufhalten lassen. Die Chancen der Globalisierung, also das Partizipieren an verbesserten ökonomischen Möglichkeiten gelten nicht nur für die Industrieländer, sondern auch für die sogenannten Länder der Dritten Welt. Das hat Folgen. Erstens für die Transparenz in den Finanzmärkten, damit die armen Länder nicht von den reichen Ländern gleichsam in Dienst genommen werden. Zweitens müssen die Industrieländer ihre Märkte öffnen, zum Beispiel für landwirtschaft-liche Produkte aus diesen Ländern. Drittens müssen die materiellen Abhängigkeiten aufgelöst werden, die meist nur den Industriestaaten genutzt haben. Deswegen sind mir Initiativen zur Entschuldung der Ärmsten der Armen ganz wichtig. Und der vierte Punkt: Bei all dem, was an Hilfe mobilisiert wird, ist darauf zu achten, dass diese Hilfe nicht einer verschwindend kleinen Minder-heit in den Ländern zugute kommt, sondern das Volk erreicht. Ich glaube, dass da Fortschritte gemacht worden sind - in der Organisation der Entwicklungshilfe sowohl zwischen den Ländern als auch durch die Weltfinanz- und Hilfsinstitutionen.

Zu den Schattenseiten der Globalisierung. In Deutschland stehen Werke vor der Schließung. Zum Beispiel das AEG-Werk in Kassel. Was kann Politik tun, um mehr Einfluss zu nehmen, um nicht ohnmächtig zu sehen, wie hier Konzernleitungen eigenständig entscheiden?

Schröder: Wir versuchen einen vernünftigen Rahmen zu setzen und Bedingungen zu schaffen, dass das nicht passiert. Aber Strukturwandel wird es immer geben, so bedauerlich das ist. Und gelegentlich - ich kenne die Schließungsentscheidung in Kassel nicht Einzelnen - werden hier Entscheidungen auch getroffen von auslän-dischen Konzernen, die wir gar nicht beeinflussen können. Soweit es sich um deutsche Unternehmen handelt, kann man - ich werde gelegentlich beschimpft für solche Aktivitäten - immer noch etwas machen, indem man mit den Konzernleitungen redet, weil auch die mit sich reden lassen.

Von rechtsradikaler Gewalt hört man in letzter Zeit weniger. Aber sie hat unserem Land doch geschadet in moralischer und ökonomischer Hinsicht. Die Ermutigung zur Zivilcourage - welche Möglichkeiten hat hier die Politik?

Schröder: Der Staat muss ganz klarmachen, an welcher Seite er steht. Er hat sich an die Seite jener zu stellen, die angegriffen werden. Das ist das Wichtigste. Das Zweite: Alle, die Gewalt anwenden, müssen mit aller Deutlichkeit und Härte von Polizei und Justiz verfolgt werden. Und das Dritte: Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über Ursachen und Wirkungen, aber auch über die Frage, wie man rechtsradikaler Gewalt beikommt. Und wir brauchen Mut zur Zivilcourage. Da haben wir Fortschritte erzielt. Aber eins muss man klar sagen: das ist ein immer währender Kampf.

Zivilcourage als Wert. Welche Werte sind Ihnen sonst wichtig?

Schröder: Demokratie braucht Zivilcourage. Und wo immer sie fehlt, ist Demokratie gefährdet. Darüber hinaus sind mir Toleranz und Respekt vor anderen Kulturen wichtige Werte. Nicht in dem Sinne, dass ich nun der Vorreiter der Multikulti-Epoche wäre. Aber ich finde schon, dass man beim Bewahren der eigenen kulturellen Identität mit der Kinderhymne von Brecht sagen kann, in der es zum Schluss heißt: "Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s, und das liebste mag’s uns scheinen, so wie andern Völkern ihrs."

Denken die Deutschen zu negativ? Erwarten sie manchmal zu viel vom Vater Staat?

Schröder: Die meisten Menschen in diesem Land haben ein Maß an relativem Wohlstand, wie vielleicht nie zuvor in der Geschichte. Und dass man daran festhalten will, das muss man verstehen. Weil ja ganz viele die Erfahrung gemacht haben, wenn's schlecht läuft, sind gerade diejenigen, die abhängig beschäftigt sind und nicht auf ein Vermögen zurückgreifen können, die zuerst Gekniffenen. Dann gibt es ein gelegentliches Jammern auf sehr hohem Niveau. Ich will das nicht kritisieren, weil ich glaube, dass dies auch damit zusammenhängt, an dem festhalten zu wollen, was man sich mühsam erarbeitet hat. Insofern habe ich ein gewisses Verständnis für diese Mentalität, auch wenn ich es mir gelegentlich optimistischer wünschen würde. Wir sind gerade in so einer Phase. Wir können es packen, dass es in diesem, erst recht im nächsten Jahr besser wird und weiter aufwärts geht.

