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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 9 )

Ist Schweigen wirklich Gold?

Drei Tage Ruhe – Gott, Bibel, Gebet und Natur

Gebet
 
Foto: kil
 

Bei vielen Menschen nimmt das Bedürfnis nach Ruhe und Stille zu. Um der Hektik zu entfliehen, ziehen sich manche für einige Tage in ein Kloster zurück. Bei Einkehrtagen, Retraiten oder Exerzitien (siehe dazu Seite 15) wollen sie nicht nur zur Ruhe kommen, sondern auch Gott begegnen. Kern solcher Veranstaltungen sind Gebetszeiten und viel Schweigen. Sonntagsblatt-Redakteurin Karin Ilgenfritz verbrachte vor kurzem drei Tage bei einer Retraite der Christusbruderschaft in Selbitz (Landkreis Hof) und berichtet von ihren ganz persönlichen Erfahrungen.

Freitag Nachmittag, A 9 Richtung Hof – Stau. Weit über eine Stunde später als geplant komme ich endlich in Selbitz an. Retraite. Was ist das eigentlich genau? Schweigen gehört auf alle Fälle dazu, das weiß ich. Nichts reden bis Dienstag Mittag. Schaffe ich das überhaupt? Na klar! Obwohl...? Ich weiß nicht. Ein bisschen mulmig ist mir schon. Auf was habe ich mich da nur eingelassen?

Beim Abendessen wird noch gesprochen. Das tut gut. Sich den "Stau-Frust" und sonstiges, was einem durch den Kopf geht, von der Seele reden. Und mal sehen, was das für Menschen sind, die solche Schweige-Tage mitmachen. Scheinen nett zu sein. – Abendveranstaltung, Einführung ins Thema "Beten lernen mit Ernesto Cardenal", einem südamerikanischen Priester, und damit auch ins Schweigen. Eine Schwester rät, das Nicht-Reden einzuhalten. Und darüber hinaus auch keine Zeitung zu lesen, niemanden anzurufen, nicht fernzusehen und auch keinen Roman zu lesen. Dagegen empfiehlt sie, die persönlichen Gebetszeiten zu nutzen, Spaziergänge zu machen, Handarbeiten oder leichten Sport. Gut, dass ich meine Laufschuhe eingepackt habe. Freue mich schon auf das Draußen sein.

Das Schweigen beginnt

Zur Abendveranstaltung gehört eine Vorstellungsrunde in kleinen Gruppen. Viele sind schon mehrmals zum Schweigen hier gewesen. Also kann es nicht so schlimm sein. Danach beginnt die schweigende Zeit. Eigentlich gar nicht schlecht. Das heißt, kein Small-Talk mehr heute. Kein "Und woher sind Sie?" oder "Was machen Sie beruflich?". Mein Bedürfnis nach Ruhe ist groß. Endlich will mal niemand mehr etwas von mir. Ach, das werden sicher gute Tage, denke ich mir zuversichtlich und lege mich schlafen.

Das erste "schweigende" Frühstück ist schon irgendwie seltsam, aber es hat was. Alle scheinen sich schnell daran gewöhnt zu haben, nicht zu reden. Besonders bei den Mahlzeiten fällt mir immer wieder auf, dass viel über Blicke und Gesten kommuniziert werden kann. Nicht einmal musste jemand zur Sprache greifen, um an den Salat, die Nudelschüssel oder den Nachtisch zu kommen. Jeder hat die anderen am Tisch im Blick. Kaum ist meine Teetasse leer, blickt mich mein Tischnachbar mit der Kanne in der Hand fragend an. Faszinierend. Ein Lächeln, ein freundlicher Blick kann sehr viel sagen. Obwohl wir kein Wort miteinander wechseln, wachsen mir in diesen Tagen einige Menschen ans Herz.

Das mit dem Schweigen klappt schon mal. Gespannt bin ich nun auf die persönliche Gebetszeit. Vormittags um 9.15 Uhr versammelt sich unsere über 40-köpfige Gruppe in der Kapelle. Nach einer Körper-übung, die ihren Zweck – wach machen – erfüllt, gibt es den "Impuls". Eine der vier Schwestern oder der Pfarrer erzählen etwas über Ernesto Cardenal, seine Ansichten und Gewohnheiten. Danach geht jeder mit einigen Denkanstößen für die persönliche Gebetszeit zurück in seine Einsamkeit. Ich gehe in mein Zimmer, setze mich aufs Bett und will beten. Aber nach kurzem wird mir klar: so funktioniert das nicht. Die Gedanken schweifen ab, alles mögliche geht mir durch den Kopf. Da fallen mir die Zettel ein, die bei meiner Anreise neben Kerze und Streichhölzern auf dem Tisch lagen. Und tatsächlich – da stehen Tipps für die Gestaltung der Gebetszeit. Ich bin erleichtert.

