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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 45)

"Kein Schmusekurs mit dem Islam"

Sonntagsblatt-Interview mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Manfred Kock

Kock
 

Seit 1997 steht der rheinische Präses Manfred Kock an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er gilt als Mann, der ausgleichen kann, ohne unverbindlich zu werden. Bei der EKD-Synode im oberpfälzischen Amberg sprach Sonntagsblatt-Chefredakteur Günter Saalfrank mit dem Ratsvorsitzenden über aktuelle Fragen.

Sonntagsblatt: Herr Kock, Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin hat vor der Synode dazu aufgerufen, Christen sollen sich in öffentliche Belange einmischen. Wo ist das heute erforderlich?

Kock: Bei Themen, die in dieser Gesellschaft Sorgen machen. Zum Beispiel die Globalisieriung der Wirtschaft. Da ist es wichtig, verantwortlich zu handeln, damit nicht Menschen als Verlierer aus der Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Es sind auch die Fragen um die Entwicklung der Technik, der Bioethik, und die Fragen, wie mit dem Bösen in der Welt umzugehen ist. Durch die Verbrechen von New York und Washington sind diese wieder aktuell geworden.

Feuerpause in Afghanistan

Sonntagsblatt: Sie haben sich in die aktuelle Diskussion um die Militärschläge in Afghanistan eingemischt, indem Sie eine Feuerpause während des Fastenmonats Ramadan ins Gespräch gebracht haben. Weshalb?

Kock: Es muss eine Möglichkeit geben, den Menschen in der islamischen Welt zu vermitteln: Der Kampf geht gegen den Terrorismus und die Helfershelfer und nicht gegen den Islam. Die Helfershelfer haben es durch geschickte Propaganda geschafft, den Eindruck unter den Muslimen weltweit zu vermitteln, dass der Westen eine Bedrohung für den Islam sei. Dem muss entgegen gesteuert werden. Deshalb die Idee, an dem für die gesamte islamische Welt heiligen Monat Ramadan ein Zeichen zu geben, das vielleicht noch etwas effektiver ist, als Plastiksäcke mit Nahrungsmitteln abzuwerfen. Eine Feuerpause könnte auch dafür sorgen, dass Hilfsorganisationen ihre Güter ungefährdet an die Zivilbevölkerung verteilen können.

Sonntagsblatt: Würde denn dieses Zeichen in der islamischen Welt überhaupt verstanden werden?

Kock
   

Kock: Schwer zu sagen. Eine Feuerpause jedenfalls wäre eine Chance, es zu versuchen. Es käme darauf an, sie in den Medien entsprechend zu vermitteln. Was in der Welt jetzt veröffentlicht wird, sind grüne Bilder mit kleinen glitzernden Punkten. Auf der anderen Seite ist das Elend von Menschen zu sehen. Diese Diskrepanz irritiert.

Sonntagsblatt: Militärexperten warnen davor, die Bombardements in Afghanistanauszusetzen. Dies würde den Druck vom Taliban-Regime nehmen.

Kock: Zurzeit wird informiert und desinformiert von allen Seiten. Deshalb können die Militärs behaupten, was sie wollen. Sie müssen sich aber am Ergebnis ihrer Aktionen messen lassen. Verbunden mit diesem Kampf sind der Schrecken und die Belastung, die die Zivilbevölkerung zu tragen haben.

Sonntagsblatt: Nach dem 11. September gab es Stimmen in der Kirche, die eine Art Schmusekurs mit dem Islam führten. Es schien, als würden Unterschiede zwischen den Religionen hintan gestellt.

Kock: Es gab keinen Schmusekurs mit dem Islam – weder nach noch vor dem 11.September. Sondern es wurden mit großem Realismus Gespräche mit Muslimen geführt. Das geschah nicht unkritisch. Wir haben immer gesagt: Wir erwarten von den Muslimen in Deutschland Respekt vor der Werteordnung unserer freiheitlichen Demokratie.