Es gibt ein schönes Wort von der Gelassenheit: Herr gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ist diese Gelassenheit angesichts Ihres Terminkalenders für Sie überhaupt noch möglich?

Schröder: Schwer, aber es gelingt doch immer wieder. Wenn man mit Freunden redet, wenn man zu Hause ist, wenn man mit engen Mitarbeitern spricht, die man besonders schätzt, dann diskutieren wir Fehler, aber auch Erfolge. Und dann kommen wir in so eine Situation, dass man für sich selber sagt: Wenn du einen Strich drunter machst, hat es sich gelohnt. Und das macht dann auch in aufgeregten Situa-tionen schon gelassener. Vielleicht nicht ganz so idealtypisch wie es dort steht.

War Ihnen der Verlust von Privatheit in solchem Ausmaß bewusst, dass er Ihre gesamte Familie, von Ihrer Mutter bis zum Bruder betrifft?

Schröder: Das war mir nicht bewusst, jedenfalls nicht in dieser Dimension. Denn der Mangel an Respekt vor Privatheit hat sich erst in den letzten Jahren herausgestellt. Was die Familie angeht: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich aus Verhältnissen komme, die man wirklich als ärmlich bezeichnen kann. Und dass der Bruder gelegentlich mit meinem Namen noch ein bisschen zuverdient, mag manchmal für mich ärgerlich sein. Das muss ich zur Kenntnis nehmen. Aber ich nehme es nicht übel. Es ist mein Bruder!

Welchen Stellenwert hat für Sie persönlich die Familie?

Schröder: Meine Familie, also meine Frau und meine Tochter, ist der Bereich, in dem ich mich in einem ganz umfassenden Sinne aufgehoben fühle. Wo ich einfach weiß, da hast du nichts zu fürchten. Da liebt man dich mit deinen Fehlern. Das schließt den gelegentlichen Konflikt in der Familie nicht aus. Aber das ist so: Ohne meine Frau und meine Tochter könnte ich den Job nicht so machen, wie ich ihn mache.

Apropos Tochter: Wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie Ihre Tochter lieber in den Religionsunterricht oder in das Fach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde (LER) schicken?

Schröder: Ich gehöre zu denen, die den Religionsunterricht für einen vernünftigen und richtigen Teil vom Schulunterricht halten. Dafür werde ich mich auch immer stark machen. Meine Tochter ist katholisch. Sie besucht zur Zeit in der Orientierungsstufe den katholischen Religionsunterricht. Und sie tut das gern. Für meine Frau und mich hat sich das als richtig herausgestellt. Übrigens: Im Abiturzeugnis hatte ich neben Geschichte in Religion eine Eins. Damit ich nicht missverstanden werde: Das waren die einzigen Einser. Das hängt mit dem Pfarrer zusammen, der Religions-unterricht bei uns gab. Er hielt ihn mehr als Philosophieunterricht. Das hat mich sehr interessiert damals.

Dreieinhalb Jahre Bundeskanzler. Hat Sie diese Zeit verändert?

Schröder: Natürlich. Aber das wäre auch merkwürdig, wenn es anders wäre.

Sie haben vor kurzem die Computermesse CEBIT eröffnet. Können Sie einen PC bedienen oder fragen Sie lieber Ihre Tochter?

Schröder: Wir haben in unserer Familie eine Dreistufung, was die Computerkenntnisse angeht. Unsere Tochter, die seit Weihnachten einen eigenen Computer hat, ist jetzt schon die Beste. Meine Frau, die als Journalistin professionell mit dem PC und dem Internet umgehen kann, gibt inzwischen selber zu, nicht mehr ganz so gut zu sein. Und dann komme ich: Ich kann damit umgehen. Ich lese zum Beispiel Zeitungen im Internet. Nicht oft. Und ich brauche die Hilfe meiner beiden Frauen.

Ostern steht vor der Türe. Was bedeutet für Sie das Fest?

