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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 7 )

"Ich bin's, ich sollte büßen"

Welche Aufgabe hat die Passionspredigt?

Albrecht Dürer
 
 

Was für ein Bild: Jesus vor einem Staatsoberhaupt, das seine Begnadigung ablehnt. Richter und Parlamentarier, die ihn wegen Terrorismus verurteilt haben. Polizisten und Soldaten in Uniform, ein Bischof mit den Abzeichen seines Amtes. Alle in der Kleidung des Jahres 2002 und mit bekannten Gesichtern. Eine solche Darstellung würde durchaus noch Ärgernis erregen und dem Urheber möglicherweise sogar eine Verleumdungsklage einbringen. Vor fünfhundert Jahren scheuten sich Künstler nicht, die Passionsgeschichte und die in ihr handelnden Personen so aktuell vorzuführen. Im Hintergrund war ein typisches Ortsbild zu erkennen.

Bilder als Predigten

Albrecht Dürer hat dreimal eine solche Folge der Ereignisse gezeichnet und im Druck herausgebracht, was für eine weite Verbreitung sorgte. Den Betrachtern machte er damit klar: Das Leiden des Herrn hätte genauso gut auch heute stattfinden können – und alle wären wir dabei gewesen. So erlebten die Frommen zwischen Aschermittwoch und Ostern im wahrsten Sinn des Wortes die Passion. Und weil die meisten nicht lesen und schreiben konnten, mussten es ihnen die Bilder deutlich machen. Ähnlich sahen auch die Prediger ihre Aufgabe. Auf den mit schwarzen Tüchern verhängten Kanzeln der Kirchen und mancherorts sogar auf den Marktplätzen wurden dem Volk die biblischen Geschichten und die eigene Schuld vorgehalten.

Spiegel für Regierende

Diese "Fastenpredigten" waren sehr wortgewaltig und deutlich-derb. In einer heißt es: "Ich wünsche nichts so sehr, als dass euch alle Blitz und Donner treffe und Mark und Bein durchdringe und alle unordentlichen Gemütsregungen zu Aschen verbrenne." Den Zuhörerinnen und Zuhörern ging es wohl wirklich durch Mark und Bein. Die in den Wochen vor Ostern gebotene Enthaltsamkeit beim Essen und Trinken hatte sie besonders aufnahmefähig gemacht. Gemeint waren nicht nur die kleinen Leute. Auch die Regierenden mussten sich den Spiegel vorhalten lassen. Das Evangelium bot viele Ansatzpunkte, um Besitzgier, Neid, Hass und Ungerechtigkeit der Großen anzuprangern. Sie hatten Beichte, Buße und Vergebung der Sünden besonders nötig – und sie ließen sich darauf ein. Mit der Reformation Martin Luthers fielen die strengen Fastengebote. Die Predigt zielte nicht mehr darauf ab, den Leuten mit Blitz und Donner zu drohen und die "Hölle heiß zu machen".

Die Verbindung der Leidensgeschichte mit der eigenen Schuld blieb jedoch erhalten. Unter den in der "Hauspostille" 1546 in Nürnberg herausgebrachten Predigten Martin Luthers gehen dreizehn über das "Leiden Christi". Der Reformator sieht Hinweise auf seine Zeit: "Da kommen die Hohenpriester und Ältesten vom Volk, das ist der blutdürstige Haufe: Papst, Kardinäle Bischöfe, Mönche und Pfaffen, die verklagen Christus vor Pilatus und hetzen Könige und Fürsten gegen das Evangelium auf." Aber die "Obrigkeit" bekommt auch ihre eigenen Fehler vorgehalten, etwa "dass sie sich um Gottes Reich nicht sonderlich bekümmert". Und am Beispiel des Judas und Petrus macht Luther deutlich, wie viele Möglichkeiten es für einen jeden Christenmenschen gibt, Jesus zu verraten oder zu verleugnen.

Die Predigten des Reformators kennen heute nur noch wenige Fachleute. Lebendig geblieben sind die Passionsgesänge aus der alten Zeit. Auch in ihnen wird die Leidensgeschichte mit dem Ruf zu Buße verbunden. Besonders bewegend zeigt das Paul Gerhardts Lied "O Welt, sieh hier dein Leben". Der Blick auf den Gekreuzigten weckt die Frage: "Wer hat dich so geschlagen?" Die Antwort des Gläubigen lautet: "ich, ich und meine Sünden ... Ich bin's, ich sollte büßen." Die wenigen Verse sind ergreifender als die kräftig tönenden Fastenpredigten der geistlichen Zeitgenossen. Der Eindruck wird durch die Melodien der Lieder noch vertieft. In den Passionsmusiken der großen evangelischen Komponisten setzt sich das fort. Die Werke eines Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach bringen noch heute kirchentreuen und kirchenfernen Menschen die Leidensgeschichte nahe.

Individuelle Andacht

Zur Zeit ihres Entstehens kamen in den evangelischen Gebieten auch die besonderen Passionsgottesdienste auf, in der Regel an den alten Fastentagen Mittwoch und Freitag. Damals setzte sich langsam der Karfreitag als eigenständiger Feiertag durch. Die Frömmigkeitsbewegung des Pietismus förderte die individuelle Andacht und überhaupt die Pflege der eigenen christlichen Persönlichkeit. Das machte sich auch in der Auslegung des Evangeliums bemerkbar: Der in ihm liegende gesellschaftliche und politische Zündstoff geriet aus dem Blick. Daran änderte sich auch nichts, als in manchen deutschen Gebieten der öffentliche Bußtag in die Passionszeit verlegt wurde. Die bayerische Landeskirche feierte ihn von 1818 bis 1933 am Sonntag Invokavit. Es geschah auf Anordnung der königlichen Kirchenbehörde und selbstverständlich ohne die Absicht, auch der Regierung einen Beichtspiegel vorzuhalten.

