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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 44)

Bleibt der Protestantismus in Europa auf der Strecke?

Fachleute und Politiker mahnen: Evangelische Kirchen müssen stärker mit einer Stimme sprechen

Thema 44
 
Foto: güs
   

Der Vergleich ist ernüchternd: Die katholische Bischofskonferenz tritt in Europa - so Konfessionskundler Martin Schuck (Bensheim) als "geschlossener Block" mit einem Büro in Brüssel auf. Verantwortlich dafür sei die zentralistische Struktur der katholischen Kirche: Die eigentlichen Entscheidungen treffe der Vatikan. Die evangelischen Kirchen in Europa haben keine entsprechende Struktur. Es gibt weder eine gemeinsame Vertretung in Brüssel, noch sprechen sie mit einer Stimme. Damit sich die über 100 protestantischen Kirchen in Europa auf eine Position verständigen, ist bisher ein mühseliger Abstimmungsprozess erforderlich. Gemeinsame Äußerungen zu aktuellen Fragen sind deshalb praktisch unmöglich. Kein Wunder, dass sich die Stimmen mehren, der Protestantismus in Europa darf nicht auf der Strecke bleiben.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig - wie Professor Michael Plathow und Martin Schuck vom Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes (Bensheim an der Bergstraße) erläutern. So habe sich die katholische Kirche schon seit langem mit dem Thema Europa beschäftigt: "Der alte Gedanke des christlichen Abendlandes stand dabei im Vordergrund." Verbunden damit sei der Plan gewesen, Europa wieder zu einem katholischen Kontinent zu machen.

Europa kein Thema

Die protestantischen Kirchen in Nordeuropa waren den Konfessionskundlern zufolge als Staatskirchen stark auf sich fixiert. Die evangelischen Kirchen in Deutschland hätten sich - als starkes Bindeglied zwischen den Menschen in Ost und West - mit den deutsch-deutschen Fragen beschäftigt. Erst im Laufe der 80-er Jahre sei das Thema Europa stärker in den Blick gekommen.

Nach dem Fall der Mauer hatte die katholische Kirche eine Konzeption für Europa, die evangelische nicht. "Die katholische Kirche konzentrierte sich auf Osteuropa, startete dort große Evangelisationsprogramme und förderte planmäßig Einrichtungen in Tschechien oder der Slowakei", erläutert Martin Schuck, wissenschaftlicher Referent am Konfessionskundlichen Institut, einem Arbeitswerk der Evangelischen Kirche Deutschlands. Diese Offensive habe in Russland und der Ukraine zu großen Konflikten mit den dortigen orthodoxen Kirchen geführt. Auch in den neuen Bundesländern habe die katholische Kirche nach der Wende verstärkt Einrichtungen wie Privatschulen oder Sozialstationen unterstützt. "Auf evangelischer Seite wurde zu wenig strategisch und zukunftsorientiert gedacht", so die Bilanz von Professor Plathow.

Für den Direktor des Konfessionskundlichen Institutes ist auch eine unterschiedliche Sicht von Kirche verantwortlich für die Entwicklung. Nach römisch-katholischem Verständnis sei die Kirche Empfängerin und Mittlerin des Heils. Was bedeutet, dass die Kirche als Institution eine wichtige Rolle spiele. Für viele Evangelische dagegen war Plathow zufolge das Verhältnis des Einzelnen zu Gott entscheidend: "Der protestantische Individualismus dominierte lange Zeit." Die Kirche als Gemeinschaft sei dabei nicht im Blick gewesen. In der neueren Diskussion habe sich das geändert: Es werde wieder mehr von der Versammlung der Gläubigen gesprochen.

Nicht nur wegen der anderen Struktur der katholischen Kirche - der Vatikan unterhält als Staat mit den apostolischen Nuntiaturen eigene diplomatische Vertretungen bei europäischen Einrichtungen - wollen nun die Protestanten in Europa zukünftig mehr an einem Strang ziehen. So beschloss die Vollversammlung der Leuenberger Kirchengemeinschaft im Juni im nordirischen Belfast, den evangelischen Kirchen in Europa eine gemeinsame Stimme zu geben. Wortwörtlich heißt es in der von 103 Kirchen verabschiedeten Erklärung: "Die Leuenberger Kirchengemeinschaft soll in die Lage versetzt werden, profilierter und zeitnaher als bisher in aktuellen wichtigen Fragen der Politik, der Gesellschaft und der Ökumene ein deutliches evangelisches Zeugnis abzulegen." Daneben gehe es darum, "die Präsenz der evangelischen Kirchen auf europäischer Ebene auszubauen". In der Leuenberger Kirchengemeinschaft - Plathow spricht lieber von "Evangelischer Kirchengemeinschaft in Europa" haben protestantische Kirchen Kanzeltausch und Abendmahlsgemeinschaft sowie die Weiterarbeit an theologischen Fragen vereinbart.