Schröder: Natürlich weiß ich – nicht zuletzt seit meinem intensiven Konfirmandenunterricht – um den christlichen Hintergrund von Ostern, von der Auferstehung Jesu. Ostern bedeutet für mich auf der Grundlage seiner religiösen Bedeutung daher auch Besinnung. Innehalten und etwas zur Ruhe kommen. Ruhe finden im Kreis der Familie. Wir werden zu Hause sein. Es bedeutet Lesen, miteinander reden, spazieren gehen und es bedeutet, im Garten unseres neuen Hauses Ostereier zu verstecken. Unsere Tochter ist elf, sie legt noch Wert darauf.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 


"Mir wurde das Leben neu geschenkt"

Erfahrungen von Menschen, deren Zeit bereits abgelaufen schien

 
Foto: güs

Kein Leben auf Erden dauert ewig. Klar. Durch Krankheit oder Unfall jedoch kann dies schnell zur bitteren Erfahrung werden. Die Zeit scheint abgelaufen zu sein - und ist es doch nicht. Sonntagsblatt-Chefedakteur Günter Saalfrank sprach mit zwei Personen, deren Lebensuhr nicht zu Ende ging und die von sich sagen: "Mir wurde das Leben neu geschenkt."

Krebs – eine besonders seltene Form. Gerade mal 29 Jahre war Susanne Breit-Keßler alt, als ihr die Ärzte die Diagnose mitteilten und ihr eine Überlebenschance von zwei Prozent gaben. Das war vor fast 20 Jahren. Susanne Breit-Keßler ist heute Regionalbischöfin für München und Oberbayern und dankbar für ihr erfülltes Leben. "Damals hatte ich einen bösen Verdacht", schildert sie die Zeit vor der Diagnose. Doch sie stieß bei Ärzten zunächst auf taube Ohren "Es hat mir erst keiner geglaubt, dass ich etwas Schlimmes in mir habe." Untersuchungen belegten es schließlich. Besonders tragisch an der Situation: Als sie von der Diagnose erfuhr, lag ihre Mutter gerade im Sterben.

Die Ärzte ermutigten die damals 29-Jährige, sich gegen die Krankheit zu stellen – trotz geringer Heilungschancen. Die Mediziner versuchten alles Menschenmögliche. Susanne Breit-Keßler wurde operiert, anschließend erhielt sie Chemotherapie. Für die junge Frau eine Zeit mit starken Einschränkungen: "Ich war sehr geschwächt, konnte nur wenige Schritte gehen und das Haus kaum verlassen." Nach sechs Monaten Chemotherapie beschlossen die Ärzte, eine Behandlungspause einzulegen. In dieser Zeit passierte Entscheidendes. Die Haare wuchsen wieder, Susanne Breit-Keßler nahm zu. Und die Ärzte hatten gute Nachrichten für sie. Denn die Untersuchungen zeigten, dass kein Geschwür mehr da war. Die junge Frau konnte es anfangs gar nicht fassen. Doch regelmäßige Kontrollen bestätigten dies immer wieder.

Die Krankheit hat die Theologin verändert. "Ich weiß nun die kleinen Dinge des Lebens besonders zu schätzen", erzählt sie. "Ich freue mich über jedes Gänseblümchen und jede Tulpe." Der heute 48-Jährigen liegt viel an menschlichen Beziehungen. Und sie wundert sich darüber, "um welche Nichtigkeiten sich Menschen manchmal streiten". Als Regionalbischöfin fällt ihr auf, "welch unglaubliche Energie in Konflikte gesteckt wird und darin, sie am Kochen zu halten". Dabei wäre es viel besser, diese Energie aufzuwenden, um Probleme zu bereinigen.

Susanne Breit-Keßler ist sehr dankbar für jeden neuen Tag. Sie spricht vom "sensationellen Geschenk des lieben Gottes". Die schlimmen Erfahrungen ordnet sie ein in das "große Geschenk des Lebens". Der Krankheit gewinnt die Theologin Positives ab. "Mein Leiden hat mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung vorangetrieben." Verstand und vor allem Herz hatten profitiert.

Jedes Jahr feiert die Regionalbischöfin den Tag ihrer Operation – als zweiten Geburtstag. Sie nimmt sich dafür sogar einen Tag frei. Die Erinnerung an das Schwere will die 48-Jährige nicht verdrängen, sondern wach halten. Im Rückblick auf ihre Erkrankung – 2003 werden es 20 Jahre, seitdem sie operiert wurde – kann sie nur dankbar feststellen: "Mir wurde das Leben ein zweites Mal geschenkt."