Vergehen benennen

So verloren Kreuz und Leiden Christi die Anstößigkeit, die sie haben und behalten müssen. Ungerechtigkeit, Lüge, Hass und Verblendung werden nirgendwo schärfer verurteilt als im Evangelium. Jesus weint über die Stadt Jerusalem, die seinen Friedensweg nicht mitgehen will. Er stirbt durch ein krasses Fehlurteil der höchsten Stellen. Aufgabe der Predigt ist es, für die eigene Zeit das deutlich zu machen. Ähnlich wie auf den Passionsbildern Albrecht Dürers und in den Auslegungen Martin Luthers müssen Versäumnisse und Vergehen der jeweils Mächtigen beim Namen genannt und ihre Gestalten gezeigt werden. In Zeiten wie denen des Dritten Reiches hätte es dazu sehr viel Mutes bedurft, wohl auch den Einsatz des eigenen Lebens. Vielleicht sind deswegen nur selten deutliche Worte gesprochen worden. Daran sollten sich Christen heute erinnern. Nicht nur das persönliche Leben, auch das öffentliche Geschehen muss vom Leidensweg und Kreuz Jesu her gesehen und beurteilt werden. Und das in aller Deutlichkeit.

Christoph Schmerl

 


Die Passion der Engel Gottes

Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Psalm 91, 11–12

Leuchterengel, Tilman Riemenschneider
 
Foto: privat
   
Die Engel begegnen uns nicht nur in der Weihnachtsgeschichte. Sie haben auch in der Passionsgeschichte ihren festen Platz. Wir treffen sie in den Ostergeschichten und im Bericht von der Himmelfahrt Christi. Im Garten Gethsemane erscheint Jesus ein Engel vom Himmel und stärkt ihn. Und in der Versuchungsgeschichte, die uns als Evangeliumslesung an Invocavit, dem ersten Passionssonntag begegnet, erinnert der Versucher an die Zusage Gottes, wie sie der 91. Psalm festhält: "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest."

Jesus widersteht der Versuchung, dem Leiden zu entgehen: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!" Auch unser Weg in der Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus führt nicht am Leiden vorbei, sondern durch das Leiden hindurch. Wir können unserer Welt, die von Leid, Krieg, Katastrophen, Angst, Not, Krankheit und Einsamkeit bestimmt ist, nicht entkommen. Wir sind täglich bedroht und gefährdet. Aber wir sind allen Gefahren nicht schutzlos ausgeliefert. Wir haben Begleiter, die wir in der Stunde der Not anrufen können.

Martin Luther hat uns für unseren täglichen Weg ein Morgen- und ein Abendgebet gegeben, mit dem wir unsere Tage in der Auseinandersetzung mit den Mächten der Finsternis beginnen und beschließen können: "Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde!" Es ist gut zu wissen, dass wir im Kampf mit dem "alt bösen Feind", wie ihn Luther in seinem Lied genannt hat, starke Verbündete haben. Wir können uns an Gottes Engel halten.

Auf der Wartburg, wo uns Martin Luther die Bibel ins Deutsche und in die Herzen übertragen hat, findet sich ein knieender Leuchterengel, entstanden um 1500 in der Werkstatt des Meisters Tilman Riemenschneider. Ich weiß nicht, ob dieser Engel schon zu Luthers Zeit seinen Platz auf der Wartburg hatte. Aber ich bin sicher, dass Luthers Engelbild nicht mit den vielen Kitschproduktionen aus unseren Tagen übereinstimmte, sondern mit dem biblischen Zeugnis, nach dem Engel große und mächtige Gestalten sind. Aber nicht ihr Aussehen, sondern das, was sie aussagen, ist wichtig. Gottes Engel sagen uns: Habt keine Angst! Ihr müsst nicht ohne Hoffnung leben. Ihr könnt aufatmen, weil der Retter für uns geboren ist, Christus, der Herr.

Gottes Engel haben eine große Passion, eine Leidenschaft, an die Martin Luther in seinem Morgen- und Abendsegen uns erinnert: Sie wollen uns vor dem Bösen bewahren. In unseren Tagen hören wir wieder häufiger die Seufzer: Unter uns ist der Teufel los! Terror, Mord und Verbrechen bestimmen den Alltag und verbreiten Angst. Manche Zeitgenossen sagen gar, es sei leichter, an den Teufel als an den lieben Gott zu glauben. Dieser Anfechtung wollen Gottes Engel mit aller Leidenschaft wehren. Im 91. Psalm, der uns am Eingang in die Passionszeit begegnet, werden wir an die gute Nachricht erinnert, die Gottes Engel für uns haben. Bitten wir darum, dass Gottes Engel uns beflügeln, ihre Botschaft anzunehmen und weiterzugeben.

Karl Heinz Neukamm
Diakoniepräsident i. R., Nürnberg

Wir beten: Herr, unser Gott, wir danken dir, dass du uns in der Stunde der Anfechtung und des Zweifels nicht allein lässt. Wir bitten dich, dass wir in der Nachfolge deines Sohnes im Kampf gegen die Mächte der Finsternis den Schutz und die Hilfe deiner Engel erfahren. Amen.

Lied 445: Gott des Himmels und der Erden.

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