Sonntagsblatt: Was ist für den christlich-islamischen Dialog wichtig?

Kock: Zum einen: Der christliche Glaube selbst will nicht ausgrenzen und abstoßen, sondern versöhnen. Es ist ein Glaube, der sich allen öffnet und der Menschen anderer Religionen Respekt und Liebe entgegen bringt. Zum anderen: Es ist wichtig, den Islam bei seinen Friedensgrundsätzen zu behaften. Für uns Christen steht auch im Dialog mit dem Islam das Bekenntnis zu Christus im Zentrum. Auch da, wo es scheint, als wären Christen und Muslime bei Glaubenssätzen und Ritualen nahe beieinander, gibt es bei näherem Hinsehen noch größere Unterschiede.

Große Öffentlichkeitsinitiative

Sonntagsblatt: Die EKD plant im nächsten Jahr eine große öffentlichkeitsinitiative, die sich an Kirchendistanzierte wenden möchte. So wichtig diese Aktion ist, besteht nicht die Gefahr, dass die so genannten Treuen allmählich aus dem Blick kommen?

Kock
 
Fotos: kil
   

Kock: Jesus hat gesagt "Ich habe mehr Gefallen an dem Einen, der sich bekehrt, als an den 99 Gerechten". Schon zur Zeit Jesu war es so, dass diejenigen, die in seiner Nähe waren, immer ein wenig murrten, wenn er sich um die kümmerte, die nicht dazu gehörten.

Sonntagsblatt: Noch einmal zu den Treuen. Wie kann es gelingen, sie sprachfähig zu machen im Glauben?

Kock: Wenn ich gesagt habe, Gott ist interessiert an den Suchenden und Zweifelnden, dann will er natürlich die der Kirche eng verbundenen Menschen als Werkzeuge dafür gewinnen. Deshalb braucht es Möglichkeiten, zu lernen, mit wenigen Sätzen das Elementare des eigenen Glaubens auszudrücken. Es wäre der größte Fehler, zu denken, über den Glauben sollten nur Pfarrerinnen und Pfarrer reden. Es braucht Menschen, die über ihren Glauben Auskunft geben können.

Sonntagsblatt: Durch welche Maßnahmen könnten die Menschen begleitet werden?

Kock: Zum Beispiel durch eine intensivere Form des kirchlichen Unterrichtes, durch Gemeindeseminare und Bibelkreise oder Angebote der Erwachsenenbildung. Wichtig ist, Menschen zu befähigen, dass sie auch missionarisch wirken können. Das muss nicht immer mit Worten geschehen. Vielleicht auch mit dem Mut, die Hände zu falten, wo Andere schnell die Fäuste ballen oder die Ellenbogen einsetzen. Diese zeichenhafte und auch Sprache werdende Form des Christseins bedeutet, Licht und Salz der Welt zu sein.

 


Nicht nachlassen! Oder: Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt

Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir soviel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte erŐs bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden? (Lukas 18, 1–8)

 

Andacht 45
 
   

Solche Menschen gibt es! Eine Frau möchte, dass ihr behindertes Kind zu Hause wohnt, in eine Schule in der Nähe geht, und nicht in ein Heim kommt. Obwohl die Rechtsprechung – seit wenigen Jahren erst – eindeutig ist und sie selbst entscheiden kann, muss sie jedes Jahr wieder darum kämpfen, ihr Kind selbst erziehen zu dürfen. Die größten Schwierigkeiten hatte sie zu Beginn der Schulzeit. Da war niemand zuständig, nicht für den Platz in der Schule, nicht für die Betreuung, nicht für die Bezahlung. "Tut uns Leid", hörte sie überall, "so etwas geht nicht. Warum wählen Sie nicht den normalen Weg? In einem Heim wird Ihr Kind doch viel besser gefördert." Erst ein Anruf und ein offenes Ohr bei den obersten Vorgesetzten der zuständigen Beamten brachten sie weiter. Beliebt gemacht hat sie sich dadurch nicht.