Chance auf Heilung

Keine Krankheit, sondern ein sehr schwerer Verkehrsunfall hätte Rudolf Dreßler 1997 beinahe das Leben genommen. Der langjährige Sozialpolitiker und heutige deutsche Botschafter in Israel war einige Wochen völlig gelähmt. Mehrere Monate saß er im Rollstuhl. Er wusste nicht, ob er "jemals wieder hergestellt wird". Nach einigen Wochen ging die Lähmung langsam zurück. Dreßler spürte, dass er den kleinen Finger an der rechten Hand bewegen konnte. "Ich merkte, dass da eine Chance auf Heilung war," erinnert er sich.

Der heute 61-Jährige versuchte, sich über einige Grundsätze klar zu werden. "Mein Leben vorher bestand in dem verrückten Glauben, der 24-Stunden-Tag müsste 32 Stunden haben und die sieben-Tage-Woche neun Tage", erzählt er. "Als ich da lag und merkte, es geht auch ohne mich weiter, bin ich mir darüber klar geworden: Der Satz 'Weniger ist mehr' kann ein Stück Lebensqualität bedeuten." Im Rückblick auf sein bisheriges Leben fiel ihm auf, dass vieles von dem, was er gemacht hatte, völlig überflüssig war.

Die Rehabilitation war für den Diplomaten mit "nicht geringen Schmerzen" sowie mit Disziplin verbunden. Doch Mühe und Anstrengung blieben nicht ohne Erfolg: Es ging Schritt für Schritt wieder bergauf. Ganz gesund wurde er aber nicht wieder. Ein Teil seines linken Armes und Beines sind noch heute gelähmt. Das aber macht dem deutschen Botschafter kaum etwas aus. "Gemessen an dem, wie es mir nach dem Unfall ging, geht es mir jetzt gut." Und er fügt hinzu: "Normalerweise kann man so etwas nicht überleben."

Dreßler versuchte, sein Leben neu zu ordnen. "Ich habe ein viel innigeres Verhältnis zu meinen Kindern gefunden", sagt er. Vorher dachte er, es reicht, die große Tochter und die kleinen Jungs von Zeit zu Zeit zu sehen. Heute ruft er die in Deutschland lebende Tochter regelmäßig an, um mit ihr zu reden. "Ich kümmere mich viel mehr um meine Familie", erzählt der Diplomat.

Jenseits von beruflicher Beschäftigung fühlt er sich seither wohler als vorher: "Vorher glaubte ich immer, im Beruf etwas zu versäumen. Letztlich habe ich zu Hause viel versäumt." So schwer für Dreßler die Wochen und Monate nach dem Unfall waren, er möchte die Zeit nicht missen: "Das schlimme Ereignis brachte für mich auch positive Erfahrungen mit sich." Dem Diplomaten haben vor allem Begegnungen mit Menschen sehr geholfen. Besonders geprägt haben ihn die Gespräche mit einem jungen Pfleger im Krankenhaus. Einmal erzählte Dreßler ihm, wie peinlich es ihm sei, vollkommen auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. "Der Pfleger machte mir klar, dass ihm seine Arbeit, die ich als peinlich empfand, Freude bereitet und er diesen Beruf bewusst gewählt hat", erinnert er sich. Nach diesem Gespräch ging es dem Botschafter besser. Er empfand es auch nicht mehr als unangenehm, sich helfen zu lassen: "Das war ein Schlüsselerlebnis während der ersten Wochen, wo ich mich kaum bewegen konnte."

Zuwendung als Hilfe

Insgesamt erfuhr Dreßler viel menschliche Wärme im Krankenhaus. Andere Patienten, die noch stärkere Verletzungen hatten, redeten ihm zu und erzählten von ihrer Situation. "Es hat mir geholfen, in dieser Zeit so viel Zuneigung zu erfahren", gibt er unumwunden zu. In den Monaten im Krankenhaus hatte er außerdem Zeit, über den Sinn des eigenes Lebens nachzudenken. "Ich habe durch den Unfall Tage und Monate neu geschenkt bekommen", steht für den deutschen Botschafter in Israel im Rückblick fest.

