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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 46)

Versöhnung als Lebensaufgabe

Fürst Albrecht zu Castell-Castell: Erinnern, gedenken, bedauern

Fuerst Albrecht zu Castell-Castell
 
Foto:kil
 

Es rauschte heuer durch den bayerischen Blätterwald: Fürst Albrecht von Castell-Castell machte sich mit zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern aus über 50 deutschen Städten und Gemeinden auf den Weg nach Israel. Zweck der Reise: Entschuldigung zu sagen. Ziel: Versöhnung.

Diese Buß-Reise war eine persönliche Initiative des unterfränkischen Fürsten. Ihm war es ein Herzensanliegen, in Jerusalem Schuld zu bekennen. Sein Engagement wirkt nicht aufgesetzt. Geschieht auch nicht etwa, weil es gesellschaftlich gut ankommt. Er sieht diese Versöhnungsarbeit als eine Lebensaufgabe an.

Ein Schlüsselerlebnis

Doch das war nicht schon immer so. Der überzeugte Christ hatte vor etwa zehn Jahren eine Art Schlüsselerlebnis. "Damals wurde die Kitzinger Synagoge, die 1938 abgebrannt worden war, wieder eingeweiht", erzählt der Fürst. "Doch ich konnte nicht dabei sein." Deswegen entschloss er damals kurzerhand, die Gruppe von rund zwanzig Juden und Jüdinnen, die einmal in Kitzingen gelebt hatten, zu sich nach Castell einzuladen. Nichts ungewöhnliches, denn Gäste hat der Schlossherr oft.

"Doch umso näher der Termin rückte, wurde mir klar, dass es etwas ganz Besonderes ist, diese Gruppe ehemalige Kitzinger Juden zu empfangen", schildert er seine Gedanken. Daraufhin setzte sich der Fürst mit der jüdischen Geschichte vor Ort auseinander. "Ich habe nicht herausgefunden, wie meine Familie genau darüber dachte, aber ich weiß, dass sie sich jedenfalls nicht für ihre jüdischen Mitmenschen eingesetzt haben, es gab kein Mitleiden." Das habe ihn und seine Frau Marie Louise sehr beschäftigt. "Ich sah für mich die Notwendigkeit, mich bei meinen Gästen für die Gleichgültigkeit meiner Familie und deren Interessenlosigkeit an jüdischen Schicksalen zu entschuldigen." Gesagt, getan. Als die Gruppe auf das Schloss kam, haben er und seine Frau die Juden und Jüdinnen um Vergebung gebeten.

"Was dann geschah, war sehr ergreifend: Eine Frau begann zu weinen. Sie war sehr ergriffen und sagte, zum ersten Mal könne sie Tränen vergießen über das Unrecht, das ihrer Familie angetan wurde", sagt Albrecht Fürst zu Castell-Castell. Noch immer ist ihm anzumerken, wie sehr ihn dieses Erlebnis beeindruckt hat. "Niemand vorher hat sich je bei diesen Leuten entschuldigt", fügt er kopfschüttelnd hinzu. Auch für ihn selbst sei diese Bitte um Vergebung ein wichtiges Erlebnis gewesen. "Es befreit mich von unangenehmen Erinnerungen an die Vergangenheit. Ich kann ein Stück mehr Frieden mit mir und Gott schließen."

Gerade Christen, die von Gott das Gebot der Liebe hätten, dürften nicht aufhören, sich mit diesem Thema zu befassen. "Gleichgültigkeit können wir uns als Christen nicht erlauben." Für ihn gilt: Erinnern, gedenken, bedauern. "Ich sehe darin eine Aufgabe, sich zu fragen, wie war es damals bei mir in der Familie, im Ort. Das heißt sich erinnern." Der zweite Schritt sei das Gedenken. "Sich die Frage zu stellen: Was löst es in mir aus, wenn ich die Geschichte meiner Familie höre, was sie getan oder nicht getan hat." Der dritte Schritt müsse das Bedauern sein. "Ich nenne es bedauern, damit auch Menschen etwas damit anfangen können, die wenig Bezug zum Glauben haben. Für mich als Christen ist klar: Ich will um Vergebung bitten. Gott und die Menschen."

Durch den Besuch der jüdischen Gruppe im Schloss sind Freundschaften und gute Kontakte nach Israel entstanden. Zu seinem 70. Geburtstag fuhr er mit der ganzen Familie eine Woche nach Israel. Das war ein größeres Unterfangen, denn das Fürstenehepaar hat sechs verheiratete Kinder und inzwischen 24 Enkelkinder. "Ich wollte, dass meine Familie Israel sieht und begreift, wovon ich rede. Es war eine gute Reise", schildert der glückliche Familienvater.

Das Tal der Gemeinden

Bei einem Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem beeindruckte ihn das "Tal der Gemeinden" besonders. "Ich war erschüttert, wie viele deutsche Orte dort genannt waren, in denen Juden lebten und verschleppt und umgebracht wurden." Das Erschreckenste war für ihn, dass "noch kaum jemand auf die Idee kam, sich für die Vergangenheit zu entschuldigen". Er überlegte, dass aus all diesen Orten Vetreter nach Israel reisen sollten und dort öffentlich um Vergebung bitten. So entstand die Idee zur Bußreise, die im April stattfand.