Sein Recht einklagen zu können ist eines der höchsten Güter in einem Staat. "Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei Dinge", so sagt der Volksmund. Aber wenn das Verhältnis zwischen Staatsgewalt und Bürgern stimmt, wenn vor dem Gesetz jeder gleich ist, dann braucht sich niemand zu scheuen, auch nachdrücklich einzufordern, was ihm zusteht. "Schaffe mir Recht", sagt die Witwe in Jesu "Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten". Haben wir denn vor Gott etwas einzuklagen?

Unmittelbar vor dem Gleichnis spricht Jesus im Evangelium vom Kommen des Reiches Gottes. "Es ist mitten unter euch, und doch noch nicht ganz da", sagt er. Wir Christen warten auf das Reich Gottes, hoffen und glauben, dass schon etwas davon unter uns zu spüren ist. Wir sollen nicht nachlassen, darum zu beten, dass es sichtbar wird – hier und heute und bald in seiner ganzen Herrlichkeit. Darauf lässt sich Gott von uns verpflichten. Denn noch viel mehr als der ungerechte Richter möchte er uns unser Recht verschaffen, dass das Reich Gottes entsteht. Die Witwe im Gleichnis wollte ihr Ziel unbedingt erreichen. Sie war ausdauernd, hartnäckig, ließ sich nicht von Schwierigkeiten und Rückschlägen entmutigen – und es war ihr ganz gleich, was die anderen Leute oder auch der Richter von ihr dachten. Recht zu bekommen, war ihre Herzensangelegenheit, gerade wie die der kanaanäischen Frau, des Hauptmanns von Kapernaum oder der Frau, die ihr behindertes Kind nicht hergeben wollte. Dafür waren sie auch bereit, zu kämpfen und sich unbeliebt zu machen.

"Macht das Reich Gottes zu eurer Herzensangelegenheit", scheint Jesus hier zu sagen. "Nur dann werdet ihr es auch sehen und spüren" – und zwar bald, denn: "sollte Gott es bei ihnen lange hinziehen?" Nun liegt uns ja viel am Herzen. Aber das Reich Gottes? Darum mühen wir uns eigentlich nicht in erster Linie. Doch wir alle wünschen uns, dass mit uns so umgegangen wird, wie wir es uns vielleicht vom Reich Gottes vorstellen: Liebevoll, mitfühlend, nachsichtig, gerecht. Nicht nur in der Familie, auch in der Gemeinde, in der öffentlichkeit, bei Behörden oder wenn wir fremden Menschen begegnen. Zu schnell sind wir bereit zu sagen: "So ist das nun mal, wir haben eben eine rauhe Welt und sie ist nicht das Paradies." Warum eigentlich? Warum nehmen wir die Kälte und die Teilnahmslosigkeit unter den Menschen einfach so hin? Und dass so wenig gelacht wird bei uns? Geben wir uns nicht so schnell zufrieden! Wir wissen doch, wie wir leben wollen. "Lasst nicht nach!" sagt Jesus mit diesem Gleichnis. "Das Gute, das ihr wollt, will Gott noch mehr als ihr." Das gilt zur Zeit vor allem für den Frieden. Das Reich Gottes ist ein Friedensreich, da hat Vergeltung keinen Platz.

Susanne Böhringer
Evang.-Luth. Heimvolkshochschule Alexandersbad

Wir beten: Guter Gott, dein Reich komme und mache uns mutig und frei, dass wir für unsere und die Rechte Anderer einzutreten wagen. Dein Reich komme und mache uns offen und ehrlich, dass wir sehen, was gut und was nötig ist. Dein Reich komme und erlöse uns von dem Bösen, und lasse uns dein Heil schauen. Amen

Lied 344: Vater unser im Himmelreich.

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