Günter Saalfrank

 


Ostern – Neuer Sinn für's Leben

Viele haben die Wirklichkeit der Auferstehung erfahren

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.
1. Kor 15,19-20


Woran denken Sie bei Ostern
 
Plakat der EKD
   

"Woran denken Sie bei Ostern?" Seit einigen Wochen begegnet uns die Frage auf Plakaten und Anzeigen. Sie ist Teil einer Öffentlichkeits-initiative der EKD. Mir gefällt, dass die Plakatserie Fragen stellt und zum Gespräch einlädt. So wird deutlich: Fragen gehören zum Glauben. Der Philosoph Martin Heidegger nennt das "Fragen die Frömmigkeit des Denkens." Kennzeichen des christlichen Glaubens ist ja gerade, dass er das Leben nicht fraglos hinnimmt, sondern immer wieder um Antworten auf existentielle Fragen ringt. Die Antworten des Glaubens müssen immer wieder neu durchbuchstabiert und mit Leben gefüllt werden.

"Woran denken Sie bei Ostern?" Eine Antwort auf dem Plakat lautet "Jesu Auferstehung". Sie knüpft an die Ostererfahrungen der Frauen am Grab Jesu und der Jünger Jesu an. Es geht dabei nicht um Spekulationen über den Scheintod Jesu. Es geht dabei auch nicht um die Halluzinationen der Anhänger Jesu. Es geht vielmehr um die Auferstehung Jesu als neuer Dimension des Lebens. Der auferstandene Christus stößt die Tür zu einer neuen Dimension auf, die sich mathematisch nicht berechnen, logisch nicht beweisen und geografisch nicht lokalisieren lässt. Und doch: Es gibt Zeugen für diese neue Dimension. Menschen haben die Wirklichkeit des Auferstandenen erfahren. Paulus nennt im 1. Korintherbrief etliche beim Namen. Den Jünger Petrus, der im Gerichtshof, als es brenzlig wurde, Jesus verleugnet hatte. Die übrigen Jünger, die nach der Kreuzigung voller Angst das Weite gesucht hatten. Und zuletzt spricht Paulus von sich selbst. Diese Zeugen sind für mich glaubwürdig, denn sie haben mit ihrem Leben den Auferstandenen bezeugt.

"Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen." So formuliert Paulus die Glaubenserfahrung jener Zeugen. Sie alle hatten – so oder so – Not und Elend durchgemacht. Hatten erlebt, wie ihre Lebensideale zerbrochen sind. Die Jünger sind über Jesu Tod tief erschüttert und fürchten um ihr Leben. Vergessen sind die Worte und Zeichen einer neuen Wirklichkeit, für die Jesus ihnen die Augen geöffnet hatte. Und auch Paulus erkennt rückblickend das Elend seines Lebens.

Als strenggläubiger Jude hatte er sich ganz und gar dem Gehorsam gegen Gottes Gebote und dem Kampf um den rechten Glauben verschrieben. Deshalb hatte er die Anhänger Jesu verfolgt. Paulus und den Jüngern stellt sich der Auferstandene in den Weg: Auf der Straße nach Damaskus, auf dem Weg nach Emmaus, hinter verschlossenen Türen in Jerusalem. Die Begegnung mit ihm verändert ihr Leben radikal. Sie eröffnet neue Perspektiven des Lebens. Menschen, die Zeugen des Todes Jesu waren, werden zu Zeugen der Auferstehung.

"Woran denken Sie bei Ostern?" Ich denke an die Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen damals und heute. An die Mutter, die ihr behindertes Kind annimmt und liebt. An die Kirchenvorsteherin, die ihre altersverwirrte Schwiegermutter mit Hingabe pflegt. An den Sportler, der offen über seinen Glauben an Jesus Christus spricht. Sie bezeugen jene andere Wirklichkeit von Ostern. Sie alle bezeugen: Leben ist nicht sinnloses "Sein zum Tode", sondern "Sein zur Auferstehung".

"Woran denken Sie bei Ostern?" Für mich gehören zu Ostern die festliche Osterliturgie und die hoffnungsfrohen Osterchoräle, die vom Sieg des Lebens über den Tod singen. In ihnen erklingt eine tragfähige Antwort auf die Frage nach dem Sinn im Leben: "Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit; denn unser Heil hat Gott bereit‘. Halleluja!"

Dr. Karl-Heinz Röhlin
Regionalbischof in Nürnberg

Wir beten: Christus ist auferstanden von den Toten. Er hat den Tod durch den Tod überwunden und denen, die im Grabe sind, das Leben geschenkt. Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!

Lied 100: Wir wollen alle fröhlich sein

 

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