Erst mal einen Platz im Zimmer aussuchen und gestalten. Kerze hinstellen, anbrennen. Dann ein Vorbereitungsgebet. Und jetzt? Immer wieder greife ich nach dem Zettel. Erinnert mich irgendwie an Kochen und Backen nach Rezept oder an das Zusammenbauen von Kleinmöbeln nach Anleitung. Schließlich kann ich nicht anders – ich stehe in meinem Zimmer und lache. Fehlt mir der nötige Ernst für die Sache? Nein, sage ich mir. Und ich habe den Eindruck, Gott lacht mit mir.

In einem persönlichen Gespräch bei Schwester Christa berichte ich ihr von meinen ersten Erfahrungen mit der persönlichen Gebetszeit. Auch sie lacht schallend. Und sie ist davon überzeugt, dass sich auch Gott amüsiert hat. "Gott hat Humor." Sie gibt mir sehr nützliche Tipps für die nächsten Gebetszeiten. Langsam wird mir der Unterschied klar zwischen dem Nachdenken über einen Bibeltext und dem Betrachten eines solchen.

Die Bibel wird lebendig

Schwester Christa bietet uns "Retraite-Neulingen" eine angeleitete Meditation an. Grundlage ist die Geschichte vom Fischzug des Simon Petrus (Lukas 5, 1–11). Zuerst aber schaut sie, dass wir im Sitzen die passende Körperhaltung einnehmen. Sie spricht ein Gebet und liest die Geschichte vor. Dann fordert sie uns auf, die Szene vor unserem geistigen Auge lebendig werden zu lassen. Wie sieht es da aus? Wieviele Menschen stehen herum? Wo hält sich Jesus auf? Und so weiter. Und schließlich: Wo befinde ich mich? Ganz langsam schildert sie die Geschichte noch einmal mit ihren Worten. Ich sehe alles vor mir wie in einem Film – nur dass ich mittendrin dabei bin. Ich kann nachvollziehen, dass Simon seine Zweifel hat, als Jesus ihn nach einer erfolglosen Nacht nochmals zum Fischen schickt. Und dann bin ich mit Simon beschämt, als die Ausbeute so groß ist.

Wie oft zweifle ich in meinem Leben daran, dass Gott mir hilft? Und wie oft habe ich erfahren, dass er es tut – mehr als ich erwartet hatte. Plötzlich laufen mir die Tränen herunter. Es ist, als würde Jesus nicht nur zu Simon, sondern auch zu mir sagen: "Fürchte dich nicht, schäme dich nicht. Ich hab dich lieb. Ich beschenke dich gern." Ja, mein Leben ist sehr reich. Schon allein, wenn ich an meinen sagenhaften Freundeskreis denke, der mit mir durch dick und dünn geht. Noch mehr Tränen kommen. Tränen der Dankbarkeit. Tränen der Rührung und der Freude. Tränen, weil ich Gottes Liebe so nah spüre. Dieses Erlebnis war nicht das einzige dieser Art in diesen Tagen. Ich konnte viel mitnehmen. Bibeltexte wurden für mich lebendig. Durch die Betrachtungen von ihnen eröffnete sich ein ganz neuer Zugang. Noch immer ist mein Herz mit Dankbarkeit erfüllt. Ohne das Schweigen hätte es diese Fülle nicht gegeben. Manchmal ist Schweigen wirklich Gold.