Auch von führenden Europaparlamentariern wird der Ruf nach einer stärkeren Vertretung der evangelischen Kirchen in Europa laut. Sie sollten ein "offizielles europäisches Sprachrohr" herausbilden, erklärte der Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Ingo Friedrich (Gunzenhausen) in einem Interview. Auch wenn Europa kein Staat im klassischen Sinne werde, wäre es gut, "wenn sich die evangelischen Kirchen zu einer gemeinsamen Struktur durchringen könnten". Der Europapolitiker wünscht sich gerade bei ethischen Fragen im medizinischen Bereich eine "präzisere Begleitung durch die Kirchen".

Evangelisches Profil gefragt

Plathow, der an der Konferenz in Belfast teilnahm, hält es für wichtig, das evangelische Profil in Europa herauszustellen. So sei die protestantische Theologie, Anwalt der Freiheit zu sein, sehr aktuell. Deshalb komme es - gerade weil die evangelischen Kirchen vielgestaltig seien - verstärkt darauf an, mit einer Stimme zu sprechen. Die Chancen dafür beurteilt der Theologieprofessor nüchtern: "Die Möglichkeiten sind begrenzt." Für Plathow ist dies jedoch kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Der Direktor des Konfessionskundlichen Institutes verweist auf ein Wort des Theologen Dietrich Bonhoeffer: "Christen tragen die Verantwortung für die Zukunft mit, aber die Zukunft liegt bei Gott."


Günter Saalfrank

 


Ein feste Burg

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben, Gott hilft ihr früh am Morgen. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz! (aus Psalm 46)

"Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen."

Andacht 44
 
Foto: güs
   

So dichtete Martin Luther zum 46. Psalm. Wie eine Burg ist Gott für den Reformator. Burgen sehe ich vor mir - ob im Urlaub in Südtirol oder in meiner fränkischen Heimat. An Orte aus der Reformationsgeschichte erinnere ich mich: die Wartburg, die Veste Coburg oderKronach. Die Burgen werden mir zum Gleichnis für Gott. Sie sprechen mich an wie eine Stein gewordene Predigt.

Hoch über dem Tal steht die Burg, fest gegründet auf Felsen, unbezwingbar, dem Himmel nahe, der Erde treu, wachend über Land und Leute. Der Turm gewährt Ausblick und Weitblick. Die Mauern bieten Schutz und Sicherheit für ihre Bewohner. Tore öffnen sich für Freunde, sie schließen sich für Feinde. Eine Brücke verbindet hüben und drüben. Die Burgkapelle liegt in der Mitte, im Herzen der Burg. Auf den Burgherrn ist Verlass. Sein Land liegt ihm zu Füßen. Burgfriede herrscht.

Wie eine Burg ist Gott für mich, meine Zuflucht für und für. Er hat alles in Händen, was im Himmel und auf Erden ist, Anfang, Mitte und Ende, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er schenkt mir Freude an seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen. Er lässt mich wissen, was ich zu tun und zu lassen habe. Er gibt mir Einsicht, Rücksicht und Weitsicht. Er wacht über mir, wenn ich schlafe. Er schützt mich, wenn ich schutzlos bin. Er tröstet mich, wenn ich trostlos bin. Er gibt mir Frieden, wenn ich friedlos bin.

Mit "Wehr und Waffen" der Liebe umgibt er mich. Mit einem Kreuz schlägt er die Brücke zu mir. Er ist der Ort, zu dem ich gehen kann. Bei ihm ist eine Stelle für mein Herz. Zu ihm kann ich fliehen wie zu einer Fluchtburg. Bei ihm kann ich bleiben. Bei ihm kann ich in mich gehen, um gestärkt aus mir herauszugehen, auf andere zu. Bei ihm kann ich mich bergen, geborgen als Bürger in seiner Burg, gemeinsam mit anderen unter einem, seinem Dach. An ihn kann ich mich wenden, "wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein". Bei ihm fühle ich mich sicher, seiner Nähe gewiss, wie zuhause. Durch ihn gewinne ich Freude und Freunde, Feinde aber verlieren sich.

Unsere Burgen sind für die Zeit, seine Burg, er selbst, ist für die Ewigkeit. Zu ihm bete ich: "Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke! Herr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heiles und mein Schutz" (Psalm 18, 2 u. 3).

Oberkirchenrat Theodor Glaser, München

Wir beten: Guter Gott, du bist wie eine feste Burg, du hast zugesagt, uns auch in schweren Zeiten nahe zu sein. Wir bitten dich, befreie uns von dem, was uns erschreckt, und errette uns aus unseren Nöten, damit wir dir mit unserem ganzen Leben danken. Erhöre uns um Jesu Christi willen.

Lied 362: Ein feste Burg ist unser Gott.

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