Verschiedenste Vertreter und Vertreterinnen von Gemeinden waren dabei. Sie alle unterschrieben eine Erklärung, in der sie einräumen, dass durch den Holocaust schwere Schuld auf ihnen lastet. "In Schmerz und Reue stellen wir uns der Schuld unserer Vorfahren", heißt es da. Diese Erklärung wurde in Yad Vashem überreicht. Das war der Schwerpunkt der Versöhnungsreise.

Fürst Albrecht von Castell-Castell macht bei seinen Besuchen und Reisen auch immer wieder diese Erfahrung: "Wer in der Liebe einen Schritt auf den Anderen zugeht, tut sich selbst etwas Gutes."

Karin Ilgenfritz

 


Umkehr vom lähmenden Aktionismus

Sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in die Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen. (Jeremia 8, 4–7)

 

Andacht 46
 
Foto: privat
   

Jeremia erhält den Auftrag, seinem geliebten Volk Israel eine harte Botschaft auszurichten. Gott gibt sich mit dem Unrecht seines Volkes nicht zufrieden. Und dabei lässt Gott durch Jeremia eine anscheinend ganz widersprüchliche Botschaft ausrichten: Einerseits ist da eine Lähmung, eine mangelnde Bereitschaft zur Umkehr, ein Festhalten am falschen Gottesdienst, wie Luther an dieser Stelle übersetzt. Andererseits beklagt er ein hektisches Dahinstürmen, ein kopfloses Abhetzen wie bei einem Hengst, "der in der Schlacht dahinstürmt". Scheuklappen auf und los.

Wohin dieses Verblendetsein führt sehen wir, wenn wir am heutigen Volkstrauertag vor den Tafeln der Gefallenen und Vermissten der beiden Kriege innehalten und der Opfer der Kriege und der Gewalt gedenken. Die gottlose Ideologie des Nationalsozialismus hat ganze Völker ins Verderben geführt. Bis heute bringt ideologischer Fanatismus Terror, Leid und Elend für unzählige Menschen. Und besonders schlimm ist es, wenn dieser sich noch einen religiösen Mantel überzieht, egal welcher Prägung. Seit dem 11. September wissen wir wieder einmal, welche Ausmaße dieser religiös ummantelte Wahnsinn annehmen kann. Jeremia klagt schon damals: Anders als die Tiere ist der Mensch in der Lage, gegen alle Logik und Vernunft zu handeln. Er kann sich in sein Verderben stürzen, er kann Chancen nicht nutzen, sein Leben vertun und die Zukunft verspielen. Auf diesen Abgrund macht uns der Prophet am heutigen Volkstrauertag aufmerksam.

Und dabei richtet er den Blick noch auf etwas Weiteres: Mit dem Rennen ins Verderben geht eine eigentümliche Lähmung einher. Wie gelähmt waren weite Kreise der Kirche damals, um gegen das Unrecht des Nationalsozialismus entschiedenen Widerstand zu leisten. So bekannte der Bruderrat im Darmstädter Wort im Jahr 1947 gleich vier Mal: "Wir sind in die Irre gegangen."

Hektisches Losstürmen und Lähmung – von beidem sind wir als Christen und als Kirche bedroht. Mit viel Schwung werden in unserer Kirche immer wieder Aktionen, Kampagnen und Initiativen gestartet. In der Regel ist dafür der Blick auf die Defizite und Probleme unserer Volkskirche der Antrieb: Die Kommunikation soll verbessert werden, Strukturen sollen effektiver werden, Managementstrategien sollen helfen, die Kirche als Unternehmen für den Wettbewerb fit zu machen und bedarfsgerechte Angebote zu entwickeln. So wichtig und sinnvoll Vieles sein mag: hektischer Aktionismus wird auf Dauer nur lähmen. Er macht kraft- und atemlos. So bleibt es als Folge nicht aus, das wir als Christen vor lauter Abgehetztsein oft wie gelähmt wirken, wenn es darum geht, auf die Menschen zuzugehen, ihren Sorgen und Nöten Gehör und vor allem die nötige Zeit zu schenken.

Ähnliches beschrieb schon vor über 30 Jahren der russische Dichter Jewgenij Jewtuschenko: "In Zeitnot geraten – wie in ein Netz – ist der Mensch. Atemlos hetzt er durch sein Leben und wischt sich den Schweiß. Ein Fluch des Jahrhunderts ist diese Eile." In der Zeitnot und Eile geht der Gottesdienst im Alltag der Welt verloren, endet er an der Kirchentür, dringt mit seiner frohen Botschaft nicht nach außen "an die Hecken und Zäune".

Die Botschaft des Propheten ist hart. Sie trifft auch uns. Innehalten an so einem Tag wie heute tut not. Darin liegt die Verheißung, die Gott wenig später durch Jeremia ausrichten lässt: "Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen" (Jeremia 29, 14).

Pfarrer Gunther Reese
Mönchsroth

Wir beten: Barmherziger Gott, ewiger Vater, du deckst auf, was bei uns nicht recht ist. öffne uns für dein zurechtbringendes Wort, dass wir innehalten und umkehren hin zu dir, heraus aus aller Lähmung und Hektik. Amen.

Lied 390: Erneure mich, o ewigs Licht.

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