 


Gott ist das Brot des Lebens

Der Herr sprach zu Elia: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den Herrn! Und siehe, der Herr wird vorübergehen. Und es kamen Sturm, Erdbeben und Feuer, und der Herr war nicht darin. Dann kam ein stilles sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat an den Eingang der Höhle.
1. Könige 19, 11–13

  Veit Stoß
 
Foto: Diözesanmuseum Bamberg
   

Es reicht. Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr. Lasst mir jetzt meine Ruhe, ein für allemal. An diesem Punkt ist Elia angekommen. Dabei war er kurz zuvor auf dem absolu-ten Höhepunkt seiner prophetischen Karriere. Hatte gekämpft für den wahren Gott, für den Herrn und Schöpfer, dem nichts gleicht. Der mit uns Menschen im Bunde sein will, weil er uns liebt. Ihm zu vertrauen gibt die tiefste Geborgenheit, ihm zu dienen die höchste Freiheit; keine Götzen sollen seine geliebten Menschen knechten.

Und Gott hatte sich in dem Gottesurteil auf dem Berg Karmel als der wahre Gott erwiesen. Feuer war vom Himmel gefallen und hatte – wie erbeten – Elias Opfer verzehrt. Der durfte nach damaligem Recht die 450 Propheten des Baal umbringen, und er hat es getan. König Ahab ist endlich wieder überzeugt von der Macht und Größe Jahwes. Aber seine Frau Isebel tobt: "Das überlebt er mir nicht!" Und Elia flieht, hinein in die Wüste. Legt sich hin unter den Wacholder. Da liegt er, am Ende: Es reicht. Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr. Lasst mir meine Ruhe, ein für allemal.

Da rührt ihn einer an: ein Mensch, ein Engel – egal. Jedenfalls einer, den Gott geschickt hat: "Steh auf und iss!" Brot ist da und Wasser. Er isst und trinkt, schläft wieder ein. Noch einmal rührt ihn Gottes Bote an: "Steh auf, iss und trink, denn du hast einen weiten Weg vor dir." Ganz elementar wird ihm geholfen: Nähe, Essen, Trinken. Und er wird einen langen, langen Weg geführt, bis an den Gottesberg, den Horeb. Bis an den Ort des Anfangs, an dem Gott einst seinem Volk begegnet war und mit ihm den Bund geschlossen hatte. In eine Höhle zieht sich Elia zurück, wie in die Geborgenheit des Mutterleibes. Und hier begegnet ER ihm. Nicht im Lauten und Gewaltigen, nicht in Sturm und Donner und Blitz. In der Stimme verschwebenden Schweigens offenbart sich Gott dem Propheten.

Ob ihm unter dem Wacholder, ob ihm in der Gottesbegegnung am Horeb etwas aufgeschimmert ist? Ob er gespürt hat, dass es das nicht sein kann: Nach dem Triumph des Gottesurteils die Gegner auch noch abzuschlachten? Dass Rache und Vergeltung nicht weiterführen? Dass der wahre Gott diese Gewalt nicht will? Sanft rührt er die Menschen an und heilsam. Er richtet sie auf und zeigt ihnen seine Zuneigung und Liebe. Elia hat es noch nicht gepackt, vielleicht war einfach die Zeit noch nicht reif. Er hat seine ganze Kraft für Gott eingesetzt auf dem Weg des gewaltsamen Kampfes für den wahren Gott.

Später, als die Zeit reif dafür war, hat Gottes zarte Berührung, die Gewaltlosigkeit und die Stille einen Namen und ein Gesicht bekommen. Da wurde es ganz deutlich: Es gibt einen anderen Weg als den der Vernichtung des anderen. Veit Stoß hat unsere Szene dargestellt: Der Engel reicht Elia das Brot; es ist rund und sieht fast aus wie eine Hostie. So weist der Künstler hin auf's Abendmahl, diese Stärkung ganz besonderer Art: Nicht Gewalt und Allmachtsphantasien sollen uns erfüllen, nicht Rachegelüste und Rechthaberei, sondern der, in dem Gott den Menschen ganz sanft angerührt hat, dessen Liebe wie das Brot ist, von dem wir leben. Er kommt hinein in unsere Enttäuschungen und in unseren Frust, er stärkt uns für den Weg des Friedens. Dafür, voll Vertrauen auf Gott für die Wahrheit und die Freiheit einzutreten und liebevoll miteinander zu leben.

Christian Schmidt
Dekan in Nürnberg

Wir beten: Komm und erfülle uns, Herr Jesus Christus, Brot des Lebens, Kraft für unsere Schwachheit, Licht, wenn alles dunkel ist, Anfang, wo wir am Ende sind. Du öffnest verschlossene Türen und stellst unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Lied 228: Er ist das Brot,er ist der Wein.

 

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